Greve: Das Bramstedter Kirchenstuhlregister von 1637

In den Bramstedter Nachrichten vom 30.01.1937 veröffentliche Berthold Greve aus Hamburg nachstehenden Beitrag zum Bramstedter KLirchenstuhlregister, der besonders für Familienforscher interessant sein mag. Hans Riediger hat wenig später eine Dissertation vorgelegt, die ähnliche Auswertungen auch für das Bramstedter Stellenverzeichnis vornimmt.

Aus den „Bramstedter Nachrichten“ vom 30.01.1937

Das Bramstedter Kirchenstuhlregister von 1637.

Ein Einwohnerverzeichnis vor dreihundert Jahren.

Die Kirche in Bad Bramstedt, Marien Magdalenen geweiht, 1316 erwähnt, geht ohne Zweifel in die romanische Zeit zurück. Starke Aenderungen fanden um 1625 statt, sowie, verbunden mit dem Bau eines neuen Turmes, 1635 — so lesen wir in Prof. Haupt’s großem Werk über die Baudenkmäler Schleswig-Holsteins.

In diese Zeit des zweiten Umbaues führt uns das älteste erhaltene Kirchstuhlregister, ein in Pergament gebundenes kleines Heft, das Auskunft gibt nicht nur über die Anzahl und Verteilung der Kirchenstände, sondern auch über die alten Familien des Kirchspiels, die Kirchspielsverwandten, wie sie damals noch genannt wurden.

Den Grund für die Anlegung des Kirchstuhlregisters sagt es uns auf seiner ersten Seite selber. „Nachdem Anno 1635 auß noth wegen des alten gebrechlichen Thurms und verfallen Gebells ins Westen, die Kirche in die 20 Fueß hatt müssen verlengert und erweitert werden, und sich ein große Unordnungh befunden in der Kirchen wegen der Kirchenstuele, das man hatt Erb- bancken daraus machen wollen und Frombdelinge, so die Heuser an sich gekaufft, gentzlich daraus gestoßen verwiesen und ihnen nicht hat einreumen wollen . . . hatt der Hochedle Gestrenge Veste und Mannhafte Herr Ritter, Caspar von Bockwolt, Ihrer König!. Majestät zu Dennemarck Christian IV. löblicher Regirungh woll- verordneter geheyme Landrahtt, Amptman aufs Sege- bargh und Erbgesessenen auf Pronstorfs daneben dem Ehrwürdigen und hochgelarten Herrn M. Vito Barbarossa des Münsterdorpischen und Segebargischen Calandes Probst … es also belebett und ratificiret, auch öffentlich von der Cantzell zu jedermenniglichen nachrichtungh und warnungh publiciren laßen …“ und jetzt folgt in gewundener Sprache die Bestimmung, daß die Kirchenstände nicht im Eigentum einer Familie und vererblich wären, sondern daß sie „ins Künfftige bey den Heusern, so der Kirchen Onera und Lasten tragen müßen, vorpleiben und in keinerlei Weise, es geschehe auch unter was Praetext es immer sein möge und könne, davon entfrembdet werden.“

Die Kirchenstände galten also als Zubehör eines Hauses. Der jeweilige Besitzer desselben war gleichzeitig auch der Besitzer des entsprechenden Kirchenstandes. Er und sein Haushalt, wozu die auf dem „Affbescheidt“ sitzenden Eltern, die Kinder, so lange sie „unbefreyet“ bleiben, und das gesamte Gesinde gerechnet werden, haben allein das Recht, diesen Kirchen- oder Hausstand während des Gottesdienstes einzunehmen.

Die Bezeichnung Kirchen- oder Hausstand traf damals noch wörtlich zu. Es lag nämlich jedem Gemeindemitglied selber ob, seinen Kirchenstand mit Bank und Klappe zu versehen, wenn er sitzen wollte.

Da am 4. February 1637, dem Tage, an dem das Kirchenstuhlregister angelegt wurde, im ganzen Kirchspiel Bramstedt 212 Häuser und Haushaltungen gezählt wurden, „distribuirete man darnach die Kirchen- stende und assignirete iglicher sowoll Mannes- alß Frauwens Persohn seinen Platz.“

Die beiden Geschlechter saßen streng getrennt. Auf der einen Seite befanden sich die „Mannes Kercken- oder Huesstende“ und auf der anderen die „Fruwens Kercken- oder Huesstende“. Jeder Haushalt hatte also eigentlich zwei Kirchenstände, einen aus der Männerseite, einen auf der Frauenseite.

