aus: heimatkundliches Jahrbuch für den Kreis Segeberg, 1970, S. 166 ff

JOHANNA MESTORF
Ausschnitt aus einem Gemälde von Dora Arnd al Raschid.
Gerda Pfeifer, Bad Bramstedt:
Johanna Mestorf
Der Name Johanna M e s t o r f begegnete mir vor Jahren zuerst, als ich das Buch „Wiebeke Kruse" von einer
Altbäuerin aus Hagen zum Lesen bekam. Dies Buch war Joh. M. Erstlingsarbeit gewesen und 1866 in einem Hamburger Verlag herausgegeben worden.
Der Roman spielt in der Zeit Christian IV. und berichtet die Schicksale einer holsteinischen Bauerntochter aus dem
Dorf Föhrden-Barl bei Bramstedt.
Wo Möglichkeiten sich ergaben, habe ich im Laufe der letzten Jahre mich bemüht, über das Leben J. M. etwas zu erfahren.
In einem kurzen Nachwort ihres Romans „Wiebeke Kruse" schreibt sie: „Dies ist alles, was in Bramstedt noch
erinnert an eine Zeit, über die erst 200 Jahre hingeflossen sind, und selbst diese spärlichen Andeutungen sind im
Gedächtnis der Einwohner mit anderen Sagen vermischt, die offenbar einer viel früheren Zeit entstammen. Im
Interesse der tiefer dringenden Spezialgeschichte unseres Landes müssen wir beklagen, daß die geistlichen und
weltlichen Behörden als Vertreter wissenschaftlicher Bildung solcher Ortschaften, welche nachweislich in
vergangenen Zeiten weit bekannt und berühmt oder doch von historischer Bedeutung waren, selten darauf bedacht
sind, die noch vorhandenen, auf die einstmalige Blüte hinweisenden Denkmäler zu schützen und zu erhalten,
sondern leider um eines nichtigen Vorteiles der jetzt lebenden Generation oder gar des einzelnen Menschen willen die
Spuren tilgen, die von dem Leben und Wirken vergangener Geschlechter reden, und die nicht selten von dem
Kunsthistoriker, für den Geschichts- und Altertumsforscher unschätzbare Kleinode sind. Wann wird das anders werden?"
Diese Mahnung ermutigt mich, das Lebensbild J. M. neu in Erinnerung zu bringen. Ihr Elternhaus stand in dem
damals so idyllisch an der Bramau gelegenen Flecken Bramstedt. Am 17. April 1828 wurde sie als Tochter des Arztes
Dr. med. Jacob Heinrich Mestorf geboren; die Mutter, Sophia Catharina Georgine, war eine geborene Körner und mit dem Dichter Theodor Körner verwandt.
Als Gevattern sind nach dem Taufregister von 1828 der Bramstedter Kirchengemeinde aufgeführt: Madam Johanna
Margarethe Elisabeth Möller, Neumünster, Demoiselle Luise Friederike Nise aus Kaltenkirchen, Dethlef Friedrich Rolfs, Kopenhagen. Getauft wurde Johanna am 15. Mai 1828.
Die Kinderjahre J. M. fielen in die Zeit, wo erstmalig die Wissenschaft eine Tendenz zum Vaterländischen und
Volkstümlichen zeigte. „Unter persönlicher Anteilnahme hatte der Freiherr vom Stein 1819 die Gesellschaft für ältere
Deutsche Geschichte gegründet. Ihr Zweck war, dem deutschen Volk und der deutschen Wissenschaft die Vorzeit
wieder nahe zu bringen. Damals haben im Stillen Männer gewirkt, die sich zu Geschichts- und Altertumsvereinen
zusammenschlossen (1820 – 1830). Sie sahen vor ihren Augen die Männer ein in mancher Beziehung weit
vollständigeres Bild der deutschen Urzeit aus heimischen Überlieferungen sich aufbauen." (Kieler Zeitung, 17.04.1909)
Auch der Vater J. M. war ein umsichtiger Sammler urgeschichtlicher Funde und ein Heimatforscher. Es ist
anzunehmen, daß sie dadurch als kleines Kind mit dem Interessenkreis des Vaters in Berührung kam. Seine
Sammlung enthielt Funde, die aus der Stein-, Bronze und Eisenzeit stammten. Gewiß hat der Vater dem Kind
manches Stück gezeigt und erklärt und in ihm die Freude an heimatlichen Forschungen geweckt. Diese väterliche Sammlung gelangte später an das damalige Museum Vaterländischer Altertümer in Kiel.
