Schulchronik
Föhrden – Barl
Anmerkung Schadendorf 1999: Schulchronik mit dem Charakter
einer Dorfchronik.
Inhalt der Chronik:
I.
Gegenwartschronik:
S. 1 - 43
S. 50 - 100
S. 122 - 136
(Straßenbau)
S. 234 - 238
(Schule)
S. 272 - 287
sowie drei zusätzlich eingefügte Blätter
Bevölkerungsbewegung
S. 44 - 49
Statistischer Anhang
Volkszählung
d.Gemeinde:
S. 101 - 103
II.
Vergangenheitschronik:
S. 110 - 121 (I)
S. 137 - 186 (II)
A Quellen und Literatur zur Schul- und
Dorfchronik
S. 111
B Beiträge und Nachträge zur
Schulgeschichte
S. 117
C Beiträge und Nachträge zur
Ortsgeschichte
S. 137
III.
Volkskundliches
S. 187 - 188 (III)
IV. Die
Dorfmark:
S. 229 - 233
Dorf-, Straßen- und Flurnamen, Überreste,
Inschriften, Dorf- und Hausanlage, Hünengräber
V. Alte Familien des
Dorfes:
S. 239 - 264 S. 271
VI.
Ergänzungsblätter:
S. 265 - 270
Leerseiten:
S. 104 - 109
S. 191 - 228
Fehlseiten:
S. 189 - 190
=====================================================================================
Reihenfolge der Übertragung: S. 1-100, 122-136,
272-273, 234-238,
274-287,
zusätzliche Blätter, 101-103, 110-121, 137-188,
229-233,
239-270.
=====================================================================================
Anmerkungen zum Text sowie Original-Seitenzahlen sind
in eckigen
Klammern angegeben []
[1] Gegenwartschronik:
Von der Demokratie zum National-Sozialismus
Die Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919
zeigen, wie überall
in Deutschland, in unserer kleinen, kaum 200 Seelen zählenden
Gemeinde
eine politische Einstellung der Wähler, die bisher in unserer rein
ländlichen Bevölkerung nicht bemerkbar gewesen war: 29
Stimmen,
also annähernd 25%, wurden für die Sozialdemokratie
abgegeben.
Die Landwirtschaft hat unter der Geldentwertung bisher noch
weniger
zu leiden gehabt. Mancher Bauer fühlt sich infolge der
Kriegsgewinne
sogar noch wohlhabend und glaubt, daß diese Gewinne einzig durch
eine Demokratie, die das Wohlwollen der Feindmächte sucht, ja,
scheinbar
schon gefunden hat, sichergestellt wurden. Schon die Wahlen im Februar
1921, bei denen die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen auf 18
zurückgeht,
zeigen eine starke politische Ernüchterung; denn jedem
Einsichtigen
ist klargeworden, daß die ungeheuren Lasten und Steuern für
die Landwirtschaft auf die Dauer untragbar sind. Die Zahl der Parteien
steigt von der einen Wahl zur anderen und jede neugegründete
Partei
verspricht die ersehnte Rettung. Dieser Parteienzwist
überträgt
sich sogar auf unsere kleine Gemeinde, in der bei der Wahl zur
Gemeindevertretung
fünf Parteien um die Stimmen der Wähler werben. Die
jüdisch-liberalistische
Einstellung, daß Gold und Besitz der alleinige Wertmesser ist,
bricht
sich immer mehr Bahn, und daß einzig die Besitzenden, also Bauern
mit größerem Besitz, Anspruch auf eine nationale Gesinnung
erheben,
gilt als selbstverständlich. Doch durch die Ruhrbesetzung und die
Inflation wird mancher von seinem Wahn befreit. Mancher einsichtige
Volksgenosse
ballt die Faust und wünscht ein geeinigtes deutsches Volk. Die
Idee,
"Es kann dem Einzelnen nur gutgehen, wenn die breite Masse des Volkes
zahlungsfähig
ist, d.h. wenn es allen gut geht", beginnt sich im Volke zu regen.
Dieser
Gedanke kommt in der "Ruhrspende" und durch die Aufnahme notleidender
Ruhrkinder
in unserer Gemeinde zum Ausdruck. Mancher verwünscht die Parteien,
die alle viel versprechen, aber sich zu keiner Handlung aufschwingen
können.
Ganz Deutschland wartet auf den starken Mann, der [2]
das deutsche Volk einigt und einer besseren Zukunft entgegenführt!
Die Ereignisse vom 9. November 1923 in München werden
von manchem
national denkenden Einwohner als "heldenhaft" empfunden, geraten
allerdings
bald wieder in Vergessenheit.
Der Bauernstand ist bisher von den Geldinstituten
unabhängig gewesen.
Um die Wirtschaft zu heben, wurden 1924 Kredite für Schweinemast
und
Viehgräsung zu einem Zinsfuß von 30 - 40% p.A. angeboten. Da
die Landwirtschaft in diesen Jahren infolge der auftretenden
Schweinepest
und Maul- und Klauenseuche vollständig unrentabel ist, muß
mancher
fleißige Bauer seinen Besitz belasten. Vom Staat werden 12%
Goldpfandbriefe,
deren Kurs jedoch auf recht bald auf 80, ja 60% des Nennwertes sinkt,
für
die Landwirtschaft herausgegeben. Die Verschuldung nimmt mit
Riesenschritten
zu. So wird der nicht freie Bauer ein Knecht des jüdischen
Kapitals.
Der Grund und Boden, einst das heiligste Gut seiner Ahnen, wird immer
mehr
Handelsware, die, wie Gold, ihren Besitzer von Tag zu Tag wechselt.
Wohl
machen sich von Zeit zu Zeit Scheinkonjunkturen bemerkbar, doch im
allgemeinen
wird die Zeit von Monat zu Monat schlechter. Die Arbeitslosigkeit nimmt
rapide zu und macht sich sogar in unserem Dorfe bemerkbar. Knechte und
"Mägde", die früher während des ganzen Jahres in Dienst
genommen wurden, werden nicht selten während der Wintermonate
entlassen
und beziehen Arbeitslosenunterstützung. Bauern werden die Zeiten
immer
trostloser. Da sie in unserer Gegend besonders auf Milchwirtschaft,
Schweinemast
und Viehgräsung angewiesen sind, geht die Wirtschaft sprungweise
abwärts.
Die Milchpreise sinken in kurzer Zeit von 15 auf acht Pfennig je Liter,
die Schweinepreise von 70 RM auf 30 RM je Zentner. Die Kartoffeln sind
wegen scheinbarer Überproduktion und Mangel an Kaufkraft kaum
für
eine RM je Zentner abzusetzen. Dabei steigt die Zahl der Arbeitslosen
von
Tag zu Tag und die Steuern und sozialen Lasten werden dauernd
erhöht.
Verschiedene Bauern beginnen damit, dem Staate die Zahlung der Steuern
zu verweigern.
[3] Um diese Zeit macht sich die N.S.-Bewegung auch in
unserer Gemeinde
zum ersten Mal bemerkbar. Die erste Versammlung der "Hitler-Bewegung"
wird
durch den Milchkontrolleur Struve aus Fitzbeck, dem jetzigen
Landesbauernführer,
Ende 1930 in Blöckers Gastwirtschaft abgehalten, ohne daß
Mitglieder
geworben werden; denn die Bauern sind mißtrauisch geworden und
wollen
von einer neuen Partei nichts wissen. Doch schon ein Werbeabend am
1.2.1931
in der Gastwirtschaft von P. Steenbock, geleitet von Reese und Fischer
aus Stellau-Wrist und unter Anwesenheit des S.A.-Truppführers
Bracker
aus Weddelbrook und sechs S.A.-Leuten, bringt den ersten Erfolg: A.
Feil,
B. Feil, Johs. Lohse, Hans Schnack und Jul. Kröger treten der
Partei
bei und bis 1.6.1932 erhöht sich die Zahl der Mitglieder auf 15.
Die
N.S.D.A.P Föhrden Barl wird der Ortsgruppe Stellau-Wrist
angegliedert.
In den wiederholten Wahlen tritt deutlich in Erscheinung,
daß
die Tage der Sozi-Regierung gezählt sind, die Stimmenzahl der
N.S.D.A.P.
wächst unaufhörlich. Den Tag der Umwälzung am 30.1.1933,
an dem der Reichspräsident Feldmarschall Hindenburg sich
entschließt,
Hitler die Regierungsgewalt zu überlassen, erlebt jeder begeistert
und innerlich befriedigt am Lautsprecher mit. Bei der Reichstagswahl am
5.3.1933 werden in unserer Gemeinde von 130 Stimmberechtigten 113
Stimmen
für die N.S.D.A.P. und neun Stimmen für
"Schwarz-weiß-rot"
abgegeben. Wahlbeteiligung 98%. Der Tag von Potsdam wird in Schule und
Gemeinde würdig gefeiert. Von allen Häusern flattern die
Fahnen!
Bald nach der Machtübernahme wird, um die Interessen
der Gemeinde
im Kreise besser vertreten zu können, Föhrden Barl ein
selbständiger
Stützpunkt des Kreises Segeberg und auch die S.A. wird dem Sturm
in
Hitzhusen unterstellt. Am 1.3.1933 wird Bernh. Feil zum
Stützpunktleiter
und Albert Feil zum Ortsbauernführer ernannt. Der bisherige
Gemeindevorsteher
wird bis auf weiteres als Bürgermeister bestätigt. Am
1.5.1935
stellt Pg. [Parteigenosse] B. Feil seinen Posten als
Stützpunktleiter
zur Verfügung und an seine Stelle tritt Pg. Gustav Blunck, Wilh.
Mohr
wird Ortsgruppenamtsleiter der N.S.V. Am 1.7.1936 wird Alb. Feil zum
Bürgermeister,
Hs. Rühmann zum Kassenleiter und Johs. Lohse zum
Ortsbauernführer
ernannt. Seit Gründung der Ortsgruppe werden alljährlich das
S.A.-Ringreiter- und das Erntedankfest als Volksfeste abgehalten. Am
15.5.1938
gründet Frau Hagelstein die N.S.-Frauenschaft, die nach ihrem
Wegzug
(1.4.1939) von Frau Tonder geleitet wird.
[4] Der Landwirtschaft wird geholfen. 30.1.1933.
Nach der Machtübernahme am 30.1.1933 galt es nun,
scheinbar unüberwindbare
Aufgaben zu lösen.
Die Arbeitslosigkeit innerhalb unserer rein bäuerlichen
Gemeinde
ist schnell beseitigt. Durch die Regierung werden nun Festpreise
für
landwirtschaftliche Produkte und ebenso Grundlöhne für die
Arbeiter
eingeführt. Die Preise für Roggen - Zentner acht Mark - und
Milch
- neun Pfennig je Liter - erweisen sich bald zu niedrig und müssen
im Laufe der Zeit mehrfach erhöht werden. Die Preise für
Kunstdünger
werden durch Hermann Göring um 30% gesenkt. Um die
Bautätigkeit
zu beleben, zahlt der Staat zu den Reparaturkosten und Kosten eines
Umbaues
40% Zuschuß, wovon z.B. Johannes Harbeck bei Neubedachung seiner
Häuser und Heinrich Schnack und Gebrüder Thies beim Ausbau
ihrer
Wohnhäuser Gebrauch machen. Auch zur Neubeschaffung
landwirtschaftlicher
Maschinen und dem Bau von Jauchegruben und Dungstätten zahlt der
Staat
Zuschüsse. Um aus den Ländereien Höchsterträge
herauszuholen,
wird die Weideeinteilung, der Umbruch von Wiesen und Weiden mit
schlechten
Gräsern, die Drainierung der Äcker und Wiesen angeregt und
durch
hohe staatliche Zuschüsse gesichert. Zur Hebung der
Milchwirtschaft
werden die Meiereien vergrößert und modern eingerichtet, die
Milchkontrolle durchgeführt und auf Züchtung von hochwertigem
Zuchtvieh staatlicherseits eingewirkt. Um die Fleischversorgung der
Bevölkerung
sicherzustellen, werden sogenannte Schweinemastverträge
abgeschlossen.
Der Staat liefert acht Zentner Korn, je Zentner ca. 8,50 RM und zahlt
später
für Fettschweine 56 Mark je Zentner. Es würde zu weit
führen,
auf alles einzugehen, um zu zeigen, wie unsere Regierung alles tut, um
die Volksernährung zu sichern und um den Bauernstand zu heben.
Um viele Bauern, die vor dem finanziellen Zusammenbruch
stehen, vor
dem Zusammenbruch zu retten, werden die überschuldeten
Bauernhöfe
unter staatlichen Schutz gestellt und später umgeschuldet, so
daß
jeder Bauer in die Lage versetzt wird, die auf seinem Besitz ruhenden
Steuern
und Lasten zu tragen. In unserer Gemeinde erfolgt Umschuldung bei
folgenden
Bauern: August Johannsen, Rudolf Fölster (Kätner), Witwe Dora
Fölster (Katenstelle 4 1/2 ha), Bernhard Feil und Hans und
Johannes
Rühmann. Sämtliche Bauernhöfe werden zu Erbhöfen
erklärt,
dürfen als solche nicht weiter belastet werden, gehen ungeteilt
auf
den Hoferben über und bleiben so der Familie für ewige Zeiten
erhalten. Zum Ortsbauernführer wird Albert Feil, nach dessen
Rücktritt
1937, Johannes Lohse ernannt, den der Ortsgruppenleiter während
des
Krieges 1939/40 vertritt.
[5] Während dieser Zeit hat der Bauernführer in
Vertretung,
Pg. Blunck, oft schwere und unangenehme Aufgaben zu erledigen, die er
jedoch
stets gern und ohne Beeinflussung ausführt. Die Arbeitskräfte
müssen gerecht verteilt, die verwaisten Bauernhöfe verwaltet
und die zugeteilten Futtermittel verteilt werden.
Mehrere Volksdeutsche aus Jugoslawien finden seit 1938 in
unserer Gemeinde
Beschäftigung. Sie haben sich schnell an die hiesigen
Verhältnisse
gewöhnt und gelten als fleißige und willige Mitarbeiter.
Nach
der Niederwerfung Polens werden bei den Bauern zehn junge Volksdeutsche
untergebracht, die jahrelang arbeitslos waren und sich daher schwer an
die Landarbeit gewöhnen konnten. Die meisten von ihnen - bis auf
vier
- kehrten recht bald in ihre Heimat zurück.
Im August 1940 finden, wie einst im Weltkriege, 20
französische
Kriegsgefangene, die in Johannes Lohse's Kate Unterkunft gefunden haben
und bei ihren Arbeitgebern das Essen einnehmen, in unserer Gemeinde
Arbeit.
Sie werden von zwei älteren Wachleuten beaufsichtigt. Obgleich
viele
Kriegsgefangene von der Landwirtschaft nichts verstehen, sind die
Bauern
bisher im allgemeinen mit ihren Leistungen zufrieden. Sie gelten als
willige
und fleißige Arbeiter. (Lohn 80 Pfennig je Tag.)
In der Verwaltung des Dorfes ist seit der
Machtübernahme
das Führerprinzip gewährleistet. Dem
Bürgermeister,
der auf Vorschlag der N.S.D.A.P. vom Landrat ernannt wird, steht der Gemeinderat
zur Seite. Dieser hat, wie der Name schon sagt, zu beraten, zu
entscheiden
hat einzig der Bürgermeister, der auch allein die Verantwortung
trägt.
Da der ehemalige Bürgermeister W. Runge kein
Parteigenosse ist,
tritt 1937 Pg. Albert Feil an seine Stelle. Zu Mitgliedern des
Gemeinderates
werden der Ortsgruppenleiter Pg. Bernhard Feil - seit 1935 Pg. Blunck
-,
Pg. Hans Rühmann (Kassenleiter), Johannes Lohse
(Ortsbauernführer),
Pg. Johannes Karstens, Pg. Hermann Blöcker u. Vg. [Volksgenosse]
Heinrich
Harbeck ernannt.
Seit 1933 hat die Gemeinde eine "freiwillige Feuerwehr", der fast alle
Bauern und jüngeren Leute angehören und die seit Bestehen
durch
den Löschzugführer Pg. G. Blunck vorbildlich geführt
wird.
Die Wege- und Verkehrsverhältnisse wurden weiter ausgebaut.
Mancher ältere Volksgenosse konnte oder wollte die jetzige Zeit
nicht verstehen. [6] Er kann es nicht begreifen, daß er mit
seinen
liberalen, demokratischen oder konservativen Ideen nun plötzlich
von
der Führung abtreten soll, um wenig begüterten jungen
Volksgenossen
Platz zu machen und ist der Meinung, daß dieser
nationalsozialistischen
Revolution recht bald eine andere folgen werde. Leider sah sich die
Geheime
Staatspolizei sogar genötigt, in einem Falle (Bauer Heinrich
Reimers)
einzugreifen. (9 [evtl. 4?] Monate Gefängnis). Doch
allmählich
kommen, wie es die Spenden zum deutschen Roten Kreuz und zum
Winterhilfswerk
zeigen, auch die Alten zu der Einsicht: Es ist doch Vieles besser
geworden!
"Gleiches Blut gehört in ein Reich!"
Wir wollen Gott danken, daß es uns vergönnt ist,
die größten
geschichtlichen Ereignisse aller Zeiten, die Schaffung des
"Großdeutschen
Reiches" durch unseren Führer mitzuerleben. Nachdem dieser mit
starker
Hand die inneren Verhältnisse des Reiches geregelt und ein
schnelles
Aufblühen der Wirtschaft herbeigeführt hat, versucht er durch
geschickte Verhandlungen die unterjochten Auslandsdeutschen ins Reich
zurückzuführen.
Dies gelingt ihm durch die Rückkehr des Saargebietes.
Das Ergebnis der Volksabstimmung im Saargebiet am 13. Januar
1935 wird
am 15. Januar 1935 durch den Kommissar des Völkerbundes über
alle Sender der Welt bekanntgegeben. Die Schüler haben sich in
höchster
Spannung um den Lautsprecher versammelt. Die Freude und Begeisterung im
Saarland nimmt von Minute zu Minute zu. Die Erwartungen sollen noch bei
weitem übertroffen werden.: 90,5% der Gesamtbevölkerung haben
für den Anschluß an Deutschland gestimmt. Wir vernehmen mit
Rührung, wie Gauleiter Bürckel dem Führer Meldung
erstattet
und wie dieser den Deutschen an der Saar durch den Lautsprecher mit
warmen
Worten seinen Dank ausspricht. Nach kurzer Schulfeier, in der ich
über
das Thema: "Gleiches Blut gehört in ein Reich" spreche, wurden die
Schüler entlassen. Das Dorf zeigt reichen Flaggenschmuck.
Am 1. März erfolgt dann die feierliche Rückgabe
des Saargebietes
durch den Völkerbund. So weit Deutsche auf der Erde wohnen, wird
dieser
Tag festlich begangen. Wieder sind meine Schüler mit mir um den
Lautsprecher
versammelt, um die Übertragung des Festaktes in Saarbrücken
zu
hören. Am Abend wird durch die S.A. auf dem Wrister Kamp ein
Freudenfeuer
abgebrannt. Lehrer Mohr holt die Feuerwehr: "Die Saar kehrt heim!" [7]
Mit dem Liede "Deutsch ist die Saar" endet die Feier.
Freiwillige (meine ehemaligen Schüler) treten
in die
Wehrmacht ein!
Es ist dem Volke kein Geheimnis mehr geblieben, daß in
aller Stille
gearbeitet wird, Deutschland wieder "wehrhaft" zu machen, um die Ketten
des Schmachvertrages von Versailles zu zerbrechen. In Neumünster
entstehen
mächtige Kasernen, auf dem Lockstedter Lager werden große,
mächtige,
unterirdische Bauten, "Kartoffelkeller", aufgeführt, die Zahl der
Freiwilligen, die für ein Jahr verpflichtet werden - darunter
besonders
viele Studenten - nimmt immer mehr zu. Aus unserem kleinen Dorf mit
rund
200 Einwohnern dienen z.Zt. sechs ehemalige Schüler als
Freiwillige:
Kurt Mohr, Walter Behnke, Ernst Kröger, Hinrich Kröger, Otto
Schnack und Ernst Kock - zwei als Berufssoldaten: Hans Kock und
Heinrich
Kock - und drei bei der Polizei: Hans Blunck, Fritz Fölster und
Julius
Kröger.
Da unsere ehemaligen Feinde, insbesondere Frankreich und
England, trotz
feierlichen Versprechens nicht daran denken, abzurüsten,
erklärt
der Führer gelegentlich der Heldenehrung am 17. März 1935 vor
dem Reichstag die Einführung der "allgemeinen Dienstpflicht".
Diese heroische Tat des Führers wird im ganzen
deutschen Volke
mit inniger Freude begrüßt. In feierlichem Zuge bewegen sich
die Bewohner unseres Dorfes zum Kriegerdenkmal 1914/18, um durch
Kranzniederlegung
die Gefallenen des Weltkrieges zu ehren. Die Gemeinde flaggt halbmast.
Der historische 7. März 1936, den wir geschlossen am
Lautsprecher
miterleben, ist ein Tag von außenpolitischem Ereignis ersten
Ranges.
Vor dem Reichstag verkündet der Führer die Besetzung des
Rheinlandes,
wodurch der letzte noch fehlende Akt zur vollen deutschen Wehrhoheit
wieder
errungen ist. Der Reichstag wird aufgelöst, und am 29.
März
tritt die Nation geschlossen an die Wahlurne, um ihre Pflicht
zu
tun und den Führer zu bestärken in seinem Kampf für
Ehre,
Freiheit und Frieden der deutschen Nation. In unserer Gemeinde findet
die
Wahl, wie in früheren Jahren, in der Schule statt und kann, da
bereits
nachmittags drei Uhr sämtliche Wähler ihre Stimmen abgegeben
haben, vorzeitig abgeschlossen werden. Das Ergebnis der Wahl zeigt
wieder
einmal, daß das ganze deutsche Volk (98,8%) geschlossen hinter
seinem
Führer steht. In unserem Dorfe werden acht Stimmen mit Nein
gezählt
(95% "Ja"-Stimmen), worüber mancher recht verärgert ist.
[8] Während meines Aufenthaltes
in der Ostmark
im Jahre 1929 hatte ich die Österreicher als gute Deutsche
kennengelernt.
Sie hatten damals nur den einen Wunsch: "Wir wollen heim ins Reich!"
Dieses
Bestreben machte sich ganz besonders in Steiermark und Tirol, wo wir
"Reichsdeutschen"
mit einem Sturm der Begeisterung empfangen wurden, bemerkbar. Doch der
Feindbund und die katholische österreichische Regierung versuchten
mit allen Mitteln, den Anschluß ans Reich zu unterbinden.
1936 nahm ich als "politischer Leiter" unserer Ortsgruppe am
Reichsparteitag
in Nürnberg teil. Ich erlebte Tage der Begeisterung, die nicht zu
beschreiben sind. Den österreichischen Nationalsozialisten war von
ihrer Regierung die Teilnahme am Parteitage verboten; aber trotzdem
hatten
sich bei Nacht und Nebel einige Formationen über die Grenze
geschlichen,
um den Führer zu sehen und begrüßen zu können. Die
Ostmärker, die mit ungeheurem Jubel empfangen wurden, schilderten
uns die Not und das Elend ihrer Heimat und die Drangsalierung ihrer
Gesinnungsgenossen
in Österreich. Jeder von ihnen glaubte mit voller Zuversicht: Der
Führer wird uns bald heimholen und die Kerker öffnen!
1937 verlebe ich mit vielen "Kraft durch Freude"-reisenden
Volksgenossen
an der österreichischen Grenze (Freilassing). Viele
Flüchtlinge
suchten schon damals Schutz im Deutschen Reich und wurden
militärisch
(z.B. auf dem Lockstedter Lager) ausgebildet. Die Grenze wurde von
österreichischen
Grenzaufsehern aufs Strengste überwacht. Die Spannung war schon
damals
auf das Höchste gestiegen. Um Blutvergießen zu vermeiden,
verhandelt
der Führer noch einmal mit der österreichischen Regierung,
die
scheinbar einzulenken gedenkt.
Am Abend des 12. März 1938 sitze ich wieder am
Lautsprecher. Nach
Beendigung des Nachrichtendienstes wird bekanntgegeben, daß noch
wichtige Meldungen folgen werden. Daß die politischen
Vorgänge
in Österreich sich wegen der "Volksabstimmung" immer mehr
zugespitzt
haben, ist mir durch die Presse hinreichend bekannt. Wird sich der
Führer
die Herausforderung des österreichischen Bundeskanzlers gefallen
lassen?
Von diesem Alpdruck werde ich erlöst; denn der
Lautsprecher gibt
bekannt, daß der Bundeskanzler Schuschnigg, um
Blutvergießen
zu vermeiden, beschlossen hat, zurückzutreten und daß der
Nationalsozialist
Seiß Inquart die Regierungsgeschäfte übernommen hat.
Die
neue österreichische Regierung wendet sich nun, um Ruhe und
Ordnung
zu gewährleisten, um Schutz an den Führer, der Waffenhilfe
zusagt.
[9] Die Ostmark wird ans Altreich angegliedert!
Bereits am Morgen des 13. März 1938 prangt die Gemeinde
im reichen
Flaggenschmuck. Deutsche Truppen marschieren! Der Führer, von den
Ostmärkern mit noch nie dagewesenem Jubel begrüßt,
hält
seinen Siegeszug durch seine Heimat! Wohl selten sind unsere sonst so
zurückhaltenden
Bauern von den sich überstürzenden Nachrichten so
mitgerissen,
wie in diesen Tagen! Wie leuchten die Augen der Kinder, wenn der
Führer
zum Volke spricht, wenn die Ostmark, das jüngste deutsche
Bollwerk,
in nicht endenwollender Begeisterung dem Führer zujubelt. Das
österreichische
Volk hat durch seine dem Führer entgegengebrachte Begeisterung
bereits
bewiesen, daß es stets deutsch gewesen ist.
Am 15. März findet eine Schulfeier statt. Der Lehrer
spricht über
das Thema: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!"
Am 10. April findet in dem nunmehr "Großdeutschen
Reich" eine
Volksabstimmung und gleichzeitig die Neuwahl zum deutschen Reichstage
statt.
Der Stimmzettel enthält die Frage: "Stimmst du für den
Anschluß
Deutsch-Österreichs an das Deutsche Reich und für die Liste
deines
Führers Adolf Hitler?" In unserer Gemeinde wohnen 117
Wahlberechtigte
(Vollendetes 20. Lebensjahr), von denen sechs mit "Nein" und 117 mit
"Ja"
stimmen. Sechs auswärtige Wähler wählten durch
Stimmschein.
Anläßlich des überwältigenden Wahlerfolges wird
Flaggenhissung
vom 10. - 13. April angeordnet.
Das Sudetenland kehrt heim. Die Tschechei wird deutsches
Protektorat.
In banger Erwartung erlebt unsere Gemeinde die letzten Tage
des Monats
September. Ein neuer Weltkrieg scheint vor der Tür zu stehen!
Wohin
man auch kommt, überall herrscht eine schwüle, jedoch ernste
und zuversichtliche Stimmung. Jedem ist bewußt: Die deutschen
Truppen
werden marschieren, um die bedrängten Brüder zu erlösen,
um ein uns angetanes Unrecht wieder gutzumachen. Reservisten sind auf
unbestimmte
Zeit zu Übungen eingezogen, die Gemeinde stellt 15 Pferde mit
mehreren
Wagen, die älteren Bauern: Heinrich Schnack, Johs. und Heinrich
Harbeck,
Hugo Schwartzkopff und Hinrich Schuldt nach Neumünster zu den
einzelnen
Truppenteilen zu befördern. Der 29. September, der "Tag von
München",
rettet den Frieden! Am 1. Oktober rücken die deutschen Truppen,
darunter
einige ehemalige Schüler: die Unteroffiziere und Wachtmeister Kurt
Mohr, Walter Behnke, Hans und Ernst Kock, außerdem die Gefreiten
Ernst Harbeck und Otto Schnack - als Angehörige der 20.
motorisierten
Division - unter dem Jubel der befreiten Bevölkerung über die
Grenze.
[10] "Am 3.10.1938 hielten wir
unseren Einzug ins
Sudetenland und haben nunmehr unser erstes Quartier (Bunaburg,
Tetschen.
Bodenbach) bezogen. Ihr könnt Euch keine Vorstellung machen,
welche
Begeisterung hier herrscht und mit welchem Jubel wir empfangen wurden!
Ich kann es nicht verstehen, daß dies nunmehr befreite Gebiet, in
dem nur Deutsche wohnen, nicht zu Deutschland gehören soll! Als
wir
einmarschierten, wurden wir von einem Blumenmeer überflutet, die
Straßen
bildeten einen Blumenteppich! Die Begeisterung der Bevölkerung,
dazu
die wunderbare Landschaft, kann ich nicht mit Worten schildern u.s.w.",
so schreibt der Unteroffizier Mohr, mein Sohn, über dieses
unvergeßliche
Ereignis.
Um die Not der befreiten Brüder zu lindern, finden
durch die N.S.V.
Sammlungen in unserer Ortsgruppe statt, die nie dagewesene Resultate
zeigen.
Durch diese Spenden scheint das deutsche Volk dem Führer eine
kleine
Dankesschuld abtragen zu wollen.
Da die politische Spannung nicht nachläßt, wird
die N.S.V.
im Dezember 1938 beauftragt, alle Bewohner der Gemeinde zwecks
Beschaffung
von Gasmasken zu erfassen. Nach der Haushalts-Statistik vom 31.
Dezember
1938 zählt unsere Gemeinde: 38 Hausstände mit 99
männlichen
und 93 weiblichen Personen, die sich wie folgt nach Altersstufen
verteilen:
männl.: bis 6 Jahre - 11 Personen; 6-18 Jahre - 24
Pers.; 18-45
Jahre - 40 Pers.; über 45 Jahre - 22 Personen.
weibl.: bis 6 Jahre - 13 Personen; 6-18 Jahre - 20 Pers.;
18-45 Jahre
- 39 Pers.; über 45 Jahre - 19 Personen.
Der Blitzkrieg gegen Polen.
Im Laufe des Sommers 1939 - die Tschechei ist am 1.3.1939
nach Besetzung
durch deutsche Truppen "Protektorat des Deutschen Reiches" geworden -
nimmt
die Unterdrückung der Volksdeutschen in Polen von Tag zu Tag zu.
Deutsche
Geschäfte werden geschlossen, furchtbare Qualen hat die deutsche
Bevölkerung
zu erdulden, ein Flüchtlingsstrom setzt sich über die
Reichsgrenze
in Bewegung. Diesen Zuständen kann die deutsche Reichsregierung
nicht
länger untätig zusehen. Seite 265.
Auch an unserer Gemeinde gehen die Kriegsereignisse nicht
spurlos vorüber.
Trotz der Kriegserklärung der Großmächte Frankreich und
England und der drohenden Luftangriffe werden keine Gasmasken an die
Bevölkerung
verteilt, doch wird eine sofortige allgemeine Verdunkelung angeordnet,
die seitens der Bewohner strenge befolgt wird. An geschützt
gelegenen
Stellen unseres Dorfes werden Luftschutzgräben ausgeworfen, in
denen
die Einwohner bei Fliegerangriffen Zuflucht finden können. Der
Schulbetrieb
wird auf Anordnung wegen der dringenden Erntearbeiten bis auf weiteres
geschlossen. Bereits Ende August hat die Gemeinde der
Militärbehörde
neun Pferde [11] und sechs Bauwagen zur
Verfügung
zu stellen. Für Pferde werden 900 - 1.400 RM, für Wagen 500 -
600 RM vergütet. Eine allgemeine Mobilmachung, die man erwartete,
erfolgte nicht, vielmehr werden die Wehrpflichtigen nach und nach zu
ihren
Truppenteilen einberufen: Otto Schnack, Hans Studt, Ernst Studt -
Brüder
-, Hugo Steenbock, Johannes Lohse, Erhard Plambeck, Sahling - Knecht
bei
Johs. Harbeck -, Kaim - bei Gebr. Schnack - und Hans Blunck. Ernst
Harbeck
zieht ebenfalls mit seinem Truppenteil gen Osten und ebenso die
Längerdienenden:
Kurt Mohr, Walter Behnke, Heinrich Behnke, Hans Kock, Heinrich Kock,
Ernst
Kock (drei Brüder), Ernst Kröger, Hinrich Kröger, Wilh.
Kröger (Brüder).
Um eine gerechte Verteilung der Lebensmittel und Kleidung
herbeizuführen,
wird das Kartensystem eingeführt. Die Zuteilung ist nicht zu
reichlich,
doch immerhin hinreichend. Jeder Volksgenosse erklärt sich gerne
mit
diesem fürsorglichen Eingriff der Regierung einverstanden; denn
mancher
hat die trostlose Zeit des Weltkrieges in Erinnerung, in der stets
sämtliche
Maßnahmen zu spät kamen. Jeder ist erbost auf England, das
dieses
Blutvergießen verschuldet hat.
Täglich überfliegen deutsche Flugzeuge unser Dorf,
oft in
Ketten, zuweilen sogar in ganzen Geschwadern. Feindliche Flieger kommen
zuweilen während der Nacht, um Flugblätter aus schwindelnder
Höhe abzuwerfen. Auf die Bevölkerung, die fest von der
gerechten
Sache des Führers überzeugt ist, kann der lächerliche
Inhalt
dieser Zettel keinen Einfluß ausüben. Jeder geht seiner
Arbeit
nach und tut mehr denn je seine Pflicht und Schuldigkeit. Erwähnen
muß ich den Einsatz unserer Jugend, die bei der Ernte und
insbesondere
bei Einbringung der Hackfrüchte Vorbildliches geleistet hat. Unter
der Bevölkerung herrscht nicht die äußere Begeisterung
wie bei Ausbruch des Weltkrieges 1914, vielmehr geht jeder still und
ernst
seiner Arbeit nach - doch im Ganzen ruht das volle Vertrauen zum
Führer
und der Glaube an den Sieg! "Siegen kann nur einer, und das sind wir!"
Die Dankbarkeit der Bevölkerung kommt durch
außergewöhnliche
Geldspenden zum Winterhilfswerk 1939/40 zum Ausdruck. 106
Konservendosen,
gefüllt mit Obst und Gemüse, 40 gefüllte Einpfunddosen
mit
Fleisch und Wurst und 35 Pfund Backobst werden der Kreisamtsleitung
Segeberg
für Kriegslazarette zur Verfügung gestellt. Eine
Kleidersammlung,
die im Vorjahr erfolgreich durchgeführt wurde, kann nicht
abgehalten
werden, da jeder auf die knappe Zuteilung seiner Kleiderkarte
angewiesen
ist und seine abgetragene Kleidung daher nicht entbehren kann. Mit
Einwilligung
des Bürgermeisters werden auf Veranlassung der Kreisleitung der
N.S.D.A.P.
den Lazaretten aus der Schülerbibliothek die Bücher zur
Verfügung
gestellt.
[12] Stündlich laufen nun
Siegesmeldungen
ein, die mit stiller Freude und inniger Begeisterung vom Volke
aufgenommen
werden. Jeder, aber ganz besonders die Jugend, ist stolz auf den
heldenmütigen
Einsatz der deutschen Flieger-, Panzer- und motorisierten Truppen,
unter
denen auch Söhne unserer Gemeinde kämpfen. Mit Abscheu
vernehmen
wir die Greueltaten und Morde, die die Polen an Volksdeutschen begangen
und dadurch bewiesen haben, daß der Staat Polen keine
Existenzberechtigung
unter den zivilisierten Völkern beanspruchen kann.
Allgemeine Freude und Genugtuung herrscht über den
Abschluß
des Abkommens mit Rußland. Keiner kann diesen
außenpolitischen
Erfolg der Regierung fassen - verstehen und begrüßen tut ihn
jeder!
In kaum drei Wochen ist der Blitzkrieg in Polen beendet. Vor
allen Häusern
flattern acht Tage lang die Siegesfahnen. Daß dieser Krieg auf
unserer
Seite so geringe Opfer gefordert hat, ist kaum zu verstehen. Aus
unserem
Dorfe ist trotz der starken Beteiligung keiner gefallen noch verwundet.
Bereits Mitte Oktober sind unsere Polenkrieger in der Heimat auf Urlaub
und berichten von ihren Erlebnissen. (S. 265 - 269.)
"Ich hatt' einen Kameraden!"
Die Angehörigen der Gemeinde waren
überglücklich, daß
der uns aufgezwungene Krieg bisher keine Opfer aus unserem Dorfe
forderte.
Da überraschte uns alle die traurige Nachricht, daß durch
einen
schweren Unglücksfall am 31.3.1940 der Unteroffizier Otto Schnack,
geb. 18.12.1913, jüngster Sohn des Erbhofbauern Heinrich Schnack,
den Reitertod gefunden hatte. Er war stets ein guter Kamerad, ein
schneidiger
und vorbildlicher Soldat und ein langjähriger Kämpfer der
Bewegung.
Nachdem die Leiche von Verden a./A. überführt worden war,
fand
sie auf dem Friedhof Bad Bramstedt, auf dem Erbbegräbnis der
Ahnen,
die letzte Ruhestätte.
