Johanna Mestorf
war Schleswig-Holsteins erste Professorin
und anerkannte Forscherin der Vor und Frühgeschichte.
Geboren wurde sie in Bad Bramsedt in diesem im Jahre 1907 abgebrochenen Haus am
Bleeck als Tochter einer Arztfamilie.
Im Folgenden ist der Text abgedruckt, der anläßlich der Neuauflage Ihres Buches über Wiebeke Kruse als Einleitung geschrieben wurde.
Johanna Mestorf
Lebensbild einer Forscherin
Am 20. Juli 1959 jährte sich zum 50. Male der Todestag von Johanna Mestorf, der berühmtesten und um die
Erforschung der Ur- und Frühgeschichte Schleswig-Holsteins verdienstvollsten Frau unseres Landes. Ihre Wiege
stand in dem durch das alte Rolandsbild weithin bekannten Kurbad Bramstedt, wo sie am 17. April 1828 als Tochter
des hier tätigen Arztes Dr. med. Mestorf. geboren wurde. Schon als kleines Kind kam sie mit dem Interessenkreis
ihres zukünftigen Berufes in Berührung, da ihr Vater ein eifriger und umsichtiger Sammler urgeschichtlicher Funde
war. Mit Stolz konnte sie später als Kustos des Kieler Museums, in das die väterliche Sammlung inzwischen gelangt
war, darauf hinweisen, Daß ihr Vater bereits im Jahre 1828, also völlig unabhängig von gleichlaufenden
Untersuchungen deutscher und dänischer Fachleute, im Vorwort zum Katalog seiner Funde Gedanken geäußert
hatte, die auf die Einteilung der Urzeit in die großen, aufeinanderfolgenden Epochen der Stein-, Bronze- und
Eisenzeit hinzielten. Diese Erkenntnis zeugt für die scharfsinnige Beobachtungsgabe und rege Anteilnahme des
Vaters an der urgeschichtlichen Forschung, für deren Entwicklung gerade der Nachweis des sogenannten Dreiperiodensystems von grundlegender Bedeutung wurde.
Nach dem frühen Tode des Vaters siedelte die Mutter 1837 nach Itzehoe über, wo Johanna mit ihren Geschwistern
eine gründliche Schulausbildung genoß. Unvergessen aber blieben ihr die glücklichen Jahre in Bramstedt und die
Eindrücke von Land und Leuten jener Gegend. Sie fanden ihren Niederschlag in der Erstlingsarbeit, dem 1866 in
Hamburg erschienenen Roman „Wiebeke Kruse", der in der Zeit Christians IV. spielt und die Schicksale einer holsteinischen Bauerntochter aus dem Dorf Föhrden bei Bramstedt schildert.
Das geistige Erbe des Vaters erhielt tiefgreifende Impulse, als der kaum Zwanzigjährigen als Gast des Grafen Piper
ein mehrjähriger Aufenthalt in Schweden vergönnt war. In diesem an uraltem Brauchtum und unverfälschter
Volksüberlieferung reichen Lande bot sich der hierfür aufgeschlossenen Johanna vielfältige Gelegenheit, das
Volkstum im Alltag wie bei Feiern studieren und vor allem den Äußerungen des Volksglaubens bis zu den Wurzeln
in grauer Vorzeit nachspüren zu können. Als die zarte Gesundheit ein längeres Verbleiben in dem rauhen Norden
nicht mehr zuließ, kehrte Johanna mit einem großen Schatz an Erlebnissen, Erkenntnissen und Anregungen heim.
Sie bestimmten von nun an die Richtung ihrer wissenschaftlichen Studien und lieferten reichlichen Stoff für ihre
späteren literarischen Arbeiten, wobei ihr die gründliche Beherrschung der nordischen Sprachen zugute kam. Der
herzlichen und förderlichen Freundschaft mit der Familie Piper verdankte Johanna Mestorf noch die Möglichkeit, als
Begleiterin von Verwandten des Grafen während mehrerer Jahre in Italien umherzureisen und so ihr bisher einseitig auf den Norden beschränktes Blickfeld wesentlich zu erweitern.