Je vier bis sechs solche Kirchenstände auf jeder Seite bildeten eine Reihe, ein Kirchengestühl. Die Reihen wurden fortlaufend mit ABCD bis Z bezeichnet und, da man hiermit nicht auskam, weiterhin mit AA BB ^CC DD usw.

Wie nun die einzelnen Familien resp. Haushalte verteilt wurden, zeigt nachfolgende Liste:

Bramsteder Hövener

Kirchspell Voget Johan Vaget, Hans Pohlman, Hans Fuhlendorp, Hinrich Ordtt, Hartigh Sybbert, Hinrich Roellfinck, Clawens Steckenns, [Stekemis ?] Clawes Maeß, Hans Westphall, Hans Bulte, Clawes Hardebeck, Jürgen Steffens, Jasper Stüven, Johan Stekenns [Stekemis ?].

Köteners

Christoffer Hamerich, Hans Wulff, Hans Finck, Hinrich Splydtt (Spliedt), Tewes Hardebeck, Casper Hen- ninges, Hans Finder, Marx Lindemann, Gerdtt Westphall, Hans Langehinrichs, Hans Voß, Johan Bartells, Johan Wischman, Jochim Maes, Hinrich Hartman, Clawes Hohn, Hans Röver, Clawes Wischman, Hans Roellfinck, Casten Westphall, Jacob Röver, Diderich Folster.

Insten.

Clawes Fulendorp, Diderich Möyelke, Hinrich Reyer Hinrich Roepke, Tyttke Losen, Diderich Wolters, Hinrich Wischman, Jacob Brockstede, S. Jasper Wulff, Hans Brockstede, Hinrich Möller, Johan Lemmeke, Clawes Stekenns [Streckmes ?], S. Steffen Schlüter, Clawes Teen, Hans Gyseler, Clawes Maes, Clawes Toettke, Clawes Wichmann, Clawes Stoeker, Markes Stekenns [Stekemis ?], Hans Brockstede, Tym Ferst, Tyes Wulff, Hans Hartman, Diderich Schlüter, Frentz Hardebeck, Dettleff Hohn, Clawes Beyer, Hans Zymans, Harmen Wulff, Clawes Beyer (X=V), Clawes Dibbern, Hans Wulff, Clawes Zymans, Marx Röver, Hinrich Brinckmeyer, Gerdth Gerdes, H. Johan Vagett, Gertt Hamme, Johan Harttman

Hiddershusen (Hitzhusen) Höveners

Tym Boye Buhrvaget, Hennike Stehn, Tym Wischman, Clawes Wischman, Johan Stehn, Hans Sybbertt, Hans Hardebeck, Tyttke Teen, Michell Runge, Clawes Bornman, Jasper Lindeman.

Köteners

Markes Stender, Hinrich Horens, Michell Ordtt, Casten Hardebeck, Diderich Tyttken, Marx Fölster, Casten Wulff.

Föhren Hövener

Hinrich Castens Buhrvagt, Hartigh Lohman, Jasper Damman, Marx Horens.

Barller Hövener

Jasper Castens, Hans Folster, Hartigh Kruse, Hinrich Kruse.

Kötener

Casten Hardebeck.

Hagen Hövener

Tewes Lindeman Buhrvaget, Hinrich Horens, Jürgen Schocke, Hans Boye, Tym Horens, Hans Sybbert, Jürgen Hardebeck, Jasper Fischer, Jasper Mucksfeldtt, Clawes Fischer.

Kötener

Hans Worttman, S. Tym Fischer, Jasper Horens.

Bostell Hövener

Hinrich Runge Buhrvaget, Marx Gryp (Gripp), Hans Wischman, Frentz Hardebeck.

Kötener

Johan Wischman, Eggertt Dick, Clawes Fischer.