Wohl selten hat unsere Gemeinde eine solche Trauerfeier
erlebt! Nach
kurzen, packenden Abschiedsworten des Pastors Redecke aus Stellau im
Elternhaus
bewegt sich der Leichenzug aus dem Dorfe. Der Sarg, geschmückt mit
der Reichskriegsflagge und dem Stahlhelm, steht auf dem einfachen, mit
frischem Tannengrün behangenen Bauernwagen, der von den
Lieblingspferden
des Dahingeschiedenen bespannt ist. Auf den vielen beschleiften
Kränzen
liest man die letzten Grüße des Reitersturmes in
Kellinghusen,
der N.S.D.A.P. [13] der Ortsgruppe Föhrden Barl, der Eltern und
Geschwister
und seiner nahen Anverwandten. Dem Leichenzug voran marschiert die
Freiwillige
Feuerwehr, zu beiden Seiten des Sarges schreiten die Träger: sechs
Kameraden des Reitersturmes - zur Hälfte in feldgrau - , und
hinter
dem Sarge folgen die schwergeprüften Eltern, eine Abordnung des
Truppenteils
mit zwei riesigen Kränzen, und viele Freunde, Verwandte und
Bekannte
geben dem Toten bis zum Ausgang des Dorfes das letzte Geleit.
Die eigentliche Leichenparade findet in Bad Bramstedt von
der Kirche
aus statt. Vor der Kirche haben eine 36 Mann starke Musikkapelle, eine
Abordnung des bramstedter Kyffhäuserbundes, Vertreter der
Amtsfeuerwehr
und Amtsbezirkes Weddelbrook, des Reitersturmes Kellinghusen, der S.A.
und der N.S.D.A.P. u.a. Aufstellung genommen. Nachdem die Leiche die
Kirche
verlassen hat, senken sich die Fahnen und dumpf und feierlich setzt die
Trauermusik ein. Zum Friedhof bewegt sich ein Trauerzug, wie ihn bisher
nur wenige gesehen haben. Durch ein Spalier wird der Sarg zur Gruft
getragen
und unter den Klängen des Liedes vom "guten Kameraden" der
heimatlichen
Erde übergeben. Drei Salven krachen über das Grab! Darauf
legen
die Formationen ihre Kränze nieder. Hauptsturmführer Nickel,
Bad Bramstedt, spricht zu Herzen gehende Abschiedsworte und schildert
den
Verstorbenen als guten Kameraden, als vorbildlichen Reiter und
Kämpfer
für Führer, Volk und Vaterland. Wir werden den teuren Toten,
der nunmehr in die Reihen Horst Wessels eingetreten ist, nie vergessen!
Noch lange verweilen wir in stiller Andacht am Grabe des allzu
früh
Dahingerafften.
Die Jugend unseres Dorfes verliert in dem Verstorbenen, der
noch vor
wenigen Jahren mein Schüler war und später als Freiwilliger
im
Reiterregiment in Schleswig und Parchim diente, ihren Reitlehrer, die
Eltern
ihren guten Sohn, der in Kürze den Erbhof übernehmen sollte,
die Partei ihren Mitkämpfer, die Feuerwehr und Wehrmacht einen
guten
Kameraden und mein Sohn seinen besten Freund!
Wir werden Dich, mein lieber Otto Schnack, nie
vergessen und
stets in Ehren halten!
Der Kriegswinter 1939/40 gehört wohl zu den
härtesten
seit vielen Jahren, und jeder, der diese Kälte miterlebt hat, wird
diese furchtbaren Wintermonate nicht vergessen! Wohl liegen unsere
tapferen
Soldaten in ihren Winterquartieren oder in den geschützten Bunkern
des Westwalles. Die Bevölkerung, die ihre Soldaten wie ihre Kinder
betreut, teilt alles mit ihnen: Freud und Leid. Urlauber erzählen
so gerne von der wirklichen Volksgemeinschaft, die zwischen ihnen und
ihren
Quartiergebern herrscht und wie sie das Weihnachtsfest gemeinsam
fristen.
[14]
Aber auch die Heimat gedenkt in Liebe und Dankbarkeit ihrer Soldaten.
Die
Post ist kaum in der Lage, die undenkbar vielen Pakete zu
befördern.
Der Gau, die Ortsgruppe der N.S.D.A.P., die Frauenschaft, die
Freiwillige
Feuerwehr, die Spar- und Darlehnskasse senden Liebesgabenpakete mit
herzlichen
Weihnachtsgrüßen aus der Heimat. Die vielen Dankschreiben
legen
Zeugnis ab von der regen Verbundenheit zwischen Front und
Dorfgemeinschaft!
Der Frost richtet große Schäden an: Die
Wintersaat friert
teilweise aus, in den Großstädten tritt ein Mangel an
Kartoffeln
ein, denn die Mieten dürfen wegen der Kälte nicht
geöffnet
werden, die Wasserstraßen sind monatelang zugefroren und die
Eisenbahn
ist nicht in der Lage, den Verkehr zu bewältigen, viele Heizungen
und Wasserleitungen sind beschädigt und können erst nach
Wochen
repariert werden, das Wild leidet schreckliche Not; denn der Schnee
liegt
wochenlang 1/2 m hoch, die Bramau ist drei Monate lang zugefroren,
worunter
die Wasservögel, die zu Tausenden zu uns gekommen sind, schwer zu
leiden haben, die Tauben kommen in die Gärten, um von dem Kohl zu
picken.
In vielen Haushaltungen geht die Feurung auf die Neige. Die
meisten
Schulen werden aus Mangel an Feurung geschlossen. Ich habe die Kinder
wochenlang
in meiner Wohnung unterrichtet. Erst Mitte März tritt Tauwetter
ein
und die ganze Menschheit atmet auf!
8.11. Um eine gerechte Verteilung der Lebensmittel und
Kleidung
für jeden Volksgenossen sicherzustellen, wird von der Regierung
sofort
das sogenannte Kartensystem eingeführt. Mit großer
Sorgfalt
werden die Karten monatlich vom Bürgermeister an die
Bevölkerung
ausgegeben. Jeder Volksgenosse kann auf seinen Karten wöchentlich
beziehen ca.: 500 g Fleisch, 250 g Fett, 2000 g Brot, 325 g Zucker und
monatlich werden geringe, doch ausreichende Mengen an Reis,
Grütze,
Kaffee, Tee und dergleichen verteilt. Schwerarbeiter erhalten
Zusatzkarten
und Reisende und Urlauber beziehen ihre Lebensmittel auf Reisemarken.
Einen
kleinen Vorteil hat der Gartenbesitzer und insbesondere der
Selbstversorger,
der nach Einholung einer Schlachtkarte oder eines Mahlscheines und
dergleichen
sich aus seinen Vorräten versorgt. Die Milch wird auf der Meierei
restlos verbuttert, und an die Bevölkerung darf nur "abgerahmte
Vollmilch"
abgegeben werden. Eine Ausnahme machen Kranke und kleine Kinder, denen
auf Milchkarten Vollmilch verabfolgt werden darf.
[15] Die Regierung hat den jetzigen
Krieg kommen
sehen und daher die Volksernährung rechtzeitig sichergestellt.
Sämtliche
leerstehende Läger, Schweineställe und Speicher wurden
bereits
vor drei bis vier Jahren zwecks Einlagerung von Getreide und Mais
beschlagnahmt.
In unserer Gemeinde lagerten in den Schweineställen der Bauern
Albert
Feil und Johannes Kröger größere Roggen- und
Maisvorräte.
Kleidung wird einzig auf Kleiderkarte verabfolgt.
Diese weist
150 Punkte auf und jedes Kleidungsstück hat einen bestimmten
Punktwert:
Anzug 80, Schürze 12, Hemd 20, Hose 28, Weste 10, Winterjoppe 60,
Wintermantel 120 Punkte u.s.w. Schuhe, Bett- und Tischwäsche
werden
einzig auf Bezugsscheine, die beim Bürgermeister anzufordern sind,
abgegeben. Kinderreiche Familien und landwirtschaftliche Arbeiter
werden
bei der Ausgabe von Bezugsscheinen von Stiefeln und Schuhen bevorzugt
behandelt.
Um den feindlichen Fliegern die Orientierung zu
erschweren,wird eine
allgemeine Verdunkelung von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang
angeordnet.
Die Durchführung stößt anfänglich auf große
Schwierigkeiten, da die Bevölkerung sie für lächerlich
hält.
Nach Abhaltung von Kursen, Belehrung durch die Presse und nach Einflug
feindlicher Flieger gelangt die Bevölkerung schnell zur Einsicht.
In jedem Hause wird eine Hausfeuerwehr gegründet. Auf dem Boden
stehen
ein Kasten mit Sand, eine Patsche, eine Schaufel und eine Tonne mit
Wasser
bereit, um abgeworfene feindliche Brandbomben sofort bekämpfen zu
können. Die H.J. wird, da viele Mitglieder der freiwilligen
Feuerwehr
zum Heeresdienst einberufen sind, im Feuerlöschwesen ausgebildet.
Nach der Niederwerfung Frankreichs nehmen die feindlichen Flieger-Großangriffe
auf die deutschen Großstädte und Rüstungsbetriebe von
Woche
zu Woche an Heftigkeit zu und des Abends hört man im Süden,
Norden
und Westen das Donnern der "Flak" und sieht man das Aufblitzen und
Krepieren
der Geschosse. Nicht selten wird die ganze Gegend durch Raketen, die
durch
Fallschirme etwa zehn Minuten getragen werden, taghell beleuchtet, um
einen
sicheren Bombenabwurf zu gewährleisten. Auf Bauerngehöfte,
Strohmieten,
Tannenwälder u.s.w. werden nicht selten Brandplättchen
abgeworfen, die bisher jedoch nur geringen Schaden anrichteten. In der
Nacht patrouilliert im Dorfe eine Nachtwache von zwei Mann, die die
Verdunkelung
zu prüfen und die feindlichen Flieger zu beobachten hat. Um den
Schulkindern
bei einem unerwarteten Fliegerangriff Schutz zu gewähren, werden
auf
dem Schulhof Laufgräben ausgehoben. s. S. 270.
[16] Wie an der Front der Soldat, so
tut in der
Heimat jeder Volksgenosse seine Pflicht und Schuldigkeit. Pflug und
Schwert arbeiten Hand in Hand. Der Soldat schützt die Heimat
vor
Verwüstungen und schenkte uns den deutschen Siedlungs- und
Wirtschaftsraum,
der für das übervölkerte Vaterland eine dringende
Notwendigkeit
ist. Der deutsche Bauer sorgt und schafft von morgens früh bis
abends
spät, um die deutsche Volksernährung sicherzustellen. Es
mangelt
hier und da an Arbeitskräften, an Pferden u.s.w., doch da der
eiserne
Wille vorhanden ist, werden sämtliche Schwierigkeiten restlos
überwunden.
Volksdeutsche aus Jugoslawien, die sich dort vor etwa 150 Jahren
ansiedelten,
finden in unserer Gemeinde Arbeit, und ebenso stellt das uns
befreundete
Ungarn Arbeitskräfte zur Verfügung. Die größeren
Schulkinder
werden zur Arbeit herangezogen und haben durch ihren Fleiß
ebenfalls
dazu beigetragen, daß der Acker bestellt und die Ernte geborgen
worden
ist. Nach der Niederwerfung Polens vermittelt das Arbeitsamt
arbeitslose
Volksdeutsche aus dem Industriegebiet, mit denen die Arbeitgeber jedoch
trübe Erfahrungen machen. Die 20 in unserer Gemeinde
untergebrachten
französischen Kriegsgefangenen gelten dagegen als willige und
fleißige
Arbeiter.
Zur Aufrüstung und Fortführung des Krieges sind
ungeheure
Mengen von Rohstoffen erforderlich. Daher wird eine laufende Sammlung
von Altmaterial durch die Schuljugend, die H.J. und S.A.
angeordnet.
Undenkbare Mengen von Alteisen, Lumpen, Papier u.s.w. werden
zusammengetragen
und der Produktion wieder zugeführt. Zum Geburtstag des
Führers
findet eine freiwillige Abgabe von Geräten und Schmucksachen aus
Kupfer,
Bronze, Nickel, Blei und Zinn statt. In unserer kleinen Gemeinde werden
ca. 80 kg beim Ortsgruppenleiter Blunck zwecks Weiterleitung
eingeliefert.
Alte Messing- und Kupferkannen, stark versilberte wertvolle
Hochzeitsgeschenke,
viele alte Kupfer- und Nickelmünzen werden dem Vaterlande
geopfert.
Da unsere Heimat zur gefährdeten Zone gehört,
wurden auf Anordnung
Hermann Görings sämtliche Schulen am 12. Juli b.a.w. geschlossen
und die Sommerferien bis Mitte September verlängert.
Der Lehrer und auch die größeren Schulkinder wurden in der
Landwirtschaft
als Erntehelfer eingesetzt.
Um das Interesse der Schuljugend für die Fliegerei zu
fördern,
soll in sämtlichen Schulen der Flugzeug-Modellbau
betrieben
werden. Für die Lehrer wurde daher ein 5-tägiger Kursus in
Bad
Bramstedt abgehalten, an dem auch Lehrer Mohr [17]teilnahm.
Im Dezember 1940 wird das "alte Schulhaus" von dem
Jagdaufseher
Strohbeen an Frau Steinberg für 5.500 RM verkauft.
Zum Weihnachtsfeste 1940 werden - wie in den Vorjahren - die
eingezogenen
Soldaten mit vielen Paketen aus der Heimat beschert, u.a. sendet auch
die
N.S.D.A.P. der Ortsgruppe ein schönes Weihnachtspaket, dem ein
Brief,
unterzeichnet vom Kreisleiter Stiehr, Ortsgruppenleiter Blunck und
Ortsgruppenamtsleiter
der N.S.V. Mohr beigelegt ist. In dem Schreiben kommt der Dank der
Heimat
und ihre enge Verbundenheit mit der Front zum Ausdruck. Vielen
Feldgrauen
ist es vergönnt, das Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben zu
verleben.
Überall in den Garnisonen, an der Front und im besetzten Gebiet
werden
Feiern abgehalten. Der Führer, Rudolf Heß und der
Oberbefehlshaber
des Heeres Brauchitsch verleben das Fest der Liebe bei ihren Soldaten
an
der Front.
Weihnachten 1940 sind zum Heeresdienst eingezogen:
Soldat
Ernst
Studt,
Feldpost N. 18327a
"
Herbert Böttcher,
"
35771
"
Heinrich Fengler,
"
27008
"
Hugo
Blunck,
"
15935
"
Josef
Wiebela,
"
18230
"
Claus
Thies,
"
082496
Obergefreiter Hans
Blunck,
"
10114
"
Ernst
Harbeck,
"
11845B
"
Ernst
Sahling,
Nachr.d. Westerland.
"
Wilh. Kröger
,
"
14519
Luftgau Postamt Hbg. I.
Schütze
Fritz
Fölster,
"
05478C
"
Johs.
Rühmann,
"
05478C
"
Johs.
Kröger,
"
05478C
Oberwachtmeister Kurt
Mohr,
2. Ers.Batt.A.R. 20 Itzehoe
Wachtmeister Walther
Behnke,
"
14334
Unteroffizier Ernst
Kröger,
"
19678
Spn.
Heinr.
Rühmann.
Neumünster
Beschlagschmied Hinrich
Kröger,
Feld.P. 17917B
Wachtmeister Ernst
Kock,
2. Ers.B. A.R. 75 Eberswalde.
Reiter
Artur Johannsen, Reiter
Reg. 13 Lüneburg
"
Hans
Karstens,
" "
"
"
Soldat
Hans
Fölster,
FeldP. 18332
Matrose
Ernst
Fölster,
"
33228.
D.R.Kr.Schwester Erna
Schnack,
"
09407.
Oberwachtmeister Hans Kock,
"
Heinr. Kock,
Oberfeldwebel Heinrich Behnke,
Unteroffizier Willi Behnke.
Bem. Ferner waren eingezogen: Hugo Steenbock, Johannes
Lohse, Hans Studt
und Erhard Plambeck, die jedoch im Laufe des Jahres wegen Erreichung
der
Altersgrenze aus dem Heeresdienst entlassen wurden.
[18] Rückblick auf die militärische und
politische Lage
zur Jahreswende 1940/41.
Mit Stolz und engem Interesse verfolgte die Jugend und mit
ihr die ganze
Bevölkerung unserer Gemeinde die Kriegsereignisse des verflossenen
Jahres, die einzig in der Geschichte dastehen. Noch im Frühjahr
stand
die gesammelte Kraft der deutschen Wehrmacht in und hinter dem Westwall
und harrte von Woche zu Woche ungestümer des Befehls zum Angriff.
In der Nacht 8./9. April d.J. fuhren während der ganzen
Nacht und
am nächsten Morgen motorisierte Truppen durch unser Dorf und in
aller
Frühe und während der folgenden Tage donnerten hunderte von
schwerbeladenen
Flugzeugen über unsere Gegend gen Norden. Um zehn Uhr erfuhren wir
dann, daß Dänemark und Norwegen von deutschen Truppen
besetzt
worden seien. Dieses kühne Unternehmen setzte die ganze Welt in
Staunen
und Verwunderung. Die Genialität der Führung entsprach der
Tapferkeit
und Widerstandskraft der Truppen und ihrer Befehlshaber. Freilich
wären
diese Erfolge nicht denkbar gewesen ohne ein Höchstmaß von
Sorgfalt
bei der Planung und Vorbereitung, sowie ohne den beispiellosen Einsatz
der Heimat. Deutsches Soldatentum bewährt sich im Heldenkampf der
"Blücher" wie vor Narvik, Namsos und Andalsnes .
Und dann begann am 10. Mai der Kampf im Westen. Was
unsere Truppen
an dieser Front leisteten, war fast dazu angetan, den Ruhm unserer
Kämpfer
im Norden in den Schatten zu stellen. Die Armeen Hollands und
Belgiens
werden in wenigen Tagen zur Kapitulation gezwungen, das britische
Expeditionskorps
in überstürzter Flucht unter Zurücklassung der gesamten
Waffen und Geräte über den Kanal geworfen, die
französische
Armee wird in einem unerhörten Siegeslauf vollständig
aufgerieben
und die für uneinnehmbar gehaltene Maginotlinie durchbrochen. Der
vor kurzem noch stärksten Militärmacht Europas bleibt kein
anderer
Ausweg, als um Waffenstillstand zu bitten.
Seitdem hat die deutsche Wehrmacht vom Nordkap bis zur
Pyrenäengrenze
eine Front bezogen, die allein dem Entscheidungskampf gegen den
letzten Gegner, England, dient. Aus dieser Front heraus fallen
die
Schläge zur See und in der Luft, greifen wir England an, das noch
nie in seiner Geschichte so hart bedrängt worden ist.
Währenddessen hat Deutschland unter seinem genialen
Führer
Adolf Hitler seine militärischen Erfolge durch eine starke politische
Aktivität ergänzt. Das deutsche Volk hat in diesem Jahre
ein entscheidendes Stück auf dem Wege des Sieges hinter sich
gebracht.
Die englischen Trabanten in Europa sind - ausgenommen Griechenland -
ausgeschaltet.
Der Entscheidungskampf um das [19] englische
Mutterland
hat sich zur See und in der Luft entscheidend zum Nachteil Englands
gewandt.
Die Schiffsverluste wachsen von Woche zu Woche. Die
kriegswirtschaftlich
unentbehrliche Produktion der englischen Industrie schmilzt im raschen
Tempo zusammen.
Die innige Verbundenheit zwischen Volk und Führer zeigt
sich ganz
besonders in den Opfern, die jeder Volksgenosse durch freiwillige Spenden
zum Winterhilfswerk und nationalsozialistischer Volkswohlfahrt auf
sich nimmt. Die Höhe der Opfer steigt von Jahr zu Jahr und
erreicht
während des Krieges ihren Höhepunkt. Bis zur Einführung
des Kartensystems werden außer der Geld- auch noch bedeutende
Sachspenden
(Spenden der Landwirtschaft, Pfund- und Kleidersammlung) aufgebracht.
Diese
bestehen z.B. im Winter 1936/37 in 78 Zentnern Kartoffeln, 35,5
Zentnern
Roggen, 24 kg Mehl, 41 kg Kolonialwaren, 6,5 kg Zucker, 13 kg
Hülsenfrüchten,
13 kg Fleisch und geräucherte Wurst, 40 Konserven Fleisch, 100
Konserven
Gemüse und Obst u.s.w., dazu viele abgetragene, gut erhaltene
Kleidungsstücke,
die restlos der Kriegsamtsleitung Segeberg zwecks Behebung des Elends
in
den Notstandsgebieten übersandt wurden.
Geldspenden
Jahr
W.H.W.
N.S.V. D.R.Kreuz
RM Pf RM Pf RM Pf
1934/35 570
12 104
89
1935/36 470
30
109 08
1936/37 344
20
80 57
1937/38 537
40
60 68
1938/39 663
47
145 19
1939/40 1.174 20 167
42
894 10
1940/41 2.076
39
1.112 30
[20] Der Gemeindeetat des Jahres 1940/41
beläuft sich in
Einnahme und Ausgabe auf 10.560 RM. In dieser Summe ist die Kriegssteuer
der Gemeinde, die 1939 noch 2.025 RM betrug und für 1940 auf 1.100
RM ermäßigt wurde, enthalten.
Wie im Vorjahre, haben auch in diesem Jahre die Bauern
unserer Gemeinde
Naturalien
an die Heeresverwaltung zu liefern. Nach Angabe des
Bürgermeisters
Feil betragen diese: 414 Zentner Hafer, 200 Zentner Stroh und 320
Zentner
Heu. Da die Haferernte im Herbst 1940 äußerst schlecht war -
Trockenheit - werden die Bauern kaum in der Lage sein, die Hafermengen
zu liefern.
Um Kinderreiche Mütter zu ehren, stiftete der
Führer das "Mütterehrenkreuz",
das in drei Stufen - Gold, Silber und Bronze - verliehen wird. Folgende
Mütter werden seit 1938 mit dem Ehrenkreuz ausgezeichnet:
Gold Dora
Fölster,
Ehefrau d. verstorbenen Kätners Markus Fölster,
m. Ida
Studt,
" " Erbhofbauern Johannes Studt,
Kr. Helene
Kröger,
" "
"
Johannes Kröger,
Maria
Blunck,
" " Arbeiters Wilhelm Blunck,
Silber Dora
Fölster,
" " Kätners Rudolf Fölster,
m. Helene
Studt,
" " Rentners Markus Studt, gest. 1925,
Kr. Maria
Steenbock,
" " verst.Gastw. Peter Steenbock,gest.1939,
Martha
Behnke,
" " Wegewärters Johannes Behnke,
Anna
Johannsen,
" " verst.Landmannes Wilhelm Kock, 4 S, 1 T,
verw. Kock, zweite Ehe mit Erbhofbauer
August Johannsen, 1 S.
Bronze Dora
Blunck,
" " Landmannes (gest.1914) Johannes Schnack,
m.
4 T,verw.Schnack, zweite Ehe Erbhofbauer
Kr.
Gustav Blunck, Ehe kinderlos.
Anne
Rohwedder,
Ehefr. " Landwirtes Rohwedder aus Pofeld, 4 K,
Auguste
Tonder,
" " Erbhofbauern Hinrich Tonder, 5 K,
Alma
Karstens,
" "
"
Johannes Karstens, 4 K
Ida
Feil,
" "
"
Albert Feil, 4 K,
Helene
Rühmann,
" "
"
Hans Rühmann, 4 K,
Alma
Thies,
" " verst. Landwirtes Hermann Thies, 4 K,
Anne
Schnack,
" " Erbhofbauern Heinrich Schnack, 4 K,
[21] Elise
Harbeck,
" " Erbhofbauern Heinrich Harbeck, 4 K,
Frida
Feil,
" " verst. Landwirtes Wilhelm Rühmann,4 K,
verw. Rühmann, zweite Ehe " Karl Feil,
Ehe kinderlos.
----------------------------------------
Unsere nicht so waldreiche Gemarkung hatte nach der
Machtübernahme
im Jahre 1933 noch etwa 30 ha Wälder, die der Nachwelt
restlos
erhalten bleiben sollen. Sie sind unter Aufsicht des Staates
gestellt
und müssen auf Anordnung der Forstverwaltung von den Besitzern
gehegt
und gepflegt werden. Die Waldbesitzer unserer Gemeinde sind angewiesen
und verpflichtet, im Laufe des Winters 1940/41 100 Festmeter
Holz
zu schlagen und der Volkswirtschaft zuzuführen.
Auf der Zuchtviehauktion in Neumünster kaufte die
Stierhaltungsgenossenschaft
zu Föhrden Barl einen wertvollen, gekörten, einjährigen
rotbunten Zuchtbullen für 1.500 RM. Der beste Zuchtbulle
erzielte
auf der Auktion einen Preis von 9.000 RM (1. November 1940).
[Es folgt eingeschoben die Abschrift einer
Schülerin:]
Der Kriegswinter 1940/41 war annähernd so hart
wie der des
Vorjahres. Der Frost setzte bereits Mitte Dezember ein. Die Kälte
nahm von Woche zu Woche zu und erreichte ihren Höhepunkte Mitte
Januar.
Nicht selten zeigte das Thermometer einen Tiefstand von 20°deg;
unter Null.
Mitte Januar wurde die Erde alsdann in eine 30-50 cm hohe
Schneedecke
eingehüllt, deren obere Schicht sich nach eintägigem
Tauwetter
recht bald in eine zwei cm dicke Eisschicht verwandelte. Entsetzlich
hatte
das Wild, das [22] nirgends Nahrung finden
konnte,
zu leiden. Die Fasanen suchten die von den Jägern im Herbste
errichteten
Futterhütten auf. Die Rebhühner, Tauben und Hasen stellten
sich
zahlreich in den Gärten ein, um am Grünkohl ihren Hunger zu
stillen.
Manches Stück Rehwild fand in der bitteren Kälte den Tod. Am
8. Februar trat dann plötzlich Tauwetter ein, und die ganze Natur
atmete auf.
Eine schwere Heimsuchung
Die Temperatur war so milde, daß der Schnee in wenigen
Stunden
geschmolzen war. Ungeheure Wassermassen strömten der Au zu, so
daß
sich das Wiesental in kurzer Zeit in ein wogendes Meer verwandelte, aus
dem hier und da ein Busch oder Pfahl herausragte.
In der Nacht vom 9./10. Februar werden die Anwohner der
Bramau durch
ein mächtiges Dröhnen und Krachen geweckt. Auf der Au und im
Wiesental herrscht ein schrecklicher Eisgang. Große dicke
Eisschollen
prallen mit donnerartigem Getöse gegen die Pfeiler der
Brücke.
Ich begebe mich mit den Kindern an Ort und Stelle, um diesem
grausigen
Schauspiel beizuwohnen. Das Wasser steigt von Minute zu Minute, so
daß
die Eisschollen recht bald kaum noch Platz haben, unter der Brücke
hindurchzugleiten. Mit allen Mitteln versuchte man zu verhindern,
daß
die Schollen sich festsetzen oder aufrichten und so den Wassserlauf
versperren.
Immer höher steigt das Wasser und bespült bereits an
einzelnen
Stellen die Chaussee. Die Strömung und auch der Eisgang nehmen
dauernd
zu. Die Schotten der Schleuse, Einfriedigungspfähle, Latten und
Bretter
[23]
werden von den Wassermassen stromabwärts fortgeführt. Schon
stoßen
die Eisschollen gegen die eisernen Träger der Brücke. Durch
den
dauernden Anprall der Eisschollen muß sich einer der
mächtigen,
in Zement gemauerten Pfeiler der Brücke, dessen Gewicht auf 40.000
kg geschätzt wird, gelöst haben und wird von den Eismassen
fortgerissen.
Damit ist die größte Gefahr beseitigt, denn nunmehr hat das
Wasser freien Lauf.
Nach 24-stündigem Eisgang beginnt der Wasserstand zu
sinken.
Schreckliche Verheerungen hat der Eisgang in Wrist-Stellau
angerichtet.
Ich begebe mich an Ort und Stelle, um mir dieses nie erlebte Schauspiel
anzusehen. Schon der Eisgang im Wiesental bietet einen schaurigen
Anblick.
Das Wasser plätschert an der Kurve am Eingang von Wrist bereits am
Chausseerande. Die tieferliegenden Häuser, in die das Wasser
bereits
eingedrungen ist, müssen geräumt werden. Die Bauern hatten es
im Herbste versäumt, die durch den Deich führenden Furten
("Stöps")
mit Sand zu dichten, und so sind die Wassermassen nach Wrist
hineingeströmt.
Die Bramaubrücke wird dauernd von den mächtigen Eisschollen
bedroht.
Das Militär, das in der Gemeinde einquartiert ist, und die
Feuerwehr
sind bei den Rettungsarbeiten eingesetzt. Die vielen Fuhrwerke
können
kaum soviel Sand herbeischaffen, um die schadhaften Stellen im Deiche
zu
dichten. Bei dem Bauern Jaswick strömen ungeheure Wassermassen
durch
die Einfahrt zur Au, und in wenigen Stunden hat sich der östliche
Teil der Gemarkung Stellau bis zur Chaussee Stellau-Bokel [24] mit
Wassermassen
gefüllt. In den Häusern am Deich steigt das Wasser von Stunde
zu Stunde. Menschen und Tiere werden durch eine starke Zugmaschine des
Militärs in Sicherheit gebracht. Das Wasser flutet im breiten Lauf
bald über die Chaussee. Sollte das Wasser noch um zehn Zentimeter
steigen, dann wird es unmöglich sein, eine Katastrophe zu
verhindern,
und ganz Wrist wird überflutet werden. Doch das Wasser hat seinen
höchsten Stand erreicht, und die größte Gefahr ist
vorüber!
Diese Überschwemmung gehört wohl zu den größten
aller
Zeiten.
Die Ursache der Katastrophe ist in der Urbarmachung der
Moore, den Kultivierungsarbeiten
im oberen Stromgebiet der Bramau und in der Geradelegung der
Wasserläufe
zu suchen. (Dorfb. 13/II. 41)
Föhrden Barl, 13.II.1941 Mohr (Abschrift v. Annelise
Petterson,
Schülerin.)
[Es folgt wieder von W. Mohr geschriebener Text]
[25] Die Spar- und Darlehnskasse, e.G.m.u.H.
Daß die Bewohner unserer Gemeinde die schweren Zeiten
der Geldentwertung
und den Niedergang der deutschen Wirtschaft so glücklich
überstanden
haben, so daß jedem Volksgenossen seine heimatliche Scholle
erhalten
geblieben ist, verdanken wir neben dem Fleiß unserer Bauern, der
nationalsozialistischen Gesetzgebung insbesondere unserer Spar- und
Darlehnskasse.
In ihrem Geld- und Warenumsatz, ihren Jahresbilanzen, den Spareinlagen
und der ausgewiesenen Gewinne bzw. Verluste spiegelt sich die
Wirtschaft
unserer Gemeinde in den verflossenen 20 Jahren wieder.
Die Spar- und Darlehnskasse wurde am 7. November 1921 auf
Wunsch einiger
Einwohner unseres Dorfes durch den Verband der Schleswig-Holsteinischen
Genossenschaften in Kiel ins Leben gerufen. Auf der
Gründungsversammlung
traten zunächst 18 Mitglieder der Genossenschaft bei: der Gastwirt
Johannes Blöcker, der Lehrer Wilhelm Mohr, der Landmann Johannes
Harbeck,
der Gastwirt Peter Steenbock, der Rentner Markus Studt, der
Händler
und Landmann Heinrich Hahn, der Landmann Heinrich Schnack, der Landmann
Johannes Studt, der Landmann August Johannsen, der Landmann Wilhelm
Rühmann,
der Landmann August Meier, der Landmann Johannes Karstens, der
Kätner
Karl Plambeck, der Kätner [26] Heinrich
Zornig,
der Landmann Gustav Blunk, der Landmann Heinrich Reimers, der
Kätner
Rudolf Fölster und der Landmann Markus Steffens - alle wohnhaft in
Föhrden Barl.
Zum Vorsitzenden wurde Johannes Harbeck, zu seinem
Stellvertreter August
Johannsen, zum Geschäftsführer der Rentner Markus Studt und
in
den Aufsichtsrat der Lehrer Wilhelm Mohr, der Gastwirt Johannes
Blöcker
und der Kätner Karl Plambeck gewählt. Die Eintragung in das
Genossenschaftsregister
beim Amtsgericht in Bad Bramstedt erfolgte am 14.12.1921. Bald nach der
Gründung erklärten weitere Mitglieder ihren Beitritt. Der
Landmann
Heinrich Harbeck, der Altenteiler Claus Harbeck, der Landmann Ernst
Runge,
der Landmann Wilhelm Runge, der Landmann Karl Feil, der Landmann
Johannes
Kröger und der Kätner Markus Fölster.
Nach Ableben des Rentners Markus Studt wurde durch die
Mitgliederversammlung
vom 15.5.1922 der Lehrer Wilhelm Mohr zum Geschäftsführer und
für diesen der Landmann Karl Feil in den Aufsichtsrat
gewählt.
Wir erlebten damals die größte Geldentwertung aller Zeiten.
Darüber berichtet uns Lehrer Mohr in seinem Aufsatz: "Ruhrkampf
und
Geldentwertung". Die Inflation spiegelt sich besonders in der dauernden
Erhöhung der Geschäftsguthaben wieder. Diese wurden bereits
am
6.10.1922 auf 10.000 RM heraufgesetzt, mußten bereits am
17.11.1922
auf 100.000 RM, [27] am 14.7.1923 auf 1 Million und dann schon wieder
am
22.9.1923 auf 20 Milliarden Mark erhöht werden. Die Zinsen
für
Guthaben in laufender Rechnung betrugen 18%, für festgelegte
Gelder
wurden 24% vergütet. Der Vorstand und Aufsichtsrat waren befugt,
Kredite
bis zu 50 bzw. 100 Milliarden Mark zu bewilligen. Ende Oktober 1923
erreichte
die Geldentwertung ihren Höhepunkt. Nach Einführung der Gold-
und Rentenmark erhielten wir zum 1. November 1923 stabile
Zahlungsmittel.
Eine Billion Papiermark wurde einer Rentenmark gleichgerechnet.
Von der Mitgliederversammlung am 19.12.1923 wurde nunmehr
das Geschäftsguthaben
der einzelnen Mitglieder auf 200 Rentenmark festgesetzt. Da man dem
neuen
Zahlungsmittel kein volles Vertrauen schenkte, wurde der Kredit in
"Roggenwert"
bewilligt und zwar können durch Vorstand und Aufsichtsrat Kredite
von 300 bzw. 900 Zentner "Roggenwert" bereitgestellt werden. Die
Gesamtanleihegrenze
darf 4.000 Zentner "Roggenwert" nicht überschreiten.
Am 26.11.1924 wurde zum ersten Mal die
Golderöffnungsbilanz bekanntgegeben.
Besitz und Schulden betrugen 37.711,01 RM. Am 26.11.1924 wird die vom
Vorstand
und Aufsichtsrat zu bewilligende Kreditgrenze auf 3.000 bzw. 15.000
Goldmark
festgesetzt. Die Höhe des Gesamtanleihebetrages auf 80.000
Goldmark.
In treuer Pflichterfüllung waren Vorstand [28]
und Aufsichtsrat bemüht, Diener der Allgemeinheit zu sein, und so
genoß die Genossenschaft bei ihren Mitgliedern das
größte
Vertrauen. Die Umsätze im Geld- und Warengeschäft nehmen von
Jahr zu Jahr zu. Der höchste Warenumsatz wurde im Jahre 1928/29
erreicht.
Derselbe betrug wertmäßig 3.718.293,98 RM.
Einen argen Rückschlag erlitt die Genossenschaft im
Geschäftsjahr
1930/31 durch den Brand der Mußfeld'schen Mühle in Wirst. In
der Mühle lagerte ein großer Teil Futtermittel. Auch war den
Gebr. Mußfeld von der Kasse ein größerer Waren- und
Wechselkredit
gegeben, wofür allerdings Bürgschaft geleistet war. Als die
Mühle
nun einem Großfeuer zum Opfer fiel, wurde das Warenlager ein Raub
der Flammen. Wie sich dann herausstellte, hatte M. einen Teil der
Lagerware
für sich verbraucht, und so wurde die uns zustehende
Versicherungssumme
sehr stark gekürzt. M. stand im Verdacht, Brandstiftung begangen
zu
haben und geriet in Untersuchungshaft, mußte dann aber wegen
mangelnder
Beweise freigesprochen werden. Die Sparkasse erlitt einen direkten
Schaden
von 900 RM nebst Zinsen des angelegten Kapitals.
Nunmehr wurde Gustav Blunk - Gebr. Schnack mit der
Vermahlung des Futtergetreides
der Genossenschaft beauftragt.
[29] Im Geschäftsjahr 1933/34 hatte die Spar- und
Darlehnskasse
immerhin noch einen Warenumsatz von 9.073 Zentner in Futtermittel,
5.691
Zentner in Kunstdünger u.v.m.
Als infolge des Brandes der Mußfeld'schen Mühle
einige zaghafte
Mitglieder im Jahr 1932 ihren Austritt erklärten, mußten die
im Besitze der Kasse befindlichen Goldpfandbriefe - 16.000 Goldmark -
mit
einem Kurs von 58,5% in die Bilanz eingetragen werden, ferner wurden
die
eventuell entstehenden Verluste, die durch unsichere Forderungen und im
Warengeschäft erwachsen könnten, in Summa mit 7.375,30 RM
eingesetzt.
Diese Verluste mußten durch die vorhandenen Reserven und die
Geschäftsguthaben
der Mitglieder gedeckt werden. So kam es, daß die ausscheidenden
Genossen ihre Geschäftsguthaben verloren. Aus dem Gewinn, der beim
Verkauf der Wertpapiere erzielt wurde, konnten später die
Geschäftsguthaben
der treuen Mitglieder wieder aufgefüllt werden.
