aus Heimatkundlichem Jahrbuch des Kreises Segeberg, 2001, S. 123 ff
Friedrich Gleiss, Bad Segeberg
NSDAP und Kirche in Holstein und Segeberg
1921 wurde in der damaligen schleswig-holsteinischen Landeskirche eine neue Verfassung vorbereitet, die 1922 in Kraft trat. Für die Wahlen zur Landes-Synode bildeten sich Fraktionen und Listen, so die antisemitische Liste von Hauptpastor Friedrich Andersen, Flensburg. Er war auch Mitgründer des „Bundes für Deutschkirche", der den späteren „Deutschen Christen" (D.C.) nahestand. Die Sonntagsblätter dieser Jahre aus Breklum und Rickling verstanden unter christlicher Weltanschauung „im wesentlichen antidemokratische und antisemitisch versetzte politische Handlungsanleitungen
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Gottesdienstordnung für die Einführung von Propst Dührkop in Wandsbek durch den DC-Landesbischof Adalbert Paulsen
am 5. November 1933
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und Wahlempfehlungen" (Kirchengesch. 6/1, S. 68). Auch Otto Dibelius, später Berliner Bischof, blies in dieses Horn. Und 1924 erkannte
das Kieler Landeskirchenamt unter dem Präsidenten von Heintze den „Wert aller Bestrebungen, die darauf hinzielen, das eigene Volkstum vor
zersetzendem jüdischen Einfluß zu bewahren" (Kirchengeschichte 6/1, S. 70). Auch der Holsteiner Bischof Mordhorst stimmte dem zu.
Diese wenigen Hinweise zeigen, daß zwischen 1919 und 1933 in der norddeutschen evangelischen Landeskirche äußerst günstige
Voraussetzungen für Hitlers judenfeindliche Politik gegeben waren. Dies sollen die folgenden Darstellungen veranschaulichen. Die fünfzehn Jahre
vom Ersten Weltkrieg bis zu Hitler mündeten in der sogenannten braunen Synode vom 12. September 1933, so bezeichnet, weil die meisten
Synodalen in Braunhemden kamen (Kirchengeschichte 6/1, S. 149-158). 92 Prozent gehörten zu den deutschen Christen! Und schon 1932
stimmten über fünfzig Prozent der zu 92 Prozent ev. Wähler im Land für die NSDAP (Peter Heinacher, Die Anfänge des Nationalsozialismus im
Kreis Segeberg, Bad Bramstedt 1976, S. 13). Segeberg wählte lange vor 1933 die NSDAP mit klaren Mehrheiten. Führende Pastoren der
Landeskirche waren frühe Parteigenossen (Pg): P. Bender, Schönwalde; P. Peperkorn, Viöl; Hauptpastor Andersen, Flensburg; P. Dührkop, Altona.
Er und Bender wurden nach 1933 Pröpste. Dührkop ist am 5. November 1933 im damals holsteinischen Wandsbek vom DC-Landesbischof Adalbert
Paulsen eingeführt worden. (Astrid Louven, Die Juden in Wandsbek, Hamburg 1989, S. 182). Daran nahmen 300 Amtsträger der NSDAP in
Uniform teil, wie Pastor und Konsistorialrat Nikolaus Christiansen voll Stolz hervorhob (Ki.Gesch. S. 163). Aber Dührkop „verlor immer mehr an
Achtung unter seinen Pastoren und Propsteiangehörigen" (das. S. 183).
Dennoch war er die treibende Kraft bei der Amtsenthebung von P. Bernhard Bothmann, Wandsbek (das. S.
338). Dieser wurde entfernt, weil er „mit einer Volljüdin verheiratet sei" (das. S. 183). Das Kieler
Landeskirchenamt nannte sie „waschechte Jüdin" (Louven S. 186). Bothmann wurde am 13. März 1939 in den
einstweiligen Ruhestand versetzt (Ki. Gesch. S. 184). Er mußte Wandsbek verlassen. Als seine Frau 1940 einen
Sohn gebar, wurde sie von staatswegen „zur ledigen Mutter" gemacht (das. S. 185). Die Entwürdigung n
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Emmy, Ingeborg, Heino, Ruth, Bernhard Bothmann um 1920 A. Louven, Juden in Wandsbek, 1989
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ahm kein Ende. Im Beisein seiner Frau, die kein Wort reden durfte, wurde der Pastor im Februar 1943 zur Gestapo in der Hamburger Rothenbaumchaussee vorgeladen und
verhört: „Wie er sich als Deutscher und als deutscher Soldat so weit vergessen könnte, mit einer Nichtarierin zusammenzuleben... Sie bekäme ja schon wieder ein
Kind" (Louven S. 186f). Er mußte seine eheliche Wohnung verlassen, Ingeborg Bothmann lebte allein mit ihren drei Kindern. Sie wurde im Februar 1945 verhaftet.