J. M. hat ihren Geburtsort Bramstedt nie vergessen. In einem Brief an den damaligen Pastor Dr. Hümpel schreibt
sie: „Sie haben Recht in der Vermutung, daß ich mein liebes Bramstedt sehr liebe. Es erfaßt mich oft ein Verlangen, es
wiederzusehen und die Stätte zu besuchen, wo meine allbeliebten und hochgeschätzten Eltern gelebt und ich das
erste Jahrzehnt meines Daseins in glücklicher Kindheit verträumt habe." (Archiv der ev.-luth. Kirchengemeinde Bad Bramstedt)
Nur zu deutlich zeigt dieser Brief, den sie 1904 in ihrem letzten Lebensjahrzehnt geschrieben hat, wie stark ihre
Kindheitserinnerungen waren.
Leider starb ihr Vater sehr früh, und die Mutter zog 1837 nach Itzehoe. Hier erhielt J. mit ihren Geschwistern eine
besonders gründliche Schulbildung. Als sie kaum 20 Jahre alt war, lädt die Familie des Grafen Piper sie nach
Schweden ein. Dieser Aufenthalt gab ihr die Gelegenheit, in vielfältiger Weise alte Literatur und Geschichte des
germanischen Nordens kennenzulernen. Außerdem hatte sie die Möglichkeit, mit nordischen Altertumsforschern
bekanntzuwerden und sich umfangreiche Sprachkenntnisse anzueignen. Diese haben es ihr später ermöglicht, eine
ausgiebige Übersetzertätigkeit auszuführen, aufgrund derer sie die hervorragende Vermittlerin nordischen
Gedankengutes in der Vorgeschichtswissenschaft geworden ist. Aus jenen glücklichen Tagen in Schweden hat sie
feinsinnige und lebhafte Schilderungen von uralten Volksbräuchen in den Jahren 1869 und 1876 in der Zeitschrift
„Das Ausland" veröffentlicht. Als junges Mädchen erfaßte sie mit bewunderungswürdigem Scharfblick, woran es in
der deutschen Heimat auf archäologischem Gebiet fehlte. Schon damals setzte sie sich das Ziel, zwischen den
deutschen und skandinavischen Altertumsforschern eine Verbindung herzustellen, um dadurch die deutsche Archäologie auf die Höhe historischer Wissenschaft zu bringen.
Leider ertrug J. M. das harte Klima des Nordens nicht. 1853 reiste sie zu ihrer Mutter zurück. Danach verdankt sie
der Familie des Grafen Piper eine weitere Förderung. Sie reiste mit einer Verwandten, der Gräfin Faletti, für einige Jahre nach Italien. 1859 zog sie zu ihrem Bruder nach Hamburg.
Die nun 30jährige begann damals ihre ersten wissenschaftlichen und heimatkundlichen Studien. Anfang der 60er
Jahre trat sie als Schriftstellerin hervor. Vor allem die Übersetzungen aus der nordischen archäologischen Literatur
der damaligen Zeit sind auch für die deutsche Vorgeschichtswissenschaft von außerordentlichem Wert geworden.