Infolge der schlechten Wirtschaftslage nahm die Verschuldung
der Landwirtschaft
dauernd zu, so daß die Genossenschaft genötigt war, einigen
Mitgliedern den Kredit zu sperren, um nötigenfalls zwangsweise
gegen
die Schuldner vorzugehen. Da kam mit der Machtübernahme der
N.S.D.A.P.
der Umschwung. Um die Volksernährung sicherzustellen, wurden die
überschuldeten
Bauernhöfe unter staatlichen Schutz gestellt, [30] im Laufe der
nächsten
Jahre umgeschuldet und zu Erbhöfen erklärt. Um diese
Entschuldung
ohne Gefährdung der Sparkasse durchführen zu können,
wurde
vom Reiche eine einmalige Genossenschaftsbeihilfe in Höhe von
16.200
RM bewilligt. Im Jahre 1940 war die Umschuldung restlos
durchgeführt.
Die Spar- und Darlehnskasse war seit ihrem Bestehen zu jeder
Zeit bereit,
aus ihren Überschüssen für gute Zwecke Gelder
bereitzustellen.
In einer Mitgliederversammlung am 22.9.1925 wurden dem Turnverein
Föhrden
Barl/Hagen Mittel zur Beschaffung von Turngeräten bewilligt. Um
den
Sparsinn der Jugend zu fördern, schenkte die Sparkasse jedem
Sparer
bei der ersten Einlage fünf RM!
Für treue Dienste wurden nach fünf- und
zehnjähriger
Dienstzeit bei ein und demselben Besitzer Ehrenurkunden verliehen und
Geldgeschenke
in Höhe von 25 bzw. 50 RM überreicht. Dadurch versuchte man,
die landwirtschaftlichen Arbeiter seßhaft zu machen. Um den
Sparsinn
der Jugend zu fördern, wurden an die Kinder schön geformte
Sparbüchsen
ausgegeben, die nur durch den Geschäftsführer der Kasse
geöffnet
werden können. Beim Gastwirt Blöcker wird eine geeichte
Viehwaage
aufgestellt. Dadurch soll den Bauern die Ablieferung von Vieh
erleichtert
werden. Leider wird die Waage nicht genügend benützt. Zum
Kindervergnügen
stellte die [31] Sparkasse regelmäßig die beiden ersten
Gewinne
- meistens zwei Uhren mit Widmung - zur Verfügung. Um die
Mitglieder
mit der engeren Heimat und deren Schönheiten bekannt zu machen,
wurde
in jedem Jahr eine größere Autofahrt unternommen. Diese
Fahrten
führten uns an die Lübecker Bucht, nach Mölln, in den
Sachsenwald,
ins östliche Holstein, nach Büsum, in den Adolf-Hitler-Koog
u.s.w.
So war die Sparkasse seit ihrem Bestehen bemüht, der Allgemeinheit
zu dienen und versuchte während einer Zeit, in der unser Vaterland
geknebelt am Boden lag, eine wahre Volksgemeinschaft aufzurichten.
Leider fand die uneigennützige Arbeit des Vorstandes
und Aufsichtsrates
nicht immer den gebührenden Dank. Wegen persönlicher
Meinungsverschiedenheiten,
Schulfragen, Rückzahlungen von Kreditüberschreitungen und
Dickköpfigkeit
kam es dann und wann zu Reibereien, die den Austritt einzelner
Mitglieder
zur Folge hatten.
Wir wollen hoffen und wünschen, daß die Spar- und
Darlehnskasse
noch viele Jahre zum Segen der Gemeinde weiter bestehen möge.
Organe der Spar- und Darlehnskasse:
a) Vorstand
Erster
Vorsitzender:
1921 - 1939 Johannes Harbeck,
1939 - Albert Feil,
Zweiter
"
1921 - 1926 August Johannsen,
1926 - Johannes Karstens,
Geschäftsführer:
1921 - 1922 Markus Studt,
[32]
1922 - 1936 Wilhelm Mohr,
1936 - Hans Schnack,
b) Aufsichtsrat
Vorsitzender
1921/22 Wilhelm Mohr,
1922 - 1928 Karl Feil,
1928 - Heinrich Harbeck,
Beisitzer:
1921 - 1928 Johann Blöcker u. Karl Plambeck
1928 - 1929 Gustav Blunk, J. Kröger,
1929 - 1932 Wilhelm Runge,
1929 - 1936 Heinrich Schnack,
1936 - 1938 Albert Feil,
1936 Erhard Plambeck,
1938 Heinrich Rühmann.
-----------------------------------------
[33] Sommer 1941
Obgleich die Einberufungen zur Wehrmacht immer zahlreicher
werden, hat
kein landwirtschaftlicher Betrieb unter Mangel an
Arbeitskräften
zu leiden. Durch das Arbeitsamt werden hinreichend kriegsgefangene
Franzosen
und freie Arbeiter aus Polen zur Verfügung gestellt. Wenn auch die
Kunstdüngerzuteilung stark beschränkt werden muß, so
werden
die Felder wie in Friedenszeiten rechtzeitig und ordentlich bestellt.
Frauen
und größere Kinder helfen überall, wo es ihnen
möglich
ist, und auch die Lehrer und Beamten, H.J. und B.d.M. folgen gerne dem
Rufe des Führers, während der Ferien ihre Arbeitskraft der
Landwirtschaft
zur Verfügung zu stellen, damit die Volksernährung des
gesamten
Volkes gewährleistet wird.
Die Wiesen liefern einen lohnenden Heuertrag, der
auch schnell
und gut geborgen wird. Durch die langanhaltende Trockenheit im
Juni/Juli
haben die Getreidefelder schwer zu leiden. Hafer und Buchweizen
vertrocknen auf dem Halm und der Roggen wird notreif, so daß die
Erträge weit unter normal gelten. Die Kartoffeln beginnen nach
einer
längeren Regenperiode in der ersten Hälfte des Monats August
nochmals zu wachsen, wodurch deren Lagerfähigkeit stark
beeinträchtigt
wird. Die Weiden halten im allgemeinen der Trockenheit stand.
Dank
der recht guten Heu- und Rübenernte wird es den Bauern unserer
Gemeinde
möglich sein, ihr Vieh - wenn auch ohne Kraftfutter - durch den
Winter
zu bringen. Die Bauern sind verpflichtet, ihre Milch, ihr Fettvieh, den
Roggen, die Eier u.s.w., soweit diese Produkte nicht beschränkt im
Haushalt Verwendung finden, restlos abzuliefern. Ja, ihnen wird noch
zugemutet,
Heu, Stroh und Hafer an die Wehrmacht abzugeben, wovon sie erst in
letzter
Stunde entbunden wurden. In Gebieten mit schweren Böden war die
Getreideernte
sehr gut. Aus welchem Grunde erfolgte keine gerechte Ver- bzw.
Zuteilung
des Kraftfutters? M.E. hat die Leitung der Orts-, Kreis- und
Landesbauernschaft
gründlich versagt!
Die Heimat bemüht sich, der Front zu dienen und das Los
unserer
tapferen Soldaten zu erleichtern. Briefe und Päckchen wandern
täglich
zur Front, so daß die Post es kaum bewältigen kann, die
vielen
Sendungen zu befördern. Die sogenannten "Feldpostmarder" werden
mit
dem Tode bestraft .
[34] Nicht selten wird unser Dorf des Nachts von feindlichen
Bombengeschwadern,
die Angriffe auf Hamburg und Kiel durchführen,
überflogen.
Bei Verfolgung durch Nachtjäger oder nach Beschädigung durch
die Flak werfen die Flugzeuge vorzeitig ihre Spreng- und Brandbomben
ab.
Kurz nacheinander werden in unmittelbarer Nähe des Dorfes, auf
"Wieten
Moos" und auf "Old Föhrden" Sprengbomben und im "Bargholz"
Brandbomben
geworfen. Durch ein nach hier entsandtes Sprengkommando aus Lübeck
werden wenige Tage später die Blindgänger mit Erde abgedeckt.
Durch den Landrat wird angeordnet, daß die Gemeinden "Brandwachen"
einrichten. In unserer Gemeinde besteht diese Wache aus zwei Mann, die
während der festgelegten Verdunkelungszeit ihre Rundgänge im
Dorfe machen. Jeder Volksgenosse im Alter von 15 - 60 Jahren wird zu
diesem
Ehrendienst herangezogen.
Mit regem Interesse werden die Kriegsereignisse auf
dem Balkan
und auf den Weltmeeren, das Heldentum unserer Fallschirmjäger auf
Kreta und die Tapferkeit und der Opfermut unserer siegreichen Truppen
im
Osten verfolgt. Jeder in der Heimat blickt mit stolzer Siegeszuversicht
in die Zukunft und schreckt vor keinem Opfer zurück, das das Los
unserer
tapferen Soldaten bessern könnte. Dies zeigt sich in den Spenden
für das "Deutsche Rote Kreuz". Bei einer Einwohnerzahl von
z.Zt.
165 Einwohnern spendet die Gemeinde im Laufe des Sommers 1.112,30 RM.
Im Herbst 1941 wird der Soldat Claus Thies vor Leningrad
verwundet.
Wegen besonderer Tapferkeit wird der Wachtmeister Walter Behnke,
Sohn des Wegewärters Johannes Behnke, mit dem Eisernen Kreuz
2.
Klasse ausgezeichnet.
Winter 1941/42.
Wir haben heute den 7. März 1942. Noch immer herrscht
eine grimmige
Kälte und das Thermometer zeigt einen Tiefstand von 15 -
20°
unter Null. Ein schneidender Wind pfeift aus dem Osten. Die Pumpen und
Wasserleitungen sind größtenteils eingefroren. Meine Frau
kommt
soeben von unserem Nachbarn, dem Bauern Johannes Harbeck, der
erzählte,
daß den Schweinen das Futter im Trog gefroren sei. Fast 2 1/2
Monate
ist nunmehr die Bramau zugefroren.
[35] Schon seit Januar ist die Erde in eine ½ bis
1 m hohe
Schneedecke gehüllt. Kriegsgefangene und Polen mußten
tagelang
Schneeschaufeln,
um die Straßen wieder passierbar zu machen. Nicht selten bleiben
Fuhrwerke und Lastkraftwagen in den Schneewehen stecken!
Das Wild
leidet große Not und hat sich schon seit Wochen in die Nähe
der Wohnungen begeben, um in den Gärten seinen Hunger zu stillen.
Der Kreisjägermeister ruft die Jäger und Bauern zur
Wildfütterung
auf. Doch womit? Denn die allermeisten Bauern haben kaum genügend
Futter für ihr Vieh und das Getreide ist für die
Volksernährung
dringend nötig und daher ablieferungspflichtig. 10. März
Tauwetter!
Seit dem 15. Februar mußte der Unterricht
eingestellt werden,
da die Schulfeurung vom Wirtschaftsamt beschlagnahmt
wurde.
Die Kinder kommen jeden Morgen 1 ½ Stunden zur Schule, um
ihre
Hausarbeit
vorzuzeigen und werden dann möglichst bald wieder entlassen. Voll
Mitleid und inniger Dankbarkeit gedenkt die Heimat ihrer tapferen Soldaten
im fernen Osten, die dort trotz der furchtbaren Kälte und
schweren
Kämpfen in Schnee und Eis ausharren und die Heimat
beschützen.
Mit Bewunderung und der festen Zuversicht auf den Endsieg verfolgen wir
die großen Erfolge unseres neuen Bundesgenossen im fernen
Ostasien.
Niederlage auf Niederlage müssen hier unsere Feinde einstecken.
Über
Singapur und den Philippinen u.s.w. weht bereits die japanische Flagge,
schon klopfen die Waffen Japans an die Tore Australiens und Indiens!
Die Lebensmittelzuteilung an die Bevölkerung
ist kaum ausreichend,
doch richtet sich jeder damit ein und gibt sich zufrieden. Presse,
Rundfunk
und Schulung sorgen für Aufklärung und heben die
Stimmung
im Volke, das nunmehr zu einer innigen Volksgemeinschaft verwachsen
ist.
Diese zeigt sich bei der Pelz- und Wollsachensammlung, zu der
der
Führer die Heimat Mitte Dezember aufruft. Jeder hat die Stimme der
Ostfront vernommen und gibt gerne und mit Freuden. Unbemittelte alte
Frauen,
die durch das W.H.W. unterstützt werden, wollen nicht hinter den
begüterten
Volksgenossen zurückstehen und legen willig ihre Pelze,
Strümpfe
und dergleichen auf den Altar des Vaterlandes. Nur bei dem Bauern
Hinrich
Schuldt, Heidkaten, klopfen die Sammler vergeblich an die Tür. Die
Spende, die durch die Partei durchgeführt wurde, erbrachte in
unserer
Ortsgruppe mit 39 Haushaltungen 95 Einzelstücke, darunter
Fußsäcke,
wertvolle Pelze, 15 Paar Strümpfe und dergleichen mehr.
[36] Rege Arbeit leistet die Frauenschaft unter der
Leitung von
Frau Minna Schnack. U.a. wird eine Flaschen- und Lumpensammlung
durchgeführt. Rund 300 Flaschen können der Wehrmacht
übergeben
und viele wertvolle alte Wollsachen der Verarbeitung zugeführt
werden.
Viele Konserven mit Gemüse und Fleisch, aus Abfallstoffen
hergestellte
Hausschuhe und Pantoffeln, Flaschen mit Fruchtsaft u.s.w. werden dem Lazarett
in Bad Bramstedt (Kurhaus), in dem z.Zt. 500 Verwundete mit
schweren
Frostschäden untergebracht sind, zugeleitet.
Das W.H.W. sorgt für Notleidende, insbesondere
für
die Alten unserer Gemeinde. Jeder Volksgenosse soll auf Anweisung des
Führers
in der Lage sein, die Lebensmittel, Kleidung, Feurung (und Miete),
soweit
ihm diese auf Karte zustehen, zu kaufen. Im Laufe des Winters gelangten
845 RM - Wertgutscheine - zur Ausgabe. Durch Sammlungen werden dem
W.H.W.
wiederum 2.627,- RM zur Verfügung gestellt.
Die Schuljugend beteiligt sich eifrig an der Altmaterialsammlung
und ist bemüht, hierdurch dem Vaterlande zu dienen. Von 1.4. bis
31.12.1941
gelangen zur Ablieferung: 152 kg Knochen, 86 kg Lumpen, 586 kg Papier,
2.380 kg Schrott, 27 kg Sonstiges, 141 kg Gummi.
Um eine gerechte Verteilung der Rauchwaren
sicherzustellen, wurde
ab 15.2.1941 die Raucherkarte eingeführt. Auf einen Tagesabschnitt
kann man drei Zigaretten oder ein Zigarillo, auf zwei Tagesabschnitte
eine
Zigarre und auf zehn Abschnitte 50 g Tabak beziehen. Für starke
Raucher
wenig genug! Auch Frauen über 25 Jahre erhalten auf Antrag eine
Raucherkarte,
die jedoch nur zum Bezuge der Hälfte der Rauchwaren berechtigt.
Am 3.12.1941 fand eine Viehzählung
statt, die in
unserer Gemeinde folgendes Ergebnis zeigte: 35 Betriebe mit 118
Pferden,
818 Rindern - darunter 281 Milchkühe -, 14 Schafen, 195 Schweinen,
3 Ziegen, 796 Hühnern, 51 Gänsen, 14 Enten, 18
Bienenvölkern.
Gelegentlich der Schweinezählung am 5.3.1942
wurden in 27
Betrieben nur noch 81 Schweine gezählt.
Am 1. Januar 1942 ging das Ortsnetz mit
sämtlichen Hausanschlüssen
für 4.000 RM an die Strom-Versorgungs-Gesellschaft in Rendsburg
über.
Die Gemeindevertretung beschloß die Anschaffung
einer Motorspritze
- Preis 5.500 RM.
[37] Mitte Februar 1942 wird durch die Luftwaffe ein Scheinwerfer
und ein Horchgerät, zu denen eine Zweigleitung unseres
Ortsnetzes
führt, auf der sogenannten "Damkoppel" des Bauern Johs. Harbeck
aufgestellt.
Die zwölf Mannschaften sind in Baracken untergebracht und
müssen
sich selbst verpflegen.
Der Rektor i.R. Harbeck auf Gayen wird mit meiner Zustimmung
passende
Abschnitte aus der Föhrdener Schulchronik in seinem Buche "Chronik
des Kirchspiels Bad Bramstedt" veröffentlichen!
Wie bereits erwähnt, betrug die Gesamtspende der
Ortsgruppe mit
z.Zt. 159 Einwohnern - zum W.H.W. 1941/42 - 2.627,- RM. In jedem Monat
fanden meistens drei Sammlungen statt. Um der Nachwelt die
Opferfreudigkeit
der einzelnen Vg. zu zeigen, bringe ich eine Abschrift der
Haussammelliste
der Opfersonntage W.H.W. 1941/42.
Name des Spenders
Beruf Sept.Okt.
Nov. Dez. Jan. Febr.März
Hausgemeinschaft
RM RM RM RM
RM
RM RM
Hans Rühmann
Bauer
4,-- 3,-- 4,-- 4,-- 4,-- 4,-- 4,--
Johs. Rühmann
"
1,50 2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 1,50 1,50
Fr. Fölster
"
4,-- 4,-- 4,-- 3,-- 4,-- 3,-- 3,--
Hans Studt
"
2,-- 2,30 2,30 2,30 2,-- 1,50 1,50
Schwartzkopff
"
3,50 3,-- 3,-- 3,-- 2,-- 4,-- 2,--
2,--
Prinz
G. Blunck
"
3,-- 3,-- 3,-- 3,-- 3,-- 3,-- 3,--
Steinberg/Mohr Arbeiter
2,50
1,50 1,50 -- 1,50 1,50 1,50
Herbert Schnack
Bauer
6,-- 5,-- 4,-- 4,-- 4,-- 4,-- 4,--
Hans Schnack
"
3,30 2,30 2,30 2,30 2,30 2,-- 2,--
Heinrich Schnack
"
3,50 2,50 2,50 2,-- 2,50 2,-- 2,50
Heinrich Reimers
"
5,-- 5,-- 4,60 4,-- 4,50 4,-- 4,--
Hermann Blöcker Gastwirt
2,--
2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 2,--
Johs. Harbeck
Bauer
4,-- 3,50 4,-- 3,-- 4,-- 3,-- 3,50
Heinrich Harbeck
"
5,-- 2,-- 3,-- 4,-- 3,-- 4,-- 2,50
Wilh. Mohr
Lehrer
4,-- 4,-- 4,-- 5,-- 5,-- 5,-- 5,--
[38] Hel. Studt
Rentner
0,30 0,60 0,40 0,30 0,60 0,50 0,30
Johs. Lucht
E-Beamter
2,-- -- 2,-- 1,-- -- 1,-- 1,--
Herbert Mehr
Angestellter --
0,50 0,30 -- 1,-- -- 1,50
Friedrich Seider
Bauer
5,-- 5,-- 3,50 3,50 3,50 3,-- 3,50
Hinrich Schuldt
"
1,-- 1,-- 1,-- 1,-- 1,-- 1,-- 1,50
Sparkasse
-- 5,-- 5,-- 5,-- 5,-- 5,-- leer --
August Johannsen
Bauer
4,-- 4,-- 4,-- 4,-- 4,-- 3,-- 3,--
Johs. Karstens
"
4,-- 4,-- 4,-- 5,-- 4,-- 4,-- 4,--
Rudolf Fölster
Kätner
0,50 0,50 0,50 0,50 0,50 0,50 0,50
Erhard Plambeck
"
2,-- 2,-- 2,-- 3,-- 2,-- 2,-- 1,50
Alma Thies
Bauer
3,-- 3,-- 3,-- 3,-- 3,-- 3,-- 3,--
Albert Feil
"
4,-- 4,-- 4,50 7,-- 5,50 4,-- 4,--
Johs. Lohse
"
7,50 7,-- 7,-- 7,-- 7,-- 7,-- 10,--
Wilh. Runge Altenteiler
3,--
3,-- 3,-- 3,-- 3,-- 3,-- }
Johs. Kröger
Bauer
5,-- 5,-- 5,-- 5,-- 5,-- 5,-- 5,--
Johs. Behnke
Wegewärter
2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 2,--
Hugo Steenbock Gastwirt
1,50
1,50 1,50 1,50 1,50 1,50 1,50
Bernhard Feil
Bauer
1,-- 1,-- 1,-- 1,-- 1,-- 1,-- 1,--
Martin Kelting
"
4,-- 4,-- 4,-- 4,-- 4,-- 4,-- 5,--
Heinrich Rühmann
"
1,-- 1,-- 1,-- 2,-- 1,-- 1,-- 1,--
Markus Steffens Altenteiler 1,-- 1,-- 1,-- 1,--
1,--
1,-- }7,--
Wilh. Krohn
Bauer
5,-- 5,-- 5,-- 6,-- {6,-- 6,--
Hinrich Tonder
"
2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 2,-- 2,--
u.a. Karl Feil
"
1,-- 1,-- 1,-- 2,-- 1,-- 1,-- 0,50
"
0,40 1,-- 1,-- 1,-- 1,-- 1,-- 1,--
___________________________________________________________________________
[Sept. Okt. Nov. Dez.
Jan.
Febr. März]
118,50 107,60 111,90 116,10 111,40 101,50 106,80
Sammler
Johannsen Hs.Studt E.Plambeck Lohse B.Feil Kelting
Hg.Steenbock
Hs.Rühmann R.Fölster Schwartzkopf H.Harbeck
J.Harbeck
Reimers Hr. Schuldt.
[39] Am 21. März wurden nach beendeter
achtjähriger
Schulzeit ein Knabe und zwei Mädchen entlassen. In seiner Abschiedsrede
gedachte der Lehrer der in ewiger Erinnerung bleibenden Schulzeit, in
die
die größten Ereignisse der deutschen Geschichte aller Zeiten
fallen. Nunmehr gilt es, durch Fleiß, Opferbereitschaft, Treue
und
Gehorsam dem Vaterlande in größter Pflichterfüllung zu
dienen. Nicht nach Stand und Besitz sind die Menschen
einzuschätzen,
sondern nach ihren Leistungen im Dienste für Volk und Führer!
- Auf Gesunderhaltung des Körpers, musterhaftes Vorleben und
Rassereinheit
hat jeder den größten Wert zu legen; denn auch "Du" bildest
das Glied einer ewigen Kette deines Geschlechtes! Jedes Mädchen
sollte
daran denken, daß sie einst als deutsche Mutter und jeder Knabe,
daß er einst als Vater und Vorbild die höchsten Pflichten im
Familienleben zu erfüllen haben. Den Eltern, denen die Kinder
alles
zu verdanken haben, ist jederzeit - ganz besonders im Alter - die
größte
Liebe und Ehrerbietung zu erweisen!
Am Sonntag, den 22. März 1942 wurden
sämtliche Schulentlassene
in Bad Bramstedt im Kaisersaal in Anwesenheit der Gliederungen der
Partei,
Eltern und Lehrern feierlich auf den Führer verpflichtet.
Im Frühjahr 1942 machen sich die Auswirkungen
des starken
Winters im Saatenstand stark bemerkbar. Von den 84 ha, die mit
Roggen
bestellt waren, müssen wegen Auswinterung der Saat 70 ha
umge-brochen
und mit Sommergetreide besät werden. Wie bei uns in der
Heimat
sieht es in weiten Gebieten unseres geliebten Vaterlandes und in den
von
unseren Truppen eroberten Ostgebieten aus. Auf ungeheure Schwierigkeiten
stößt man bei der Beschaffung der Saat, doch auch
diese
werden überwunden. Übermenschliches hat die Landbevölkerung,
unterstützt von den arbeitswilligen französischen
Kriegsgefangenen
und Polen in den wenigen Wochen, die zur Bestellung zur Verfügung
standen, geleistet. Das Wetter im Frühjahr war anfangs
für
die Landwirtschaft recht günstig, so daß
sämtliche
Feldarbeiten flott vonstatten gehen. Das Vieh kann bereits Ende April
auf
die Weide getrieben werden. Später setzt eine trockene Periode
ein, der eine volle Mißernte zu folgen scheint. In letzter
Stunde
setzt dann ein mehrwöchiger Regen ein, der alles wieder gut macht.
Die Landwirtschaft bekommt eine Ernte, wie man sie seit Jahren nicht
erlebt
hat. Besonders Hafer und Kartoffeln bringen reiche Erträge, so
daß
die Bevölkerung im kommenden Jahr wieder hinreichend mit Lebensmitteln
versorgt werden kann.
[40] Nachdem jeder Bauer seiner Ablieferungspflicht
nachgekommen
ist, können noch hinreichende Mengen an Getreide für die
Viehhaltungen
zur Verfügung gestellt werden. Da nach Antrag Ostarbeiter
eingesetzt werden, stehen hinreichende Arbeitskräfte zur
Verfügung.
Die Bauern sind mit den Leistungen dieser Arbeiter recht zufrieden,
wenn auch die Verständigung auf mancherlei Schwierigkeiten
stößt.
Die Zahl der Einberufenen nimmt von Monat zu Monat
zu. Siebzehnjährige
Jünglinge werden zum Arbeitsdienst, dem sich die militärische
Ausbildung anschließt, eingezogen. Das ganze deutsche Volk,
sei
es in der Heimat hinter dem Pflug oder hinter der Drehbank, setzt sich
mit den Frontsoldaten ein, um den Endsieg zu erringen. Hunderttausende
von deutschen Mädchen leisten als D.R.Kr. Schwestern, auf
Schreibstuben,
beim Nachrichtendienst u.s.w. treue Dienste.
Immer weiter dringen unsere siegreichen Truppen nach
Osten vor
und stehen bereits an der Wolga und im Kaukasus. Den
tapferen
Soldaten folgen die Ingenieure und landwirtschaftlichen Kommissare –
meistens
Bauernsöhne - auf dem Fuße, und so ist es in kürzester
Zeit gelungen, diese weiten fruchtbaren und reichen Gebiete der
deutschen
Wirtschaft nutzbar zu machen. Viel Getreide und große Mengen
an Lebensmitteln konnten bereits der Heimat zur Verfügung
gestellt
werden, und nur so war es möglich, die Lebensmittelrationen zu
erhöhen und der Bevölkerung zum Weihnachtsfeste durch
Sonderzuteilungen
eine Freude zu machen.
Bei den schweren Kämpfen im Osten muß
während
der Sommermonate Claus Thies - ehemaliger Schüler - Sohn
der
Witwe Alma Thies sein Leben für das Vaterland opfern. Sein
Bruder Ernst Thies, Hans Fölster, Sohn des Kätners
Rudolf
Fölster, Hans Karstens, Sohn des Bauern und
Weltkriegs-Beschädigten
Johannes Karstens, werden mehr oder weniger schwer verwundet. Artur
Johannsen, Sohn des Bauern August J. und Fengler, Verlobter
der Bauerntochter E. Reimers, erleiden schwere Frostschäden.
Für Tapferkeit vor dem Feinde werden ausgezeichnet: Wilhelm
Kröger - Unteroffizier - mit EK I, Hans Fölster, Hans
Kock, Heinrich Kock und Artur Johannsen mit EK II, und Ernst
Harbeck erhält das Verdienstkreuz mit Schwertern. Das
Knopfloch
der meisten Frontsoldaten schmückt das Band der Winter-Ostfront
Medaille 1941/42.
[41] Während die Vereinigten Staaten von
Amerika bisher
hauptsächlich gegen unseren japanischen Verbündeten
kämpften
und von diesem harte Schläge einstecken mußten und
Rußland
und England durch Lieferungen von Kriegsmaterial unterstützte,
landeten
nach Verrat französischer Generale und Admirale am 8. November
1942
amerikanisch-englische
Truppen in Französisch Nordafrika.
Südfrankreich
und die Insel Korsika werden von deutschen und italienischen Truppen besetzt.
Diese landen ebenfalls in Tunis, wo recht bald schwere Kämpfe
entbrennen.
An diesen nehmen auch einige Söhne unserer Gemeinde teil. Trotz
der
furchtbaren Winterstürme bleiben unsere U-Boote dauernd am
Feind und fügen diesem unersetzliche Verluste zu. Wir fragen uns
zur
Jahreswende 1942/43:
Sind die jetzigen feindlichen Großangriffe im Osten,
die
unter den schwersten Feind- und Materialverlusten abgewiesen werden,
die
letzten
Zuckungen des gewaltigen Riesen? Wird Rußland den jetzigen Winter
überstehen, wird nicht nach dem Verlust der fruchtbarsten
Gebiete
in Rußland eine furchtbare Hungersnot ausbrechen? Wird es
unseren U-Booten gelingen, den Nachschub unserer Feinde zu
unterbinden?
Was plant Japan? u.a.
Am 30. August 1942, nach Beendigung der Sommerferien, traten
drei Neulinge:
ein Knabe und zwei Mädchen in die Schule ein. Wegen Erkrankung des
Lehrers Mohr an einer schweren Nervenentzündung übernimmt
Lehrer
Fick in Hagen die Vertretung. (Oktober - Dezember.)
10. April 1943.
Während der letzten Monate nahm die Heimat bangen
Herzens, jedoch
mit vertrauensvoller und fester Siegeszuversicht Anteil an den schweren
Abwehrkämpfen unserer tapferen Söhne, die das Vaterland im
Osten
gegen einen an Menschen und Material weit überlegenen
bestialischen
Feind heldenmütig verteidigen. Der Untergang der
unvergeßlichen
ruhmreichen 6. Armee unter Führung des Generalfeldmarschalls
Paulus
rüttelt auch den letzten Außenstehenden des deutschen Volkes
auf. Jeder erkennt nunmehr, in welcher großen Gefahr die Ostfront
und damit die deutsche Heimat geschwebt hat. Des Führers Aufruf
zum
"Totalen Krieg" findet bei jedem Deutschen lebhaften Widerhall. Weite,
im vorigen Sommer eroberte, mit dem Blut der tapfersten und treuesten
Söhne
unseres Volkes getränkten Gebiete mußten geräumt und
aufgegeben
werden. Am Donez und dem unteren Kuban wurde dem Mongolensturm
schließlich
Halt geboten. In den schweren Abwehrkämpfen im Osten findet im
März
1943 der Obergefreite Artur Johannsen im jugendlichen Alter von
22 Jahren, Inhaber des EK II, des Infanterie-Sturm-Abzeichens und der
Ostmedaille
den Heldentod. (Rshew).
[42] Sein Vater, der Erbhofbauer August Johannsen, verliert
in ihm seinen
einzigen, guten und hoffnungsvollen Sohn, der später den
väterlichen
Erbhof übernehmen sollte. In seinen letzten Briefen, die er an
seinen
Vater schrieb, kommt seine feste Siegeszuversicht zum Ausdruck. Artur!
Auch Du gabst das Höchste, Du tatest bis zum letzten Lebenshauch
Deine
Pflicht und opfertest Dich für uns, für Führer, Volk und
Vaterland!
In Tunis tobt in diesen Tagen eine schwere Abwehrschlacht
gegen eine
große feindliche englisch-amerikanische Übermacht. Unsere
U-Boote
erteilen den feindlichen Zufuhren harte Schläge. Schwer hat die
Heimat
unter den feindlichen Bombenangriffen zu leiden, doch ertragen die
Heimgesuchten
die schweren Prüfungen mit erbitterter Rache im Herzen. Auch in
unserer
Gegend stürzen mehrere Feindflugzeuge ab, in Großenaspe,
Sarlhusen,
Lentföhrden u.s.w.
Millionen von Männern, deren Arbeitsplätze nunmehr
von Frauen
besetzt werden, strömen zu den Waffen. Die Bauern Alb.
Feil,Hans
Rühmann und Martin Kelting werden zum Wehrdienst
einberufen
und die 17jährigen Claus Harbeck und Hermann
Fölster
zur Waffen-SS eingezogen. Die Geschäfte des
Bürgermeisters
führt nunmehr der Ortsgruppenleiter G. Blunck und die
Kassenwaltung
der Gemeinde übernimmt H. Harbeck. Die feste Siegeszuversicht der
Heimat kommt in den hohen Spenden zum W.H.W. 1942/43 zum
Ausdruck.
Im Laufe der Wintermonate werden 2.835 RM gespendet, an Bedürftige
gelangen 1.070 RM in Form von Wertgutscheinen zur Verteilung. Acht
Volksgenossen
verpflichteten sich bereits, im Laufe des Sommers acht erholungsbedürftige
Soldaten 14 Tage unentgeltlich aufzunehmen.
Da die Viehmärkte ungenügend beschickt werden,
wird den Bauern
zur Pflicht gemacht, Vieh abzuliefern. Ebenso müssen wegen
Mangel an Zugtieren entbehrliche Pferde der Wehrmacht und den
landwirtschaftlichen
Betrieben gestellt und für Taxtpreis überlassen werden.
Am 27. März wird ein Mädchen aus der Schule
entlassen.
Bei den schweren Kämpfen im Osten zeichneten sich durch
hervorragende
Tapferkeit aus: Ernst Kröger, Sohn des Bauern Johs.
Kröger,
sowie (Wilhelm) Julius Kröger und der Obergefreite Hans
Karstens, Sohn des Bauern Johannes Karstens. Sie wurden mit dem
Eisernen
Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
Am 1. Mai 1943 waren an ausländischen Arbeitern in der
Gemeinde
beschäftigt:
Kroaten Kr.
Franzosen
Polen Ukrainer Russen:
m.
w.
m. m.
w.
m. w. m. w.
1
-
22
4
6 2
2
2 4
[43] Blut und Rasse.
Bevölkerungsbewegung innerhalb der Gemeinde
Föhrden
Barl (ab 1870)
Deutschland wird ewig sein und niemals untergehen, wenn es
seine Rasse
rein hält und es wieder ein "lachendes Kinderland" wird. Diese
alten
Naturgesetze haben alte Kulturvölker, seien es die alten
Babylonier,
Griechen und Römer, oder nennen wir germanische Volksstämme:
die Goten und Vandalen, nicht beachtet. Ihr Blut war ihnen nicht
heilig,
sie betrachteten die Scholle, die ewige Mutter Erde nicht als die
Quelle,
aus der immer wieder neue Kraft quillt, sondern strebten nur nach
äußerer
Macht und äußerem scheinbaren Reichtum, vermischten sich mit
anderen Völkern, die sich viel stärker vermehrten, und die
unausbleibliche
Folge war: ihr Untergang. Einen ähnlichen Vorgang können wir
augenblicklich beim französischen Volk wahrnehmen.
Und - steht es um das deutsche Volk viel besser? Wieviele
kinderlose
Ehen oder solche mit ein oder zwei Kindern, sogenannten
"Sorgenkindern",
gibt es bei uns! Das "Zweikindersystem" hat teilweise bereits die
erbgesunde
Bauernfamilie angesteckt. Millionen ziehen im Laufe weniger Jahre aus
leichtverständlichen
Gründen vom Lande in die Großstadt und gehen dort
spätestens
nach zwei oder drei Generationen unter.
Was nützen die weiten fruchtbaren Gebiete im Osten,
für die
das Blut unserer besten Söhne vergossen wird, wenn es nicht
gelingt,
sie im Laufe der nächsten 50 Jahre mit deutschen Menschen zu
besiedeln?
- Dann hätte der Bolschewismus doch schließlich gesiegt! Das
darf auf keinen Fall erfolgen! Durch Aufklärung und Belehrung,
durch
die Begünstigung kinderreicher Familien bei der Gesetzgebung des
Staates
muß alles geschehen, um eine "kinderbejahende Mutter" zu
gewährleisten.
An Hand des Schülerverzeichnisses war es mir
möglich, die
Bevölkerungsbewegung innerhalb unserer Gemeinde in den letzten 70
- 80 Jahren festzustellen. Aus derselben ist zu erkennen, daß
unsere
Bauern im allgemeinen reich mit Kindern gesegnet waren, diese jedoch in
den meisten Fällen als Beamte, Angestellte, Handwerker oder
Gewerbetreibende
in die Stadt gezogen sind. Uns fehlte der Wirtschafts- und Lebensraum!
Meine nunmehr folgende Untersuchung der
Bevölkerungsbewegung erstreckt
sich nur auf alteingesessene Familien, sogenannte "vorübergehend
Ansässige"
habe ich absichtlich nicht berücksichtigt.
[Es folgen auf den Seiten 44 - 49 Übersichten zur
Bevölkerungsbewegung
(s. anliegende Tabelle).]
[50] In der Gemeinde bestanden seit dem Jahre 1870 39
kinderreiche (d.h.
Ehen mit drei und mehr Kindern), 28 kinderarme Ehen und zwei Ehen
blieben
kinderlos.
7 Familien, je 1 Kind, 4
Familien, je 5
Kinder, 2 Familien, je 9 Kinder,
21 " " 2
Kinder,
5 " "
6
" , 1
"
" 12 " ,
11 " "
3
" , 4
"
" 7 " , 2 Ehen
kinderlos.
11 " "
4
" , 1
"
" 8 " ,
Aus den 69 (71) Familien gingen 242 lebende Kinder hervor,
somit kommen
auf jede Familie 3,5 Kinder. Wenn man die totgeborenen und die
frühzeitig
verstorbenen Kinder mitzählt, so kommt man zu dem Ergebnis:
Jede Ehefrau unserer Gemeinde schenkte - im Durchschnitt
- 4 Kindern
das Leben.
Es muß berücksichtigt werden, daß die
Geburten der
jetzt lebenden Generation noch nicht abgeschlossen sind.
Dem Geschlechtsverhältnis nach verteilen sich die
Geburten auf
132 Knaben und 110 Mädchen, von denen 26 Knaben und 25
Mädchen
das 14. Lebensjahr nicht erreicht haben, also noch nicht im Berufsleben
stehen.
Von den im Berufsleben stehenden 108 Söhnen und 85
Töchtern
- Summa 193 - blieben 58 Söhne und nur 24 Töchter in ihrem
Heimatdorf,
während 50 Männer und 61 Frauen in die Fremde zogen.
Ich muß hierzu bemerken: Da viele weichende junge
Bauernsöhne
und -töchter, die jetzt noch auf dem väterlichen Hof
arbeiten,
nach ihrer Heirat oder Gründung einer Existenz ihr Elternhaus
verlassen,
wird sich die Zahl der Verziehenden noch erheblich erhöhen, bei
den
Männern etwa um 10, bei den Frauen um 9.