Delikt: Jüdin. Bernhard Bothmann starb 1952 im Alter von nur 66 Jahren.
Ein zweiter ähnlicher Fall betraf P. Walter Auerbach in Altenkrempe (Ki. Gesch. S. 156); ein dritter den
„Halbjuden" P. Fritz Leiser, Brokdorf (das. S. 354f, 358, 409). Die Absetzung von Pastoren und Pröpsten sowie
die Beförderung von Parteigenossen gehörte zum Alltag im Dritten Reich. Zugleich wurden damit die neu
eingesetzten pastoralen Parteianhänger in ihrem kirchlichen Wirkungskreis die Bestimmenden. Mehrere Personen
waren bei dieser Kirchenpolitik die treibenden Kräfte: P. Johannes Peperkorn, anfangs in der Gemeinde Viöl, bald
darauf NSDAP-Kreisleiter von Südtondern; Herbert Bührke, Präsident des Landeskirchenamtes Kiel; dessen
Vorgänger Traugott Freiherr von Heintze, von dessen Erlassen schon berichtete wurde; nicht zuletzt der
Bührke folgende LKA-Präsident bis 1943, Dr. Christian Kinder, von 1933 bis 1935 Reichsleiter der „Deutschen
Christen" (DC). Eines der ersten Opfer war schon im Oktober 1933 Propst Robert Rotermund in Segeberg. Sein
Nachfolger wurde auf Betreiben des Kreisleiters der NSDAP Werner Stiehr der Alt-Pg und Kaltenkirchener Pastor Ernst Szymanowski alias Biberstein, ein besonders makabrer Mann. Er war 1899 geboren
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Propst Ernst Szymanowski alias Biberstein
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und starb in einem Altersheim in Neumünster Mitte der 80er Jahre. Bei seiner Einführung in Segeberg versuchte er, aus dem Neuen Testament den Antisemitismus zu begründen.
Er wurde hier mit 34 Jahren Propst, aber schon ein Jahr später von Reichsbischof Ludwig Müller nach Berlin berufen. Dadurch entging er
einem landeskirchlichen Disziplinarverfahren wegen einer deutschkirchlichen Konfirmation in Itzehoe am 14. April 1935. Er trat in
die SS ein und wurde schon 1937 SS-Obersturmbannführer. Im selben Jahr trat er aus der Kirche aus, was in der SS selbstverständlich war.
1941 organisierte Szymanowski in Oppeln die Deportation der Juden. Im Juni 1942 nach dem Überfall Deutschlands auf Rußland wurde er
Kommandeur der Einsatzgruppe C, die hinter der vormarschierenden Wehrmacht tausende von Juden, Sinti, Roma u.a. zusammentrieb,
erschoß und in Massengräbern verscharrte. Er hätte bei der Tötung aus humanitären Gründen, wie er sie verstand, Gas vorgezogen, weil die
Gesichter der Ermordeten nicht so entstellt gewesen wären. Am 8. April 1948 wurde er in Nürnberg zum Tod durch Erhängen verurteilt, 1951 zu lebenslang begnadigt, 1958 von seinem
SS-Kameraden Propst Richard Steffen, Neumünster aus dem Gefängnis geholt.