Brocksteder Hövener

Jochim Grodtmake Buhrvaget, Elert Damman, S. Hans Lindeman, Hans Runge, Hans Wilcken, Jasper Runge, Marx Wilcken, Hinrich Wilcken.

Kötener

Tym Lindeman, Clawes Wilcken.

Hasenkroger Hövener

Marx Boye Buhrvaget, Hans Tewes, S. Jasper Fischer, Jasper Fischer major, Hans Ferst.

Hardebeker Hövener

Hans Mohr Kerkschworen, Hartigh Stoeker, Jasper Hardebeck, Jasper Delffs, Tym Horens.

Kötener

Clawes Toedtt (Tödt), Jürgen Hardebeck, Tewes Losen.

Armsteder Hövener

Frentz Hardebeck Buhrvaget, Clawes Wilcken, S. Eggert Dick, Johan Wilcken major, Christoffer Jorck, Marx Ferst, Hans Schmalefeld, Johan Wilcken minor, Frentz Hardebeck (D), Hans Hardebeck, Marx Berens, S. Hinrich Runge, Hinrich Kruße.

Kötener

Roettke Breyholtt, Marx Wyneke, Jasper Horens, Hartigh Mucksfeldtt, Marx Ferst, S. Rottke Breyholtts, Marx Gryp, Hans Jorck.

Wymerstorper Hövener

Tyttke Hardebeck Buhrvaget, Hinrich Henninges minor, Tyttke Hardebeken, Bartelt Stoeker, Jasper Lindeman, Henrich Horens, S. Hans Stekenns [Stekemis ?], Johan Schacke, Clawes Lindeman, Frentz Tyttken, Hans Schacke, Hans Mertens, Daniell Boye, Hans Delffs, Marx Ordtt, Jasper Tyttken, Hans Sohrbeck, Marx Delffs, Jürgen Lindeman, Hinrich Henninges major.

Kötener

Jürgen Hardebeck, S. Hinrich Ordtt.

Fulendorper Hövener

Marx Boye Buhrvaget, Eggert Jorck, Marx Gryp, Peter Ordtt, Bartellt Schacke, Michell Ordtt, Clawes Mucksfeldtt, Clawes Gloye, Marx Boye S. Peters Sohn, Marx Uphoff.

Böhmöhler Hövener

Hartigh Runge Buhrvaget, Tym Boye, Jasper Stamerjohan, Hartigh Ferst, Tym Pohllman, Clawes Langemake, Jasper Lindeman, Clawes Runge.

Kötener

Casper Henninges, Marx Heseke.

*

Interessant ist es, einmal festzustellen, wie zahlreich die einzelnen Sippen schon damals vor dreihundert Jahren vertreten waren und damit, welche von den heute blühenden als eine alte Sippe des Kirchspiels zu bezeichnen ist.

Wenn wir daraufhin die einzelnen Namen des Kirchenstuhlregisters durchgehen, so finden wir weitaus am häufigsten die Sippe Hardebeck, nämlich sechzehn- mal. Die Hardebecks, oder – wie sie heute geschrieben werden – die Harbecks machten also fast den zehnten Teil der gesamten Kirchspielsverwandten aus. Wenn man weiter bedenkt, daß damals mindestens ebensoviele Harbecktöchter als Ehefrauen unter den anderen genannten Namen zu suchen sind und daß seitdem dreihundert Jahre lang die Harbecksippe alljährlich mehrere heiratsfähige Töchter gestellt hat, kann man wohl behaupten, daß es heute im Kirchspiel Bramstedt und weit darüber hinaus kaum einen Träger eines holsteinischen Namens gibt, der nicht zugleich — wenn auch unbewußt — ein Harbeckblut ist.