Ergebnis: Von den 108 Söhnen und 85 Töchtern
sind (bzw.
werden)
a) 48 Söhne und 15 Töchter in der Gemeinde
geblieben.
b) 60 Söhne und 40 Töchter ziehen in die Fremde
(bzw. +).
Die in der Heimat verbleibenden Männer übernahmen
bzw. übernehmen
als Bauern, Gewerbetreibende oder Kätner den väterlichen
Besitz.
Ähnlich verhält es sich bei den Frauen, von denen (2)
vereinzelte
als Hoferben erscheinen, die Mehrzahl (9) werden mit Bauern oder (1)
Gewerbetreibenden
verheiratet und wenige (3) bleiben [51] als unverheiratete "Tanten" auf
dem väterlichen Besitz.
Als Landarbeiter oder Tagelöhner ist keiner in
seinem Heimatdorf
geblieben.
Hieraus ist zu ersehen, daß seit jeher nur die
Hoferben, einige
Junggesellen und wenige mit ortseingesessenen Bauern verheiratete
Bauerntöchter
in ihrer engeren Heimat blieben. Die weichenden Erben
verließen
ihr Elternhaus, um ihr Glück in der Fremde zu suchen.
Erhebliche
Mittel standen ihnen selten zur Verfügung. Was sie besaßen
war:
Selbstvertrauen, Mut, Fleiß, Ausdauer und ein treues, ehrliches
Gemüt.
Vielfach waren es die Besten, Verwegensten und Wagemutigsten, die unser
Dorf verließen und es in der Fremde in wenigen Jahren zu Ansehen
und Wohlstand brachten.
Von denen, die nach 1870 fortzogen, wurden neun
Bauern und bisher
sechs noch als Landwirte Aufgeführte, werden nach beendetem Kriege
ebenfalls selbständig werden oder die Beamtenlaufbahn einschlagen,
20 haben ein Handwerk erlernt oder sind im Gewerbe tätig und sind
bereits lange Jahre Inhaber selbständiger Betriebe. (Schlosser,
Gärtner,
Schlachter u.a.) Dreizehn wurden Beamte und Angestellte und
genießen
als solche das langjährige Vertrauen ihrer Vorgesetzten bzw. ihrer
Behörde (- Lehrer, Post-, Telegr.-, Finanzbeamte u.s.w.), nur ganz
wenige (drei) wurden Handarbeiter. Drei Männer wanderten aus und
gingen
damit der Heimat und dem Vaterlande für immer verloren. Von diesen
Auswanderern haben sich zwei als Farmer in Nordamerika niedergelassen
und
es dort zu Wohlstand gebracht, der dritte ist verschollen.
Von den verzogenen Töchtern (59) unseres Dorfes
wurden 28
Bäuerinnen und drei betätigten sich im Gewerbe, 25 wurden mit
bessergestellten Angestellten, Beamten und dergleichen verheiratet und
tun als Hausfrauen und Mütter ihre Pflicht, während nur ganz
wenige (drei) als Arbeiterfrauen für ihr Auskommen durch eigene
Arbeit
mitverdienen müssen.
Und wo sind die Verzogenen geblieben?
21 Männer verzogen in ein Dorf, 20 in eine Kleinstadt
und 9 in
die Großstadt,
30 Frauen
"
" " " , 17
"
"
"
" 11 "
"
" .
Alle kehren gern und oft in ihr Heimatdorf zurück, alle
sind ihrer
Heimat treu geblieben.
Abgeschlossen: 1. Mai 1943 Wilh. Mohr.
[52] Nach einem milden Winter erlebten wir in
diesem Jahre ein
herrliches
Frühjahr. Bereits am 18. April 1943 sah ich den ersten Storch
in den Lüften schweben, am 20. April die ersten Schwalben und am
25.
April standen die Obstbäume in voller Blütenpracht. Bereits
Ende
April kann das Vieh auf die Weide getrieben werden. Nach anhaltender
Trockenheit
fällt am 23. Mai der langersehnte Regen.
Nach heldenhaften wechselvollen Kämpfen wird unser
Afrikakorps
wegen Mangel an Nachschub gezwungen, am 3. Juni den Widerstand gegen
den
an Zahl und Waffen vielfach überlegenen Feind einzustellen. Die
Terrorangriffe
der feindlichen Bombengeschwader auf unsere Großstädte
nehmen
von Woche zu Woche zu, die Verheerungen und die Verluste der
Zivilbevölkerung
sind entsetzlich. Mancher Volksgenosse sieht bedenklich in die Zukunft.
Herr Schulrat Lindrum überreichte am 31. Mai 1943 in
Anwesenheit
der Kinder dem Lehrer Mohr in feierlicher Form das
Treudienst-Ehrenzeichen
I. Stufe (40 J. Dienstzeit).
Ende November 1943
Wir erlebten in diesem Jahre einen selten günstigen
Sommer,
der uns eine überreiche Ernte bescherte. Die Heuernte wurde, vom
schönen
Wetter begünstigt, schnell und gut geborgen. Der Roggen erbrachte
durchschnittlich den 15fachen Ertrag und auch die Haferernte war weit
über
Durchschnitt. Nur der Buchweizen versagte infolge einer
Trockenheitsperiode
während der Blütezeit vollständig. Bauern, die sich
verpflichten,
eine bestimmte Anzahl von Schweinen zu mästen, bleiben von der
Getreideablieferung
- ausgenommen Brotgetreide - verschont. Unter der Trockenheit hatten
auch
die Hackfrüchte recht stark gelitten, so daß die kaum
"mittlere"
Kartoffelernte wohl für die Volksernährung ausreichen wird,
doch
für die Schweinemast können in diesem Jahre keine Kartoffeln
zur Verfügung gestellt werden. Bis September 1944 müssen die
Bauern unserer Gemeinde, um die Fleischversorgung der
Bevölkerung
sicherzustellen, 288 Rinder (9 Liter) zur Ablieferung bringen. Für
viele unserer Bauern, besonders für diejenigen, die sich auf
Milchwirtschaft
umgestellt haben und daher die Kälber abschlachten ließen,
bedeutet
diese Maßnahme eine große Härte. Selbstversorger, die
für ihren Haushalt Schweine einzuschlachten gedenken, haben die
gleiche
Anzahl von Schweinen der allgemeinen Versorgung zuzuführen. Auch
dürfen
nur Schweine im Gewichte von 3,5 Zentner und mehr zur Schlachtung
freigegeben
werden.
[Es folgt eingeschoben S. 53/54 ein Aufsatz von Herbert
Schuldt]
[53] Ein Flugzeugabsturz 24.5.1943.
In den letzten Tagen wurde unser Dorf recht oft von
feindlichen Flugzeugen
überflogen. Auch gestern nachmittag summte und brummte es in der
Luft.
Lange Zeit suchte ich den Himmel ab, doch ich konnte keine Flugzeuge
entdecken.
Plötzlich sah ich eine lange Rauchfahne, ein weißer
Fallschirm
schwebte in der Luft, und ein Flugzeug sauste unter schrecklichem
Geheul
in größter Geschwindigkeit schräg zur Erde. Ich wollte
mich schon hinwerfen; denn das Heulen kam immer näher.
Plötzlich
erzitterte die Erde, eine dicke schwarze Rauchfahne stieg zum Himmel
empor,
und mächtige Flammen züngelten aus dem Flugzeug hervor.
Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und begebe mich zur
Unglücksstelle.
Sie befindet sich am Herrenholzweg, ungefähr 500 Meter vom
Weddelbrooker
Damm entfernt. Hier haben sich schon andere Neugierige eingefunden. Von
der Polizei werden wir vom Brandherd ferngehalten; denn jeden
Augenblick
kann die Munition explodieren. Das Flugzeug hat ein zwei Meter tiefes
Loch
in die Erde gewühlt. Bei der Unglücksstätte liegen
Blechteile,
der Propeller und eine verbogene Tragfläche umher. Nach kurzer
Besichtigung
fahre ich wieder nach Hause.
Magdalene Rühmann hat das Heruntergehen des
Fallschirmes gesehen.
Der Fallschirm ist etwas abgetrieben und in den Hagener Wiesen [54] bei
der Ziegelei gelandet. Der angebrannte Fallschirm ist schon
zusammengerollt.
Der abgestürzte Jagdflieger erzählt: "Wir flogen neue
Jagdflugzeuge
ein. Der Motor des von mir gesteuerten Jagdflugzeuges muß nicht
in
Ordnung gewesen sein; denn plötzlich schlugen Flammen aus dem
Motor
heraus. Schnell entschlossen sprang ich aus dem Flugzeug und
stürzte
nun in die Tiefe. Anfangs war ich in den Stricken verwickelt und verlor
so einen Stiefel. Dann öffnete sich der bereits angebrannte
Fallschirm,
wurde vom Südostwind etwas abgetrieben und landete so in den
Hagener
Wiesen. Ich habe geringe Schmerzen im Bein und im Rücken und
außerdem
ein paar Brandwunden davongetragen. Doch sonst fehlt mir nichts!"
Die übrigen Flieger kreisten nach dem Absturz ihres
Kameraden noch
lange um die Unfallstelle herum. Sie kamen immer niedriger. Dadurch
wollten
sie Hilfe herbeirufen. Als die Flieger erkannten: "Unser Kamerad ist
gut
gelandet!" schraubten sie ihre Flugzeuge wieder in die Wolken, und bald
waren sie unseren Blicken entschwunden.
Herbert Schuldt, 13 J.
[Es folgt die Fortsetzung des auf S. 52 unterbrochenen
Textes]
[55] Infolge der guten Getreideernte können die Brotrationen
wieder heraufgesetzt werden, was von der Bevölkerung
freudig
begrüßt wird; denn insbesondere in den
Großstädten
herrscht in mancher Familie bittere Not.
Der Herbst ist äußerst milde und trocken. Die
Saatbestellung
wird ohne Schwierigkeit erledigt. Arbeitskräfte stehen der
Landwirtschaft hinreichend zur Verfügung; denn immermehr
Ostarbeiter,
insbesondere Polen und Ukrainer - darunter viele Frauen und Kinder -
werden
der Landwirtschaft zur Arbeitsleistung zugeteilt. Doch die
zuverlässigsten
und treuesten Arbeiter sind die kriegsgefangenen Franzosen. Der
Bürgermeister
Feil, der nicht frontfähig ist, hat diese zu bewachen. An Fremdvölkern
werden z.Zt. 58 Mann beschäftigt:
K. Franzosen:
Polen: Ukrainer:
Russen: Sa.
m. w. m.
w.
m. w.
23
7 11 3
6
4 8 58
Einheimische Bevölkerung:
Erwachsene: Kinder: Sa.
m. w.
m.
w.
40 69
28
25 162
davon ab Hbg. u. Kieler Evakuierte:
1
4 2
1
8
Verbleiben:
39 65
26
24 154
Alle irgendwie entbehrlichen Männer stehen im Einsatz
für
Volk und Vaterland. Die Bevölkerung ist darüber empört,
daß es in diesem Kriege noch Reklamierte, Kriegsgewinnler und
Schieber
gibt.
Die Heimat hat unter den feindlichen Fliegerangriffen
schwer
zu leiden. Ganze Städte werden durch die Spreng- und Brandbomben
vernichtet.
Groß sind die Opfer an Gut und Blut. Doch die Bevölkerung
verbeißt
den Schmerz mit vorbildlicher Haltung und weist in den mit ihr
geführten
Gesprächen darauf hin, daß unsere Helden im Osten noch
Schwereres
zu erdulden haben.
In den Nächten vom 25./26.1., 27./28. und 30./31. Juli
wird der
größte Teil der Großstadt Hamburg dem Erdboden
gleichgemacht. Wir sitzen im Chausseegraben (Splitterschutz) und sehen
in der herrlichen Sommernacht dem furchtbaren Schauspiel zu. Die Luft
ist
erfüllt von dem Dröhnen der über uns dahinziehenden
feindlichen
Großbomber. Durch Abwurf von Metallstreifen, die am nächsten
Morgen zu Tausenden in der Gegend umherliegen, wird die deutsche
Funkverständigung
unterbunden und damit eine Verständigung der Flak und
Nachtjäger
zunichte gemacht. Ungehindert können so die Großbomber ihren
Bombensegen planmäßig auf die Millionenstadt abladen. Neben
den Sprengbomben geht ein ungeheurer [56] Phosphorregen auf Hamburg -
in
der Nacht vom 30./31. Juli ebenfalls auf Elmshorn - nieder, der bei der
damals herrschenden Hitze ganze Straßenzüge und Stadtteile
einäschert.
Hunderttausende werden obdachlos und verlieren Hab und Gut.
Zehntausende
der Bewohner kommen in den Flammen um. Der südliche Himmel ist am
Abend hell erleuchtet. Die Türen und Fenster zittern und beben.
Während
des Angriffes vom 30./31.7. herrscht ein furchtbares Gewitter, und die
bei uns untergebrachten Evakuierten sehen und erleben von hier aus den
Untergang ihrer lieben Heimat.
Die allermeisten Hamburger verlassen mit dem Rest
ihrer Habe
auf zur Verfügung gestellten Autos ihre Heimat und finden
liebevolle
Aufnahme
und Betreuung in den Nachbargauen. Auf Veranlassung der Partei
mußte
ich als Ortsgruppenamtsleiter der N.S.V. sämtliche in der Gemeinde
verfügbaren Quartiere bereithalten und in der Schulstube ein
Massenquartier
einrichten. Am Nachmittag des 29. Juli gelangte der erste
größere
Schub per Auto auf dem Schulhofe an und wurde dann ohne Schwierigkeit
auf
die Quartiere verteilt. Diejenigen, die beabsichtigten, am
nächsten
Tag weiterzureisen und andere, die wieder nach Hamburg
zurückkehren
mußten, blieben im Massenquartier, für das ich meine
sämtlichen
Decken und Kissen bereitstellte. Nachdem der Bürgermeister der
N.S.V.
Lebensmittelkarten übergeben hatte, war es meiner Frau tagelang
möglich,
die notleidenden Volksgenossen zu verpflegen. Daß bei dem Ansturm
manch Unangenehmes und viele Schwierigkeiten zu überwinden waren,
ist selbstverständlich. Ich habe bei schwerwiegenden
Entscheidungen
- im Gegensatz zur Gemeindebehörde - stets als Nationalsozialist
gehandelt
und für meine Handlungsweise auch die alleinige Verantwortung
übernommen.
In unserer Gemeinde waren wochenlang bis 120 Evakuierte untergebracht.
Obgleich von der Kreisleitung schon lange Zeit vorher Vorbereitungen
für
einen Katastrophenfall getroffen waren, ließ die Organisation
doch
viel zu wünschen übrig. Noch heute denken viele Hamburger an
die in unserem Dorfe verbrachten schönen Tage in Dankbarkeit
zurück.
Drei Wochen lang brachte ich in meinem Hause bei voller Verpflegung
fünf
bzw. sechs Bombenbeschädigte aus Eidelstedt unter. --- Auch am
Tage
versuchen amerikanische Bomber einzufliegen, erleiden aber jedesmal
große
Verluste. An einem klaren Spätsommertag fand über unserer
Gegend
mit einem feindlichen Geschwader (etwa 270 Bomber) eine Luftschlacht
statt, die in einer Höhe [57] von 5.000 - 6.000 m ausgetragen
wurde.
Immer wieder schossen unsere kühnen Jäger in den feindlichen
Verband hinein und brachten mehrere Feindmaschinen zum Absturz. Die
Besatzungen
versuchten sich im Fallschirm zu retten und wurden dann, teils
verwundet
von der "Landwacht" gefangengenommen (Quarnstedt, Hagen, Schmalfeld).
Doch
schon nach wenigen Wochen wird die Abwehr der Heimat dermaßen
verstärkt,
daß die Feinde ihre Einflüge jedesmal mit ungeheuren
Verlusten
bezahlen müssen. Das ganze deutsche Volk ersehnt den Tag der
furchtbaren
Vergeltung!
Veranlaßt durch Abhören von Feindsendungen, den
Verrat der
italienischen Badoglio Regierung, die Rückschläge in
Süditalien
und an der Ostfront und die furchtbaren Verwüstungen durch die
feindlichen
Terrorflieger in der Heimat machte sich im Volke eine
allgemeine
Mutlosigkeit
bemerkbar. Doch nachdem unsere Wehrmacht dem Feinde im Osten und im
Süden
wieder harte Schläge versetzt und die Schwierigkeiten in Italien
überwunden
sind, ist das Vertrauen und die Siegeszuversicht im Volke
wieder
im
Steigen; denn jeder ist sich bewußt, daß dieser Kampf
um
die Existenz des deutschen Volkes geht. Auch die gewaltigen Erfolge
unseres
japanischen Verbündeten machen auf die breiten Massen des Volkes
einen
gewaltigen Eindruck.
Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Blunck wurde
für seine
Leistungen mit dem Kriegsverdienstkreuz ohne Schwerter und der
Ortsgruppenamtsleiter
Mohr mit der Medaille für Volkspflege ausgezeichnet.
Obgleich die Kaufleute letzten Endes doch nur als
Warenverteiler betrachtet
werden können, macht sich im Geschäftsleben ein übler Schwarzhandel
immer mehr bemerkbar. Volksgenossen, die keine Gegenleistungen machen
können,
werden von den Handwerkern bei Reparaturen vernachlässigt.
Geflügel,
insbesondere fette Enten und Gänse, gelangt kaum auf den Markt.
Die in Nordafrika in amerikanische Kriegsgefangenschaft
geratenen Wachtmeister
Walter Behnke und Hans Kock haben an ihre Angehörigen geschrieben.
Diese Nachricht löste in der ganzen Gemeinde anteilige Freude aus.
Laut Schulzählung vom 15.11.1943 wird die
Schule z.Zt. von
25 Kindern (davon 1 Hamburg, 1 Kiel), und zwar von 14 Knaben und 11
Mädchen
besucht.
[58] Im Laufe des Sommers und Herbstes d.J. wurden durch die
N.S.V.
auf 14 Tage erholungsbedürftige verwundete Soldaten
untergebracht
bei F. Seider, Mohr, Reimers, Hans Schnack, Herb. Schnack, G. Blunck,
Hg.
Schwartzkopff, J. Lohse und W. Krohn.
Die Sammlung für das Deutsche Rote Kreuz
erbrachte
die stattliche Summe von 1.204,91 RM.
In einem Feldlazarett in Italien starb am 4. Dezember 1943
nach einer
schweren Verwundung - Granatsplitter in Leber und Lunge - der Sohn des
Erbhofbauern Johannes Karstens, der Obergrenadier Walter Karstens
im Alter von 19 Jahren. Die schwer geprüften Eltern verlieren in
ihrem
Walter, der noch vor wenigen Wochen bei ihnen auf Urlaub weilte, ihren
jüngsten lebensfrohen, hoffnungsvollen Sohn. Zu jedem war Walter
stets
liebevoll, freundlich, höflich und entgegenkommend, stets strahlte
aus seinem Antlitz frohe Lebenszuversicht, und jeder, der ihn kannte,
hatte
ihn gern! Walter! Du ruhst jetzt für immer in fremder Erde! Doch
auch
Du bist nicht umsonst gefallen; denn Du starbst für uns, für
Deine Heimat und für Dein Vaterland! Nie wird Dein Name
verklingen,
heilig soll er uns sein!
Zur Jahreswende 1943/44.
Ein schweres Jahr, reich an harten Prüfungen, Erfolgen
und furchtbaren
Rückschlägen liegt hinter uns! Immer fester und inniger wird
das deutsche Volk im Ringen um Sein oder Nichtsein zur
festgefügten
Volksgemeinschaft zusammengeschlossen. Mancher blickt sorgenvoll, doch
fest entschlossen in die Zukunft. Groß waren die Opfer an Gut und
Blut, die das Jahr 1943 von Front und Heimat forderte. Der ruhmreiche
Untergang
der 6. Armee in Stalingrad, der Rückzug der Ostarmee, die Aufgabe
weiter fruchtbarer Gebiete im Osten und im Kaukasus, die Kapitulation
des
deutschen Afrikakorps infolge Unterbindung des Nachschubs und der
schmähliche
Verrat Italiens waren Ereignisse, die auf das Kriegsgeschehen einen
nachhaltigen
Einfluß ausübten.
Schwer hatte die Heimat unter dem feindlichen Luftterror zu
leiden.
Viele Frauen und Kinder sind den Fliegerangriffen zum Opfer gefallen.
Städte
sind zerstört und viele Bauerngehöfte niedergebrannt. Doch
auch
diese Opfer müssen ertragen werden!
Das Jahr 1944, das die Hingabe des ganzen deutschen Volkes
fordert,
wird hoffentlich die Entscheidung bringen! Wir sind bereit, mehr denn
je
unsere Pflicht und [59] Schuldigkeit zu tun und noch größere
Opfer auf uns zu nehmen, damit wir dereinst vor der Geschichte bestehen
können und wir uns vor unseren heimkehrenden tapferen Helden nicht
zu schämen brauchen.
Luftschlacht über Föhrden Barl am 5. Januar
1944.
Fast täglich ertönen in den ersten Tagen des neuen Jahres
die Sirenen in Wrist und Kellinghusen: Fliegeralarm! Feindliche
Flugzeuge
überfliegen Tag und Nacht in geschlossenen Verbänden unsere
Gegend,
um über Kiel, Hamburg, Stettin, Berlin u.s.w. ihren Bombensegen
abzuladen.
Am 5. Januar sitze ich, wie immer, kurz nach Mittag in der
Stube am
Fenster und lese die Zeitung. Draußen ist eine herrliche
Winterlandschaft
mit schneebedeckter Erde und klarem blauen Himmel. Durch das Heulen der
Sirenen werde ich aufgerüttelt. Die Bevölkerung wird gewarnt
und aufgefordert, die Luftschutzräume aufzusuchen. Feindliche
Bomber
haben Kiel schwer heimgesucht und großen Schaden verursacht. In
nordöstlicher
Richtung erblicke ich mächtige Rauchwolken. Kiel brennt!
Ich gehe nun hinaus, um Ausschau zu halten.
Und siehe da, schon donnern die in geschlossener Formation
fliegenden
viermotorigen nordamerikanischen Bomber heran! Sie fliegen in einer
Höhe
von 6.000 - 8.000 m und werden durch zweimotorige Jagdflugzeuge
beschützt.
Ich zähle 15, 20, 25, 36 Feindmaschinen! Doch nach kurzer Zeit
sind
auch schon unsere kleinen, gewandten, schnellen Jäger da und
stoßen
von allen Seiten wie Habichte auf die schwerbewaffneten "Festungen"
herab.
Die feindlichen Jäger versuchen, sie daran zu verhindern, kurven
hin
und her, lange Kondensstreifen hinter sich zurücklassend. Die
Maschinengewehre
hämmern, die Bordkanonen senden den Feindmaschinen Ladung auf
Ladung
in die Bäuche. Die Luft ist erfüllt vom Dröhnen der
eigenen
und feindlichen Maschinen. Ein Bomber brennt und eine mächtige
Rauchfahne
zieht hinter ihm her. Noch zwei Angriffe unserer
Messerschmittjäger
und der Feind stürzt brennend in die Tiefe, explodiert beim
Aufschlag
und eine mächtige Rauchsäule steigt gen Himmel. Der
feindliche
Verband wird gezwungen, sich aufzulösen, und nun entwickeln sich
schwere
Einzelkämpfe, denen weitere Bomber zum Opfer fallen.
[60] Doch auch einer von unseren Jägern stürzt
brennend herunter.
Dem Piloten gelingt es, im letzten Augenblick auszusteigen, und lange
Zeit
beobachte ich den geöffneten Fallschirm, der nach Süden
abgetrieben
wird.
Immer neue feindliche Pulks kommen aus Nordosten, die 32,
51, 42 und
25 Maschinen zählen. Die Luftkämpfe werden immer erbitterter,
bis ein Verband nach dem anderen, verfolgt von unseren immer wieder
angreifenden
Jägern am westlichen Horizont verschwindet. Während der
heftigen
Kämpfe purzeln mehrere bombenähnliche Blechtonnen vom Himmel.
Sie landen in unmittelbarer Nähe des Dorfes. Wir erwarten eine
heftige
Detonation, die ungeheuren Schaden verursacht hätte. Später
stellt
sich heraus, daß diese "Bomben" leere, von unseren Jägern
als
Ballast abgeworfene Reserve-Tanks sind.
In den schweren Kämpfen wurden sieben, davon fünf
Feindbomber
über unserer Gegend abgeschossen. Das eine feindliche Flugzeug
stürzte
brennend bei Wulfsmoor ab, ließ aber noch im letzten Augenblick
viele
Hunderte Stabbrandbomben fallen, von denen einige ein Bauernhaus in
Wulfsmoor
vernichteten.
Frauen und Kinder der Nachbarschaft suchten während des
Fliegerangriffes
Schutz in dem Keller des Schulhauses. Auf unser Dorf wurden keine
Bomben
geworfen.
In der Nacht vom 5./6. Januar haben wir wieder Alarm! Also:
Heraus aus
den warmen Betten. 1½ Stunden überfliegen englische
Bombengeschwader
unser Dorf. Die Koffer mit den allernotwendigsten Kleidungsstücken
und liebsten Wertgegenständen sind bereitgestellt.
Am nächsten Tage meldete der Heeresbericht: Beim
Angriff auf Kiel
in den Mittagsstunden des 5. Januar wurden 81 Feindmaschinen, darunter
63 viermotorige Bomber und beim Nachtangriff auf Stettin 16 Bomber
abgeschossen.
20 eigene Jäger gingen bei diesen schweren Kämpfen verloren.
In den Abendstunden des 5. Januars fahren viele motorisierte
Feuerlöschzüge
geschlossen durch unser Dorf. Richtung: Das brennende Kiel.
In den Landgemeinden werden Vorbereitungen zur Aufnahme
obdachloser
Frauen und Kinder aus dem zerstörten Kiel getroffen. In unserer
Gemeinde
sollen vorläufig 26 Personen untergebracht werden.
[61] Am 10.12.1943 wurde der Stabsgefreite Ernst Harbeck,
mot.Art.Reg.
/720, Sohn des Erbhofbauern Johannes Harbeck, als Fahrer einer
Zugmaschine
für hervorragende Tapferkeit bei den schweren Abwehrkämpfen
an
der Ostfront (Mitte) und vorbildliche Pflichterfüllung mit dem Eisernen
Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
Da die Kartoffeln infolge der schlechten Ernte und der
verpaßten
rechtzeitigen Beschlagnahme zur Versorgung der Bevölkerung in den
Großstädten nicht ausreichen, müssen nunmehr
große
Mengen von Steckrüben beschlagnahmt und abgeliefert
werden.
Die Gemeinde Föhrden Barl hat ca. 6.000 Liter (je Liter
2,20
RM), also 20 Waggons, abzuliefern.
Bem. Hunderte von Zentnern Kartoffeln wurden in unserer
Gemeinde zu
Kartoffelmehl verarbeitet, verfüttert oder gedämpft. Mitte
Januar
1944.
Bericht des Grenadiers Herbert Schnack über seine
Erlebnisse
in den schweren Abwehrkämpfen während der Winterschlacht im
Osten
um die Jahreswende 1943/44.
"Während der Weihnachtstage versuchte der Russe
unsere Stellungen
bei Berdischew und Schitomar zu durchbrechen. Mein Regiment wurde nun,
nachdem wir den "Heiligen Abend" in Ruhe verlebten, im Morgengrauen des
25. Dezember zum Gegenstoß angesetzt. Wir durchstießen nach
schweren, harten Kämpfen die feindliche Hauptkampflinie und
fügten
den Bolschewisten große Verluste bei. Durch einen Volltreffer
wurde
unser LKW vollständig zerrissen. Dabei wurde ich am
Gesäß
leicht verwundet, doch mein Spaten und mein Brotbeutel waren arg
zugerichtet.
Als ich wieder zu mir kam, waren meine Kameraden verschwunden, und ich
war gezwungen, mich einer anderen Einheit anzuschließen. Hier
wurde
ich am 28. Dezember abends 23 Uhr als Melder eingesetzt und als solcher
am nächsten Morgen um 4 Uhr an der linken Hand - Durchschuß
der Länge nach - verwundet. Ich schleppte mich in einen Wald, um
mir
die Wunde notdürftig zu verbinden. Dann versteckte ich mich in
einem
dichten Gebüsch, denn der Wald war noch im feindlichen Besitz. Bei
Beginn der Dunkelheit machte ich mich dann wieder auf den Weg und nach
langem schwierigen Marsche stieß ich vollständig ermattet
auf
eine deutsche Einheit. Ich hoffte nun auf ärztliche Hilfe und auf
Überführung in ein Feldlazarett; denn meine Wunde schmerzte
furchtbar.
Und wieder kam es anders! Der Feind griff mit großer
Übermacht
an, und es kam zu harten Kämpfen, an denen ich trotz meiner
schweren
[62] Verwundung teilnehmen mußte. Obgleich wir uns tapfer zur
Wehr
setzten und den Russen die schwersten Verluste zufügten, wurden
wir
schließlich eingekesselt. Von Stunde zu Stunde wurde der Ring
kleiner
und fester und unsere Verluste an Toten und Verwundeten wurden immer
größer.
Den Weg in die russische Gefangenschaft wollten wir nicht antreten und
so durchbrachen wir an einer schwächeren Stelle den feindlichen
Ring,
um den 600 m von uns entfernten Wald zu erreichen. Die meisten von uns
wurden durch das feindliche Maschinen-gewehrfeuer niedergemäht und
mit nur 19 Mann fanden wir uns im schützenden Wald wieder. Nun
wurde
der Wald von den Russen durchsucht, doch wir hatten uns mit sechs Mann
so gut versteckt, daß wir nicht gefunden wurden. Von den
übrigen
13 Kameraden haben wir keinen wiedergesehen. Sie sind wahrscheinlich
von
den Russen gefangengenommen und befinden sich auf dem Marsch nach
Sibirien!
Für uns sechs Mann begannen nun qualvolle Tage von
Strapazen
und Entbehrungen! Im Schutze der Dunkelheit schlichen wir nun stur wie
die Panzer durch die russische Hauptkampflinie. Ein junger Kamerad
sprach
perfekt russisch und so markierten wir einen russischen Spähtrupp.
Wohl zehn Mal wurden wir, ohne erkannt zu werden, angerufen. Unsere
Kleidung
und unser ganzer Körper waren auch dermaßen verlaust und
verschmutzt,
daß wir den Russen vollständig glichen. Ohne unseren
kühnen,
tapferen Kameraden hätte wohl keiner von uns die Heimat
wiedergesehen!
Einer von uns war infolge der Strapazen und Entbehrungen so
hinfällig,
daß wir ihn buchstäblich mitschleifen mußten; denn
keiner
wollte seinen Kameraden im Stiche lassen. Als wir schließlich die
deutschen Stellungen wieder erreichten, war unsere Freude
unbeschreibbar!
Im Lazarett zu Winniza wurde uns dann nach sechstägiger Irrfahrt
die
erste Hilfe zuteil.
Ich liege jetzt in einem Lazarett im Harze und sehe
meiner baldigen
Genesung entgegen."
Bericht des Stabsgefreiten Ernst Harbeck vom 8.1.1944.
"Wie Ihr aus dem Wehrmachtsbericht entnommen habt, finden
im Osten
(Mitte) schwere Abwehrkämpfe statt. Das Weihnachtsfest verlebten
wir
noch im Kreise unserer Kameraden. Am 2. Festtag wurde von unserer
Abteilung
eine kampffähige Batterie zusammengestellt, die sofort zum Einsatz
gelangte. Doch, als wir noch auf [63] dem Marsche zu unseren Stellungen
waren, wurden wir bereits von hinten von russischen Panzern
angegriffen.
Bald herrschte ein wüstes Durcheinander. Wie ich mit meiner
Zugmaschine
aus diesem Wirrwarr herausgekommen bin, weiß ich selbst nicht
mehr.
Dieser Einsatz, der nur 18 Stunden dauerte, war der furchtbarste, den
ich
während des nunmehr 4½jährigen Krieges mitgemacht
habe.
Aber seid nur unbesorgt; denn ich liege jetzt mit meinem
Fahrzeug
in Polen, bin also weit vom Schuß. Das "Verwundeten-Abzeichen"
ist
auch für mich fällig!
Das Wetter war bisher sehr günstig. Daß es in
Rußland
auch einmal ein schwarzes Weihnachten geben kann, kommt wohl nur ganz
selten
vor."
Das Jahr 1944 war für uns alle das bisher
härteste
und schwerste aller überstandenen Kriegsjahre, und es gibt wohl
kaum
jemanden, der es wieder zurückwünscht. Weite Gebiete Europas
mußten wir preisgeben. Wir stehen nicht mehr wie noch vor einem
Jahr
vor Leningrad, am Dnjepr, bei Cassino, in Kirkenes und an den
Pyrenäen.
Der Feind steht im Westen und Osten an unseren Grenzen! Durch den
schmählichen
Verrat unserer rumänischen, bulgarischen und finnischen
Bundesgenossen
wurde unsere Kampfkraft geschwächt. Der Anschlag einer
kleinen
Verräterclique am 20.7.1944 gegen das Leben unseres
Führers
wurde blitzartig niedergeschlagen. Durch den feindlichen Luftterror
wurden
friedliche Dörfer und Städte aufs schwerste heimgesucht.
Tausende
von Frauen und Kindern fanden bei diesen Angriffen den Tod. Jedes
andere
Volk wäre unter der Schwere der Last zusammengebrochen.
Deutschland
aber ist unter diesen harten Schicksalsschlägen nicht weich,
sondern
hart und immer härter geworden.
Was schier unmöglich war, hat das deutsche Volk, das
keinen Augenblick
sein Selbstvertrauen verlor, geleistet: der Soldat an der Front,
Frauen,
Kinder und Greise bei der Errichtung von Grenzbefestigun-gen, Arbeiter
an den Maschinen der Rüstungsfabriken und Gelehrte an den
Reißbrettern
und Retorten in schöpferischer Arbeit. Hunderttausende Frauen
ersetzen
Arbeitsplätze in den Fabriken und in der Land-wirtschaft, viele
neu
aufgestellte Volksgrenadier-Divisionen rückten an die Front, der
Volkssturm,
der alle Männer vom 16. - 60. Lebensjahre umfaßt,
übernahm
den Schutz der engeren Heimat, junge Mädchen [64] wurden zur
Heimatflak
einberufen. Ein Volk, das so tapfer, fleißig und treu ist, kann
und
wird niemals untergehen und mit seinem heldenhaften japanischen
Verbündeten
allen Feinden bis zum Endsieg trotzen. Bei uns herrscht Fleiß,
Ordnung,
Treue und Sauberkeit, bei unseren Feinden und in den von ihnen
besetzten
Ländern dagegen haben Typhus, Pest, Not, Elend, Chaos und
Revolution
ihren Einzug gehalten.
Unsere Aufgaben für das Jahr 1945 sind hart und
schwer.
Doch wird jeder von uns ausharren wie bisher und seine Pflicht
erfüllen.
Bedingungslos und mit vollem Vertrauen folgen wir unserem Führer,
der nicht nur uns, sondern ganz Europa den Weg in die wahrhafte
Freiheit
zeigt. Das Jahr 1944 war das Jahr der Bewährung, mit Gottes Hilfe
wird das Jahr 1945 das Jahr des Sieges und Friedens, das Jahr
Deutschlands
werden.
Von der Schule: Um die Jahreswende 1943/44 erkrankte Lehrer
Mohr an
Herzschwäche. Lehrer Fick, Hagen, wurde vom Schulrat mit der Vertretung
beauftragt. Im Laufe des Jahres 1944 nahm die feindliche
Fliegertätigkeit
dauernd zu. Hierunter hatte der Schulbetrieb wegen Fehlens eines
Luftschutzraumes
schwer zu leiden. Bei Fliegeralarm wurde der Unterricht
sofort
eingestellt und die Kinder wurden einzeln - wegen Tieffliegergefahr
- nach Hause geschickt. Benachrichtigung über erfolgten Alarm
geschieht
durch den Bürgermeister.
Da viele Stadtkinder auf dem Lande untergebracht werden und
dort am
Schulbesuch teilnehmen, stößt die Beschaffung von
Lehrbüchern
auf oft unüberwindbare Schwierigkeiten, so daß das Schulamt
eingreifen muß und einen Austausch von Lernbüchern innerhalb
der einzelnen Schulen des Kreises regelt.
Nach schweren Terrorangriffen auf Hamburg, Kiel und
Neumünster
werden in unserer Gemeinde 79 obdachlose Frauen und Kinder
untergebracht.
Am Ende des Jahres 1944 ist die Schülerzahl auf 41
gestiegen.
Von den Gastkindern stammen zehn aus Neumünster, drei aus Kiel,
vier
aus Hamburg und eines aus Offenbach a/M. Die Leistungen dieser Kinder
müßten,
da sie alle miteinander aus einer achtstufigen Schule stammen, in allen
Fächern viel besser sein.
[65] Für die im Nachbarort Mönkloh
behelfsmäßig
eingerichtete Schule stellte auf Veranlassung des Schulamtes die
Gemeinde
Föhrden Barl zwei viersitzige Bänke zur
Verfügung.
Wegen Ersparung von Feurung wurden die Weihnachtsferien vom 16.
Dezember 1944 bis 15. Januar 1945 festgesetzt. Die Herbstferien fielen
deshalb fort.
Zu Beginn der Weihnachtsferien veranstaltete die Fa. Rieke,
die in unserer
Gemeinde kriegswichtige Güter, die aus den bedrohten Ostgebieten
abtransportiert
waren, eingelagert hat, für Kinder und Bombengeschädigte eine
Weihnachtsfeier!