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Eine Seite aus Ludwig Müller: Deutsche Gottesworte, Weimar 1936
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Aus der Propstei Segeberg ist weiter zu erwähnen P. Max Ehmsen, Todesfelde, geboren 1905 in Pinne-
berg. Seine handschrift- lichen Eintragungen auf fünfzehn Seiten der Todesfelder Gemeindechronik für 1931 bis 1934, die vorliegen, sind höchst
aufschlußreich. Seine aktive Rolle in der NSDAP hat er verschleiert. Er läßt unerwähnt, welcher Art sein „Amt in der Gauleitung" war: Schulungsleiter für die
Nordmark, für ganz Schleswig-Holstein. In dieser Eigenschaft reiste der blutjunge Pastor in viele Propsteien, um, wie er schreibt, „mitzuarbeiten am
kirchlichen Neubau", wie er ihn verstand, nämlich: die Kirche „in den Dienst der Bewegung" zu stellen. Er pries die „göttliche Sendung des NS-Staates". In
seiner Gemeinde bedeutete das für ihn, den „Vaterländischen Frauenverein" in die NS-Frauenschaft und seine ev. Jugend in die HJ und den BdM einzugliedern. Für die letztgenannte
Aufgabe wurde Ehmsen auf Landesebene am 4.1.1934 von Reichsjugendpfarrer Zahn, am 9.4.1934 als Nachfolger des von den Nationalsozialisten abgesetzten Wolfgang Prehn (nach dem Krieg
Propst in Husum und später Vorsteher des „Rauhen Hauses" in Hamburg) zum Landesjugendpfarrer berufen. Er blieb das nur bis 1937 - Jugendpfarrer
ohne Jugend, das ging nicht mehr. Danach wechselte er nach Flintbek bei Kiel. Er schrieb in der Chronik: um „allen zu dienen, war ihm von der
Gemeinde her Zurückhaltung geboten", „die Haltung wurde von der Gemeinde verstanden und nur durch Vertrauen beantwortet" - das waren unwahre
Phrasen. Er schob diese Grenze rigoros beiseite. In den Predigten brennende Zeitfragen zu behandeln, hieß für
ihn, zu versichern: „Hitler und der NS-Staat können helfen". Er sprach als Gauschulungsleiter auch vor dem Segeberger Pfarrkonvent und der Propstei-Synode (1932).
Martin Redeker, Prof. D. Dr. (den Ehrendoktor erhielt er im Dritten Reich), Ordinarius für Systematische
Theologie in Kiel, war ein Mitarbeiter des „Instituts für die Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses
auf das kirchliche Leben" in Jena, von Walter Grundmann gegründet und geleitet. Redeker lieferte auf Anfordern
theologische Ausarbeitungen. Das Institut brachte im Zweiten Weltkrieg ein „entjudentes" Neues Testament
ohne Joh. Evangelium und Hebräerbrief heraus. Es war übersetzt von Lulu von Strauß und Torney, die aber
nicht genannt werden wollte. Es wurde in einer Auflage von 50.000 gedruckt und an deutsche Frontsoldaten
verschenkt. Dann gab Grundmann ein „gereinigtes" Gesangbuch heraus; Zion, Jerusalem, Israel, Jakob, Joseph
usw. kamen in dieser Sammlung nicht mehr vor. 1945 wurde Redeker amtsenthoben, klagte dagegen und wurde
bald wieder in Amt und Würden eingesetzt. Um seinen ramponierten Ruf vergessen zu machen, setzte er sich
ab 1949 intensiv und möglichst öffentlich für die Gründung des „Theologischen Studienhauses Kieler Kloster" ein.
Für die durch Pastor Ehmsen vollzogene Eingliederung der Ev. Jugend in HJ und BdM wurde am 19. Dezember
1933 ein sogenanntes Abkommen zwischen Reichsbischof Ludwig Müller (der nie gewählt worden war) und
Reichsjugendführer Baldur von Schirach geschlossen. Es hieß darin, daß die ev. Jugend weiterhin Ferienlager u
.a. durchführen könne, wenn bei Geländespielen ein HJ-Führer das Kommando hätte. Das Abkommen (Ki.Gesch.
S 176f) war ein glatter Betrug: es gab ab 1935 kein einziges kirchliches Lager mehr, und von Schirach verbot
schon Ende Juli 1933 die gleichzeitige Mitgliedschaft in HJ/BdM und Gruppen der Kirche. Es gab in Wahrheit nur noch eine staatliche Organisation für junge Menschen beider Geschlechter.
Einige weitere Pastoren der 30er Jahre in Segeberg sind hier erwähnenswert. P. Kurt Lucht kämpfte im Herbst
1936 gegen die „antikirchliche und antichristliche Agitation" in Bad Segeberg, die von Kreisleiter Werner Stiehr
ausging, von dem noch die Rede sein wird (Ki. Gesch. S. 182). Dem lag u.a. eine Anordnung der obersten SA
-Führung vom 1. Juli 1935 zugrunde, während der sonntäglichen Kirchzeit „kulturelle Dienstgestaltung
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Aus den Richtlinien der Deutschen Christen vom Mai 1932:
Wir kämpfen für einen Zusammen- schluß zu einer Evangelischen Reichskirche. Wir stehen auf dem
Boden des positiven Christentums. Wir bekennen uns zu einem bejahenden artgemäßen Christus-Glauben, wie er deutschem Luther-Geist und heldischer Frömmigkeit
entspricht. Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation Gottes Gesetz. Daher ist der Rassenvermischung entgegenzutreten. Bloßes Mitleid verweichlicht ein Volk. Wir
fordern Schutz des Volkes vor den Untüchtigen und Minderwertigen. In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor
fremden Blutes in unseren Volkskörper. Wir lehnen Judenmission ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der
Rassenverschleierung und -bastardierung besteht. Eheschließung zwischen Deutschen und Juden ist zu verbieten.
