Ein Beitrag von Andrew Craston, Schmalfeld:
1945: Mit britischen Truppen kam die katholische Kirche
Ohne die Niederlage im Zweiten Weltkrieg hätte es die Katholische Kirche in Bramstedt nie gegeben. Als britische Truppen die Stadt Anfang Mai 1945 besetzten, gab es dort nur eine kleine Schar von Katholiken, aber keine Kirche. Auf dem flachen Land war Schleswig-Holstein evangelisch; katholische Kirchen gab es nur in den größeren Städten Kiel, Lübeck, Flensburg und Neumünster sowie in Glückstadt als eine historische Kuriosität aus dem 17. Jahrhundert.
Von der Kneipe in den Kinosaal
Für den sehr kleinen Diaspora-Kreis katholischer Christen in und um Bad Bramstedt wurden bereits vor dem Zweiten Weltkrieg einmal im Monat Gottesdienste gefeiert. Wo sie stattfanden, ist einer Erzählung wert. Zuerst traf man sich im Saal der Gastwirtschaft von Frau Fuhlendorf am Bleeck – bis irgendwann der starke Geruch nach Zigaretten und abgestandenem Bier den Saal unerträglich für die sonntägliche Messe machte. Frau Fuhlendorf sorgte dann dafür, dass die Messe im Kinosaal am Bahnhof zelebriert werden durfte. Jedes Mal wurde der große schmucklose Raum für die heilige Handlung hergerichtet, u.a. durch einen schrankartigen Altartisch, den man einfach aufklappte. Trotz Nazi-Verbot kam sogar ein französischer Kriegsgefangener zur Messe.
Praktizierte Ökumene in Zeiten der Not
Den Nazis waren die Katholiken von jeher ein Dorn im Auge. Zwischen Weihnachten und Neujahr 1943 wurden Truppen zur Lagerung ihres Materials in den Kinosaal eingewiesen. Alle kirchlichen Gegenstände mussten entfernt werden. Daraufhin stellte der evangelische Pastor Christiansen den Katholiken den Gemeindesaal der Maria-Magdalenen-Kirche zur Verfügung. Ende 1944 wurden die Katholiken wieder heimatlos, als eine ausgebombte Kieler Postabteilung in den Gemeindesaal einzog. Aus christlicher Solidarität und ökumenischer Gastfreundschaft stellte dann der evangelische Pastor Thies aus Kaltenkirchen die frühere Leichenkammer des Friedhofs zur Verfügung. In Zeiten der Not standen sich Christen zur Seite. Manchmal mussten vor der Messe die zur Beerdigung bereitgestellten Särge erst hinausgetragen werden. Aber trotz aller schwierigen Umstände in diesem viel zu kleinen Raum konnten weiterhin katholische Gottesdienste gefeiert werden.
Der irisch-katholische Militärkaplan
Mit den britischen Truppen kam auch ein irisch-katholischer Militärkaplan namens Michael Joseph McEleney nach Bad Bramstedt. Geboren in der Grafschaft Donegal im Nordwesten Irlands war McEleney bereits vor 1939 als Pfarrer einer katholischen Kirchengemeinde in der schottischen Großstadt Glasgow tätig. Als einer von über 200 irisch-katholischen Priestern wurde er freiwillig Militärkaplan bei den Briten – gegen den Willen der katholischen Hierarchie in Irland, die eine stark anti-britische Haltung pflegte. Schließlich hat die Republik Irland erst 1922 nach jahrhundertelanger Kolonisierung durch die Engländer ihre Unabhängigkeit erkämpft. Allerdings war es Pfarrer McEleney bedeutend wichtiger, sich um die katholischen Soldaten bei einem schottischen Regiment zu kümmern als auf seine irisch-katholischen Bischöfe zu hören. Was sich am Kriegsende für die Bad Bramstedter Katholiken als äußerst vorteilhaft erwies.
Trotz Fraternisierungsverbot Kontakt aufgenommen
Im Zweiten Weltkrieg diente das Kurhaus als Lazarett. Als im Mai 1945 die Briten kamen, wurden ihre Verwunderten ebenfalls dort versorgt. Beim Besuch seiner schottischen „Schäfchen“ im Kurhaus-Lazarett begegnete McElenery der katholischen Frau des damaligen Chefarztes, Änne Großeketteler. Zu der Zeit herrschte ein strenges, von Feldmarschall Montgomery erlassenes Fraternisierungsverbot, das jeglichen Kontakt zur Zivilbevölkerung unterband. Schließlich waren die Briten auf ihrer Einmarschroute nach Schleswig-Holstein durch die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Neuengamme gekommen – und eh nicht gut auf die Deutschen zu sprechen. Geflügelt von seinem freien irischen-katholischen Geist und einer höheren Macht als Montgomery gehorchend, fragte Pfarrer McEleney: „Wo ist Ihre Kirche?“ Ännes Antwort: „Wir haben keine.“ Daraufhin nahm McEleney seinen Militärschal, schnitt ihn in der Mitte durch und band die Hälfte um Annes Hals als Zeichen seines Versprechens: „Keine Kirche? Ich besorge Ihnen eine.“

Der „Gründungsschal“: Militärpfarrer McEleney gab Änne Großeketteler die Hälfte seines Schals als Zeichen seines Versprechens, ihr eine katholische Kirche zu besorgen.
Die „Kirchenbaracke“
Sein Versprechen hielt er. Da 1945 die Briten mehr oder weniger alles machen konnten, was sie wollten, ließ McEleney zwei Baracken – eher landwirtschaftliche Scheunen – besorgen, die dann zehn Jahre als Gottesdienststätte für die Gemeinde und Wohnung für den ersten Pfarrer, Joseph Sauermann, dienten. 1945 als Flüchtling aus dem Ermland in Neumünster gelandet wurde Pfarrer Sauermann die Verantwortung für den 1946 errichteten „Seelsorgebezirk Bad Bramstedt“ übertragen. Im Dezember 1956 wurde die jetzige Kirche „Jesus Guter Hirt“ geweiht. Am ersten Oktober-Wochenende 2026 wurden deswegen 80 Jahre Seelsorgebezirk und 70 Jahre Kirchweihfest in der hiesigen katholischen Kirche gefeiert.

So sah die erste katholische Kirche in Bad Bramstedt aus: vorne die „Kirchenbaracke“, hinten der Wohnraum für den ersten Pfarrer.

Schön eingerichtet leistete die „Baracke“ gute Dienste – bis 1956, als die jetzige Kirche geweiht wurde.
Kurios, aber wahr
Das historische Beispiel Bad Bramstedts wiederholte sich in ganz Schleswig-Holstein. Unter den unzähligen Flüchtlingen, die am Kriegsende in den Norden Deutschlands flohen, waren sehr viele katholische Gläubige – aus Schlesien, dem Ermland oder anderen katholischen Regionen in den ehemaligen Ostgebieten. Um diese katholischen Gläubigen geistlich zu versorgen, entstanden in den ersten Nachkriegsjahrzehnten neue katholische Kirchen in Ortschaften wie Trappenkamp, Wahlstedt oder Bordesholm. Dass der Katholizismus heutzutage in ganz Schleswig-Holstein zu Hause ist, geht eindeutig auf die Niederlage der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zurück. Ein Kuriosum der Geschichte.