Durch ihre Arbeit bedingt, lernte sie den Direktor der Hamburger Staatsbibliothek, Professor Petersen, kennen und
erfuhr durch ihn eine vielseitige Förderung. In diese Hamburger Jahre fiel auch die Veröffentlichung des anfangs
erwähnten Buches „Wiebeke Kruse" (1866). Es folgten, von J. M. ins Deutsche übertragen: Wiburg, „Einfluß der
klassischen Völker auf den Norden" (1877); Säve: „Sigfridsbilder" (1870); Hildebrand: „Das heidnische Zeitalter in
Schweden" (1873). In den Fachzeitschriften der damaligen Zeit tauchte auch ihre Name auf. 1869 nahm sie an dem
anthropologischen Kongreß in Kopenhagen teil. 1871 entsandte der Hamburger Staat J. M. als offizielle Vertreterin
zum 5. archäologischen Kongreß nach Bologna und später zu den Kongressen nach Stockholm und Budapest (1874 und 1876).
Eingehende Berichte hat sie über diese Tagungen herausgegeben. Von Hamburg aus pflegte J. M. eine enge
Verbindung zu dem Kieler Museum für Vaterländische Altertümer. Als der damalige Direktor, Professor Handelmann, eine Kustodenstelle einrichtete, wurde sie auf diesen Posten berufen.
36 Jahre hat sie der prähistorischen Wissenschaft im wahrsten Sinn des Wortes gedient. Jede wissenschaftliche
Tätigkeit war in jener Zeit für eine Frau ungewöhnlich, und es erregte einiges Aufsehen, als sie an die Öffentlichkeit
trat und mit einem hohen Maß an Umsicht, Fleiß und Ordnungssinn ihre Museumsarbeit aufbaute. Die ersten Jahre
in Kiel mögen J. M. nicht leicht geworden sein. Viele Vorurteile mußte sie über winden, und mehr als einmal schien
es, als ob ihre zarte Konstitution den Aufgaben nicht gewachsen wäre. 1878 bezog das Museum die alte Universität.
Nie vernachlässigte sie ihre schriftstellerischen Arbeiten. 1877 erschien die Schrift „Vaterländische Altertümer
Schleswig-Holsteins, Ansprache an unsere Landsleute" (Hamburg). In ihrer fesselnden Weise hat sie mit dieser
Schrift, die sie im Auftrag des damaligen Kultusministers verfaßt hat, weite Kreise der Bevölkerung angesprochen und für die Sache gewonnen.
Eine seltene Gabe der Darstellung machte es ihr möglich, verständlich zu den Menschen aus allen Volksschichten zu
sprechen und Einzelschilderungen und Gesamtbilder ins Gedächtnis zu rufen. Ihre große Liebe zur Sache wußte sie
auf andere zu übertragen. Alle, die einzeln und auch im größeren Kreis von J. M. durch das Museum geführt wurden, waren ihr dankbar für die Liebe und Sorgfalt, mit der sie die Sammlungen zeigte.
Mit einer Fülle von Kenntnissen ausgerüstet, konnte sie die stummen Zeugen der Vergangenheit zum Reden
bringen. Stets wies sie darauf hin, welche Gefahr Unkenntnis und Gleichgültigkeit bedeuteten, wenn es galt, die reichen Schätze aus vorgeschichtlichen Zeiten der Wissenschaft nutzbar zu machen.
Johanna Mestorf wurde Mitbegründerin des Zweigvereins der deutschen anthropologischen Gesellschaft und ist bis
zu ihrem Tode die erste Schriftführerin gewesen (1877 Prof. Pansch). Die Gründung löste eine rege wissenschaftliche
Tätigkeit aus, und sie hat ihr ganzes reiches Wissen auch diesem Verein gewidmet. Von erheblicher Bedeutung für
die deutsche Forschung war das Erscheinen der von J. M. besorgten deutschen Ausgabe der Schrift von Ingvald
Undset, dem Vater der norwegischen Schriftstellerin Sigrid Undset, „Das erste Auftreten des Eisens in Nordeuropa".
Ingvald Undset erlag einem tückischen Leiden. Es darf angenommen werden, daß dieser Frühgeschichtsforscher J. M. großes Vorbild gewesen ist.