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ihrer Formationen" durchzuführen (Ki. Gesch. S. 320). Das war „positives Christentum" und NS-Kultur-Verständnis.
Neben P. Lucht (1936/37) gehörte P. Dr. Fritz Seefeldt (1933-38) zu den Bekenntnistreuen. Ein hektisches Kommen und Gehen der Seelsorger kennzeichnete die 30er Jahre in
Segeberg: Dr. theol. Georg Faust (1931-33), Werner Rabe (1938/39), Karl Kobold (1933/34). Nur der NS-Anhänger P. Bruno Heß blieb von 1933 bis Kriegsende hier, neben ihm nur
noch P. Carl Friedrich Jaeger, der mit dem Regime sympathisierte (1955 wurde er auf eigenes Betreiben Propst in Segeberg).
Die Personalpolitik der NSDAP, genauer: ihre Kirchenpolitik im Land nördlich der Elbe war rigoros und brutal.
Konsistorialrat und Pastor Nikolaus Christiansen aus Kiel, Parteigänger der Nazis, wurde 1930 Leiter der Ricklinger Anstalten des Landesvereins für Innere Mission seit dem 18.4
.1920 von Dr. theol. P. Friedrich Gleiss, Neumünster geleitet. P. Hermann Grimm, Neumünster wurde zwangsversetzt in eine lauenburgische Landgemeinde (Ki. Gesch. S. 162). Von vielen
weiteren Amtsenthebungen durch die NS-gesteuerte Landeskirche nenne ich die wichtigsten: Propst Hermann
Siemonsen, Flensburg, ist allerdings nach seiner Absetzung im Jahr '33 schon 1935 zum Propst in Schleswig
ernannt worden (das. S. 161), P. Hans Asmussen, nach dem Krieg Propst in Kiel sowie P. Wilhelm Knuth, beide
Altona, wurden 1933 suspendiert und zwangsweise pensioniert. Auch P. Wilhelm Halfmann, Flensburg, späterer
Bischof für Holstein, wurde 1934 Opfer dieser Säuberungen. In fünfzig von hundert holsteinischen
Kirchengemeinden wollten die „braunen" Kirchenvorstände ihren Pastor „verjagen" (das. S. 163). Es wären hier noch viele andere Namen zu nennen.
Nach dem schnellen Abgang des NSDAP-Propsten Szymanowski hielt
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Kreisleiter Werner Stiehr
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Landesbischof Adalbert Paulsen am 17. Dezember 1934 einen Vortrag in Segeberg, bei dem er auf Betreiben von P. Peperkorn durch SA-Trupps gestört wurde. Er
konnte den Saal nur über eine Hintertür unter Polizeischutz verlassen (das. S. 204). Noch einmal kam Paulsen am 21. August
1935 zum Pfarrkonvent nach Segeberg (das. S. 210, 220,230-33). Es ging dabei vor allem um den Austritt von 34 Vikaren der BK
(Bekennende Kirche) aus dem Preetzer Predigerseminar. Während der Amtszeit von Propst Szymanowski und offenbar auch zu dessen Unterstützung sprach Gauleiter Hinrich Lohse am 14.
Januar 1934 hier (Segeberger Kreis- und Tageblatt vom 15. Januar 1934). Der Nazi-Propst und spätere Massenmörder fand hier keine Anerkennung.
Nun müssen die Segeberger Amtsträger der NSDAP, ihre Bedeutung für Juden und Christen sowie die wichtigsten
Kombattanten erwähnt werden. Ortsgruppenleiter war von 1930 bis 1936, also in den entscheidenden Jahren, Otto Gubitz. Er war
kein Scharfmacher, aber er befolgte dennoch alle Weisungen seiner Führung. Dazu gehörten nach dem 30. Januar 1933 laufende
Boykotte jüdischer Geschäfte und Betriebe durch SA-Posten, Schmierereien an Schaufenstern und Häusern, Hetzartikel in der Tagespresse. Das erste Opfer war der getaufte Jude,
Rechtsanwalt und Notar Emil Waldemar Selig, Klosterkamp 6. Er hatte von vier vorhandenen die größte Praxis in Segeberg. Im Mai
1934 drehte er den Gashahn auf. Sein weißer Grabstein steht auf dem zweiten christlichen Friedhof. Weitere Opfer der
Judenverfolgung unter Gubitz waren die Pensionen Klara bzw. Sally Baruch und Sally Goldschmidt, Kurhausstr.