Sie war umrahmt von Vorträgen und Liedern der Kinder und des
B.D.M.
Die Feier erreichte ihren Höhepunkt, als der Weihnachtsmann mit
zwei
mächtigen Säcken erschien und jedes Kind reichlich
beschenkte.
Die Kuchen zu dieser wohlgelungenen Feier stiftete die Frauenschaft.
Von der Landwirtschaft. Auch die Landwirtschaft
unserer Gemeinde
hat unter den Folgen des Krieges zu leiden und hat große Opfer zu
bringen; denn sie ist dazu berufen, das deutsche Volk, die vielen
ausländischen
Arbeiter und Kriegsgefangenen zu ernähren. Trotz Mangel an
Kunstdünger
wurde im Jahre 1944 infolge intensiver Bearbeitung des Bodens eine
recht
gute Getreideernte erzielt. Wegen der in den Monaten Juli / August
herrschenden
Trockenheit war die Hackfruchternte "unter Mittel"; aber trotzdem
konnten
die Bauern ihre Ablieferungspflicht an Rüben und Kartoffeln
erfüllen.
Da die Wiesen an der Au wegen Baufälligkeit der Schleuse nicht
berieselt
werden konnten, ließen die Heuerträge zu wünschen
übrig.
Wegen Mangel an Kraftfutter sind die Milcherträge stark gesunken
(2.800
l je Kuh). Die Kälber werden wenige Tage nach der Geburt
abgeliefert
und geschlachtet. Da Fleisch und Fett rationiert sind, hat die
Gänse-
und Entenzucht von Jahr zu Jahr zugenommen. Viele Bauernhöfe sind,
da der Mann an der Front steht, verwaist. Frauen, Kinder und Greise
erfüllen
in dieser schweren Zeit mehr als ihre Pflicht. Treue Arbeiter in der
Landwirtschaft
sind die kriegsgefangenen Franzosen und Ostarbeiter. Der polnische
Arbeiter
ist hinterlistig und falsch.
Zum Schutze der Heimat wurde im Laufe des Sommers und
Herbstes an der
Westküste der sogenannte "Friesenwall" errichtet. Er
besteht
aus vielen Erdbefestigungen, Laufgräben, Einmannlöchern,
Bunkern
und Panzergräben. Ältere Leute unseres Dorfes wurden zur
dreiwöchigen
Schanzarbeit am "Friesenwall" verpflichtet, u.a. Hr. Schnack, Hr.
Schuldt,
[66] R. Fölster, E. Plambeck, F. Seider, Hs. Studt, Johs.
Rühmann
und etliche Ostarbeiter. Das Holz zum Bunkerbau wurde zum Teil in
mehrwöchiger
Arbeit durch etwa 120 kriegsgefangene Franzosen im Hasselbuscher Forst
geschlagen.
Aus Gesundheitsrücksichten legte Lehrer Mohr am
20.4.1944 nach
fast 10-jähriger Amtstätigkeit seinen Posten als Amtsleiter
der N.S.V. nieder. Zu seinem Nachfolger wurde Pg. Johs. Harbeck
ernannt.
Fast alle Männer unseres Dorfes im Alter von 16-45
Jahren und darüber
hinaus befinden sich an der Front und schützen mit ihren
Waffen
die teure Heimat. Viele von ihnen tragen im Knopfloch mit Stolz das
Eiserne
Kreuz, das Verwundetenabzeichen oder eine andere Auszeichnung.
Seit dem Durchbruch der Bolschewisten in der Mitte der
Ostfront gelten
der Obergefreite Heinrich Fengler, der Eisenbahner Johannes Lucht und
der
Polizei-Oberwachtmeister Ernst Kröger als vermißt.
Nach
dem Abfall Rumäniens haben der Stabsgefreite Hans Blunck und der
Stabswachtmeister
Heinrich Kock nichts wieder von sich hören lassen, so daß
damit
gerechnet werden muß, daß sie entweder gefallen oder in
russische
Gefangenschaft geraten sind. Der Unteroffizier Fritz Fölster
geriet
nach
Mitteilung seines Hauptmannes in der Normandie in amerikanische
Gefangenschaft.
Willi Behnke, Feldwebel in einem Panzerregiment, büßte mit
der
gesamten Panzerbesatzung (Artillerie-Volltreffer) am 22. Dezember 1944
nördlich Stuhlweißenburg (Ungarn) sein Leben ein und opferte
sich
damit in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und
Vaterland.
Um ihn trauern seine junge Frau und vier kleine Kinder. Der
Obergefreite
Hans Karstens wurde im Osten zu dritten Male schwer verwundet
(Lungenschuß).
Er ist bereits wieder zu seinem Truppenteil zurückgekehrt. Die
Obergefreiten
Ernst Studt und Ernst Thies trugen schwere Verwundungen davon, stehen
aber
nunmehr wieder zu neuem Einsatz bereit. Herbert Schnack hat sich von
seiner
zweiten Verwundung erholt und befindet sich auf dem Wege zur
italienischen
Front. In der dritten Kurlandschlacht wurde der Obergefreite Willi
Schnack
(fünf Mal) verwundet, sein Stahlhelm erhielt ihm sein Leben. Der
Polizei-Hauptwachtmeister
Max Fölster wurde an der italienischen Front so schwer verwundet,
daß er tagelang in Lebensgefahr schwebte. Im Lazarett in Bad
Bramstedt
wurde er wieder hergestellt. Nachdem der Obergefreite Max Fölster
bereits zum sechsten Mal verwundet wurde, [67] (Sohn des Kätners
Rud.
Fölster), trugen auch seine Brüder Walter und Hermann
Verwundungen
davon. Wachtmeister Ernst Kock befindet sich nach Wiederherstellung von
seiner schweren Verwundung in Dänemark. Hans Rühmann, der
bisher
auf italienischem Boden kämpfte, befindet sich auf dem Wege nach
Ungarn.
Und wo stecken unsere übrigen Soldaten? Hauptwachtmeister
Kurt
Mohr in Kurland, Obergefreiter Willi Seider in Ostpreußen
(früher
Norwegen), Gefreiter W. Krohn auf dem Balkan, Stabsgefreiter Ernst
Harbeck
im Weichselbogen, Bernh. Feil bei der Flak, Hamburg, Alb. Feil im
Lazarett
in Bad Bramstedt, Martin Kelting in Polen und Kurt Plambeck in Ungarn.
Er schreibt in seinem letzten Brief, daß es ihm nach
zweitägiger
Gefangenschaft gelungen sei, den Bolschewisten zu entweichen. Gefreiter
Helmut Reimers befindet sich, wie so oft, nach kurzem Einsatz wieder
auf
Urlaub. Der Sanitäts-Obergefreite Hr. Rühmann tut z.Zt.
Dienst
in einem Lazarett im Sudetenland.
Wegen Mangel an Feurungsmaterial mußten viele
Schulen den
Unterricht einstellen und zur täglichen Aufgabenteilung
übergehen.
Auf dem platten Lande, wo bei gutem Willen mit Leichtigkeit hinreichend
Holz und Torf hätte beschafft werden können, haben die
Bürgermeister
nicht hinreichend ihre Pflicht erfüllt. Dank der Fürsorge
unseres
Bürgermeisters Blunck, der im vorigen Sommer die Bauern zur
Lieferung
von Holz, Busch und Torf verpflichtet hatte, brauchte in unserem Dorfe
die Schule nicht geschlossen zu werden. Für das Jahr 1945/46 ist
nun
vom Landrat verfügt, daß jede Gemeinde ihre Bewohner mit
Feurung
zu versorgen hat. Wegen Transportschwierigkeiten und Feindeinwirkung
auf
den Kohlenbergbau werden nämlich voraussichtlich im kommenden Jahr
sämtliche Kohlenlieferungen für die Landbevölkerung
eingestellt.
Die Waldbesitzer unserer Gemeinde sind schon jetzt aufgefordert, 70 fm.
Brennholz zu schlagen, und im kommenden Frühjahr hinreichend Torf
zu graben.
Das Jahr 1945
(20.3.1945)
Im Januar 1945 gelingt es den Bolschewisten infolge ihrer
Überlegenheit
an Menschen und Material die Weichselfront aufzureißen. Die
deutschen
Truppen errichten, nachdem sie dem Feinde ungeheure Verluste
beigebracht
haben, eine neue Verteidigungsfront hinter der Oder, um die
augenblicklich
schwer gerungen wird. Die fruchtbaren Ostprovinzen fallen dem Feinde
zum
Opfer. Schwer und heldenmütig wird z.Zt. in Pommern, West- u.
Ostpreußen
und in Kurland gekämpft.
[68] Die Besatzungen der eingeschlossenen Festungen leisten
den Russen
Widerstand bis zur letzten Patrone, und oft gelingt dem Rest, sich zur
eigenen Front durchzuschlagen. Im Westen wird ebenfalls um die
Entscheidung
gerungen. Ungeheure Leistungen werden auch hier von unseren heldenhaft
kämpfenden Söhnen und Vätern geleistet, aber trotzdem
ist
es den Anglo-Amerikanern infolge ihrer Materialüberlegenheit
gelungen,
bis an den Unterrhein vorzustoßen und bei Remagen einen
Brückenkopf
diesseits des Stromes zu bilden.
Millionen von Flüchtlingen aus den verlorengegangenen
Ostgebieten
suchen und finden liebevolle Aufnahme im Herzen ihres Vaterlandes.
Viele
Volksgenossen, denen die Flucht nicht mehr gelang, erleiden die
furchtbaren
Greueltaten: Männer werden zusammengetrieben und verschleppt,
Kinder
und Greise gequält und ermordet, Frauen und Mädchen
geschändet
und die Gehöfte mit Vieh und Vorräten niedergebrannt. Gibt es
noch einen guten und gerechten Gott? Wann kommt der Tag der furchtbaren
Vergeltung? - Tag für Tag durchziehen Trecks und Einzelwagen mit
Flüchtlingen
unser friedliches Dorf. Man möchte ihnen so gerne helfen und sie
alle
aufnehmen, alle Not mit ihnen teilen und ihnen wahre Nächstenliebe
erweisen! Die armen Flüchtlinge, aus deren hohlen Augen die
Schrecken
der letzten Wochen zu lesen sind, kommen von Königsberg, Tilsit,
aus
dem Warthegau und Küstrin und sind bereits 4-8 Wochen unterwegs.
Die
mit Stroh, Betten, Hausgerät und anderen geretteten Habseligkeiten
beladenen, mit einer Plane, Bettlaken oder Säcken bedeckten
Leiterwagen
werden von mageren, pflasterlahmen Pferden gezogen. Durch Seuchen,
Hunger
und Kälte sind auf dem langen Marsche viele kleine Kinder und
Greise
gestorben. Ein größerer Treck von etwa 70-80 Wagen, der vor
einigen Tagen unser Dorf passierte, hatte Kellinghusen als Marschziel,
wo die einzelnen Familien auf die einzelnen Gehöfte der Umgegend
verteilt
werden sollen. Wie einige Quartiergeber mir berichten, sind die
Flüchtlinge
sehr genügsam, dankbar, entgegenkommend und gerne zur Mitarbeit
bereit.
- Täglich wird die Heimat von feindlichen Bombengeschwadern
angegriffen.
Die meisten Großstädte bilden nur noch einen
Trümmerhaufen
und doch geht die Arbeit weiter. Tiefflieger stören den
Eisenbahnverkehr,
beschießen die Arbeiter auf dem [69] Felde, das Vieh auf den
Weiden
und die Autos auf den Landstraßen. An nicht geschützten
Strecken
werden daher zum Schutze der Passanten vom Volkssturm
"Einmannlöcher"
ausgehoben. Anfang März wirft ein Tiefflieger mehrere Sprengbomben
auf den Bahnhof und auf die Wassermühle in Bad Bramstedt, in der
bedeutende
Getreidemengen eingelagert sind. Die Bomben verfehlten ihr Ziel,
richteten
aber in der Umgebung einen bedeutenden Sachschaden an. Eine evakuierte
Frau, durch einen Bombensplitter getroffen, fand den Tod, ihr kleines,
neben ihr spielendes Kind blieb am Leben. Beim Einflug eines
großen
Bombengeschwaders - Angriff Hamburg und Kiel - fielen 40 Bomben ins
freie
Feld bei Hingstheide. Der Krieg wird von Tag zu Tag immer schrecklicher
und grausamer. Aus dem Kampf an den Fronten ist nun auch ein Morden von
Frauen und Kindern in der Heimat geworden.
Nach dem Verlust der Überschußgebiete im Osten
müssen
die Lebensmittelrationen bedeutend gekürzt werden, so daß
sie
kaum ausreichen. Von den im Herbst vergangenen Jahres eingekellerten
drei
Zentnern Kartoffeln (je Kopf) müssen 25 kg wieder
zurückgegeben
werden, die Einschlachtungen - 40 kg pro Person - müssen zwei
Monate
länger reichen, die Brot- und Nährmittelrationen werden
bedeutend
gekürzt, Gänse, Enten und Puten sollen bis zum 1. April
abgeschlachtet
werden und die Hühnerhalter ihren Bestand auf eine Henne je Person
ermäßigen. Die Bauern werden angehalten, einen großen
Teil ihrer Äcker mit Gemüse, insbesondere mit Kartoffeln,
Kohl,
Erbsen und Bohnen zu bepflanzen; denn nur so wird es möglich sein,
die notdürftige Ernährung des deutschen Volkes sicher zu
stellen
und eine Hungersnot abzuwenden.
Infolge des Zustromes von Flüchtlingen, die meistens
viele Kinder
mitbringen, steigt die Schülerzahl von Woche zu Woche und
erreichte
am 19. März 1945 die Zahl 49.
Da die Schulfeurung an die Evakuierten verteilt werden
mußte,
wurde am 28. Januar der Schulunterricht eingestellt und vom Schulamt
der
tägliche Aufgabenunterricht angeordnet. (Bericht vom 19.3.1945 von
W. Mohr).
1943/44 erbrachte die Sammlung für das WHW innerhalb
der Ortsgruppe
3.554,42 RM
1944 erbrachte die Sammlung für das deutsche Rote Kreuz
innerhalb
der Ortsgruppe 1.426,76 RM
[70] Die letzten Kriegstage und der Zusammenbruch.
Immer weiter dringen die Feinde im Osten und Westen vor. Die
Russen
haben die Oderlinie erreicht, belagern Breslau und bedrohen die
Reichshauptstadt.
Die Anglo-Amerikaner haben den Rhein überschritten und stehen
bereits
im Herzen unseres Vaterlandes. Und doch gibt es noch Leute, die an das
große Wunder glauben, das eine Wendung und glückliches Ende
des furchtbaren Krieges bringen soll. Man spricht von geheimnisvollen
Wunderwaffen
und Flugzeugen, denen kein Feind gewachsen ist, doch die Mehrzahl des
Volkes
hat jegliche Hoffnung an einen glücklichen Ausgang des Krieges
verloren.
Furchtbar haben wir in der Heimat unter den Tieffliegern zu leiden. Der
Schulunterricht muß daher eingestellt werden (Ende April 1945).
Wie
wir die letzten Tage des Krieges und den Zusammenbruch erlebten, zeigen
Briefe, die ich an meinen Sohn, der an der Kurlandfront steht,
richtete.
Föhrden Barl, 2. Mai 1945
Lieber Sohn! Als wir gestern mit höchster Spannung
am Rundfunk
versammelt waren, vernahmen wir, daß der Führer im Kampfe um
Berlin den Heldentod gefunden habe. Für mich kam dieses Ereignis
nicht
überraschend, denn als Dr. Göbbels der Welt mitteilte, Hitler
sei nach der Reichshauptstadt geflogen, um dort die Leitung der
Kampfhandlungen
zu übernehmen, war mir klar, daß er dort sterben würde.
Sein ganzes Leben galt der Vernichtung des Bolschewismus, und in diesem
Kampfe opferte er sich schließlich selbst. - Adolf Hitler war
ohne
Frage ein großer Mann voller Ideale, doch hat er es m.E. nicht
verstanden,
die richtigen und geeigneten Männer, die das Vertrauen des Volkes
genossen, zu berufen. - Deutschlands Innenwirtschaft ist unter seiner
Führung
aufgeblüht, die Arbeitslosigkeit beseitigt, das Verkehrsnetz
ausgebaut,
alle Deutschen zum Großdeutschen Reich zusammengeschlossen usw.,
doch die Auslandspolitik versagte unter seiner Führung
vollständig.
Auch hier fehlten die geeigneten Männer. Hätte Adolf Hitler
nach
der Machtübernahme seine Mitarbeiter mit einem großen Sieb
gesichtet
und die Nieten beseitigt, welch großer Zukunft wären wir
entgegengegangen.
Der Führer fühlte sich als der größte Politiker,
Heerführer,
Künstler, Redner und Baumeister aller Zeiten und wurde auch vom
Volke
als solcher gefeiert und anerkannt, doch die Geschichte wird vielleicht
einst ein anderes Urteil fällen! Ruhe seiner Asche!
[71] Groß-Admiral Dönitz wurde vom
Führer persönlich
zum Nachfolger bestimmt und nicht, wie die meisten Volksgenossen
glaubten,
Himmler, an dessen Händen allzuviel Blut unschuldiger Menschen
klebt.
Dönitz ist politisch unbelastet und daher vielleicht in der Lage,
das sinkende Schiff in letzter Stunde vor dem Untergang zu retten. Ich
glaube allerdings kaum, die Anglo-Amerikaner zum Abschluß eines
Waffenstillstandes
zu bewegen, dazu ist es zu spät! Die nächsten Tage werden uns
über vieles aufklären! Gewiß, auch unsere Gegner sind
kriegsmüde
und wollen den Kampf auf jeden Fall beenden. Allzu große Hoffnung
auf eine Entzweiung der Großmächte zu setzen, könnte
bittere
Enttäuschungen bringen! - Der Feind steht vor Hamburg, hat bei
Lauenburg
die Elbe überschritten und nähert sich unserer schönen
Heimat.
Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß bereits morgen oder doch in
den
allernächsten Tagen feindliche Panzerspitzen unser friedliches
Dorf
durchfahren! Wir haben uns auf alles vorbereitet und die erforderlichen
Vorkehrungen getroffen: Splittergräben ausgeworfen, Kleidung und
Eßwaren
in den Keller gebracht oder vergraben. In unserem Dorfe liegen z.Zt.
zwei
Generäle mit ihren Stäben, unsere ganze Gegend gleicht einem
mächtigen Heerlager. Dazu kommen die unzähligen
Flüchtlinge,
die untergebracht werden müssen. Jedes Haus ist bis auf den
letzten
Platz überfüllt. - Besonders arg werden wir z.Zt. von den
Tieffliegern,
die die Verkehrswege und Eisenbahnen unter Beschuß halten,
heimgesucht.
Eisenbahnzüge und Lokomotiven, von vielen Geschoßgarben
durchsiebt,
stehen auf den Geleisen oder sind ausgebrannt und am Rande der
Reichsstraße
liegen viele demolierte ausgebrannte Autos. Auf der Chaussee herrscht
z.Zt.
ein Autoverkehr, wie ich ihn noch nie erlebte. Zwischen den
vollbeladenen
Autos fahren Trecks mit Flüchtlingen, die aus der Gegend von
Berlin,
aus Vorpommern und Mecklenburg kommen. Verwundete pilgern längs
der
Straße - ohne Verpflegung, ohne Ziel und Unterkommen. Fast
täglich
werden manche von ihnen durch uns gesättigt. In der vorigen Nacht
zum Beispiel brachten wir einen Hauptmann mit seiner vierköpfigen
Familie unter. Wie dankbar sind die Leute, wenn sie nur ein Dach
über
dem Kopf und ein einfaches Strohlager haben.
Im Hause von Hans Schnack ist das Standgericht
untergebracht. - Die
Bahn ist stillgelegt und die Post geht sehr langsam. Ich glaube daher
kaum,
daß dieser Brief Dich noch erreichen wird. - Mutter und ich
machen
uns schwere Sorgen um Dich! Hoffentlich wird man Euch [72] noch in
letzter
Stunde über See abtransportieren. Halte nur den Kopf aufrecht und
verliere nicht den Mut, es kann noch alles gut werden! Von Deiner
lieben
Frau und Deinem Klein-Peterlein haben wir keine Nachricht, denn das
Geleise
nach Heide ist unterbrochen. Hoffentlich überstehen wir alle diese
furchtbare Zeit und sehen uns alle miteinander in der Heimat wieder.
Das
ist unser einziger Wunsch, alles andere wird sich finden!
Deine Eltern. (Wilh. Mohr
u. Frau Anna, geb. Runge.)
6.5.1945. Die Anglo-Amerikaner stehen bereits östlich
von Bramstedt
und sind nur noch zehn Kilometer von uns entfernt. Unser friedliches
Dorf
gleicht einem Heerlager. In den letzten Tagen strömten ungeheure
Autokolonnen
gen Westen. Die Tiefflieger räumen furchtbar unter ihnen auf und
immer
mehr ausgebrannte Fahrzeuge liegen am Straßenrand. So wurde zum
Beispiel
am Mittwoch ein Auto bei H. Schnacks Kate zusammengeschossen. Die
Wände
des Hauses sind durchlöchert, die Fenster zersplittert. Zwei Mann
(Evakuierte) wurden leicht verwundet. Bei Hans Schnack ist ein Arzt als
Flüchtling - aus Westpreußen - untergebracht, der sofort
Hilfe
bringen konnte. - In der Nacht vom Donnerstag/Freitag rüttelte es
bei uns an der Haustür. Die Schulstube mußte sofort für
einen Stab eines Armeekorps geräumt und freigemacht werden. Die
Offiziere
sind äußerst zuvorkommend und freundlich, doch Mutter hat
von
ihnen viele Mühe und Arbeit. Der Stab hatte die Absicht, am
nächsten
Tage wieder abzurücken, doch daraus wurde nichts, denn es waren
Verhandlungen
mit den vorrückenden Engländern eingeleitet und der
Oberleutnant
teilte uns noch am Abend vertraulich mit: Morgen früh 8 Uhr ist
Waffenruhe!
Wir können fürwahr Gott danken; denn so sind wir
vorläufig
vor den Schrecken des Krieges verschont geblieben und haben unsere Habe
und unser Heim behalten. Einen Engländer, den die Soldaten als
Gefangenen
eingebracht hatten, ließ man wieder laufen. - Noch gestern waren
die beiden Anhöhen zu beiden Seiten der Bramau von unseren Truppen
besetzt, hinter Wällen und Knicks und den an der Chaussee
gegrabenen
Einmannlöchern saßen junge Burschen mit ihren
Panzervernichtungs-waffen,
doch heute ist jeder Widerstand aufgegeben und stündlich erwarten
wir das Eintreffen englischer Panzer. Alle Soldaten und die gesamte
Bevölkerung
atmen auf. Was nun kommen wird, muß die Zeit lehren! Einzelne
Soldaten
versuchen Lebensmittelvorräte und ganze Fahrzeuge an Bauern zu
verkaufen,
doch keiner (fällt) [73] geht darauf ein. - Leider haben in den
letzten
Kriegstagen Itzehoe, Kellinghusen und Wrist unter den Tieffliegern
recht
stark gelitten. In Wrist ging ein Munitionszug in die Luft, durch den
Luftdruck
wurden fünf Häuser vollständig zerstört, viele
beschädigt.
Auch in unserem Dorfe wurden viele Fenster zertrümmert und
Dächer
abgedeckt.
Durch den Landrat wurde die Jagd auf Rehböcke bereits
am 1. Mai
freigegeben und so war es uns noch möglich, vor Eintreffen der
Engländer
mehrere Böcke abzuschießen und den Keller aufzufüllen.
9.5.1945. Nach langen schweren Tagen herrscht endlich wieder
Ruhe im
Haus und in den beiden letzten Nächten haben wir wieder ruhig und
ungestört schlafen können. Unsere Truppen haben überall
bedingungslos kapituliert; denn ein weiterer Widerstand wäre
direkt
sinnlos gewesen. Wieviel Blut ist in den letzten Wochen und Monaten
umsonst
vergossen, wie viele Wohnungen wurden noch in den letzten Stunden
unnütz
zerstört und dadurch Hunderttausende obdachlos gemacht. Die letzte
Zeit dieses gewaltigsten Ringens aller Zeiten war purer Wahnsinn, und
unsere
Führung muß gewußt haben, daß es so und
nicht
anders enden konnte. Man hat den Führer belogen - sämtliche
Eingaben
und Berichte verschönert, schwere Waffen, Benzinvorräte,
Flugzeuge
und Munitionsbestände bestanden in Wirklichkeit nur auf dem Papier
- und das gesamte Volk belogen wie noch nie. Damit hat die gesamte
Führung
ein unerhörtes Verbrechen auf sich geladen und verdient eine
gerechte
Strafe, jedoch nicht als Kriegsverbrecher durch die Feinde, sondern
durch
das deutsche Volk selbst.
Hätten sich die Minister, Gauleiter usw. in der Stunde
der größten
Not an die Spitze waffentragender Helden gestellt und wären in
offener
Schlacht gefallen, hätte ich noch eine gewisse Achtung vor ihnen
gehabt,
doch die allermeisten versuchten zu entkommen oder endeten durch
Selbstmord.
Vom Volke verlangten sie Kampf bis zum letzten Blutstropfen, Treue bis
in den Tod! Doch sie selbst zeigten sich als die größten
Feiglinge
aller Zeiten. - Der Kreisleiter Stiehr hatte die Verteidigung der Stadt
Segeberg befohlen. Er wurde verhaftet und nach Abschied von seiner
Familie
ins Konzentrationslager abgeführt. Der stellvertretende
Kreisleiter,
gleichzeitig Bürgermeister der Stadt Segeberg hat sich und seine
Familie
durch Gift selbst gerichtet. Auch der greise Landrat v. Mohl befindet
sich
in Gewahrsam. Und wer muß nun für die unsinnige Tat der
Führung
büßen? - Nur die arme Bevölkerung, [74] die bereits
jahrelang
Not und Entbehrungen ertragen mußte und immer durch schöne
Reden
und Prophezeihungen hingehalten wurde, hat alles zu ertragen. In
Segeberg
mußten sofort sämtliche Villen für eine englische
Besatzung
in Höhe von 1.000 Mann geräumt werden. Bad Bramstedt dagegen
erhielt nur eine Besatzung von 50 Mann, die im Kurhaus "An den Auen"
untergebracht
sind. Dörfer wurden bisher nicht belegt. - Immer wieder predigte
unsere
Führung den Sozialismus der Tat. Und wie sieht es in vielen Orten
in Wirklichkeit aus? In dem Dorfe Mötzen trafen die Engländer
Flüchtlinge aus dem Osten, die äußerst primitiv auf
einer
großen Diele untergebracht waren. Auf Befehl der Engländer
konnte
der Herr Bürgermeister jedem Flüchtling ein
"menschenwürdiges"
Quartier zuweisen und zwar innerhalb einer Stunde. In der Leitung des
Bramstedter
Lazarettes wurde, da nicht alles in Ordnung vorgefunden wurde,
gründlich
aufgeräumt.
Leider kam es in den ersten Tagen zu Plünderungen von
Wein- und
Bekleidungslägern durch Russen und Polen. Sogar Bauern sollen an
diesen
Plünderungen teilgenommen und ganze Wagen voll beladen mit Leinen
und Wäsche abgefahren haben. Von der englischen
Besatzungsbehörde
wurde darauf auf Plünderung die Todesstrafe verhängt.
Um überall die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen,
blieben Teile
der deutschen Wehrmacht zunächst unter den Waffen. So sollten zum
Beispiel Reste einer SS-Division im Segeberger Forst Widerstand
leisten.
Beim Durchsuchen des Waldes wurden über 600 bewaffnete ehemalige
kriegsgefangene
Russen eingebracht und der englischen Besatzungsbehörde
übergeben.
Auch im Osten unseres Kreises mußte gegen plündernde Polen
und
Russen eingeschritten werden. Diese hatten sich eigenmächtig
bewaffnet
und waren in die Bauern- und Gutshäuser eingedrungen, schmausten
nach
Herzenslust, legten sich mit ihren Dirnen in die Betten der Bauern und
raubten und plünderten. Unsere Truppen stellten innerhalb weniger
Stunden die Ruhe und Ordnung wieder her. So vermeidet der
Engländer
einen Zusammenstoß mit den Ausländern!
Die ersten französischen Kriegsgefangenen wurden
bereits abtransportiert.
Sie und auch die von den Engländern eingesetzten deutschen Truppen
werden aus englischen Beständen verpflegt. Jeder deutsche Soldat
versucht
so schnell wie nur irgend möglich seine Heimat zu erreichen. Als
Beförderungsmittel
werden mit Vorliebe Fahrräder und Karren benutzt. Alleine in Wrist
wurden der Bevölkerung in den letzten Tagen 26 Fahrräder
gestohlen.
Die Landstraßen sind noch unsicher; denn oft kommt es vor,
daß
ein Pole, Russe oder sogar ein deutscher Landser einen [75] Radfahrer
mit
vorgehaltenem Revolver zwingen, sein Rad herzugeben. In oder bei
Kisdorf
wurde bei einem solchen Raubüberfall ein Bauer mit seinem Sohn von
Russen erschossen. In den Wäldern, am Knick und an Wegen liegen
noch
überall Waffen und Munition umher. Auf Anordnung der
Besatzungsbehörde
fuhr gestern wieder der erste Güterzug. Die Lokomotive wird mit
Holz
und Torf geheizt. Der Postverkehr ist eingestellt, die Zeitungen
erscheinen
nicht mehr und da wir keinen elektrischen Strom haben, kann man auch
keine
Nachrichten hören. Man lebt wie auf dem Monde!
Wohl rollen oft Autos mit englischen Truppen an unserem
Hause vorbei,
doch sonst bekommt man kaum Besatzungstruppen zu sehen. Überall
herrscht
Ruhe und Ordnung und das ist schön! Unsere Soldaten werden
zunächst
in Sammellagern gesammelt, um von hier aus entlassen zu werden oder zum
Arbeitseinsatz zu gelangen.
Heute wird uns erzählt, daß viele Schiffe mit
Kurlandtruppen
vor Kiel eingetroffen sind. Kurt, bist auch Du unter ihnen?
12.5.1945. Lieber Kurt! Wir denken täglich an Dich und
machen uns
mit Deiner Erna und dem kleinen Peterlein schwere Sorgen um Dein
Wohlergehen.
Bist Du aus Kurland herausgekommen? Hast Du die Überfahrt
glücklich
überstanden? Vielleicht stehst Du schon nach wenigen Tagen vor
uns.
Und wie wir machen sich viele hunderttausend deutsche Eltern Sorgen um
ihre Söhne. Ich suche täglich Zerstreuung durch
nützliche
Gartenarbeit. In den Blüten der Obstbäume summen die
fleißigen
Bienen. Auf der Reichsstraße ziehen viele, viele entlassene
Soldaten
per Rad, mit beladenen Karren, per Auto oder auf Schusters Rappen mit
Gepäck
schwer beladen vorbei, Richtung: Heimat! Einige bespannte Einheiten
haben
die Pferde ihren entlassenen Mannschaften überlassen, die nun hoch
zu Roß ihres Weges ziehen. Fast in jeder Nacht übernachten
mehrere
Soldaten auf dem im Schulzimmer errichteten Strohlager.
Das Betreten der Straße von 9 Uhr abends bis 7 Uhr
morgens ist
der deutschen Bevölkerung, jedoch auch den ausländischen
Arbeitern,
die sich wie die Herren gegen uns aufspielen, verboten. Keiner darf
sich
aus dem Orte entfernen. Die Hauptstraße darf nicht benutzt werden
und wird für militärische Zwecke freigehalten. Jagdwaffen,
Ferngläser
und Photo-Apparate müssen sofort beim Bürgermeister
abgeliefert
werden.
[76] Ich muß mich über einige ehrlose Partei- und
Volksgenossen
wundern. Früher waren sie 150% Nazi und jetzt wollen sie
plötzlich
immer Gegner des Führers gewesen sein. Sie versuchen, sich beim
Engländer
anzuschmusen, doch dieser straft sie mit Verachtung.
Täglich passieren viele Geschütze und Fahrzeuge,
die in Bad
Bramstedt an die Besatzungstruppen abgeliefert werden müssen,
unseren
Ort.
Kriegsgefangene Franzosen und Polen üben die
Polizeigewalt aus.
Man hat ihnen unsere Jagdwaffen überlassen und schießen nun
alles Wild wahllos ab, sogar tragende Ricken und Hasen. Unsere Soldaten
werden es vordem in Feindesland ebenso gemacht haben und nun kommt der
Gegenhieb!
18. Mai 1945. Wilde Gerüchte sind im Umlauf. 7.000
Gefangene, insbesondere
Panzertruppen, die den Rückzug deckten, sollen den Russen in
Kurland
in die Hände gefallen sein, die übrigen Truppen, rund 500.000
Mann, sollen auf Bornholm, an der Lübecker- und Kieler Bucht, bei
Eckernförde, Kappeln u. Flensburg gelandet sein. Hoffentlich
bestätigt
sich diese Nachricht.
Laut Anschlag der Besatzungsbehörde haben sich
sämtliche Angehörige
der deutschen Wehrmacht innerhalb der englischen Besatzungszone bei
Androhung
der Todesstrafe sofort zu stellen, um als Kriegsgefangene einem
Sammellager
zugeführt zu werden. Die SS ist als Freiwild erklärt und soll
restlos ausgemerzt werden. Sämtliche Morde an Juden werden der SS
in die Schuhe geschoben. Oft soll die SS es auch zu arg getrieben
haben,
und nun müssen die Unschuldigen mit den Wölfen heulen. Im
Lazarett
zu Bad Bramstedt sind die Verwundeten der SS gesondert gelegt, liegen
nur
auf Pritschen, erhalten nur die halbe Verpflegung, werden nur
notdürftig
verbunden und ein englischer Posten hat aufzupassen, daß keiner
von
ihnen entflieht.
Entsetzliche Zustände wollen die Anglo-Amerikaner in
den deutschen
Konzentrationslagern festgestellt haben, und Insassen, die aus ihnen
entlassen
wurden, bestätigen dies. Die Haare stehen einem zu Berge, wenn man
solche Berichte hört oder liest. Wie kann es solche Bestien in
Menschengestalt
unter uns Deutschen geben!
Sämtliche politischen Leiter vom Ortsgruppenleiter
aufwärts
sollen verhaftet und einem Konzentrationslager zugeführt werden,
ihr
Vermögen wurde bereits beschlagnahmt. So wurden zum Beispiel der
Bürgermeister
von Bramstedt, der Ortsgruppenleiter von Bramstedt (Dr.) Johannsen; der
Ortsgruppenleiter von Hagen (Schurbohm), und der Ortsgruppenleiter von
Wrist (Reese) verhaftet, die meisten von ihnen sind jedoch
vorläufig
wieder freigelassen.
[77] In einigen Ortschaften mußte die Bevölkerung
sämtliche
Fahrräder, vereinzelt sogar Nähmaschinen und Radio-Apparate
abgeben.
Noch immer ruht der Eisenbahn- und Postverkehr, wir sind ohne
Elektrizität
und ohne Nachrichten. Auch in Bramstedt mußten nunmehr viele
Wohnungen
für die englische Besatzung geräumt werden (130 Mann), und
dabei
sind in Bramstedt noch immer 5.500 Flüchtlinge untergebracht.
Für
die Polen, die herrschaftlich im "Schloß" untergebracht sind,
mußten
sofort 200 Betten, Anzüge, Leibwäsche, Schuhwerk usw. von der
Bevölkerung von Bad Bramstedt und Umgebung zur Verfügung
gestellt
werden. Mit Arbeitgebern, die ihre ausländischen Arbeiter schlecht
behandelten, machen die Engländer kurzen Prozeß. Die
Lebensmittelrationen
werden auf 2/3 herabgesetzt. Überall herrscht Ruhe und Ordnung!
Wir haben dauernd Einquartierung von deutschen
Truppenteilen. Im Schulzimmer
sind auf einem Strohlager die Mannschaften des Stabes der
"Tiger-Panzer"
Abt. "Schanze" untergebracht. Der Schulplatz steht voller Autos.
Neue Bürgermeister werden ernannt, sämtliche
amtierende Bürgermeister,
die vor der Machtübernahme Parteigenossen waren, werden ihres
Postens
enthoben (von 14 - 12). Der Buchhändler Warnemünde wird zum
Bürgermeister
von Bad Bramstedt ernannt. Ihm werden 14 umliegende Gemeinden
unterstellt.
Heinrich Harbeck wird anstelle unseres früheren Partei- und
Ortsgruppenleiters
G. Blunck für Föhrden Barl bestimmt. Da keine Zeitungen
erscheinen,
werden die Bekanntmachungen öffentlich ausgehangen. Die Ausgehzeit
dauert nunmehr von morgens 5 Uhr bis abends 10.15 Uhr. Während
sich
zu Beginn der englischen Besatzung kein Einwohner weiter als fünf
Kilometer von seinem Wohnsitz entfernen durfte, wurde diese Bestimmung
für uns bald auf den Kreis Segeberg und vor kurzem auf das Gebiet
der Provinz Schleswig-Holstein erweitert. An der Spitze unseres Kreises
steht ein englischer Oberst, dessen Anweisungen peinlich genau befolgt
werden müssen.
Ein unerhörter Vorfall. Gestern abend
veranstalteten die
Offiziere unter ihrem Obersten (Panzer Abt. Tiger "Schanze") bei
unseren
Evakuierten Putenschmaus mit anschließendem Saufgelage, auf dem
es
toll herging, so daß meine Frau und ich bis 2.30 Uhr keine Ruhe
fanden.
Nach Beendigung der Feier ging es singend und polternd die Treppe
hinunter
ins Zimmer des Zahlmeisters Köhne, um dort die Sauferei
fortzusetzen.