Mit zähester Energie und unter größten materiellen Schwierigkeiten hatte er versucht, auf gewissenhafte Weise die
vorgeschichtlichen Funde Griechenlands, Italiens, Mitteleuropas und des Nordens an Ort und Stelle zu studieren. J.
M. hat in einem Nachruf über ihn geschrieben: „Undset war ein echter Norweger. Hinter dem ernsten ruhigen
Äußeren loderte helle Begeisterung nicht nur für seine Fachstudien, auch für antike und moderne Kunst und
Geschichte, für alles Schöne, Große und Edle. Ein idealer Zug ging durch seine Auffassung des Lebens und in
Harmonie damit stand seine persönliche Liebenswürdigkeit, die ihm alle Herzen gewann. Ich glaube nicht, daß
Undset jemals einen Feind gehabt hat" (Korrespondenzblatt der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft Nr. 1,
1894). Das genannte Werk hat sie gemeinsam mit dem Verfasser Rudolf Virchow gewidmet, der zu ihrem
Freundeskreis gehörte. Zum 50jährigen Bestehen des damaligen Museums Vaterländischer Altertümer veröffentlichte
J. M. „Vorgeschichtliche Altertümer aus Schleswig-Holstein" (Hamburg, 1885). Es handelte sich um einen Atlas von
62 Bildtafeln, die mit schlichten und zuverlässigen Zeichnungen den Typenschatz der vor- und frühgeschichtlichen
Denkmäler veranschaulichte. Eine weitere wissenschaftliche Leistung war das Buch „Urnenfriedhöfe in Schleswig-Holstein" (Hamburg).
1891 starb Prof. Handelmann. Der Minister von Gossler wagte für die damalige Zeit einen ungewöhnlichen Schritt,
J. M. an die Spitze eines Universitätsinstitutes zu stellen. Diese ehrenvolle Ernennung zur Direktorin des Museums
Vaterländischer Altertümer hat sie mit umfangreichem Schaffen und Forschen gerechtfertigt.
Von nun an wachte sie mit unermüdlicher Aufmerksamkeit über das Kieler Museum und über alle archäologischen
Arbeiten in der ganzen Provinz. Es drohte damals eine ganz besondere Gefahr, reiche Museen warben um die
archäologischen Schätze des Landes, und es erforderte viel Aufmerksamkeit, daß einzelne Fundstücke, dem Museum
nicht verloren gingen. Der Erfolg war, daß dem Museum reichlich Gaben aus der Bevölkerung zuflossen, die es
unter der Führung dieser bedeutenden Frau lernte, zu erkennen, was man den heimischen Sammlungen schuldig war.
Nach der technischen Arbeit der Wiederherstellung und Konservierung begann dann die literarische Arbeit. Nur
wenn die Herkunft eines Fundes bekannt war, die Art der Stätte und die Lagerung genau bestimmt werden konnten
, hatte das prähistorische Objekt einen vollen Wert für die Entscheidung der zahlreichen Fragen, die sich daran
knüpfen ließen. Die Ausgrabungen bei Immenstedt, Tarbek, Gönnebek und anderen Orten hat J. M. literarisch bearbeitet.