Nach diesen ergiebigen „Wanderjahren" fand die damals dreißigjährige Johanna bei ihrem Bruder in Hamburg
dauernde Aufnahme. Von dem befreundeten Bibliotheksdirektor Prof. Petersen wohlwollend unterstützt, griff sie
nun zur Feder, um sich auf den verschiedensten Gebieten der schönen Literatur und der Wissenschaft
schriftstellerisch zu betätigen. Sie begann mit der Übersetzung damals sehr anerkannter Werke schwedischer
Altertumskundler und verfaßte außer feinsinnigen Erlebnisschilderungen schwedischer Volksfeste eine stattliche
Anzahl kleiner Aufsätze vorgeschichtliehen Inhalts; auch in den Fachzeitschriften tauchte ihr Name nun mehrfach
auf. Daneben hielt sie Vorträge über nordische Mythologie und nahm sich der nicht unbedeutenden Hamburger
Sammlung urgeschichtlicher Funde an. Während des Internationalen Anthropologen-Krongresses 1869 in Kopenhagen nahm sie persönliche Verbindungen zu den führenden Gelehrten ihres Faches auf und erwarb sich
schon damals durch ihre fleißige Arbeit den Ruf einer geachteten Forscherin. Der Hamburger Senat brachte seine
Anerkennung dadurch zum Ausdruck, daß er sie 1871 als Vertreterin des Hamburger Staates auf den Internationalen Kongreß in Bologna entsandte. Um den Gedankenaustausch mit den Fachkollegen pflegen und
immer wieder neue Anregungen empfangen zu können, war Johanna Mestorf überhaupt eine eifrige Besucherin der
großen Tagungen; ihre veröffentlichten Berichte, die sich durch Sachlichkeit auszeichneten und gelegentlich auch
eigene kritische Bemerkungen enthielten, stellen für die Geschichte unserer Forschung sehr interessante Zeitdokumente dar.
Mit der schleswig-holsteinischen Heimat fühlte sich Johanna Mestorf zeitlebens aufs engste verbunden. Schon als
Zwanzigjährige hatte sie sich im Jahre 1848 für die nationale Bewegung eingesetzt und Verbindung mit führenden
Persönlichkeiten gesucht und gefunden. Der bereits erwähnte Roman „Wiebeke Kruse" läßt ein tiefes Heimatgefühl
erkennen, und eine große Anzahl ihrer wissenschaftlichen Beiträge war urgeschichtlichen Funden aus unserem
Lande gewidmet. Mit dem Kieler Museum, für dessen Belange sie mehrfach eingetreten war, stand sie im regen
Verkehr, und so lag es nahe, daß ihr im Jahre 1873, als das Museum der Universität angegliedert und damit in seiner
Existenz gesichert war, von dem damaligen Direktor Prof. Dr. Handelmann die neugeschaffene Kustodenstelle
angeboten wurde. Ihr Amtsantritt in Kiel war für sie das entscheidendste Ereignis ihres Lebens, konnte sie sich doch
von nun an völlig in den gienst der wissenschaftlichen und musealen Tätigkeit stellen. Sie tat es mit der ihr eigenen
Zähigkeit, oft bis zur Grenze der Leistungsfähigkeit, die ihrem zarten Körper bemessen war. Neben der Einarbeit in
den neuen Aufgabenbereich nahm vor allem der Umzug des Museums in sein neues Heim, die alte Universität in der
Kattenstraße, ihre ganze Kraftin Anspruch. Von vornherein setzte sie sich das Ziel, ein dichtes Netz von Pflegern
über das Land auszubreiten, und als 1877 unter ihrer Mitwirkung auch in Schleswig-Holstein die Gründung eines
Zweigvereines der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft erfolgte, die sich in verdienstvoller Weise der
vorgeschichtlichen und volkskundlichen Forschung annahm, hat sie sich bis zu ihrem Tode als erste Schriftführerin
und bei der Herausgabe der wissenschaftlich wertvollen Mitteilungen des Vereins mit nie ermattender Schaffensfreude zur Verfügung gestellt.
Durch ihre museale und weiterhin fruchtbare literarische Arbeit erwarb sich Johanna Mestorf als Kustos ein solches
Ansehen innerhalb und außerhalb des Landes, daß das Ministerium 1891 nach dem Tode Prof. Handelmanns nicht
zögerte, zum erstenmal eine Frau mit der Leitung eines staatlichen Museums und Universitätsinstituts zu betrauen.