Als ich dann vom Schlafzimmer aus um Ruhe bat, begannen die "Herren
Offiziere"
zu schimpfen und [78] zu pöbeln, so daß ich mich zu der
Bemerkung
hinreißen ließ: "Wenn man im eigenen Hause keinen Schutz
mehr
gegen deutsche Offiziere hat, dann ist es schließlich doch gut,
daß
wir zum Schutze eine englische Besatzung haben!" Darauf drangen die
Offiziere
ins Schlafzimmer und versuchten handgreiflich zu werden, drohten mit
Erschießen
und Anzünden des Hauses. Es gelang uns unter Aufbietung aller
Mühe
- unter Hilfeleistung und Zureden des Oberzahlmeisters und zweier
junger
nüchterner Offiziere die Unholde aus dem Zimmer zu entfernen, doch
bald begann das Pöbeln aufs neue. Schließlich versuchte der
"besonders gebildete" Herr Hauptmann, die Tür mit den
Absätzen
einzuschlagen. Als diese zu krachen anfing, hielten meine Frau und ich
es für richtig, im Nachthemd durchs Fenster zu entfliehen, um bei
Nachbarn Schutz und Unterkunft bis zum nächsten Morgen zu suchen.
Der Herr Oberst hat es nicht für nötig befunden - trotz
Aufforderung
- sich und seine Offiziere zu entschuldigen. Von einer Anzeige habe ich
aus leicht verständlichen Gründen abgesehen. Wenn unsere
Offiziere,
die doch mit gutem Beispiel vorangehen sollen, im eigenen Vaterland so
hausen, wie mögen sie in Feindesland gehaust haben! Ja - leider -
kann man das Auftreten der Besatzungstruppen verstehen!
Ähnlich so traten auch drei deutsche Offiziere beim
Bauern Hans
Rühmann auf, die den Sohn zwangen, auf dem Fußboden zu
schlafen
und sich in die Betten legten (22.5.1945).
23.5.1945. Größere Ortschaften erhalten eine
englische Besatzung,
für die die besten Häuser in kürzester Frist von den
deutschen
Familien geräumt werden müssen. Die Besatzung verhält
sich
im allgemeinen korrekt, ist teilweise sogar freundlich und
entgegenkommend.
Ihr ist jedoch verboten, mit Deutschen zu sprechen und zu verkehren.
Als
im Nachbarort ein deutscher Fliegeroffizier vorbeifahrende
Engländer
höhnisch anlacht, nehmen diese ihn in ihrem Auto mit, werfen ihn
bei
Stellau in die Bramau und beschießen ihn im Wasser mit ihren
Pistolen.
Wer am Abend nicht rechtzeitig zu Hause ist, muß damit rechnen,
daß
er von der englischen Streife verhaftet wird. Durch Anschlag werden
mehrere
solche "Opfer" bekanntgegeben. Die geringste Strafe beträgt 14
Tage
Gefängnis. Wegen Waffenbesitzes wurde ein Segeberger mit zehn
Jahren
Zuchthaus bestraft. Polen und Russen, die die Bevölkerung
belästigen
oder den Versuch machen zu plündern werden bestraft und
Sammellagern
zugeführt. Der Bürgermeister Hauschild, der einen Polen
schlug,
wurde verhaftet und zur Strafe mußten die Bauern dieser Gemeinde
ihre besten Stuben für die Polen räumen und mit weichen
Federbetten
ausstatten. [79] Überall sieht man nur ernste und traurige
Gesichter.
Wehe, wehe den Besiegten!
5.6.1945. In den letzten Tagen hat sich manches zugetragen,
aber nur
wenig Erfreuliches. Alle deutschen Soldaten müssen sich einem
Gefangenenlager
stellen, von dem sie alsdann entlassen werden. Landwirte,
landwirtschaftliche
Arbeiter und Handwerker werden bei der Entlassung bevorzugt. Jeden Tag
werden aus den Sammellägern 5.000 Kriegsgefangene entlassen. Jeden
Morgen fahren viele von ihnen auf Lastautos vorbei und winken einem zu.
A. Feil, B. Feil und H. Behnke mußten sich wieder stellen, von
ihnen
ist bisher letzterer zurückgekehrt. Von den Soldaten, die in
Kurland,
Ungarn, Italien usw. kämpften, wissen ihre Angehörigen
nichts;
denn die Postverbindung ist immer noch nicht aufgenommen - ein
schrecklicher
Zustand! - Viele Soldaten versuchen der Gefangenschaft zu entgehen und
versuchen, die Ortschaften mit deutsch-englischen Posten zu umgehen,
die
Elbe oder den Kanal mit Booten, Fähren und dergleichen zu
überqueren.
Die allermeisten von ihnen werden jedoch geschnappt und ihr Los wird
nur
noch schlechter. Die englische Besatzungsbehörde hat den
Hausbesitzern
bei schwerster Strafe verboten, des Nachts deutsche Soldaten ohne
Nachweis
zu beherbergen. Täglich passieren viele schwerbeladene Soldaten
unser
Dorf, sprechen um Lebensmittel vor und streben der Heimat zu.
In letzter Zeit wurden von Polen und englischen Soldaten an
verschiedenen
Stellen - bei J. Harbeck, Seider, A. Feil u. Steenbock - unberechtigte
Haussuchungen vorgenommen. Die Hausbewohner wurden in einem Zimmer
eingeschlossen und darauf das ganze Haus durchwühlt, silberne
Uhren,
silbernes Ge-schirr, Schmuck und Radiogeräte wurden mitgenommen.
Der
Evakuierte Hermann wurde wegen Miß-handlung von Polen verhaftet
und
nach Fuhlsbüttel verschleppt. In der Nacht vom 2./3. Juni drangen
englische Soldaten in einige Häuser und belästigten Frauen.
Die
Besatzungsbehörde duldet solche Übergriffe nicht und geht
strenge
gegen die Übeltäter vor, doch meistens entkommen diese
unbekannt.
Am 31. Mai ereignete sich in Bad Bramstedt eine
furchtbare Explosion
der auf dem "Schäferberg" bei dem Gehöft des Bauern Martens
gestapelten
deutschen Munition, die durch 30 deutsche und englische Feuerwerker
entschärft
wurde. Ursache: Unvorsichtigkeit beim Entschärfen, so daß
die
deutsche Bevölkerung keine Schuld am Unglücksfall trifft. Die
Explosionen dauerten drei Stunden. Durch zwei äußerst starke
Detonationen wurden zwei Häuser vollständig dem Erdboden
gleichgemacht,
viele Häuser stark beschädigt, abgedeckt und Fenster
zertrümmert.
Furchtbar sehen die Häuser in der Nähe der
Unglücksstätte
aus. 20 Tote - meistens Soldaten - und etwa 30 - 40 Verletzte.
[80] Der ehemalige Amtsvorsteher und Ortsgruppenleiter Willy
Schurbohm,
Hagen, der als Sonderführer im Kurland tätig war, wird sofort
nach seiner Ankunft von den Engländern verhaftet, jedoch nach
wenigen
Tagen zwecks Bewirtschaftung seines landwirtschaftlichen Betriebes
vorläufig
beurlaubt. Kürzlich wurden die kriegsgefangenen Franzosen nach
ihrer
Heimat abtransportiert. Sie waren treue und gute Arbeiter und wurden
auch
dementsprechend behandelt. Hoffentlich folgen nun auch bald die Polen
und
Russen!
Sämtliche deutschen Autos und Krafträder
mußten auf
der sogenannten Rennkoppel in Segeberg an die englische
Besatzungsbehörde
abgeliefert werden.
8.6.1945. Dauernd herrliches Wetter. Der Roggen steht in
Blüte,
die Wiesen werden gemäht, die ersten Erdbeeren sind bereits reif.
Man kann bereits die ersten Erbsen pflücken und nach wenigen Tagen
die ersten Frühkartoffeln aufnehmen. Das Getreide steht weniger
gut.
Das der Fa. Reemtsma gehörende Tabaklager bei B. Feil
wird wegen
Plünderungsgefahr abgefahren. 120 Ballen je 30 kg fehlen bereits.
Bei der Verteilung von zwei Ballen an die Bevölkerung kam jeder zu
seinem Recht.
Da die Polen und Russen nicht mehr arbeiten, herrscht in der
Landwirtschaft
großer Mangel an Arbeitskräften.
8.6.1945. Die Schulstube wird nach 4-5 Belegungen mit
deutschen Soldaten
geräumt, tadellos gesäubert und für die Polen als
Tagesraum
eingerichtet. Die Gemeinde hat den Polen einen guten Radioapparat zur
Verfügung
zu stellen.
12.6.1945. Bad Bramstedt erhält eine stärkere englische
Besatzung, weitere 35 Häuser müssen geräumt werden.
Auch Hitzhusen bekommt eine englische Besatzung von 30 Mann, die drei
Häuser
für sich in Anspruch nehmen. Dauernd fahren viele englische Panzer
durch Bad Bramstedt Richtung Neumünster und dann weiter gen Osten,
an einem Tage oft über 150 - wozu? Es stimmt etwas nicht!
18.6.1945. Auf der Straße herrscht dauernd reger
Autoverkehr.
Die ersten deutschen Kriegsgefangenen sind heimgekehrt: H.
Behnke,
W. Evers, Wilh. Kröger und Hans Karstens, Wilh. Krohn. Herzlich
willkommen
in der Heimat!
In der Nacht wurden in unserem Dorfe verschiedene
Diebstähle
ausgeführt und zwar hatten die Diebe es auf Lebensmittel
abgesehen.
Bei M. Kelting, Hr. Rühmann und Johs. Karstens wurden Keller,
Speisekammer
und Dachkammer entleert. Durch Engländer wurden bei Johannsen und
Plambeck unbefugt Radio-Apparate beschlagnahmt. Die Besatzung eines
englischen Panzers schoß von der Reichsstraße aus auf
Hr.
Rühmanns Arbeitspferde (Wr. Kamp), ein Pferd wurde am Bein
verwundet.
(Bem.: Es sollen Polen gewesen sein.)
[81] 2.7.1945. Die ganze Bevölkerung lebt in Spannung
über
das Schicksal und die Zukunft des Einzelnen und des gesamten
Vaterlandes.
Bisher haben sämtliche Beamte einen Fragebogen erhalten,
in
dem Auskunft über Parteizugehörigkeit und Wirksamkeit in der
Partei verlangt wird. Ich mußte zum Beispiel angeben, daß
ich
am 1.Mai 1933 in die Partei eingetreten, von 1935 - 1944 Amtsleiter der
National-Sozialistischen-Fürsorge und Inhaber der Medaille
für
Volkspflege gewesen sei, ferner: ob man von der Partei finanzielle
Vorteile
gehabt habe. Letzteres trifft bei mir nicht zu. Nach Prüfung des
Fragebogens
stellt mir der Schulrat Steffens durch den Bürgermeister folgendes
Schreiben zu:
Das
Schulamt.
Bad Segeberg, den 19.6.1945.
An den Lehrer Herrn W. Mohr
in Föhrden Barl.
Auf Anordnung der Militärregierung haben Sie mit
sofortiger
Wirkung aus Ihrem Amte auszuscheiden.
Für das Schulamt: Der komm. Schulrat
(gez. Steffens.)
Meine sämtlichen Bankkonten werden gleichzeitig
gesperrt.
Diese Hiobsbotschaften treffen uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Wir fragen uns: Warum? Was soll aus uns werden? Werden wir
vorläufig
wohnen bleiben dürfen usw.? Gott sei Dank verfügen wir
über
reichlich Bargeld, Bruder Karl zahlt uns die Landpacht in Höhe von
750 RM, unsere Lebensmittelvorräte sind nicht gering und so halten
wir uns schon eine Zeitlang ohne Gehalt über Wasser. Ebenso wie
mir
ergeht es 2/3 der gesamten Lehrerschaft des Kreises und warum? - Weil
sie
gute und aufrechte Deutsche sind, ihr Vaterland über alles lieben
und stets nur ihre Pflicht kannten. Wie mir gestern Paul Harder
(früher
Lehrer in Hitzhusen) aus Wakendorf, der wegen seiner Ausscheidung aus
dem
Amte beim Schulrat vorstellig war, sagte, teilt die
Militärregierung
die Gründe der Entfernung aus dem Amte - wir kennen sie! - nicht
mit,
und die eventuelle Zahlung einer Pension sei Sache des deutschen
Staates.
Seit dem 1. Oktober 1907, also fast 40 Jahre bin ich nun
Lehrer der
Gemeinde Föhrden Barl, habe viel Freude und nur wenig Leid
während
dieser langen Zeit erfahren, fast sämtliche [82] Bauern des Dorfes
und deren Kinder waren meine Schüler, ihr Leid war mein Leid, ihre
Freude meine Freude. Viele kamen zu mir, und gerne erteilte ich ihnen
den
begehrten Rat. So manchem im Dorfe und in der Familie habe ich immer
und
gerne geholfen, obgleich bereits feststand, daß ich mein Geld nie
wiedersehen würde. Als Jäger habe ich jahrelang die
heimatlichen
Gefilde bejagt, als Fischer die Au abgefischt - ja enger als ich war
keiner
mit seiner lieben Heimat verbunden!
Als Geschäftsführer der Spar- und Darlehnskasse
habe ich von
1921 - 1937 nur das Wohl der Mitglieder im Auge gehabt. Alle
Verlockungen,
mir finanzielle Vorteile zu verschaffen, habe ich stets abgelehnt, und
so blühte die Wirtschaft der Gemeinde auf!
Ich habe mein 60. Lebensjahr bereits überschritten;
aber obgleich
ich mich z.Zt. alt und müde fühle, wird auch meine weitere
Arbeit
nur ein Ziel haben, nämlich mitzuarbeiten an dem Aufbau unseres
armen,
in allen Richtungen geknebelten deutschen Vaterlandes. Der Krieg ist
verloren;
aber trotzdem dürfen wir nicht verzagen: Deutschland darf und wird
nicht untergehen!
3.7.1945. Infolge des fast 6-jährigen Krieges herrscht
unter der
deutschen Bevölkerung großer Mangel an Kleidung und
Wäsche.
Manch heimgekehrter Soldat weiß nicht, womit er sich kleiden
soll.
Die großen Bekleidungsläger wurden durch Feindeinwirkung
zerstört
oder geplündert. Jahrelang hat der deutsche Bauer seine ihm
zugewiesenen
ausländischen Arbeiter selbst einkleiden müssen. Die
freigelassenen
Russen und Polen haben in vielen Dörfern gestohlen und
geplündert.
Und trotzdem werden jetzt auf Anordnung der
Militärregierung in
jeder Gemeinde große Abgaben von Wäsche und Kleidung
verlangt.
So wurde zum Beispiel in unserer Gemeinde die zweite
größere
Kleiderabgabe durchgeführt. Es wurden gefordert: 20
Herrenanzüge,
je 10 Herren- und Damenmäntel, je 10 Bettlaken und -bezüge,
viele
Kleidungsstücke für Kinder, Unterwäsche - insgesamt 258
Teile. Trotz der größten Opferwilligkeit der
Bevölkerung
war es nur möglich, 222 Stücke aufzubringen. Wird sich die
Militärregierung
damit zufrieden geben oder wird sie Zwangsmaßnahmen anwenden? -
Die
abgegebenen Kleider usw. dienen zur Einkleidung der Ausländer, die
bereits mit Kleidung lebhaften Handel treiben. Die Ausländer, die
in Lumpen kamen, gehen bereits wie stolze Herren und Damen längs
der
Straße, und die allermeisten [83] deutschen Volksgenossen werden
recht bald halb verhungert in Lumpen daherlaufen!
9.7.1945. Seit einigen Tagen fahren die ersten
Personenzüge
nach Richtung Kiel, allerdings nur bis Neumünster; denn dort
muß
wegen der Aufbau- bzw. Räumungsarbeiten noch wochenlang an der
Wiederherstellung
der Bahngeleise gearbeitet werden. Auch die Post kommt
allmählich
wieder in Betrieb. Nachdem vor etwa 14 Tagen gestattet wurde,
Postkarten
zu schreiben, ist nunmehr auch der Briefverkehr unter englischer Zensur
freigegeben. Amtliche Briefe werden durch die sogenannte
Bürgermeisterpost
von Segeberg aus täglich in jede Gemeinde befördert.
Auf der Reichsstraße herrscht in den letzten Wochen
ein äußerst
reger Autoverkehr: Panzer, englische und beschlagnahmte deutsche
Fahrzeuge
rollen vorbei. Die Straße hat arg gelitten und zeigt an vielen
Stellen
tiefe Schlaglöcher und starke Beschädigungen.
Zum 10. Juli muß ich der englischen
Militärregierung eine
amtliche eidesstattliche Erklärung in englischer
Übersetzung
über meine Vermögensverhältnisse einreichen, die
wohl mit meiner Steuererklärung beim Finanzamt verglichen werden
soll,
um festzustellen, ob ich mir als Amtsleiter der N.S.V. und durch den
Krieg
Vorteile verschafft habe.
In den letzten 14 Tagen hatten wir dauernd Regenwetter.
Das Heu
ist zum großen Teil minderwertig und nur zum kleinen Teil
geborgen.
11.7.1945. Die letzten deutschen Soldaten, die in unserem
Dorfe rund
8 Wochen einquartiert waren, gehen heute ins Lager, um von dort aus in
ihre Heimat entlassen zu werden. Der Oberst Schanze muß sich in
einem
Offizierlager in Belgien stellen, wo von der alliierten
Militärregierung
untersucht wird, ob er ein Kriegsverbrechen begangen hat. Welch
trauriges
Ende nimmt unsere tapfere, einst den Tod nicht fürchtende
Wehrmacht
und mit welcher Schande wird sie behandelt! Werden wir jemals wieder
ein
deutsches Heer wiedersehen?
13.7.1945. Verschiedene Soldaten unserer Gemeinde,
die sich zwecks
Entlassung noch in Gefangenenlagern aufhalten, senden durch entlassene
Soldaten Grüße an ihre Lieben und lassen sagen, daß
sie
nach etwa 10-14 Tagen ebenfalls eintreffen: Hs. Rühmann und Herb.
Schnack. Ernst Kock traf vor wenigen Tagen in seiner Heimat ein.
[84] 14.7.1945. Sämtlichen Schulen ist von der
Militärregierung
über den Bürgermeister ein großer Fragebogen zwecks
Ausfüllung
übersandt. Es soll bis zum 18.7.1945 berichtet werden über
Kinderzahl,
Lehrer, Beschaffenheit der Gebäude, Klassenräume und
Lehrmittel
und ob Bedenken vorliegen, wenn die ihres Amtes enthobenen Lehrer -
soweit
sie nicht Aktivisten der N.S.D.A.P. sind - wieder eingesetzt werden.
Danach hat man scheinbar das Bestreben, den Schulbetrieb
möglichst
bald wieder zu eröffnen.
Bei schönem Wetter wird das Heu schnell
geborgen. Der Autoverkehr
hat in den letzten Tagen bedeutend nachgelassen. Überall herrscht
Ruhe
und jeder geht seiner Arbeit nach. Die allermeisten Polen haben
unser Dorf verlassen, doch: Was wird aus den vielen Flüchtlingen
aus
dem Osten werden?
20.7.1945. Am 14. dieses Monats ereignete sich im
benachbarten Wiemersdorf
eine schwere Bluttat. Als der in der ganzen Umgegend beliebte
ehemalige
Amtsvorsteher, Bürgermeister und Sturmführer der S.A. Hans
Schümann mit seinem Sohne (Wiemersdorf) in den ersten
Morgenstunden
vom Felde heimkehrten, wurden sie von etwa 15 Polen aufgelauert und
verfolgt.
Mit Gewalt drangen die Verfolger darauf in das Haus, in das die beiden
Bedrängten geflüchtet waren, zertrümmerten dem Vater mit
der Axt die Schädeldecke, durchstachen ihm die Schlagader am
Halse,
so daß der Tod bald eingetreten sein muß. Die
Stubeneinrichtung
wurde von den Polen kurz und klein geschlagen. Der Sohn mußte im
schwerverletzten Zustande ins Krankenhaus gebracht werden. Vier
Haupträdelsführer
der Polen wurden verhaftet und nach Segeberg abgeführt. Da man
einen
Überfall der Polen auf das Leichenbegängnis befürchtete,
mußte dieses durch bewaffnete Engländer beschützt
werden.
In der Nacht vom 17./18. Juli wurden Keller und Speisekammer
des Bauern
Hans
Schnack in Föhrden Barl von Dieben heimgesucht. Die
Diebe
waren durch das mit einer Brechstange gewaltsam geöffnete
Kellerfenster
eingestiegen und entwendeten sämtliche Fleischwaren. Der
Abtransport
wird durch ein Auto erfolgt sein. Auch für diesen Diebstahl kommen
m.E. einzig ortskundige Polen, die man in Lägern untergebracht
hat,
infrage.
[85] Nach kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft
in Württemberg
kehrte der Bauer Hans Rühmann, Föhrden Barl, am 18.
Juli
zu seiner Familie in die Heimat zurück. Er nahm zuletzt an
Kampfhandlungen
in Ungarn teil. Per Auto wurde Hs. Rühmann mit anderen Kameraden
bis
zur Kreishauptstadt Bad Segeberg gebracht, und von dort aus ging's dann
auf Schusters Rappen der Heimat entgegen. Wir begrüßen Dich,
lieber Hans und freuen uns mit Deiner Frau und Deinen fünf Kindern
zu Deiner glücklichen Heimkehr!
25. Juli 1945. Wieder geht eine Verhaftungswelle
durch den Kreis
Segeberg und zwar trifft sie diesmal die Führer der S.A. In Bad
Bramstedt
wurden Rühmann (Amtsgericht), Lehrer Köpke, Hauschild,
Claußen
(SS) und Rühne (Elektr.W.) in Gewahrsam genommen, - alles
Volksgenossen,
die m.E. gute Bürger und Volksgenossen sind und die es gut mit
ihrem
Vaterlande meinten.
Auch der erste Ortsgruppenleiter Karl Schlichting
wurde durch
die Engländer abgeführt. Auf seine Veranlassung sollen
Gegnern
der N.S.D.A.P. im Jahre 1933 durch die S.A. Fenster eingeworfen worden
sein, auch hat er damals die alte Frau Meyer (Schloß), die ein
Kinderheim
betreute, durch S.A.-Leute durch die Straßen der Stadt
führen
lassen. Sie mußte ein Schild tragen mit der Aufschrift: "Ich habe
arme Kinder bestohlen!" Durch gerichtliche Untersuchung wurde
später
Frau Meyer für unschuldig erklärt. Genugtuung ist ihr jedoch
nicht gewährt.
Die Polen - die meisten von ihnen sind bereits in
Läger
abgeführt worden - werden von Tag zu Tag frecher und
gehässiger.
Vor etwa 14 Tagen wurde ein Siedler in Mönkloh, als er
nachts
aus dem Fenster sah, von Polen, die ihn bestehlen wollten, angeschossen
und schwer verletzt.
Am 21. Juli drangen zwei betrunkene Polen nachmittags um 5
Uhr ohne
jegliche Veranlassung in das Haus des Bauern Wiggers, Hagen, um
ihn zu mißhandeln. Als man deutsche Hilfspolizei (ehemalige
Soldaten)
herbeirief, sprang einer der Polen mit dem Messer auf den ersten
deutschen
Soldaten los, verletzte ihn an der Schläfe und entriß ihm
das
geladene Gewehr. Der Schuß, den der Pole alsdann abgab, ging
fehl.
In der Not machte nun der zweite Hilfspolizist von seiner Waffe
Gebrauch
und verletzte den Polen durch Rücken- und Bauchschuß schwer.
Mittlerweile hatte sich auch die englische Polizei eingefunden, die
darauf
die Polen abführte.
[86] Auf dem Ausweichlager - Ziegelei Hagen - lagerten u.a.
große
Mengen an Speiseöl. Hiervon sind in letzter Zeit
große
Mengen gestohlen. Überall in der Umgegend werden jetzt
Haussuchungen
durchgeführt, doch an die Hauptübeltäter - an die Polen
- wagt sich niemand heran.
Wieder einmal wurde bei dem Bauern Hans Rühmann,
der soeben
aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist und dessen
vergrabene
Vorräte (Konserven) bereits vor etlichen Wochen restlos den Polen
in die Hände fielen, in der Nacht vom 20./21. Juli ein
Einbruch
verübt. Die Diebe - wahrscheinlich Polen - raubten
sämtliche
Kleider und Schuhe der Kinder und zwei Fahrräder. Der
Kleiderschrank
auf der Vordiele wurde vollständig ausgeplündert.
W. Schlüter, Bad Bramstedt, lagerte bei Hans Schnack
wertvolle
Woll-
und Wäschevorräte. Eines Tages erschienen die Polen mit
einem
Engländer, beschlagnahmten die Waren und fuhren sie ab.
Schlüters
Verlust beträgt ca. 10.000 M.
In der Nacht vom 27./28. Juli verschafften sich Diebe,
wahrscheinlich
Polen, durch das gewaltsam geöffnete Fenster Zugang zum Keller und
entwendeten sämtliche Fleischwaren, Butter, Zucker usw. bei
Hs.
Schnack. (Wiederholt.)
Am 22.7. kehrten Lehrer Fick, Hagen, und Heinz
Thies,
Hingstheide, - der Enkel unserer Nachbarin Frau Studt, aus der
Kriegsgefangenschaft
zurück. Frau Else Thies, geb. Studt, erklärte noch vor
kurzem:
"Wegen Heinz bin ich auf alles gefaßt, wenn ich nur
wüßte,
wo er geblieben ist!" Man freut sich mit den Eltern, die
überglücklich
sind.
Kollege Fick hatte die Regierung gebeten, seine
Unabkömmlichkeit
aufzuheben, trat im Sommer 1944 in die Wehrmacht ein und kämpfte
seitdem
im Westen. Seine Vaterlandsliebe, seine Aufrichtigkeit, Treue und
Kameradschaft
ließen ihm keine Ruhe, er mußte dort sein, wo das Vaterland
seiner bedurfte. Auch er hat den Lauf der Geschichte nicht mehr
aufhalten
können und geriet am 18. April im Industriegebiet in englische
Gefangenschaft.
Am 23. Juli besuchte mich Kollege Aug. Fick, gab seine große
Enttäuschung
und Mißachtung über die nationalsozialistischen Führer
kund, erzählte dann über die letzten schweren Kampftage,
über
den Verrat der leitenden militärischen Stellen und über den
schrecklichen
Zustand in dem Gefangenenlager (Remagen), in dem noch viele Kameraden
an
Hunger und Krankheit starben.
Am 25. Juli kehrte Major d. Fl., Hans Hasselmann,
aus der Kriegsgefangenschaft
zurück. Herzlich willkommen! Er ist verheiratet mit Erna, geb.
Schnack,
also der Schwiegersohn des jetzigen Altenteilers Heinr. Schnack.
[87] 14. August 1945. Am 8. August begab ich mich per Bahn
nach Neumünster,
um mich im Städtischen Krankenhaus durch Dr. Graf wegen
eines
Leistenbruches
operieren zu lassen. Da es an Kohlen, Lokomotiven und Personenwagen
mangelt, läßt der Personenverkehr viel zu wünschen
übrig.
Nur wer im Besitze einer von der Eisenbahnverwaltung ausgegebenen Zulassungsbescheinigung
ist, darf die Fahrt antreten. Offene Güterwagen dienen nicht
selten
zur Unterbringung von Reisenden. Die in den ehemals von deutschen
Truppen
besetzten Gebieten beschlagnahmten Eisenbahnwagen müssen
nämlich
wieder zurückgegeben werden.
Die weitere Umgebung des Bahnhofes von Neumünster
bis weit
in die Stadt hinein ist durch die letzten Fliegerangriffe
vollständig
dem Erdboden gleichgemacht. Weite Stadtgebiete bilden einen
mächtigen
Trümmerhaufen. "Durch die öden Fensterhöhlen weht das
Grauen!"
Und all dies Elend haben wir einzig unserer starrsinnigen wahnsinnigen
Regierung zu verdanken.
An verschiedenen Stellen sind die Aufräumungsarbeiten
schon
recht weit fortgeschritten. Im Straßenbild macht sich die englische
Besatzung wenig bemerkbar, zwischen ihr und der
Zivilbevölkerung
besteht ein gutes Einvernehmen. Die Kinos haben ihre Tore wieder
geöffnet.
Deutsche Polizei regelt den Verkehr.
Das große, erst im Jahre 1930 erbaute moderne Städtische
Krankenhaus ist bis auf den letzten Platz besetzt, so daß es
schwer fällt, mich aufzunehmen. Schließlich werde ich auf
Zimmer
399 (I. Kl.) untergebracht. Die Schwestern, die
übermäßige
Leistungen zu vollbringen haben, stammen vielfach aus den von Russen
besetzten
Ostgebieten. Sie haben schon lange das Lachen verlernt und machen sich
schwere Sorgen um ihre Heimat und um ihre dort zurückgebliebenen
Lieben.
Die Verpflegung im Krankenhaus ist kaum ausreichend.
Fleisch
und Milch bekam ich während meines 5-tägigen Aufenthaltes
kaum
zu sehen. Morgens und abends erhielten die Kranken insgesamt 8 kleine
Scheiben
Brot mit kaum hinreichender Butter, etwas Kunsthonig bzw. eine Scheibe
Wurst und Käse. Das Mittagessen bestand aus fünf oder sechs
Kartoffeln
und als Gemüse erhielten wir rote Wurzeln oder an anderen Tagen
gab
es Gemüsesuppe. Das Essen war wohlschmeckend, doch satt bin ich an
keinem Tage geworden. Zum Glück hatte ich Vorräte
mitgenommen,
die ich brüderlich mit den Schwestern und Ärzten teilte.
Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung in
den Städten
ist kaum ausreichend. Gemüse kommt we-gen der
Transportschwierigkeiten
kaum an den Markt und wegen einer geringen Gemüsezuteilung
muß
die Hausfrau oft stundenlang anstehen. Viel Gemüse geht per
Flugzeug
nach England. Das erste ameri-kanische Weizenmehl gelangte in diesen
Tagen
zur Verteilung. Uns steht ein furchtbarer Winter bevor!
[88] In den Großstädten, insbesondere in Hamburg,
blüht
der Schwarzhandel. Für hohe Preise ist dort, wie man
hört,
alles zu haben: Zigarren, Tabak, Fett, Fleisch, Kaffee, Kleidung usw.
Für
eine Zigarette zahlt man bis zu sechs RM, für 50 g Tabak 60 RM,
für
ein Brot 80 RM, für ½ kg Kaffee 1.000 RM usw.
Viele Arbeitslose, entlassene Soldaten und Offiziere finden
auf dem
"Schwarzen Markt" Beschäftigung und hohen Verdienst, doch eines
Tages
werden sie von der Polizei geschnappt und schwer bestraft. Mit dem
Sanitätsauto
der Bramstedter Ortskrankenkasse, das Patienten nach Neumünster
befördert
hatte, konnte ich bereits (nach glücklich überstandener
Operation)
nach 5-tägigem Aufenthalt im Krankenhaus zu meiner Familie
zurückkehren.
Seit dem 1. August dieses Jahres ist in der Gemeinde
Föhrden Barl
der Schulbetrieb, allerdings ohne Lehrer und Lernbücher,
für
die Grundschule wieder eröffnet. Schulbücher
sollen
demnächst von der Militärregierung geliefert werden. Den
Unterricht
erteilt Herr Lehrer Schulze, ein Flüchtling aus den besetzten
Ostgebieten.
Die Gemeinde hat bereits ein Gesuch bei der Militärregierung
eingereicht,
in dem sie um Wiedereinsetzung ihres alteingesessenen Lehrers bittet.
Über
mein Schicksal als Lehrer wird m.E. in Kürze entschieden werden.
Am 30. Juli fuhr ich mit dem Verkehrsauto nach Bad
Segeberg,
um auf der "Volksbank" die von der Militärregierung geforderte
Vermögensangabe
notariell beglaubigen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit stattete ich
dem
Schulamt einen Besuch ab, um wegen meiner Amtsenthebung durch die
Militärregierung
mit dem neuernannten Schulrat Rücksprache zu nehmen. Dieser sagte
mir, daß bisher erst 53 von Lehrern des Kreises Segeberg
eingesandte
Fragebögen durch die Militärregierung geprüft
wären.
Daraufhin seien 32 Lehrer (von 53) ihres Amtes enthoben. Die
Prüfung
der restlichen 180 Fragebögen sei bisher nicht erfolgt. Nach
Meinung
des Schulrates sei die Amtsenthebung nur vorläufig, mancher Lehrer
würde noch wieder in sein Amt eingesetzt.
Auch dem früheren Schulrat Lindrum, 67 Jahre
alt, der ebenfalls
seines Amtes enthoben wurde, statte ich einen kurzen Besuch ab. Er
freute
sich sehr, war aber äußerst niedergeschlagen; denn seine
Wohnung
war von den Engländern beschlagnahmt und seine gesamte
Wohnungseinrichtung
hatte er zurücklassen müssen, die Gehaltszahlung eingestellt,
die Bankguthaben gesperrt und sein Haus in Kiel bei den letzten
Angriffen
dem Erdboden gleichgemacht. Lindrum wohnt jetzt bei dem ehemaligen
Rektor
und Kreisjägermeister Sach, der mit seiner Frau (Kreisfrauenschaft
Segeberg) verhaftet wurde.
Im Segeberger Forst wird zur Zeit viel Holz
gefällt. Zu
beiden Seiten der Reichsstraße liegen noch viele ausgebrannte
Autos,
Opfer englischer und amerikanischer Tiefflieger.
Im Auto treffe ich die Frau des Lehrers Köpke, Bad
Bramstedt, die
ihren in Haft befindlichen Mann besuchen will. Sie hat ihn leider nicht
mehr in Segeberg angetroffen.
[89] Für den Bauern Johannes Lohse, der ein altes
Mitglied der
N.S.D.A.P. war, wird der Bauer Heinrich Reimers zum Ortsbauernführer
der Gemeinde Föhrden Barl ernannt.
In den letzten Nächten wurde in unserer Gemeinde bei H.
Harbeck
eine Gans gestohlen, und auf der Weide im Oster wurde ihm ein
Mutterschaf
abgeschlachtet.
Die in unserem Hause untergebrachte Frau Kuhlen - mit
2-jähriger
Tochter- aus Danzig erhielt vor wenigen Tagen die freudige Nachricht,
daß
ihre Eltern und Geschwister aus Königsberg entkommen und in
Lübeck
untergebracht sind. Frau Kuhlen, hochbeglückt von dieser
Botschaft,
machte ihren nahen Angehörigen sofort einen Besuch und gedenkt
demnächst
nach Lübeck überzusiedeln. Grau Grothe mit Sohn und
Kindermädchen
werden uns ebenfalls im Herbste verlassen und zu ihren Eltern nach Kiel
ziehen. Auch andere Evakuierte und Flüchtlinge haben unser Dorf
wieder
verlassen, um in ihre Heimat zurückzukehren - andere ziehen wieder
zu -, den Ostflüchtlingen, denen allmählich ihre Barmittel
ausgehen,
erteilt der Russe bisher keine Einreise(erlaubnis). Die letzten polnischen
Arbeiter (3) verlassen in diesen Tagen unsere Gemeinde, um in
Lägern
untergebracht zu werden. Aus Angst vor ihren Befreiern (!) wagen sie
immer
noch nicht in ihre Heimat zurückzukehren. Für die
ausländischen
Arbeiter findet am 8. August wieder einmal eine Kleider- und
Wäscheabgabe
statt.
In diesen Tagen kehrten der Bauer Herbert Schnack
und der Kraftwagenfahrer
Hugo
Blunck aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Seid herzlich
willkommen
in der Heimat!
Nur von Dir, mein lieber Kurt, hören wir immer
noch nichts.
Wo
steckst Du? Ich glaube, Du bist in Kurland in russische
Kriegsgefangenschaft
geraten und wirst, nachdem nunmehr auch Japan zur Waffenstreckung
gezwungen
wurde, eines Tages in die Heimat, wo Frau und Kind und wir alle Dich
mit
Sehnsucht erwarten, zurückkehren. Hier wurde das Gerücht
verbreitet,
die 225. Division sei aus Kurland herausgekommen und befinde sich auf
Fehmarn,
doch wenn das der Fall wäre, hättest Du schon lange von Dir
hören
lassen. Alle von uns erfolgten Ermittlungen sind bisher erfolglos
geblieben.
Auch andere ehemalige Kurlandkämpfer haben noch keine Nachricht
gegeben,
ihnen und mit ihnen auch Dir, ist dasselbe Los erteilt:
Kriegsgefangenschaft.
Bereits seit Anfang Juli hält Deine Erna und
Klein-Peterlein
sich bei uns auf und warten täglich auf Deine Heimkehr. Peter ist
ein kleiner drolliger Flachskopf geworden, der in den wenigen Wochen
der
beste Freund seines Opas geworden ist. Er versucht bereits, die ersten
Worte zu lassen. Er lacht und freut sich den ganzen Tag. In der kleinen
Hella aus Danzig hat er eine gute Spielgefährtin gefunden. Jetzt
steht
er wieder neben mir, lacht mich an, zupft mich am Ärmel und
möchte
"Hopp, hopp Reiter" machen. Bald werden Deine Lieben uns wieder
verlassen,
einige Tage bei Anne Vogel in Itzehoe bleiben, um zur Kartoffelernte
wieder
nach Gokels zurückzukehren.
[90] 23.8.1945. Am 18. dieses Monats, um 8.30 Uhr abends
erschienen
zwei Engländer und forderten mich auf, mich mit Decke und
Wäsche
zu versehen, um dann nach Segeberg abtransportiert zu werden. Auf Grund
meines Gesundheitszustandes darf ich bis zum 25. des Monats hier
bleiben,
um mich alsdann in Segeberg bei der Militärregierung zu melden.