1892 brachte sie ihre Aufsehen erregende Entdeckung von steinzeitlichen Gräbern ohne Steinkammern unter
Bodenniveau heraus. Ein besonders reizvoller Schrank wurde diesen wertvollen Funden im Museum gewidmet. 1895
behandelte sie „Die Hacksilberfunde"; 1896 „Bronzemesser mit figürlichen Darstellungen"; 1897 „Die Holsteinischen Gürtel". (Mitt. des Anthropologischen Vereins in Schleswig-Holstein)
Die letztgenannte Veröffentlichung beschäftigte sich mit sehr eigenartigen Gürteln, die aus einzelnen durch Ringe
verbundene viereckige Eisenplatten bestehen, die beiderseits mit Bronzeblech belegt sind. Die Platten tragen
hochinteressante Ziermuster, von denen vor allem die Dreiwirbel als uraltes Heilszeichen bekannt sind. J. M. hat
sich vergeblich bemüht, fremde Vorformen für die holsteinischen Gürtel nachzuweisen, die in Urnengräbern aus
dem vorchristlichen Jahrhundert gefunden wurden. Es folgten weitere Arbeiten, von denen kleinere Beiträge zur
Volkskunde sehr lesenswert sind. Schon 1876 finden wir in Dr. Meyns Schleswig-Holsteinischem Hauskalender
einen solchen Beitrag: „Der Schleswig-Holsteinische Silberschmuck". Wörtlich heißt es: „An der Kleidung erkannte
man die Heimat der Leute. Sie wurde nicht willkürlich gewählt, Farbe und Schnitt des Kleides waren von altem
heimatlichem Brauch vorgeschrieben und gaben dafür dem, der es trug, Heimatsrecht. Jedes Kirchspiel, ja manches
Dorf hatte seine besondere Mode und Leibfarbe. In den Musterbüchern der Weber und Färber fand man die Proben
ihrer Leistungen nach den Dorfschaften geordnet; Goldschmiede, Maler, Tischler und Böttcher brauchten nur einen
Blick auf die Kleidung des Käufers zu werfen, um die Form und die Farbe des bestellten Geräts zu erraten. Als
besonders malerisch lebt in meiner Erinnerung die Kleidung in den Kirchspielen Kaltenkirchen und Großenaspe, der
Probstei Hagen, und in Schleswig im Amte Hütten und im Kirchspiel Ostenfeld. Von ganz anderem Charakter war
die Kleidung auf den friesischen Inseln an der Westküste und in den Marschen. Die Farbe war dunkler, eintöniger,
aber auf der Brust glitzerte es von Ketten, Perlen, Schaumünzen und Spangen, das ganze Mieder war buchstäblich
mit Schmuck bedeckt." In den 70er Jahren war von diesen Herrlichkeiten nur wenig geblieben. Es klang wie eine
Anklage, als J. M. damals schrieb: „Wenige Jahrzehnte sind vergangen, seitdem in jedem Dorfe, in jedem
wohlhabenen Hause (und derer waren in unserem gesegneten Lande nicht wenige) mindestens ein vollständiger
Silberschmuck in der Lade lag, meistens von dem Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter vererbt. Ist es
wahr, ist es möglich, daß in so kurzer Zeit, obgleich kein Feind verheerend durch das Land gezogen und Haus und
Hof geplündert, mit dem alten Familienschatz so vollständig aufgeräumt ist, daß es, wie man behaupten will, jetzt
nicht mehr möglich wäre, aus den verschiedenen Distrikten wenigstens einen vollständigen Silberschmuck
zusammenzubringen, um ihn für die Kinder und Kindeskinder aufzubewahren als eine Probe von dem kostbaren Geschmeide, mit dem ihre Vorfahren sich an Sonn- und Feiertagen schmückten?"
Die von Johanna Mestorf gesammelten Reste des Bauernschmuckes sind später dem Thaulow-Museum überwiesen worden.
Nicht alle ihre vielfältigen Arbeiten können erwähnt werden, aber auf eine große Übersetzungsarbeit sei noch
hingewiesen, B. Salin: „Die Altgermanische Tierornamentik der Völkerwanderungszeit" (1904). Zu ihrem 70.
Geburtstag wurde J. M. der Professorentitel verliehen. In den Kieler Nachrichten vom 17. April 1899 lesen wir: ..
.„Nicht einem Manne, einer Frau gilt es diesmal; aber einer Frau, die, den Platz eines Mannes ausfüllend, der
Wissenschaft zur Leitung des ihm gewidmeten Instituts sich erhoben hat. Fürwahr, ein schöner Erfolg des
weiblichen Geschlechts, und ein Erfolg, errungen ganz außerhalb der modernen Frauenbewegung, ausschließlich
durch persönliche Bestätigung der die Gleichberechtigung bedingenden Eigenschaften des unermüdlichen Ernstes und der Fähigkeit der Organisation"...