So außergewöhnlich wie diese Ernennung waren aber auch die Leistungen während ihrer 36jährigen Wirksamkeit
in dem ständig wachsenden Museum vaterländischer Altertümer, dessen weit über die Grenzen unseres Vaterlandes
hinausgehender Ruf damals begründet wurde. Obwohl sie selbst Bedenken trug, sich persönlich an Ausgrabungen
zu beteiligen, so hat sie doch mit Umsicht wichtige Untersuchungen angeregt und gefördert. Ihre besondere
Aufmerksamkeit galt zudem der Aufklärung der Bevölkerung, um deren Verständnis und Achtung vor den
Hinterlassenschaften der Vergangenheit sie sich eifrig bemühte, sowie der Bewahrung der Gräber und Anlagen, in
erster Linie des Danewerks, dessen Sicherstellung über weite Strecken sie noch in den letzten Lebensjahren durchsetzen konnte.
Trotz dieser umfangreichen Verpflichtungen fand Johanna Mestorf Kraft und Zeit zur wissenschaftlichen Arbeit
und Publikation. Die ihrem Nachruf von dem Kustos und nachfolgenden Museumsdirektor Dr. Knorr beigegebeneListe ihrer Abhandlungen, Übersetzungen, Buchbesprechungen und Aufsätze vorgeschichtlichen und
volkskundlichen Inhalts umfaßt über 180 Titel und legt ein eindrucksvolles Zeugnis ab von der Vielseitigkeit und
dem rastlosen Eifer dieser großen Gelehrten. Ihre wissenschaftliche Leistung im einzelnen zu würdigen, ist hier
nicht der Ort, wohl aber sollen aus der Fülle ihrer sich über alle Epochen der Vorzeit erstreckenden Untersuchungen
einige Arbeiten herausgegriffen werden, um die Bedeutung der Verfasserin für die Vorgeschichtsforschung umreißen
zu können. Die erste größere Veröffentlichung (1877), eine „Ansprache an unsere Landsleute", hatte die
„Väterländischen Altertümer Schleswig-Holsteins" zum Gegenstand und gab einen volkstümlichen Überblick über
dendamaligen Stand der Forschung in unserem Lande. Im Jahre 1885 folgte der „Atlas", einwillkommenes und auch
heute noch unentbehrhches Bilderwerk mit Darstellungen der wesentlichen Typen und interessantesten Funde
Schleswig-Holsteins von der Steinzeit bis zur Wikingerzeit, und ein Jahr später eine Abhandlung über die
eisenzeitlichen Urnenfriedhöfe. Hier wie auch bei den meisten anderen Veröffentlichungen überwiegt das rein
beschreibende Element, und als charakteristisch hebt Prof.G. Schwantes in seiner ausführlichen Würdigung der
Wirksamkeit Johanna Mestorfshervor, „daß sie sie jedoch nicht oder kaum zu Schlußketten verwendet, die unsere
Einsichten in das historische Geschehen hätten vertiefen können. Die übergroße Vorsicht, ja Unsicherheit hat die
verehrte Forscherin nie ganz verlassen. Nur in einigen besonderen Fällen hat sie es gewagt, auf Grund neuer
Beobachtungen das gültige Schema des Denkens zu durchbrechen" (Festschrift zum 275jährigen Bestehen der Christian-Albrechts-Universität Kiel, 1940).
Hervorzuheben sind ferner ihre Aufsätze über die „steinzeitlichen Gräber ohne Steinkammern unter Bodenniveau".
Wenn es auch der große dänische Forscher Sophus Müller war, dem später der Nachweis gelang, daß es sich hierbei
nichtum Anlagen der Großsteingrableute am Ende ihrer Kulturentwicklung, sondern um die des zur gleichen Zeit
im Norden lebenden Einzelgrabvolkes behandelt, so gebührt Johanna Mestorf doch der Verdienst, zuerst den Blick
der Forschung auf sie gelenkt zu haben. Außer wertvollen Verzeichnissen bestimmter Fundtypen und -gattungen,
wie zum Beispiel der bronzezeitlichen Glasperlen und Hortfunde Schleswig-Holsteins, und neben ausführlichen
Fundberichten, wie zum Beispiel über die bekannte mittelsteinzeitliche Siedlung in der Kieler Innenförde bei Ellerbek,
hat sie noch eine Anzahl bedeutender Einzeluntersuchungen verfaßt, die unter anderen den mit Sinnbildern
geschmückten holsteinischen Plattengürteln aus dem Jahrhundert vor Chr. Geb., den Moorleichen und der
Geschichte Haithabus und des Danewerks gewidmet sind. Nicht zu vergessen sind ferner ihre volkskundlichen
Studien, die sie auch in Kiel weiterhin betrieb. Deren Spuren begegnen wir mehrfach, wenn es galt, urgeschichtliche
Erscheinungen zu deuten, und außerdem verdanken wir der vielseitig interessierten Forscherin treffliche
Ausführungen zur Geschichte der Spitzen, über Spiele, Jahresfeste und Sagen und über den bäuerlichen
Silberschmuck, dessen Wurzeln sie bis in das frühe Mittelalter zurückverfolgen zu können glaubte, als aus Schmuck, Münzen und Silberbarren bestehende Schätze der Erde anvertraut wurden.