Wie
man vernimmt, werden sämtliche amtsenthobene Lehrer verhaftet und
einem Umschulungslager, das bei Neumünster liegen soll,
zugeführt.
Bisher ist noch keiner von ihnen zurückgekehrt. Die Familie
erfährt
nichts, jede Verbindung mit den Lieben daheim ist unterbunden. Fast
sämtliche
Landlehrer sind bereits ihres Amtes enthoben und verhaftet. Werde ich
auf
Grund meiner Operation und meiner Krankheit von der Verhaftung und
einer
furchtbaren Leidenszeit verschont bleiben?
Im Segeberger Gefängnis.
Am 11. September stelle ich mich, am Tage zuvor von der
Gendarmerie
benachrichtigt, der Militärregierung in Bad Segeberg und werde von
dieser dem Gefängnis zugeführt. Sämtliche Lebensmittel,
Messer, Tabak, Pfeife usw. werden mir abgenommen, und dann wird mir
Zelle
15, groß 25-26 cbm Rauminhalt, als Aufenthaltsraum zugewiesen.
Ich
muß diesen Raum mit fünf Leidensgenossen, darunter zwei
Polen
und ein Zigeuner, die wegen Mord, Waffenbesitz und Diebstahl haftiert
waren,
teilen. J. Siemsen, Schmalfeld, Chr. Jensen, Sülfeld, und Hg.
Ahrens,
Sievershütten, teilen mein Schicksal.
Verpflegung: morgens und abends je eine dicke Scheibe Brot,
bestrichen
mit Marmelade oder Quark, dazu eine Tasse Milch bzw. Milchsuppe und
mittags
½ - 1 l Wassersuppe. Beaufsichtigt werden wir von ehemaligen
kriegsgefangenen Polen und Franzosen, die uns das Leben schwer machen.
Kaum läßt man uns Zeit, unsere Bedürfnisse zu
verrichten.
Dauernd läuft der Posten mit geladenem Revolver auf dem Flur umher
und ruft: "Los, los! Schnell, schnell!" Während einer Stunde am
Tage
werden wir auf den von der Außenwelt abgeschlossenen
Gefängnishof
geführt, um frische Luft zu schnappen. Wie wohl tun einem die
Freiübungen
und der Dauermarsch bzw. -lauf. Jegliche Unterhaltung ist verboten.
Viele
Bekannte treffe ich an: [91] (* Unterstrichen in Segeberg,
nicht
unterstrichene Namen in Neumünster-Gadeland.)
Dr. Schade - Kaltenkirchen (Arzt), Kruse -
Weddelbrook,
Hein
- Nahe, P. Harder - Wackendorf II, H. Banck - Groß Harri
(Lehrer),
Siemsen
- Schmalfeld, Schütt - Schmalfeld,
W. Schlüter - Wackendorf,
A.
Steenbock - Wackendorf II, Köhler - Bünsdorf,
Joh. Schnoor
- Wackendorf, Jensen und Höppner - Bad Segeberg,
Aug. Süllau,
Paulsen - Bad Bramstedt, H. Schmuck - Weddelbrook, W. Schurbohm -
Hagen,
O. Hauschild - Quarnstedt. (Gauleiter Lohse, Kreisleiter Stiehr, viele
weltberühmte Professoren, Gelehrte, 150 Studienräte,
Generäle,
Oberste, SS-Führer, viele Ärzte usw. in Gadeland)*
Meine Frau brachte mir zweimal Pakete mit Lebensmitteln, die
ich brüderlich
mit meinen Kameraden teilte. Im Gefängnis zu Segeberg waren es
Tage
der Hölle, und jeder von uns war daher froh, als es am 21.
September
hieß: Heute erfolgt der Abtransport nach Gadeland. Nur zum Teil
erhielten
wir unsere vor 10 Tagen abgegebenen Wertgegenstände zurück,
manche
wertvolle Uhr, goldener Ehe- und Siegelring, Banknoten, Messer,
Rauchwaren
usw. haben unsere Peiniger zurückbehalten. Ade, Segeberger
Gefängnis,
auf Nimmerwiedersehen! 21.12.1945.
Im Internierungslager Neumünster/Gadeland.
Das große Fabrikgelände der Fa. Köster ist
bereits im
Mai diesen Jahres als Internierungslager hergerichtet. Die
mächtigen
Fabrikhallen sind so gewaltig, daß sie ca. 12.000 Häftlinge
aufnehmen können. Das gewaltige Lager ist durch Stacheldraht von
der
Außenwelt abgeschlossen und von englischen Posten streng bewacht.
Während der Dunkelheit wird das Lager von mehreren Scheinwerfern,
die von den Posten auf den Wachtürmen bedient werden, taghell
beleuchtet.
Ankunft: Um elf Uhr gelangt unser Transport, etwa 40
politische
Häftlinge, in Gadeland an. Wir werden in eine mächtige Halle
geführt, in der wir nach Ablegung unseres Gepäcks mit dem
Gesicht
gegen die Wand Aufstellung nehmen müssen. Unsere Personalien
werden
aufgenommen, Wertsachen werden abgenommen und versiegelt. Mancher
Kamerad,
der von bösen Nachbarn oder Ausländern denunziert wurde,
muß
etliche derbe Faustschläge, ausgeteilt von englischen Feldwebeln,
einstecken.
Darauf erfolgt die Einlieferung ins eigentliche Lager, in
dem wir dem
soeben neu entstandenen Block I zugeteilt werden. Hier empfangen wir
Strohsack,
eine Wolldecke und Eßnapf mit Löffel. Wir Segeberger haben
uns
zusammengehalten, und so gelingt es uns als Stubengemeinschaft (Stube
15
- Betten Nr. 169 - 180, Stubenältester Mohr) zusammenzubleiben.
[92] Schon nach einigen Tagen erhalten wir Bettgestelle, die
Ordnung
hält immer mehr ihren Einzug, die Belegschaft steigt von Tag zu
Tag,
so daß auch die unteren Räume belegt werden müssen.
(Insgesamt
1.200 Mann.)
Verwaltung. Als Lagerführer ist der Arzt Thomsen
aus Angeln
von den Engländern bestimmt. Diesem steht sein Stab, geführt
von dem "Spieß" Lorenzen, einst Hauptsturmführer, mit seinen
Schreibern und einem Dolmetscher zur Seite. Die Kranken werden im
Revier
durch den Blockarzt Dr. Schmidt (alles Nordschleswiger) betreut. Die
zwölf
Insassen einer Stube wählen ihren Stuben-, diese wiederum ihren
Reihenältesten.
Die Engländer liefern die Lebensmittel, die in der
Küche von
unserem Küchenpersonal gekocht oder durch den Fourier direkt an
die
einzelnen Stuben verteilt werden (Kaltverpflegung). Das von den
Engländern
aus dem Segeberger Forst angefahrene frische Tannenholz wird durch
unser
"Holzkommando" zerkleinert. Einen Engländer bekommt man im Lager
selbst
kaum zu sehen, der Lagerführer ist für Ordnung und
Sauberkeit,
für gerechte Verteilung der Verpflegung usw. dem
Lagerkommandanten,
einem englischen Oberst, gegenüber verantwortlich.
Vernehmung. Bereits am nächsten Morgen nach
erfolgter Einlieferung
werden wir ins Verwaltungsgebäude geführt und einzeln mit
Nummernschildern
photographiert (W. Mohr Nr. 107750), wenige Tage später erfolgt
eine
ganz genaue Angabe der Personalien, und von jedem Einzelnen werden
Fingerabdrücke
genommen (für Verbrecher-Album). Nach etwa fünf - sechs
Wochen
erfolgt die Vernehmung durch einen englischen Feldwebel, der mich
fragte:
"Aus welchem Grunde wurden Sie 1933 Parteimitglied? - Warum legten Sie
im April 1944 Ihr Amt nieder? - Wie denken Sie heute über den
Nationalsozialismus?"
- Ich schilderte ihm die schwere Wirtschaftslage, in der sich
Deutschland
1933 befand: sieben Millionen Arbeitslose, die Landwirtschaft
überschuldet,
den Fabriken fehlte der Warenabsatz, Zwist der vielen Parteien. Wir
hatten
zu wählen zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus. Ich
entschloß
mich als Bauernsohn, Nazi zu werden; denn Hitlers Programm versprach
viel.
In den ersten Jahren erlebten wir denn auch ein Aufblühen der
Wirtschaft,
jedem ging es gut. Den Krieg jedoch, den hat keiner von uns gewollt.
Von
Jahr zu Jahr entfremdeten [93] die führenden Männer sich
immer
mehr vom Volke. Sie bereicherten sich und wurden zum Teil vom
Größenwahnsinn
geplagt, verlangten vom Volke die größten Opfer, ohne selbst
daran beteiligt zu sein. So kam es zwischen mir und dem
Ortsgruppenleiter,
dem Landrat und der Kreisleitung wegen Unterbringung von
Flüchtlingen
zum Krach, der zur Niederlegung meines Amtes als Leiter der N.S.V
führte.
Seit dieser Zeit habe ich mich vom Nationalsozialismus innerlich immer
mehr entfernt und werde mich in Zukunft nicht wieder politisch
betätigen!"
Mit den Worten: "Sie können mit Ihrer baldigen Entlassung
rechnen."
schloß meine Vernehmung.
Verpflegung. Die Kaltverpflegung besteht täglich
aus ca.
420 g Brot, 20 g Fett, 30 g Kunsthonig und 2 - 3 mal in der Woche aus
etwa
20 g Wurst oder 40 g Käse und etwa 70 - 100 g geräucherten
Fischen.
Jeden Morgen werden für jeden Häftling zwei Zigaretten oder
2,5
g Tabak ausgeteilt. Die Warmverpflegung: morgens ½ l Kaffee,
mittags ½ l Gemüse- (Rüben-) Suppe mit wenig
Fleisch
und abends ½ l gesüßte Milchsuppe - für
1.200
Mann werden 80 - 100 l Milch geliefert. In wenigen Wochen waren die
Schmierbäuche
verschwunden und viele glichen bald einem Skelett.
Wie der Tag verläuft! Ich gehöre zu den
Frühaufstehern,
und so treffe ich mich oft schon um halb sechs mit anderen Kameraden im
Waschraum, um mich kalt abzuwaschen und zu rasieren. Halb Sieben
Wecken!
Der Spieß schlägt an den Gong (Blech) und ruft: "Die Uhr ist
halb sieben! Aufstehen! Guten Morgen Kameraden!" Der Morgengruß
wird
von allen erwidert. Bald eilt alles in den Waschraum, andere bauen ihre
Betten. Um sieben Uhr empfängt der "Stubendiensthabende" beim
Fourier
die Kaltverpflegung, die in unserer Stube von Kay, Weddelbrook und
Bäsel,
Wackendorf I, peinlich genau verteilt wird. Andere Kameraden empfangen
unterdessen den Kaffee und nun beginnt das gemütliche
Kaffeetrinken.
Ich sitze auf der Bettkante, bestreiche meine zwei Stullen mit
Kunsthonig,
schlürfe den heißen Kaffee dazu und plaudere mit meinen
Kameraden
von den Lieben daheim, über Entlassungen, über Verpflegung,
Vernehmungen,
Verhaftungen usw. Anschließend raucht jeder seine Zigarette oder
sein Pfeifchen. Die Feuerbeschaffung stößt oft auf
große
Schwierigkeit. Doch mancher Kamerad verfügt noch über ein
Feuerzeug
und Benzin dazu liefert der hilfsbereite englische Posten.
[94] Um acht Uhr Hinaustreten zum Zählappell.
Angetreten
wird zu Hundertschaften. Der Lagerführer begrüßt uns
nach
erfolgter Aufstellung mit dem Gruß: "Guten Morgen, Kameraden!"
und
aus 1.200 Männerkehlen schallt der Gruß zurück. Nachdem
ein englischer Sergeant (Feldwebel) durchgezählt hat, eilen die
meisten
wieder ins Quartier, andere beginnen ihren Morgenspaziergang hinter dem
Stacheldraht, unterhalten sich mit Kameraden der Nachbarblocks (D, H,
G)
oder machen Freiübungen. Bei schlechtem Wetter findet der Appell
im
Quartier statt.
Ab neun Uhr werden die Stuben durch den
"Stubendiensthabenden" mit den
primitivsten Besen gesäubert. Vom Lagerführer dazu bestimmte
Kommandos reinigen Treppe und Flur, Waschraum, Klosetts usw. Das
Transportkommando
schleppt die Verpflegung, die Feurung und die Pakete vom vorgefahrenen
englischen Auto an Ort und Stelle. Wachen sind aufgestellt, die die
Ordnung
aufrecht erhalten oder die Ankunft eines englischen Offiziers dem
Lagerführer
melden.
Dreiviertel zehn: Fertigmachen zur Inspektion, die
an unbestimmten
Tagen (zweimal die Woche) durch einen englischen Offizier oder
Sergeanten
durchgeführt wird.
Nach der Inspektion liegt der lange Tag vor einem, und jeder
kann ihn
so verbringen, wie es ihm gefällt. Mancher liegt vor langer Weile
stundenlang auf seiner Koje und liest ein gutes Buch, andere spielen
Schach,
Skat oder Doppelkopf, noch andere stopfen Strümpfe oder schnitzen
mit den primitivsten Werkzeugen Schachfiguren, Zierkästen usw.
Wissenschaftler
arbeiten an einem Werk, Jäger unterhalten sich über das edle
Waidwerk, andere nehmen an Kursen: Fremdsprachen, Gemüsebau,
Chemie,
Physik u.a. teil. Mit regem Interesse werden die Zeitungsberichte,
insbesondere
solche über den Belsen- und Nürnberg-Prozeß
aufgenommen.
Sämtliche Berufe sind im Lager vertreten: Berühmte
Professoren,
wie z.B. Fischer und Remage (Naturwissenschaftler), etwa 50 Ärzte,
150 Studienräte, 100 Volksschullehrer, Afrikaforscher,
Schriftsteller
(Blunck und Busch), Bärenjäger, Staatsanwälte,
Ind.Räte
usw. Fast an jedem Abend: wissenschaftlicher Vortrag. Ein Lagerchor
unter
Leitung des Kapellmeisters der Musikhochschule von Hannover erfreut uns
oft durch wunderbar gesungene alte Volkslieder.
Und wie war das Mittag- und Abendessen? Zu Mittag erhielt
jeder ½
l Rüben- ganz selten einmal Kohl- oder Erbsensuppe mit etwas
Rindfleisch
(Wassersuppe) und zu Abend ½ l gesüßte
Milchsuppe,
d.h. 1.200 Mann erhielten 80-100 l Milch.
Kurz vor zehn Uhr erfolgt allgemeine Lüftung und darauf
begibt
sich jeder zur Ruhe.
[95] Mancher wälzt sich noch lange von der einen Seite
auf die
andere. Er denkt an seine Lieben daheim, an seinen Sohn, der in
russischer
Kriegsgefangenschaft schmachtet und seit April diesen Jahres kein
Lebenszeichen
von sich gab. Von Zeit zu Zeit blitzen von den Wachtürmen die
Scheinwerfer
auf, und ihre Strahlen erleuchten die Halle taghell. Lautes Schnarchen
und Naturtöne werden vernehmbar und die ersten N.S.V.-Leute -
"Mitglieder
des Nacht-Schiffer-Vereins" beginnen, die Latrinen aufzusuchen.
Fortlaufend
schleichen Geister durch die langen (70 m) Gänge.
Alte und neue Bekannte. In den ersten Tagen nach
meiner Einlieferung
werde ich von manchem alten Bekannten begrüßt. Ich muß
erzählen und berichten, was in der Heimat vor sich ging und wie es
mit ihrer Familie, ihrem Hofe usw. steht, ob Söhne bereits wieder
heimgekehrt sind, wer von den Engländern verhaftet wurde usw., das
Fragen will kein Ende nehmen. Von Block D treffe ich: Meiereiinspektor
H. Reese - Wrist, W. Burmeister, Moordiek und Dr. Thomsen -
Kellinghusen,
W. Schurbohm - Hagen, Otto Hauschild - Quarnstedt, J. Pohlmann -
Kattendorf,
Hs. Schümann - Schmalfeld, Köhler - Bünsdorf,
Kreisbaumeister
Petersen - Segeberg.
Block G: H. Schmuck - Weddelbrook, Thomsen und Chr. Paulsen
- Bad Bramstedt,
Block H: Büchler, Bad Bramstedt, H. Bank - Groß
Harrie (Klassenkollege),
Geel und Bustorf - Wiemersdorf.
Block I: Jensen und Dr. Eichstedt, Bad Segeberg, und als ich
eines Morgens
aus dem Fenster sehe, erblicke ich G. Blunck aus Föhrden Barl.
Sofort
eile ich nach unten, um das Neueste von Föhrden Barl zu erfahren.
In der nun folgenden Zeit haben wir uns fast täglich getroffen und
zusammen geplaudert.
Die meisten Bekannten hatte ich allerdings in meinem Block
I: Hg. Ahrens
- Sievershütten, Dr. Schade - Kaltenkirchen, W. Schlüter -
Kisdorf,
Paul Harder, Joh. Schnoor und A. Steenbock - Wackendorf II, Siemsen und
Hs. Schütt - Schmalfeld, W. Timm - Nützen, G. Bäsel -
Wackendorf
I, Höppner - Bad Segeberg, K. Persicke - Wackendorf II,
Süllau
- Bad Bramstedt, W. Kruse und W. Kay - Weddelbrook, Dr. Thyssen -
Wesselburen,
Dr. Jebsen - Heide usw. Mit Professoren, Gelehrten , Ärzten,
Studienräten,
Offizieren der Luftwaffe und der Marine wurde die beste Kameradschaft
gepflegt.
Tauschzentrale. Im Lager blüht der sogenannte
"Schwarze
Markt". Als Zahlungsmittel dienen Zigaretten (je Stück 3-4 RM) und
Brot (= 3 Zigaretten). Bei der Tauschzentrale ist alles zu haben:
Schuhe,
Wäsche, Anzüge, Seife, Zwirn, Zeltbahnen, Skatspiele usw.
Mancher
verkauft [96] seine zweite Hose, sein zweites Hemd oder Schuhe, um
Zigaretten
oder Brot dagegen einzutauschen; denn der Hunger ist groß!
Der englische Kommandant, ein Oberst läßt den
Häftlingen
eine humane Behandlung zuteil werden. Mißhandlungen sind streng
verboten.
Anfang November gestattet er sogar, daß Lebensmittelpakete beim
Posten
(bis Weihnachten liefen rund 4.000 Pakete ein) abgegeben werden. Diese
werden alsdann von Lagerinsassen sortiert und den einzelnen Blocks
zugeleitet.
Jeder Paketempfänger ist verpflichtet, seinen Kameraden
Lebensmittel
abzugeben - etwa 30% -. Das Lager wird von englischen Posten bewacht
(Wachtürme).
Englische Offiziere und Sergeanten führen die Vernehmungen und
Entlassungen
durch. Die Verwaltung der einzelnen Blocks ist Sache des deutschen
Lagerführers,
der dem Kommandanten gegenüber verantwortlich ist.
Entlassung. Meinen Geburtstag am 19. Dezember verlebe
ich im
Kreise meiner Kameraden, die mir zu meinem Wiegenfeste manche
Überraschung
bereiten. Mein Geburtstags-Paket ist leider nicht eingetroffen - der
morgige
Nachmittag ist als Waschtag vorgesehen! Kaum haben wir am 20. Dezember
die Rübensuppe eingenommen und die Löffel abgeleckt, da
besteigt
der Lagerführer die Bühne und wir hören das Wort
"Entlassungen"!
Die Spannung wächst, immer mehr Namen werden verlesen, es ist
Totenstille
in der großen Halle. Jetzt kommt der Buchstabe "M" an die Reihe
und
- es ist nicht zu glauben - ich höre den Namen Wilh. Mohr. Meine
Freude
ist unermeßlich! Mit ca. 80 Kameraden erlangen wir nach
dreimonatlicher
Haft die Freiheit und dürfen mit unseren Lieben das Weihnachtsfest
daheim feiern. Die Kameraden freuen sich mit mir und helfen
fleißig
beim Packen. Bald stehen wir in Reih und Glied am Ausgang, der
Lagerchor
singt zum Abschied seine Lieder. Kameraden nehmen Abschied und bitten,
Grüße an ihre Lieben zu überbringen.
Im Verwaltungsgebäude werden uns vom Secret-Service
unsere Wertsachen
und Entlassungspapiere ausgehändigt, und dann treten wir den Weg
in
die Freiheit an. Auf dem Hauptbahnhof erfahre ich zu meinem Schrecken,
daß der Hamburger Abendzug in Wrist nicht hält und vom
Südbahnhof
ist der Zug mittlerweile auch abgefahren. Zu meinem Glück
hält
vor der geschlossenen Schranke (Südbahnhof) das Lastauto der Fa.
[97]
Horn, Bad Bramstedt, das mich bis Bad Bramstedt mitnimmt. Keiner ist
glückli-cher
als ich! In Bramstedt kehre ich noch bei meiner Schwägerin Frida
Schlüter
- ihr Mann befindet sich z.Zt. in Untersuchungshaft im Gefängnis
zu
Bad Segeberg - ein, um mich zunächst einmal ordentlich satt zu
essen,
besuche noch die Frauen einiger meiner Kameraden, um herzliche
Weihnachtsgrüße
zu überbringen und treten dann den Heimweg an. Unbeschreiblich
glücklich
ist meine Frau, als ich um elf Uhr ans Fenster klopfe und meinen Namen
nenne. Sie kann es kaum fassen, daß ihr Mann wieder da ist. Bald
ist das Abendbrot fertig. Schöner hat mir noch keine Mahlzeit
geschmeckt!
Wir unterhalten uns noch bis um zwei Uhr nachts; denn das Fragen und
Erzählen
will kein Ende nehmen.
Ein neues Leben, ein neues Wirken und Schaffen kann im
eigenen Heim,
das meine Frau im Oktober bezogen hat, beginnen! 21.12.1945.
20.2.1946. Nach einer längeren Frostperiode trat Ende
Januar Tauwetter
mit schweren Regenfällen ein, die das Wiesental weit und
breit
überschwemmten und in weiten Gebieten Norddeutschlands urchtbare
Verheerungen, die schwersten seit Jahrzehnten, verursachten. Der
Flüchtlingsstrom will kein Ende nehmen. Jedes Zimmer, jede
Kammer
unseres Dorfes ist bereits belegt. Die Einwohnerzahl der Gemeinde hat
die
Zahl 300 weit überschritten, und die Zahl der Schulkinder
beträgt
z.Zt. 58.
Neben der Ernährungsfrage bereitet die Beschaffung
der Feurung
die schwersten Sorgen. Ich habe Anfang Januar im Walde fleißig
dürres
Holz gesammelt und Nachbar J. Harbeck stellte mir zwecks Anfuhr sein
Gespann
zur Verfügung, Schwager W. Schlüter, Bad Bramstedt, und Hs.
Schnack
hatten während meiner Abwesenheit meiner Frau nach ihrem
unerwarteten
Umzug Torf und gehackten Busch geliefert, die Gemeinde ließ uns
zwei
Raummeter Birkenholz anfahren, und so werden wir schon durchkommen.
Überall im Walde hört man die Schläge
der Axt,
furchtbar wird unter den Holzbeständen unserer einst so
schönen
Heimat aufgeräumt! Für die Flüchtlinge unseres Dorfes
läßt
die Gemeinde 240 Raummeter Holz schlagen und weitere 250 Raummeter
sollen
für Dithmarschen geliefert werden. Wenn man noch zwei Jahre mit
diesem
Raub fortfährt, sind unsere heimischen Wälder verschwunden.
Der
Segeberger Forst ist bereits zum größten Teil der Axt zum
Opfer
gefallen, die dicken Baumstämme werden an Ort und Stelle
zersägt
und die Bretter nach England verschifft.
[98] Um die Feurung für das nächste Jahr
sicherzustellen,
sollen die heimischen Moore ausgenutzt werden: Mindestens zwei
große
Bagger werden im kommenden Frühjahr auf dem Lentföhrdener
Moor
in Tätigkeit treten. Steinkohlen und Briketts sind nicht
erhältlich;
denn die Bergwerke sind in englischer Hand und die
Verkehrsverhältnisse
(so liest man jedenfalls in den Zeitungen) lassen die Beförderung
von Kohlen einzig für lebenswichtige Betriebe zu.
Auch der elektrische Stromverbrauch ist noch recht
beschränkt.
Jeder Haushalt darf pro Tag ½ KW + 0,03 KW je Person
verbrauchen.
Wir kommen mit dieser Zuteilung ganz gut aus.
Die schwerste Sorge bereitet die Ernährung der
Bevölkerung.
Die Kornvorräte gehen in wenigen Wochen auf die Neige, die im
Herbst
eingekellerten zwei Zentner Kartoffeln (je Person), die bis zur neuen
Ernte
reichen sollen, sind von mancher Familie bereits verbraucht,
Gemüse
ist kaum erhältlich und die Fett- und Fleischrationen werden immer
weiter gekürzt. Wenn die Siegermächte nicht bald eine
große
Hilfsaktion einleiten, steht eine furchtbare Hungersnot vor der
Tür.
Ein weiteres Problem besteht darin, die vielen entlassenen
Soldaten
und Arbeitslosen zu beschäftigen; die großen
Fabriken
sind z.T. zerstört oder haben aus Mangel an Kohlen und Rohstoffen
die Tore noch nicht wieder geöffnet.
Alle Männer bis zu 65 Jahren und Frauen bis zum 50.
Lebensjahre
sind verpflichtet, sich zwecks Registrierung beim Arbeitsamt zu
melden.
Wer sich der Anmeldung entzieht, erhält keine Lebensmittelkarte
und
wird schwer bestraft.
Nach der Sichtung der Beamtenschaft findet jetzt
eine Säuberung
der
Gewerbebetriebe von führenden Nationalsozialisten statt. Alten
Parteigenossen und Aktivisten der N.S.D.A.P. wird verboten, Inhaber
einer
Firma oder deren Betriebsleiter zu sein. Wer den ihm zugestellten
Fragebogen
nicht ausfüllt oder etwas verschweigt, wird mit Gefängnis
bestraft.
Alleine im Kreise Segeberg sind deswegen drei Lehrer ins Gefängnis
gewandert und bis zu drei Jahren bestraft worden.
Laut Amnestie-Erlaß der Militärregierung wurde
jedem aufgegeben,
der noch im Besitze von Waffen oder Heeresgut ist, dieses in
der
Zeit vom 10 - 20. Januar abzuliefern.
Nachdem von der Militärregierung bisher drei politische
Parteien
zugelassen sind, finden überall u.a. auch in der Steenbock'schen
Gastwirtschaft
Wahlversammlungen statt, die allerdings nur schwach besucht werden.
Jede
Partei verspricht den Himmel auf Erden und versucht, alle Schuld der
N.S.D.A.P.
in die Schuhe zu schieben.
[99] In den Großstädten blüht der "Schwarze
Markt",
auf dem sämtliche Knappwaren für Wucherpreise erhältlich
sind: ½ kg Zucker 80 RM, Kaffee 600-800 RM, 1 l Kümmel
200-300 RM usw. Für Rauch-waren und Spirituosen ist alles zu
haben.
Mancher stellt sich seinen Schnaps nach eigenem Rezept in seiner
"Schwarzbrennerei"
selber her. Oft hört man von einer demnächst bevorstehenden
Abwertung
des Geldes und mancher versucht - allerdings meistens vergeblich - sein
Bargeld in "Ware" anzulegen.
Die Jagd ruht noch immer und wird von den
Engländern ausgeübt,
ausgegebene Gewehre wurden wieder eingezogen. Die Jagdpächter sind
verpflichtet, die Jagdpacht auch weiterhin zu entrichten. Durch J. F.
Krohn,
meinen Jagdkameraden, wurde in Hamburg der neue "D.J.V." ins Leben
gerufen.
Viele Polen werden zwangsweise durch die Engländer von
Lübeck
aus per Schiff in die Heimat befördert, doch kehren viele von
ihnen
nach einigen Wochen von ihren eigenen Landsleuten oder den Russen
vollständig
beraubt und ausgeplündert mittellos zurück und gefährden
die allgemeine Sicherheit. Polnische Banden überfallen
nicht
selten Einzelgehöfte (Delfs, Neumühlen, und Rickers in Wrack)
und zwingen die Bauern mit vorgehaltenem Revolver zur Hergabe von
Mobilien,
Wäsche, Lebensmitteln und Wertgegenständen. Bei H. Kelting in
Hingstheide wurden unter Zurücklassung des Kopfes und der
Eingeweide
nacheinander zwei große Schlachtschweine gestohlen. Nur selten
gelingt
es der Polizei, diese Räuberbanden zu fassen.
Vereinzelt kehren Ostflüchtlinge per Bahn oder
in Trecks
in ihre Heimat zurück, doch soll hier, wie in Briefen geschildert
wird, furchtbare Not und großes unbeschreibliches Elend
herrschen.
Die Deutschen gelten dort - nach Berichten zurückgekehrter
Flüchtlinge
- als Freiwild, der Großgrundbesitz ist enteignet und verteilt,
das
Vieh fortgetrieben, die Landmaschinen und die Fabrikeinrichtungen nach
Rußland abtransportiert.
Anfang Januar 1946 trifft die erste Kriegsgefangenenpost
aus
Rußland ein. Mancher Vermißte und Tot-gesagte schreibt
seinen
Lieben in der Heimat und deren Freude ist unermeßlich. Am 15.
Februar
kehren Fritz Fölster und Ernst Thies von Segeberg aus zu ihren
Lieben
zurück. Seid herzlich willkommen!
Der Geplagteste Mann innerhalb der Gemeinde ist ohne Frage
der von der
Militärregierung neuernannte Bürgermeister H.
Harbeck,
der in dieser schweren Zeit versucht, jedem Gemeindeangehörigen
und
Flüchtling sein Los zu erleichtern. Jedem, auch dem ehemaligen
alten
Parteigenossen, steht er mit Rat und Tat zur Seite und vermeidet
jegliche
Härte. Ihm zur Seite steht der vorläufig ernannte
Gemeinderat,
der aus zwölf Mitgliedern, darunter vier Frauen, besteht. [100]
Nach
meiner Entlassung aus dem Internierungslager Neumünster-Gadeland
am
20.12.1945 konnte ich mich anfänglich schwer an das gute Essen
gewöhnen,
so daß ich mehrere Tage wegen Magenverstimmung das Haus
hüten
mußte. Es gab viel zu schreiben, um den Angehörigen
tröstende
Worte über das Los ihrer Lieben zukommen zu lassen. In den ersten
Tagen hatte ich viel Besuch von Frauen, die sich nach dem Wohlergehen
ihrer
Männer erkundigten. Dank der guten Unterstützung, die mir
Nachbar
Johs. Harbeck, mein Bruder Karl, mein Schwager W. Schlüter u.a.
mit
Milch und anderen Lebensmitteln zuteil werden ließen, konnte ich
mich in kurzer Zeit recht gut erholen, so daß wir bereits Anfang
Januar per Auto (J. F. Krohn) einen Besuch bei unserer Schwiegertochter
und unserem Enkel Peter Wilhelm unternehmen konnten. Der kleine, kaum
zwei
Jahre alte Sproß, der seinen Vater leider noch nie gesehen hat,
ist
ein hübscher stattlicher Junge geworden. Das Sprechen bereitet ihm
große Schwierigkeit. Als ich ihm meine Pfeife anvertraute,
saß
er stundenlang auf meinem Schoß oder stolzierte in der Stube
umher
und war der richtige "Gernegroß".
Es ist mir eine Lebensfreude, der Arbeit wieder nachgehen zu
können
und Arbeit gibt's in Hülle und Fülle: Beschaffung von
Feurung,
Holzspalten, Begrandung der Auffahrt, Reinigung der
überfüllten
Jauchegrube, Beseitigung des mächtigen Aschhaufens, Bau eines
Hühnerstalles
mit Auslauf, Präparieren des selbstgezogenen Tabaks, Düngung
des Gartens, Beschneiden der Obstbäume und des Weines usw. Bei
schlechtem
Wetter und am Sonnabend spielt man mit alten Bekannten einen Skat,
Doppelkopf
oder Schach. So gehen die Tage schnell dahin.
Mit der Wiedereinsetzung ins Amt wird es wohl vorläufig
nichts
werden, denn die von der Militärregierung ausgesprochene
Amtsenthebung
läßt bisher keinen Widerruf zu. Ich sammle nun Zeugnisse von
Nichtparteigenossen, Eltern, Flüchtlingen, Evakuierten usw., aus
denen
hervorgeht, daß ich kein Aktivist der N.S.D.A.P. gewesen bin,
mein
Amt als Ortsgruppen-Amtsleiter der N.S.V. im Sinne der wahren
Nächstenliebe
ausgeübt und als Lehrer stets meine Pflicht getan habe. Diese
Zeugnisse,
so hoffe ich, werden mir zur gegebenen Zeit einmal sehr wertvoll sein.
Bereits am 23. Dezember besuchte mich der z.Zt. in unserer
Gemeinde
stationierte Gendarmerie-Wachtmeister, um meine Personalien aufzunehmen
und diese zwecks Anmeldung bei der "Geheimen englischen Polizei"
einzusenden.
Er erklärte mir, daß damit meine persönliche Anmeldung
nicht mehr nötig sei. Um mir hierüber Gewißheit zu
verschaffen,
fragte ich sicherheitshalber trotzdem bei der geheimen englischen
Polizei
in Segeberg brieflich an, worauf am 1. Februar mir durch den
Gendarmerie-Wachtmeister
der Bescheid zuteil wurde, ich hätte persönlich in Segeberg
zu
erscheinen.
[122] Am 3.2.1946 fahre ich mit dem Verkehrsauto (Prahl) von
Bad Bramstedt
aus nach Segeberg, doch dort sagt man mir, daß die englische
Polizei
für den westlichen Teil des Kreises nach Bramstedt verlegt sei.
Ich
statte nun dem neu ernannten Schulrat Steffens einen Besuch ab, um mich
bei ihm über die Zukunft der abgebauten Lehrer zu
erkundigen.
Der Schulrat berichtet mir über Verhandlungen zwischen dem
Oberregierungs-Präs.
mit der Militärregierung, die noch nicht abgeschlossen seien. Es
sei
zu erwarten, daß ein Teil der Lehrer wieder in ihr Amt eingesetzt
würden, die älteren Lehrer müßten mit ihrer
Pensionierung
rechnen, andere Kollegen würden eine Teilpension erhalten und die
restlichen Lehrer würden ohne Entschädigung und Pension
entlassen.
Am Montag, den 5. März, begebe ich mich zur englischen
Polizei
in Bad Bramstedt, die dort in der Villa des Tierarztes Dr. Wilhelmi
untergebracht ist. Der Engländer, dem ich vorgelassen werde,
spricht
sehr gut deutsch und fordert mich auf, Platz zu nehmen. Die Frage
"Warum
melden Sie sich erst heute?" beantworte ich ihm zu seiner
Zufriedenheit.
Mir werden nun viele Fragen gestellt, unter anderem "Sie waren im Lager
Gadeland, wie wurden Sie von den Engländern behandelt?" - "Wie war
die Verpflegung?" - "Womit beschäftigten Sie sich im Lager?" -
"Wurden
auch politische Vorträge gehalten?" - "Wurde auch noch vom
Nationalsozialismus
gesprochen?" - "Wie hoch schätzen Sie prozentuell die Zahl der
Unbelehrbaren?"
- "Wie war der Besuch des Gottesdienstes?" - "Woher mag es gekommen
sein,
daß die Besucherzahl von Sonntag zu Sonntag stieg?" usw. Zwischen
dem Engländer und mir entwickelte sich dann ein längeres
Gespräch
über Religionsfragen, "gottgläubig", "deutsche Christen" und
dergleichen. Alle Fragen beantwortete ich so gut ich konnte und
scheinbar
war der Engländer von der Wahrheit meiner Darstellung
überzeugt.
Meine Ansichten über Religionsfragen verfolgte er mit regem
Interesse.
Am 11.2.1946 erhalten wir die freudigste Nachricht unserer
alten Tage:
Käte Studt überbringt uns den ersten Brief vom
14.1.1946,
das erste Lebenszeichen unseres lieben Sohnes Kurt aus
russischer
Gefangenschaft. Eigenhändig schreibt er in guter Schrift und
mit
fester Hand, daß es ihm gut geht und auf baldige Heimkehr zu
seinen
Lieben in der Heimat hofft. Er scheint um das Wohlergehen seiner
Familie
besorgt zu sein und bittet um baldige Beantwortung seines Briefes. Alle
Verwandten, Nachbarn, Freunde und Bekannten freuen sich mit uns! Die
alte
Frau Studt, bei der Kurt als kleiner Junge stets ein- und ausging,
fällt
meiner Frau mit Freudentränen in den Augen um den Hals. Erna und
Peterlein
und die nächsten Verwandten werden sofort telefonisch
benachrichtigt.
Unser Glück, unsere Freude ist unermeßlich; denn nun wissen
wir: Kurt lebt, und so Gott will, wird er eines Tages zu uns und den
seinen
zurückkehren!
[123] Adresse Kriegsgefangener Kurt Mohr, Moskau Rotes
Kreuz, Postfach
254/5 339/11
Noch am selben Abend beantworte ich Kurts Karte mit wenigen
Sätzen:
"Es geht uns allen sehr gut. Erna und Peter sind in Gokels und Peter
ist
ein kleiner niedlicher Junge geworden. Wir warten auf Deine Heimkehr."
Schon am nächsten Morgen übergebe ich die Karte
der Bahnpost.