Zu ihrem 75. Geburtstag erhielt J. M. die Medaille für Kunst und Wissenschaft. Die Kieler Medizinische Fakultät
verlieh ihr zu ihrem 80. Geburtstag den Dr. h. c., der Prodekan Geheimrat Prof. Dr. Hellär überbrachte die
Glückwünsche und das Diplom. An diesem Tag wurden der Jubilarin eine Fülle von Ehrungen zuteil. Professor
Kauffmann würdigte sie in der Kieler Zeitung vom 17. April 1909 in einem Aufsatz mit den Schlußworten:... „Wir
dürfen von ihr zuguterletzt sagen, daß sie den Lebensberuf, den sie sich in ihrer Jugend als tapferes schleswig
-holsteinisches Mädchen gewählt, allen Hindernissen zum Trotz, zur Ehre der deutschen Frau erfüllt hat. Ein guter Genius führte sie auf ihrer Laufbahn zu einem schönen Ziel...!"
Alle Anerkennungen und Ehrungen ließen diese große Forscherin bescheiden bleiben, heftige Feindschaften und
Angriffe sind ihr aber auch nicht erspart geblieben; sie ist mit ihnen fertig geworden. Ihre weibliche Diplomatie
kennzeichnet vielleicht auch nachstehender Tatbestand der uns von Schwantes überliefert wird: „Gern verkehrte sie
in den letzten Jahren ihres Lebens fast nur noch in einem Kreise von Gräfinnen und Prinzessinnen, der ihr dann wohl den Anschluß an behördliche Machtfaktoren verschaffte, wenn es nötig war."
Kurz vor ihrem Tode setzte Johanna Mestorf für die Bramstedter Kirchengemeinde nachstehendes Legat aus:
„Ich bestimme und bekräftige mit meiner eigenhändigen Namensunterschrift, daß aus dem von mir hinterlassenen Baarvermögen
500 (fünfhundert) Mark an den Kirchenvorstand zu Bramstedt in Holstein ausgehändigt und dessen geneigten Verfügung unterstellt
werden sollen. Die Zinsen dieses Geldes sollen dazu verwendet werden, am Mittsommertage, den 24. Juni, als an dem Geburtstage
meiner vielgeliebten Mutter, an 12 der ältesten bedürftigen Frauen eine Mahlzeit zu verabreichen, bestehend in einer kräftigen
Rindfleischsuppe mit Klößen. Ich wünsche, daß diesen Frauen gesagt werde, es geschehe diese Ehrung zum Gedächtnis einer Frau, die
als Gattin des einst in Bramstedt und Umgebung hochverehrten und allgeliebten Dr. med. Mestorf auch Ihrerseits allen Kranken und
Dürftigen nicht minder als er, eine Helferin und Trösterin war. An den hochverehrlichen Kirchenvorstand in meinem lieben Bramstedt
richte ich die Bitte, sich dieser Mühewaltung zum Gedächtniß meiner geliebten Eltern freundlichst unterziehen zu wollen. Kiel, den 24. Juny 1906
(gez.:) Johanna Mestorf"
Ein letzter großer Plan, die Geschichte des Kieler Museums zu schreiben, ist ihr nicht mehr möglich gewesen. Drei
Monate nach ihrem 80. Geburtstag, am 20. Juli 1909, starb sie in Kiel. Am gleichen Tag brachte die Kieler Zeitung
einen Nachruf für die Öffentlichkeit: „... weit über das Weichbild unserer Stadt und über die Grenzen Schleswig
-Holsteins hinaus wird die Kunde schmerzlich berühren, aber wohin sie dringt, da wird zur Trauer die erhebende
Überzeugung sich gesellen, daß hier ein Leben erloschen ist, das die Spuren seines Suchens und Findens zu tief in
die Geschichte menschlicher Kulturarbeit eingegraben hat, um mit dem Erlöschen auch vergessen zu werden. Am
allerwenigsten in unserer engeren Heimat, die es der verstorbenen Gelehrten zu verdanken hat, wenn im Laufe der
letzten Jahrzehnte aus dem Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit Schleswig-Holsteins manch heller Schein in unsere Gegenwart gedrungen ist..."