Nicht zuletzt müssen die Verdienste hervorgehoben werden, die sich Johanna Mestorf auf Grund ihrer nordischen
Sprachkenntnisse durch eine unermüdliche Übersetzungstätigkeit erwarb. Indem sie die wichtigsten Werke und
Aufsätze der damals führenden skandinavischen Prähistoriker durch Übertragung ins Deutsche oder durch
ausführliche Besprechung in Zeitschriften der deutschen Urgeschichtsforschung zugänglich machte, hat sie deren
Entwicklung in nicht zu unterschätzender Weise mitbestimmen helfen. Besondere Bedeutung erlangte die 1882
erschienene Abhandlung von Ingvald Undset, des Vaters der bekannten norwegischen Schriftstellerin, über „Das
erste Auftreten des Eisens in Nordeuropa" und das Werk „Der Orient und Europa" von Oskar Montelius, in dem der
große schwedische Gelehrte die grundsätzlichen Methoden unseres Faches richtungsweisend dargestellt hat. Die
letzte von ihr übersetzte Arbeit, das auch heute noch gültige Standardwerk über „Die altgermanische
Tierornamentik" von B. Salin erschien 1904, der letzte eigene wissenschaftliche Aufsatz, ein Nachtrag zu ihrem
Bericht über die Moorleichen, stammt aus dem Jahre 1908. Ein Jahr später nahm der Tod der Einundachtzigjährigen die Feder aus der Hand.
Die Wirksamkeit dieser bedeutenden Persönlichkeit fand in weitesten Kreisen lebhaftes Interesse und gebührende
Anerkennung. Mehr aber als viele Worte lassen die erwiesenen Ehrungen ermessen, wie hoch man ihr Werk
eingeschätzt hat und auch wie glückhaft erfüllt dieses Forscherleben gewesen ist. Zu ihrem 70. Geburtstag wurde ihr
der Titel Professor, fünf Jahre später die Medaille für Kunst und Wissenschaft und zum 80. Geburtstag unter
anderem von der medizinischen Fakultät der Universität Kiel der Doktor h. c. verliehen. Und wie weit ihr Ruf über
die Grenzen ihres Heimat- und Vaterlandes hinausgedrungen war, zeigt die Ernennung Johanna Mestorfs zum
Korrespondierenden Mitglied oder Ehrenmitglied bei 19 wissenschaftlichen Gesellschaften und Vereinen des In- und Auslandes.
„Sie war ein edler Mensch", schrieb ihr dänischer Kollege Sophus Müller in einem Brief, und ihr Nachfolger in der
Leitung des Museums, Dr. Knorr, schloß seinen Nachruf mit den feinsinnigen Worten: „Sie hat, abseits stehend von
der lauten modernen Gleichberechtigungsbestrebung der Frauen aus sich heraus ein neues Maß geschaffen für die
Beurteilung der Leistungsmöglichkeit ihres Geschlechtes. Sie verstand es, ihre ganze Persönlichkeit da einzusetzen,
wo es galt, Großes zu erreichen. Sie war allen ein Muster strengster Pflichterfüllung, voll Liebe für ihr Land und die
Eigenart ihrer Landsleute und allen, die ihr nahe standen, der treueste Freund." (Mitteilungen des Anthropologischen Vereins in Schleswig-Holstein, Heft 19, 1911).
Auf dem Hamburger Zentralfriedhof Ohlsdorf liegt Johanna Mestorf begraben. Eine schlichte
Sandsteinplatte, die nur ihren Namen trägt, deckt das Grab dieser großen Schleswig-Holsteinerin.
Ekkehard Aner