An zweiter Stelle steht die Lindemannsippe mit neun Haushaltungen. Den dritten Platz teilen sich die Horens (Horns) und die Wilcken mit je acht Haushalten. Sieben Haus- oder Kirchenstände füllen die Sippen Boye (Böge), Runge und Wischmann, sechs die Fischer, die Ordtt (Ohrt) und die Wulff, fünf die Ferst (Fehrs) und Stecken, vier die Henninges und die Schacke. Die Zahl der Sippen, die 1637 in drei einzelnen Haushalten vorkamen, ist groß. Hierhin gehören die Brockstedt, Delfs, Fölster, Gripp, Hartmann, Jörck, Kruse, Maaß, Musfeld, Röver, Sibbert, Stöcker, Tietgen und Westphal. Je zweimal genannt werden die Beyer, Breiholz, Carstens, Dammann, Dieck, Fuhlendorf, Hohn, Lohse, Pöhlmann, Röllfinck, Schlüter, Stehn, Tehe (Tee), Tödt und Vaget. Diese drei- und zweimal genannten Familien entstammen ebenso wie die weiteren nur einmal im Kirchenstuhlregister aufgeführten überwiegend solchen Sippen, die ursprünglich in den benachbarten Kirchspielen Kaltenkirchen und Kellinghusen beheimatet waren.

Auch über die damals gebräuchlichsten Vornamen gibt uns das Kirchenstuhlregister Auskunft.

Obschon die altsächsischen und friesischen Vornamen sich in Holstein sehr lange und vereinzelt bis auf den heutigen Tag erhalten haben, war der Einfluß der Kirche dennoch sehr groß. Besonders seit der Reformation wurde es Sitte, den Täuflingen Vornamen zu geben, die der Bibel oder der Kirchengeschichte entnommen sind.

Allerdings formt der Volksmund diese biblischen Vornamen nach seiner Art um. Aus Marcus wird Marx und Mars, aus Mattheus Matthies, Thies und Tewes, aus Jacobus Jacob, aus Johannes Johann und die Verkleinerungsform Hans, aus St. Nicolaus Clawes und Claus, aus St. Georg Jürgen, aus St. Michael Mechel und Michel, aus Petrus Peter, aus Paulus Pawbell und Paul.

Wenn nun auch in ganz Holstein die Vornamen Hans und Claus die beliebtesten waren, hat dennoch jedes Kirchspiel seine Besonderheiten. Während wir beispielsweise in Itzehoe und insbesondere in den Marschen die Vornamen Jacob, Michel, Harm oder Peter sehr zahlreich finden, kommen sie im Bramstedter Kirchstuhlregister zusammen nur siebenmal vor. Der Vorname Detlev, im Kirchspiel Kellinghusen äußerst beliebt, wird hier nur einmal genannt.

Doch lassen wir eine Zusammenstellung der im Kirchstuhlregister genannten Vornamen folgen. Es kommt vor: Hans 38 mal, Clawes 28, Marx 22, Hinrich 21, Jasper 18, Johan 12, Tim 9, Hartigh 7, Jürgen 6, Frentz 5, Tyttke (als Vorname) 5, Diderich 5, Carsten 4, Eggert, Gerdt, Michell und Tewes je 3 mal, Bartelt, Casper, Christoffer, Jacob, Jochim, Roettke je 2 mal, Daniel, Dettleff, Elert, Harm, tzenneke, Peter, Steffen je 1 mal.

Und schließlich zeigt uns das Kirchenstuhlregister noch die eine Tatsache, die erst in unseren Tagen wieder neuen Auftrieb erhalten hat, nämlich das Zusammengehörigkeitsgefühl der einzelnen Sippen. Wenn es auch, wie wir sahen, den alten Sippen des Kirchspiels nicht gelungen war, ihre Kirchenstände zu erbeigenen zu machen, diese sich also nicht von dem Vater auf den Sohn vererbten, sondern von Hausverkauf zu Hausverkauf wechselten, so blieb dennoch das Bestreben, daß die Kirchenstände der einzelnen Familien einer Sippe möglichst zusammen in einer Reihe lagen, auch wenn sich die Häuser resp. Höfe in verschiedenen Ortschaften des Kirchspiels befanden.

So ersteht ein Bild der Geschlossenheit der einzelnen Sippen, wie wir es heute nicht mehr kennen. Möge daher dieser kleine Bericht über das älteste Bramstedter Kirchen­stuhlregister, das in Bälde sein dreihundertjähriges Bestehen feiern kann, in etwas dazu dienen, dieses Zusammengehörig­keitsgefühl der alten Familien des Landes wiederzuerwecken und zu fördern.

Berthold Greve, Hamburg.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter C - Jürgen Fuhlendorf, Die Gilden, Bevölkerung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.