Am 23. Juli 1909 brachte die Kieler Zeitung einen Bericht über die für Frl. Prof. Mestorf gehaltene Trauerfeier: „Am
Freitagvormittag wurde im Sterbehaus der langjährigen Leiterin des Museums vaterländischer Altertümer Frl. Prof.
Johanna Mestorf, Falckstr. Nr. 21, die Trauerfeier für die nach reich gesegneter Tätigkeit hochbetagte
Heimgegangene abgehalten. In dem trauten Heim der Verblichenen hatten sich neben Männern der Wissenschaft
und Vertretern der Behörden zahlreiche Freundinnen und Freunde versammelt, um derjenigen die letzte Ehre zu
erweisen, deren charaktervolle Persönlichkeit unwandelbare Freundschaft so viele mit starken Banden umschlungen
hatte. Im Auftrage des Prinzen und der Prinzessin Heinrich von Preußen nahm Hofmarschall Freiherr von
Seckendorff an der Feier teil und legte einen prachtvollen Kranz am Sarge der Entschlafenen nieder, den bereits viele
Beweise der Liebe und Verehrung schmückten. Ferner waren erschienen Oberbürgermeister Dr. Fuß, der Rektor der
Universität, Prof. Dr. Scheder, und mehrere Professoren der Universität, Vizeadmial z. D. Graf von Moltke.
Kranzspenden hatten u. a. überreichen lassen bzw. selbst am Sarge niedergelegt Prinzessin Henriette zu Schleswig
-Holstein, verwitwete von Esmarch, Prinz Christian zu Schleswig-Holstein, die Großherzogin von Hessen, die
Prinzessin von Battenberg, die Kieler Universität, die Herren vom Kopenhagener Nationalmuseum, der
Anthropologische Verein in Schleswig-Holstein, dessen Schriftführerin die Verstorbene von der Gründung an war,
das Altonaer Museum, der Altertumsverein für das Fürstentum Lübeck in Eutin, das Kunstgewerbe-Museum in
Flensburg, ,Heimat', Verein für Landeskunde, der Altertumsverein für Alsen Sundewitt in Sonderburg, das Museum Dithmarscher Altertümer in Meldorf. Prof. D. Baumgarten hielt die Gedächtnisrede."
Auf dem Hamburger Zentralfriedhof Ohlsdorf ist Johanna Mestorf zur letzten Ruhe gebettet. Das Familiengrab der
Mestorfs liegt am Hauptweg, unweit der zweiten Friedhofskapelle. In dem Grab ruhen zwei Geschwister, der 1891
gestorbene Harro Mestorf und die 1901 gestorbene Jacobine Rohr geb. Mestorf. Außerdem ist auf dem Begräbnis
Frau Cossel geb. Rohr 1899 beigesetzt. Eine schlichte Sandsteinplatte trägt Johanna Mestorfs Namen.
Q u e l l e n:
1) Sonderdruck aus der Festschrift zum 275jährigen Bestehen der Christian-Albrechts-Universität, Kiel, Johanna Mestorf von Gustav Schwantes
2) Archiv der Bramstedter Kirchengemeinde 3) Kieler Zeitung vom 17. April 1899
Kieler Zeitung vom 17. April 1909
Kieler Zeitung vom 20. Juli 1909
Kieler Zeitung vom 23. Juli 1909
Gerda Pfeiffer ist die Ehefrau des langjährigen Bramstedter Pastors.