31 und 53; Kaufhaus Adolf Levy, Kurhausstr. 9; Rieke Levin und Cilly Heilbronn, Kurzwaren, Hamburger Str. 35
und 9; Lede Meier, Herren Konfektion, Hamburger Str. 5; Leo Levy, Häute und Felle, Hamburger Str. 15; Moritz
Steinhof, Klein- und Landhandel, Putzmacherei, Lübecker Str. 12. Das Kaufhaus Leo Baruch, Kirchstr. 1-3 hielt
durch bis zur Reichspogromnacht 1938. Neun Betriebe wichen dem Druck der Judenfeinde und der Partei bis 1938 aus.
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Anzeige von Kaufhaus Leo Baruch, Kirchstr. 1-3 (Juli 1933 bereits Horst- Wesselstr.)
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Militante Schützenhilfe bekam Gubitz vom Kreisleiter Werner
Stiehr, der ein scharfer Hetzer gegen die Kirche war, obgleich früher selbst Propstei- und Landes-Synodaler, sowie Vorstands
-Mitglied im Landesverein für Innere Mission. Er holte, wie schon berichtet, den Pastor und Pg Ernst Szymanowski als Propst nach
Segeberg. Und er setzte die erwähnte Weisung seiner SA-Führung, zur Kirchzeit sogenannte kulturelle Veranstaltungen durchzuführen,
konsequent um, z.B. durch eine Feier auf dem Marktplatz vor der St. Marien-Kirche zur Übernahme der 14jährigen Pimpfe in die HJ,
kräftig von Blasmusik unterstützt. Er hatte verstanden, was er sollte: die gläubigen Kirchgänger stören. Ich erinnere mich gut an
diese Trompeter-Kapelle, die immer dann einsetzte, wenn im Gottesdienst ein neuer Choral intoniert oder liturgische Stücke gesungen wurden. In Wahrheit war diese Feier keine
Kulturveranstaltung, sondern eine Jugendweihe, durch die Konfirmationen ersetzt werden sollten.
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Urkunde Frederiks VI. vom 14. März 1780:... dem Bekenner der Mosaischen Religion Moses Moses unterm 14. März erteilte
Emission, wodurch es ihm gestattet wird, sich in dem zum Amte Segeberg gehörigen Anteil Gieschenhagen niederlassen zu dürfen. (Moses Moses war der
Gründer des Jüd. Friedhofes 1791/92)
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Stiehr und Gubitz erreichten die Flucht aller jüdischen Bürger bis 1939, mit einer einzigen Ausnahme: Jean Labowsky hat als einziger
Jude in Segeberg den Krieg und die NS-Verfolgung überlebt. Er war ein Klassenkamerad von Werner Stiehr. Das ist aber keine
Ehrenrettung dieses Fanatikers, im Gegenteil: alle übrigen Juden sind in gemeinster Weise verfolgt worden, darauf hatte Jean bei
seinem Klassenkameraden keinen Einfluß. Er wurde hier „Kreis-Stierleiter" genannt. Beide Parteibosse wurden von anderen
unterstützt, z.B. von Studienrat Dr. Franz Eichstädt oder Gustav Sach, weiter von Studienrat Dr. Rudolf gen. „Noske" König, der oft
in Uniform in die Schule kam. Oder vom Bürgermeister Koch. Es ist hier nicht der Ort, die Wirksamkeit dieser Parteigenossen im
einzelnen darzustellen. Ich möchte aber zeigen, daß die Landeskirche und meine Vaterstadt kein Hort gegen die judenfeindliche Politik des Dritten Reiches war, und Segeberg keine
Insel der Seligen.
Persönliche Schlußbemerkung:
Jeder junge oder ältere Leser kann überprüfen, ob die vorstehenden Ausführungen stimmen: in der einschlägigen
Literatur, in Jahrbüchern, Protokollen, Zeitungsberichten usw. usw. Eines habe ich den heute unter 70jährigen ungewollt voraus: die
meisten namentlich genannten Akteure-Pastoren, Pröpste, Bischöfe, NS-Führer, Lehrer - habe ich nicht nur in Büchern, Dokumenten und Bibliotheken theoretisch studiert, sondern
persönlich gekannt und erlebt.
Der vorstehende Beitrag basiert primär auf Band 6/1 der Schleswig
-Holsteinischen Kirchengeschichte, erschienen bei Wachholtz / Neumümster 1988, Andere Quellen sind im Text genannt.