Wie wird Kurt sich freuen, wenn er das erste Lebenszeichen von seinen
Lieben
aus der Heimat erhält! Am 14.2.1946 teilt der in unserer Gemeinde
stationierte Gendamerie-Wachtmeister mir mit, daß ich als
ehemaliger
politischer Häftling unter seiner Aufsicht stehe. Alle
acht
Tage hat er der englischen Geheim- Polizei einen Bericht
über
mich einzusenden. Man muß nach Ansicht der Engländer ja ein
Schwerverbrecher sein, und dabei bin ich mir keiner Schuld
bewußt.
Zu dieser Überzeugung wird auch früher oder später die
Militärregierung
gelangen!
5.4.1946. Unsicherheit - Nachtwache
Die Unsicherheit in Stadt und Land, insbesondere die
nächtlichen
Einbrüche, nehmen infolge der Lebensmittelknappheit immer mehr zu.
Schon mehrfach wurden in Hamburg Brotwagen überfallen und
Brotläden
ausgeplündert. In der Nacht vom 4./5. April wurde bei dem Bauern
Johs.
Rühmann eine hochtragende Sau aus dem Stall geholt und auf der
Hauskoppel
abgeschlachtet. Welch ein Jammer! Die Diebe bringen das Fleisch an den
"Schwarzen Markt", wo es für 40 - 50 RM je ½ kg zum
Verkauf
angeboten wird.
In den Städten herrscht bereits die größte
Hungersnot. Statt Kartoffeln gelangen Steckrüben zur
Verteilung.
Die Lebensmittelrationen wurden ab 1.3.1946 weiter gekürzt.
Für
die Woche gelangen zur Ausgabe: Brot 1.000 g, Nährmittel 250 g,
Zucker
250 g, Fleisch 175 g usw. Im Schwarzhandel wird für Brot,
Kartoffeln
und andere Lebensmittel jeder Preis bezahlt. Mancher Arbeiter ist trotz
der "Schwerarbeiterzulage" so geschwächt, daß er der Arbeit
nicht
mehr nachgehen kann. Und hat denn überhaupt die Arbeit noch Sinn?
- Wenn ich zum Beispiel auf dem "Schwarzen Markt" meine Raucherkarte
für
250 - 300 RM verkaufe, kann ich gut leben, als Arbeiter würde ich
höchstens 150 RM im Monat verdienen.
Obgleich die Hühnerhalter für je Henne 60 Eier
abzuliefern
haben, gelangte in den letzten vier oder fünf Monaten nur ein Ei
(je
Person) an die Verbraucher zur Verteilung. Die Not steigt täglich!
Die Kartoffelmieten werden, obgleich "Ausgehverbot" besteht, bei Nacht
geöffnet und ausgeräubert. [124] Vielen Bauern fehlen daher
die
Saatkartoffeln. Gestern abend wurde von dem alten Herrn Kröger
folgende
Geschichte erzählt: In Mühlenbarbek waren dem Bauern R.
bereits
viele Pflanzkartoffeln aus der Miete entwendet. Der Bauer erhielt von
seinem
Bürgermeister die Erlaubnis, bei der Miete "Wache" zu halten. In
der
zweiten Nacht kamen denn auch drei Mann, öffneten die Miete und
füllten
ihre Säcke. Als nun der Bauer die Diebe zur Rede stellte, gaben
sich
diese als Kellinghusener Polizei aus, verhafteten den Bauern wegen
Überschreitung
der Polizeistunde (22.30 h) und nahmen ihn mit nach der Wache in
Kellinghusen.
Hier zog nun der Bauer die von seinem Bürgermeister ausgestellte
Bescheinigung
hervor, zeigte sie dem wachhabenden Engländer und schilderte
diesem
den Tatbestand. Nicht der Bauer, sondern die drei Polizisten, die als
Diebe
entlarvt wurden, wanderten ins Gefängnis.
Überall: auf Bahnhöfen, Hauptverkehrsplätzen
und -wegen
macht man Jagd auf die sogenannten "Schwarzhändler". Vor
wenigen
Tagen wurde Nachbar Evers angehalten, als er per Rad mit einem Brot und
einer Wurst von seinem alten Vater aus Fitzbeck zurückkehrte. Erst
nach vielem hin- und herreden durfte er die "Ware" behalten. Des Nachts
bekommt man natürlich keine Polizei zu sehen; denn mit
Räubern
und Banditen anzubinden, ist bekanntlich lebensgefährlich. Die
Angehörigen
der Polizei sind meistens Flüchtlinge, unsere ehemalige Polizei
befindet
sich in den Internierungslagern Gadeland oder Neuengamme!
Zur allgemeinen Sicherheit geht seit etwa vier Wochen in
unserem Dorf
eine Nachtwache, deren Bewaffnung der Engländer abgelehnt
hat.
Jede männliche Person vom 18. bis 60. Lebensjahr ist verpflichtet,
Nachtwache zu gehen. Revidiert wird die Wache durch den in unserer
Gemeinde
stationierten Gendarmen (Ostflüchtling) oder durch die englische
Streife.
Der Flüchtlingsstrom will kein Ende nehmen.
Wieder wurden
von den Polen 1,5 Millionen Deutsche ausgewiesen und in die englische
Besatzungszone
abgeschoben. Von ihnen sollen 65 Flüchtlinge, nach neuester
Meldung
spricht man sogar von 90 Personen, innerhalb unserer kleinen Gemeinde
Aufnahme
finden. Bei diesen Flüchtlingen handelt es sich um die
Ärmsten
der Armen. Innerhalb zehn Minuten mußten sie ihre Wohnung bzw.
Gehöft
unter Zubilligung der Mitnahme von 15 kg Gepäck verlassen und
wurden
dann einem mächtigen Sammellager zugeführt. [125] Halb
verhungert,
mißhandelt, ihrer letzten Habe beraubt, die Frauen und
Mädchen
geschändet, so wurden sie dann zu uns abgeschoben. Man muß
diese
Armen bedauern; denn helfen kann man ihnen nicht allen, dazu ist die
Not
zu groß.
Wehe denen, die diese Not über uns gebracht haben und
noch weiter
bringen. Wie wollen diese Machthaber vor der Geschichte und vor ihrem
Herrgott
bestehen.
Die Schülerzahl stieg infolge des neuen
Zustromes auf über
70 und wird noch weiter steigen! Nach einem neuen Erlaß werden
die
Steuern
(Einkommens-, Vermögens- und Umsatzsteuer) um 50% erhöht,
Telefon-, Portogebühren und Fahrpreise auf der Eisenbahn werden
verdoppelt.
Eine schwere Belastung der darniederliegenden Wirtschaft!
Alle in der Wirtschaft nicht dringend benötigten Pferde-
auch Fohlen - sollen zwecks Einsparung von Halfter und auch Futter abgeschlachtet
werden. Auch Polen verlangt für die Ostgebiete viele Pferde. Auch
unter dem Rindviehbestand wird aufgeräumt. Sämtliche
Kühe
mit geringen Milchleistungen fallen dem Schlachtermesser zum Opfer.
Die Bestellung der Gärten ist in vollem Gange;
denn jeder
will nach Möglichkeit frühzeitig in den Besitz von
Frühgemüse
gelangen. Für jeden Flüchtling werden seitens der Gemeinde 80
qm Gartenland auf der Schulkoppel zur Verfügung gestellt, doch
fehlt
den meisten außer Dünger das nötige Saatgut,
insbeson-dere
Frühkartoffeln, Zwiebeln, Erbsen und Bohnen. Da außerdem
viele
Flüchtlinge von Gartenarbeiten nichts verstehen, wird die
Landzuweisung
trotz guten Willens der Behörde m.E. ein Fehlschlag werden.
Auch in diesem Jahre werden der Landwirtschaft nur geringe
Mengen an
Kunstdünger
zur Verfügung gestellt. Wer "gute Freunde" an richtiger Stelle
sitzen
hat und der Schieber hat natürlich alles in Hülle und
Fülle.
In jedem Hause stehen vor den Fenstern kleine Kästen,
die bereits
mit Tabak besät sind.
Wegen Futtermangel wurde das Jungvieh bereits Ende
März
auf die Weide getrieben und Anfang April folgten die
Milchkühe.
Die Milcherzeugung ist stark zurückgegangen, so daß z.B. in
Hamburg jede Person während der Woche 1/8 l erhält, und dabei
schreibt man in den Zeitungen, daß schon manches besser geworden
ist. Ja, das Papier ist geduldig!
Wegen Mißhandlung von Ausländern bzw.
englischen Fliegern
wurden der Bauer Otto Hauschild aus [126] Quarnstedt
(Ortsgruppenleiter)
und der Bauer Speck, ebenfalls aus Quarnstedt (SS-Scharführer) von
dem Gericht der Militärregierung zu 2 bzw. 2 1/2 Jahr
Gefängnis
verurteilt. Der Meiereiinspektor Reese, Wrist (Ortsgruppenleiter), der
sich seit Mai vergangenen Jahres im Internierungslager Gadeland
befindet,
verliert seine Anstellung, seine Frau, die einen Nervenzusammenbruch
erlitt,
wird von einer gewissen Gruppe schikaniert, und nunmehr soll die arme
Frau
auch noch die Wohnung räumen. Heinrich Schmuck und Wilhelm Kruse,
Weddelbrook, wurden nach 5-monatiger Haft aus Gadeland entlassen und
Kollege
Fick, Hagen, kehrt aus Neuengamme zurück. Kruse war
hochbeglückt,
daß er im Kreise seiner Familie, guten Nachbarn, Freunden und
Leidensgefährten
das Fest der Silberhochzeit feiern konnte.
Wie man vernimmt, kann man nunmehr Einspruch gegen die von
der Militärregierung
ausgesprochene Amtsenthebung erheben. Die Prüfung erfolgt
durch
eine deutsche Kommission, gegen deren Entscheid bei der Revisions-Kommission
Berufung eingelegt werden kann. Die Landesgenossenschaftsbank Segeberg
ließ mir durch den Geschäftsführer der Spar- und
Darlehenskasse
mitteilen, ich möchte den Antrag auf Freigabe meines
Vermögens
stellen. Ich werde mich nicht beeilen, ich habe Zeit!
27.7.1946. In den letzten Wochen hat sich manches ereignet,
doch wenig
Gutes und die trostlose Lage auf dem Lebensmittelmarkt hat sich nur
wenig
gebessert. Ende Mai - bis in den Monat Juni hinein - herrschte
insbesondere
in den Städten eine furchtbare Hungersnot, die - Gott sei
es
gedankt - an unserem Hause vorüberzieht.
Täglich mehrt sich die Zahl der Ostflüchtlinge,
die
ihre Heimat ohne Mitnahme von Gepäck - also bettelarm - verlassen
mußten, um bei uns aufgenommen zu werden. Die Zahl der
Flüchtlinge
in unserer Gemeinde übersteigt bereits die der Einheimischen -
Gesamt-Einwohnerzahl
465. Täglich klopfen 20 - 30 dieser Ärmsten an die Tür
der
Bauern und betteln um Kartoffeln und Brot. Kartoffelschale wird von
ihnen
gesammelt, um daraus eine Suppe für die hungernden Kinder zu
kochen.
Die Zahl der Todesfälle steigt von Tag zu Tag. Alleine im Kurhaus
in Bad Bramstedt, das zur Zeit als Flüchtlingskrankenhaus dient,
sterben
täglich oft fünf bis zehn Menschen, und die langen Reihen der
Gräber auf dem Kirchhof sind und bleiben für immer Zeugen
dieser
furchtbaren Zeit. In den Ostgebieten sind die Gebiete entvölkert,
die Dörfer haben teilweise keine Einwohner mehr, die Häuser
verfallen,
auf den Äckern wuchert das Unkraut, und in der englischen Zone
wohnen
bereits 325 Menschen auf einen Quadratkilometer.
In Paris streiten sich die Außenminister der
Siegermächte
um die Verteilung der Beute, ohne zu einer Einigung zu gelangen, es sei
denn auf Kosten Deutschlands. Ist das die Erlösung, die Freiheit
und
Demokratie, die man dem Volke bringen wollte?
[127] Bis zum 21. Mai hatten wir Regen über Regen, und
dabei herrschte
eine übermäßige Kälte, worunter das Wachstum der
Gemüsepflanzen
arg zu leiden hat.
Wohl noch nie ist es auf dem Lentföhrdener Moor so viel
Torf gegraben
worden wie in diesem Jahre; denn auch die vielen
Flüchtlingsfamilien
müssen mit Feurung versorgt werden. Diesen wird von den
Bauern
das Moor unentgeltlich zur Verfügung gestellt, und der Bauer Krohn
fährt mit seinem Trecker täglich 30 - 40 Männer und
Frauen
zum Torfmoor, um sie am Abend nach beendeter Arbeit wieder heimzuholen.
Ich habe mir mit Genehmigung aus Hans Schnacks Moor fünf oder
sechs
Fuder Torf gegraben; denn einen Winter ohne hinreichende Feurung
möchte
ich nicht nochmals durchmachen! Täglich fahren Lastautos, beladen
mit ausgerodeten Baumstümpfen oder Tannenbusch aus dem Segeberger
Forst, an unserem Hause vorbei, um die Stadtbevölkerung mit
Feurung
zu versorgen.
27.7.1946. Die Heu- und Roggenernte kann man als gut
bezeichnen
und wurde bei schönem Wetter schnell geborgen. Auch die
Frühkartoffeln
lieferten reichlich Erträge, doch die Spätkartoffeln haben
unter
der im Juni einsetzenden Hitzewelle recht stark gelitten. Der
Kartoffelkäfer,
der erstmalig in unserer Gemarkung festgestellt wurde, richtete auf
einigen
Äckern arge Schäden an. Es wurde nichts unterlassen
(Suchkolonnen,
Einsetzung der Schule usw.), um diesen Schädling zu
bekämpfen.
Das Verhältnis und Einvernehmen zwischen der einheimischen
besitzenden Bevölkerung und den Flüchtlingen
verschlechtert
sich zusehends. Die Schuld liegt m.E. meistens auf beiden Seiten.
Einige
Bauern sorgen so gut es geht für die Flüchtlinge, behandeln
sie
als Volksgenossen und haben Verständnis für deren Notlage.
Durch
Mitarbeit in der Landwirtschaft beweisen die Flüchtlinge ihren
Dank.
Dort jedoch, wo sie einzig als Last empfunden werden, kommt es recht
oft
zu heftigen Auseinan-dersetzungen. Auch kamen aus dem Osten viele
arbeitsscheue,
verkommene Elemente, die dem Müßig-gange nachgehen, des
Nachts
Felddiebstähle begehen, das Vieh auf dem Felde abschlachten und
ihre
Be-tätigung auf dem "Schwarzen Markt" suchen. Ich kann es
verstehen,
wenn ein Mensch, der eine schöne Wohnung oder einen seit
Jahrhunderten
in der Familie vererbten Bauernhof besaß, unzufrieden und
abgünstig
ist, doch vorläufig kann keiner daran etwas ändern, der Raum,
auf dem allzu viele Menschen zusammengedrängt wurden, ist eben zu
klein und vermag bei der darniederliegenden Industrie nicht die
Menschenmassen
zu ernähren und zu beschäftigen. Mancher Ostflüchtling
ist
träge, prahlerisch veran-lagt, und mit der Wahrheit nimmt er es
nicht
so genau. [128] Nur wenige von ihnen wollen Parteigenos-sen der
N.S.D.A.P.
gewesen sein, und so gelingt es ihnen recht oft, Einheimische, die ihre
Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Bewegung nicht
verschweigen
können, zu verdrängen und führende Stellungen
einzunehmen.
Der Fischermeister aus dem Osten prahlt von den großen Aalen, die
im Durchschnitt neun Pfund gewogen haben, der Jäger spricht von
den
großen Hasen, Rehen und Hirschen, der Bauer erzählt gerne
von
seiner herrlich eingerichteten 7-Zimmer-Wohnung, von seinen viel
besseren
Viehbeständen, von seinem viel größeren Besitz -
daß
einer von ihnen gewöhnlicher Arbeiter war, habe ich bisher kaum
gehört.
"Diese Leute sollten sich wegen ihrer Prahlereien und Verleugnung ihres
Standes schämen", erklärte mir Herr Reuter, ein einfacher,
rechtschaffener
Maurergeselle aus dem Osten, der vor kurzem mit seiner jungen Frau in
unserem
Hause untergebracht wurde.
Die politischen Parteien versuchen natürlich die
Notlage der Flüchtlinge
für ihre Zwecke auszunutzen, machten ihnen große Hoffnungen
und Versprechungen, die niemals in Erfüllung gehen können. In
unserer Gemeinde wurde eine Ortsgruppe der SPD gegründet,
die
bereits 35 Mitglieder, hauptsächlich Flüchtlinge, zählt.
Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Liste der SPD
(Flüchtlinge)
bei der im Monat September stattfindenden Gemeindewahl, von der viele
Einheimische
wegen ihrer ehemaligen Zugehörigkeit zur N.S.D.A.P. ausgeschlossen
sind, die Mehrheit in der Gemeindevertretung erhalten und einen aus
ihren
Reihen zum Bürgermeister bestimmen.
Die Diebereien nehmen in letzter Zeit immer mehr zu.
Die Ähren
der Garben werden abgeschnitten, das Korn auf dem Felde ausgedroschen,
die Kartoffeln aufgenommen und das Vieh auf den Weiden abgeschlachtet,
und die Ware kommt alsdann an den "Schwarzen Markt", wo sie für
Wucherpreise
verkauft wird. Für einen Rucksack voll Roggen erhält der
Schwarzhändler
den doppelten Preis wie der Bauer für ein Fuder
ablieferungspflichtiges
Brotgetreide. Dem Bauern Hans Schnack wurde ein Schaf auf der Weide
abgeschlachtet,
Johs. Rühmann sieben Hähne aus dem verschlossenen Viehstall
gestohlen.
Auf energisches Drängen des Rühmann ist es schließlich
gelungen, eine ganze Diebesbande festzunehmen. Die sieben Hähne
wurden
im Schornstein der Rühmannschen Altenteilerkate, in der einzig
Flüchtlinge
untergebracht sind, gefunden und dem Eigentümer
zurückgegeben.
Als Täter kommt der Sohn des Vorsitzenden der SPD, [129] ein
gewisser
Schröder, und mehrere andere Flüchtlinge in Frage. Da Herr
Schröder
sich wegen dieses Diebstahls, Unregelmäßigkeit seiner
Tochter
bei der Milchverteilung, gerichtlicher Bestrafung derselben wegen
Entwendung
einer Brennschere bei einem Friseur in Kellinghusen und anderem
belastet
fühlte, wurde er zur Niederlegung seines Postens als Vorsitzender
der SPD veranlaßt. Der Grundsatz: "Alles was dein ist, ist auch
mein!"
ist also vom Gericht nicht anerkannt.
Auf Veranlassung der Militärregierung werden in jedem
Kreise Entnazifizierungsausschüsse,
deren Mitglieder aus Nazi-Gegnern oder doch zumindest aus
Nicht-Nationalsozialisten
bestehen soll, gebildet, die die Säuberung der Betriebe und der
Wirtschaft
von alten Parteimitgliedern (bis 1937 in die N.S.D.A.P. eingetreten)
durchzuführen
hat. Ich habe gegen meine Absetzung als Lehrer bei der Berufungsinstanz
Einspruch erhoben und um Einleitung eines Verfahrens gegen mich
gebeten.
Vor mir und vielen anderen Leidensgenossen liegt eine dunkle Zukunft,
von
der niemand weiß, was sie uns noch bringen wird. Bis zum 15. Juli
diesen Jahres mußten alle amtsenthobenen Lehrer ihre frühere
Dienstwohnung
räumen. Das ist der Dank für langjährige treue
Arbeit
als Landlehrer!
Am 15.9.1946 fanden, nachdem das deutsche Volk letztmalig im
Jahre 1932
zur Wahlurne schreiten durfte, in allen vier Besatzungszonen die ersten
Gemeindewahlen
statt. Die Ortsgruppe der SPD (Sozialdemokraten) hatte in
Wahlversammlungen
eine rege Propaganda entfaltet und hatte sich durch Wort und Schrift
die
größte Mühe gegeben, insbesondere die vielen
Flüchtlinge
für sich zu gewinnen. Man versprach ihnen das Unmögliche:
Arbeit
und Brot, Bauernhöfe und Siedlungen, Wohnungen, Mobiliar und eine
glückliche Zukunft. Auch von der CDU (Christlich Demokratische
Union)
und FDP (Freie Demokratische Partei) wurden gut besuchte
Wahlversammlungen,
die zur Aufklärung dienten, abgehalten. Mit der größten
Spannung erwartete jeder Bürger den Ausgang dieser Wahl. Die SPD
war
sich ihres Sieges bereits so sicher, daß man sogar wagte, die
Namen
der zukünftigen Amtsträger zu nennen. Doch es kam ganz
anders!
Sowohl die SPD wie auch die CDU hatten je eine Liste von je
vier Kandidaten
aufgestellt. Viele Ortseingesessene waren von der Wahl ausgeschlossen,
denn sie waren entweder alte Nationalsozialisten (vor 1933) oder waren
der N.S.D.A.P. vor dem 1.5.1937 beigetreten. (Anordnung der
Militärregierung.)
[130] Jeder Wahlberechtigte konnte, da sechs
Gemeinderäte zu wählen
waren, auch sechs Stimmen abgeben. Mancher Wähler hat jedoch nur
die
vier Kandidaten seiner Liste gewählt. Die größte
Enttäuschung
erlebte die SPD bei den Flüchtlingen, die trotz der vielen
Versprechungen,
sich für die Liste der Eingesessenen entschieden.
Ergebnis der Wahl:
Wahlberechtigt: 192, gewählt haben 155.
Abgegebene Stimmen: CDU 342 SPD 230.
Stimmenverteilung: Heinrich Rühmann 93 (CDU), Friedrich
Seider
85 (CDU), Frau Emma Krohn 85 (CDU), Doll 79 (CDU), Ernst Studt 60
(SPD),
Johannes Behnke 58 (SPD), Willi Evers 56 (SPD), Frau Taube 56.
Unter Zugrundelegung des Divisors 82 sind die Kandidaten in
folgender
Reihenfolge gewählt: H. Rühmann, F. Seider, Ernst Studt, E.
Krohn,
Doll, J. Behnke.
Auf Anordnung der Militärregierung wurde der Besitz des
Bauern
Hans Schnack, groß 50 ha, unter Geschäftsaufsicht
gestellt,
und durch einen Treuhänder beaufsichtigt. Herr Schnack war altes
Parteimitglied
der N.S.D.A.P. aus dem Jahre 1930 und Kassenamtsleiter der Ortsgruppe.
Am 19.9.1946 trafen wieder neun Ostflüchtlinge ein, die in
unserer Gemeinde untergebracht werden mußten. Wie man vernimmt,
wird
jetzt das Flüchtlingslager bei Segeberg aufgelöst, obgleich
noch
weitere 100.000 Flüchtlinge aus Dänemark in
Schleswig-Holstein
Aufnahme finden sollen.
Im benachbarten Hitzhusen nahm die Polizei nach erfolgter
Haussuchung,
durch die undenklich viel Heeresgut wie: Militärstiefel,
Anzüge,
Decken, Autobereifungen und dergleichen, aber auch Schinken, Speck,
Zucker
und andere Knappwaren sichergestellt werden konnten, mehrere Verhaftungen
vor. Die Täter (Pauls und Wieses Sohn) wurden vom englischen
Militärgericht
zu fünf bis neun Monaten Gefängnis und Geldstrafen
verurteilt.
In Weddelbrook machte die Polizei einen guten Fang. Sie
verhaftete acht
bis zehn Personen wegen Diebereien, Schwarzhandel und
Schwarzbrennerei.
Der Plan dieser Bande, das Geschäftszimmer des Bürgermeisters
auszuplündern, gelangte nicht mehr zur Durchführung.
Auch in Hasenmoor wurde eine Diebesbande
festgenommen und in
Fuhlendorf ein Landarbeiter wegen Schwarzschlachtung verhaftet.
In vielen Kreisen sind die Entnazifizier-Kommissionen
in Tätigkeit
getreten. Viele Geschäfte, deren Inhaber Mitglied der N.S.D.A.P.
waren,
erhalten einen Treuhänder, der bisherige Inhaber darf sein
Geschäft
nicht wieder betreten, den Familienangehörigen wird
vorläufige
Mitarbeit gestattet. (Itzehoe 16 Geschäfte, Kellinghusen 57
Geschäfte).
[131] In unserer Gemeinde wurde auch der Bauernhof Johs.
Lohse unter
Treuhänder gestellt. Durch eine neue, soeben veröffentlichte
Verordnung der Kontroll-Kommission soll nunmehr die Bestrafung
ehemaliger
Parteigenossen, die in fünf Gruppen eingeteilt werden, durch die
Besatzungsmächte
unter Hinzuziehung deutscher Gerichte und Dienststellen erfolgen.
Ab 30.9.1946 werde ich (Arbeitsamt) Hilfsarbeiter in
der Schlosserei
Weibezahl, Bad Bramstedt. Weibezahl ist, wie ich, ebenfalls am 1. Mai
1933
der N.S.D.A.P. beigetreten und bekleidete das Amt eines Zellenwartes.
Am 30.9.1946 besuchen uns zu unserer größten
Freude zwei
Kameraden unseres Sohnes Kurt, die krankheitshalber aus russischer
Kriegsgefangenschaft
entlassen wurden: Jansen aus Rade und Voß aus Arpsdorf. Sie geben
uns einen genauen Bericht über unseren Sohn, der mit 2.500
Kameraden
in einem großen Lager am Stadtrand von Leningrad untergebracht
ist
und in einem Sonderkommando in einer mächtigen Staatsziegelei mit
etwa 100 Mann als Zimmermann arbeitet. Die Verpflegung ist ausreichend,
die Behandlung gut. Die Gefangenen erhalten täglich unter anderem
fünf gute Zigaretten und 17 g Zucker.
In der Kreistagswahl am 15.9.1946 erhalten die
bürgerlichen
Parteien eine reine Mehrheit vor der SPD (36:8). Heinrich Rühmann
wird zum Bürgermeister unserer Gemeinde gewählt.
Am 3.9. Beendigung des Nürnberger Prozesses, am
16.9. werden
die meisten der Verurteilten durch den Strang hingerichtet und ihre
Asche
in alle Winde zerstreut. Reichsmarschall Hermann Göring gelingt
es,
durch Gift sich der Hinrichtung durch den Strang zu entziehen.
Das Internierungslager Gadeland, in dem auch ich
drei Monate
verbrachte, wird aufgelöst und die Insassen, unter ihnen unser
früherer
Ortsgruppenleiter G. Blunk, nach einem Lager bei Paderborn
überführt.
Am 15.9.1946 bemerken wir im Südwesten einen
mächtigen Feuerschein.
Das Wirtschaftsgebäude des Bauern Otto Rehder in Hingstheide
brennt bis auf die Grundmauern nieder. Viele Futtervorräte fallen
den Flammen zum Opfer. Ursache des Brandes: Flüchtlinge hatten ein
Rohr des Feuerherdes durch das Fenster geleitet, und so hatte das
Strohdach
Funken gefangen. Auch unsere Wehr war noch zur Brandstätte geeilt,
um mit der Motorspritze einzugreifen, doch mangelte es an Wasser, so
daß
sie recht bald wieder abrücken konnte.
Die Lebensmittelzuteilungen werden auf 1.550
Kalorien erhöht
(bisher 1.050 Kalorien).
Gelegentlich einer ärztlichen Schuluntersuchung im
August diesen
Jahres wurde durch den Flüchtlingsarzt Dr. Vogel festgestellt,
daß
über 50% aller Schulkinder unterernährt sind. Seit dieser
Zeit
wird, wie in den allermeisten deutschen Schulen, eine tägliche
Schulspeisung durchgeführt. Die Lebensmittel werden durch das
"Rote Kreuz" zur Verfügung gestellt.
[132] Am 30. Oktober 1946 fand eine allgemeine Volkszählung
statt.
Die Gemeinde Föhrden Barl hat zur Zeit 414 Einwohner,
davon 187
männlichen und 227 weiblichen Geschlechts. Ich schätze die
Zahl
der Einheimischen auf etwa 180, so daß sich 234 Flüchtlinge
aus den Ostgebieten in der Gemeinde aufhalten. Viele Kriegsgefangene
sind
noch nicht zurückgekehrt, mancher gilt noch als vermißt, die
Opfer des sinnlosen Krieges sind gewaltig, und so ist es nicht zu
verwundern,
daß das weibliche Geschlecht an Zahl überwiegt. Die Zahl der
Haushaltungen hat sich verdreifacht. Jedes heizbare Zimmer beherbergt
eine
Familie und ist Wohn-, Schlafstube und Küche zugleich.
18.11.1946
Die letzte alte Räucherkate unserer Gemeinde,
Besitzer Fritz
Fölster, wurde in diesen Tagen umgebaut und mit Schornstein
versehen.
Auch der altertümliche Beilegeofen, der vom Küchenherd aus
geheizt
wurde, wurde durch einen modernen Ofen ersetzt. In den letzten
Jahrzehnten
räucherten viele Bauern, ja sogar Schlachter aus der Stadt, mit
Vorliebe
die Schinken, Mettwürste und die Speckseiten bei der alten stets
freundlichen
"Oma Fölster".
Wenn ich als Jäger an dieser alten Strohkate vorbeikam,
zog meistens
dicker Qualm aus dem oberen Teil der großen Tür und durch
die
"Blangdör". Wie oft warf ich einen neidischen Blick nach den
mächtigen
Schinken und dicken Würsten. Vorbei ist die alte schöne Zeit,
doch die Erinnerung bleibt!
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Im Frühjahr 1947, am .. .. [Datum unleserlich,
korrektes Datum
ist lt. Auskunft des Einwohnermeldeamtes Bad Bramstedt der 18.11.1947!]
starb der Lehrer Wilhelm Mohr im Alter von 63 Jahren. Er war über
30 Jahre Lehrer in Föhrden Barl gewesen und hatte viel für
Schule
und Gemeinde getan. Die Föhrdener, die zu ihm zur Schule gegangen
sind, erzählen oft und gern von ihrer Schulzeit und nie habe ich
gehört,
daß sie schlecht über ihren alten Lehrer sprachen. Nur Gutes
und Angenehmes wissen sie zu berichten. - Nun ist dieser alte
"Schulmeister"
nicht mehr und in der Chronik sind seit dieser Zeit keine Eintragungen
mehr gemacht worden.
Wenn man liest, was Wilhelm Mohr hier in diesem Buch
für die Nachwelt
eingeschrieben hat, so muß man fast annehmen, daß er
Tagebuch
führte, so viel persönliches hat er dem Buch anvertraut. Wie
muß dieser Mensch doch mit seinem Beruf verwachsen gewesen sein,
daß selbst sein Privatleben von dem schulischen nicht zu trennen
gewesen ist. So stelle ich mir den alten "Dorfschulmeister" vor, der
ganz
in und mit seiner Schule [133] lebt, so daß der Mensch vom Lehrer
nicht mehr zu unterscheiden ist. Ich glaube, daß kann man aber
nur
erreichen, wenn man, wie Wilhelm Mohr, so lange Lehrer in einer
Gemeinde
war.
Wenn ich nun als der ordentliche Nachfolger des alten
Lehrers Wilhelm
Mohr dieses Buch weiterführen soll, so muß ich erst einmal
ganz
kurz die Zeit streifen, die zwischen seinem Abgang aus dem Schuldienst
nach dem Zusammenbruch 1945 und meinem Eintritt in den Schuldienst hier
in Föhrden Barl im März 1948 liegt.
Deutschland lag 1945 zerschlagen am Boden. Alles Leben,
sowohl das wirtschaftliche,
als auch das gesellschaftlich-soziale, schienen erstorben zu sein. Nur
langsam hat sich alles wieder normalisiert und heute noch sieht man
hier
und da noch Überbleibsel aus jener furchtbaren Zeit. Ich habe
nicht
die Absicht, die Geister jener Tage wieder heraufzubeschwören,
doch
einiges, was zum Verständnis der schulischen Verhältnisse
nötig
ist, muß ich erwähnen. - Nachdem man Wilhelm Mohr als
sogenannten
"Kriegsverbrecher", wie man damals fast alle ehrlichen, braven
Deutschen
bezeichnete, seines Amtes als Lehrer enthoben hatte, war gar keine
Schule
hier in Föhrden Barl. Wie aus den amtlichen Schreiben aus jener
Zeit
hervorgeht, muß es überall sehr schwierig, wenn nicht
unmöglich
gewesen sein, einen einigermaßen geordneten Schulbetrieb auf die
Beine zu stellen. Es fehlte eben an allem. Keine Lehrer, keine
Bücher,
keine Räume. Das hörte man allenthalben. Die Lehrer waren
abgesetzt,
die vorhandenen Schulbücher durften nicht benutzt werden und die
Schulräume
wurden vielerorts für andere Zwecke gebraucht. Wie ich aus den
Akten
ersehen konnte und aus Berichten erfahren habe, war die Situation in
Föhrden
Barl folgende:
[134] Am 1. August 1945 schickte das Schulamt den Lehrer
Ottomar Schulz,
einen 64-jährigen Berliner Lehrer, der als Ostflüchtling in
Lentföhrden
gewohnt hatte, nach Föhrden Barl, um den Schulbetrieb provisorisch
wieder aufzunehmen. Der Mangel an Schulbüchern und die durch die
vielen
Flüchtlinge stark angewachsene Kinderzahl, - es waren an die 80
Kinder
- erschwerten den Unterricht natürlich ganz kolossal. Daß
unter
diesen Umständen nicht viel geschafft werden konnte, ist nur zu
verständlich.
Was in dieser Zeit von den Kindern versäumt worden ist, konnte in
den nächsten Jahren kaum, ja zum Teil überhaupt nicht,
nachgeholt
werden. Als ich am 15. März 1948 meine Tätigkeit als Lehrer
hier
aufnahm, habe ich das Erbe einer turbulenten Zeit übernommen.
Außerdem
wurde mir der Anfang hier schwer gemacht, weil das Dorf einen anderen
Lehrer
hierher haben wollte. Doch die Regierung entschied anders, und so habe
ich meine Lehrertätigkeit, die ich 1945 in Thüringen auch
beenden
mußte, wie die meisten meiner Kollegen hier in Schleswig-Holstein
wieder aufgenommen. Aller Anfang ist schwer - das kann ich wohl auch
von
meiner ersten Lehrertätigkeit hier in Föhrden Barl behaupten.
Mir traten noch dieselben Schwierigkeiten entgegen, die schon meinem
Vorgänger
das Leben schwergemacht hatten. Schwierigkeiten auf rein schulischem,
erzieherischem
und organisatorischem Gebiet. Für den Unterricht fehlte es an
allem.
Kein Lehrbuch war dar, nach dem unterrichtet werden konnte, keine Hefte
für die Kinder zum Schreiben. Die Disziplin ließ sehr viel
zu
wünschen übrig und nicht zuletzt erhob sich die Frage, [135]
wie die vielen Kinder in einem Klassenraum unterrichtet werden sollten,
um jedem Schuljahr so viel Unterrichtsstunden wie nur möglich zu
geben.
Es mußte in zwei Schichten unterrichtet werden. Langsam kamen
dann
die ersten Schulbücher. In Schleswig-Holstein wurde die
Lehrmittel-freiheit
eingeführt. Doch die bereitgestellten Mittel reichten bei weitem
nicht
aus, um den großen Bedarf an Lernmitteln nur annähernd zu
decken.
Es dauerte immerhin vier Jahre, bis alle Bücher angeschafft waren.
Einen Lichtblick gab es, als der Gemeinderat im Herbst 1948
beschloß,
eine zweite Lehrerstelle zu beantragen. So kam am 1. Mai 1949 der
Junglehrer
Otto Sommer als zweiter Lehrer nach Föhrden Barl. Jetzt konnte ein
geregelter Schulbetrieb aufgenommen werden. Allerdings bedingte der
eine
Klassenraum eine Einteilung in Vormittags- und Nachmittagsunterricht.
Doch
der große Vorteil war, daß alle Schuljahre ihre
vorgeschriebene
Stundenzahl erhalten konnten, so daß Föhrden Barl als eine
der
ersten Schulen im Kreis die vorgeschriebene Stundenzahl für alle
Schüler
melden konnte. Da der Nachmittagsunterricht erfahrungsgemäß
nicht den Wert des Vormittagsunterrichtes erreicht, wurde der
Unterricht
in den beiden Stufen (1. - 4. und 5. - 9. Schuljahr) abwechselnd
erteilt,
so daß jede Stufe ein-mal in den Genuß des
Vormittagsunterrichtes
kam. Zuerst wurde wochenweise, späterhin tageweise ge-wechselt. So
ging das drei Jahre hindurch und der Schulbetrieb normalisierte sich
immer
mehr. Organi-satorische Schwierigkeiten, wie sie in anderen Schulen
auftraten,
gab es bei uns nicht, zumal die Schü-lerzahl durch die Abwanderung
vieler Flüchtlinge (Umsiedlung) immer mehr herabsank, bis
schließlich
1952 nur noch 49 Kinder die [136] Schule besuchten, gegenüber
einen
Höchststand 1950 von 84 Schü-lern. Damit war die
Meßzahl
von 50 Schülern für einen Lehrer unterschritten und es
tauchte
nun die Gefahr auf, daß die zweite Schulstelle wieder eingezogen
würde. Der Gemeinderat allerdings bewilligte, trotz der
großen
finanziellen Belastung des Gemeindeetats, die zweite Schulstelle
weiterhin,
so daß nur der Schulrat bzw. die Regierung uns den zweiten Lehrer
fortnehmen konnten. Das war dann auch im August 1952 der Fall. Im Kreis
war durch den Tod eines Kollegen eine Stelle notwendig zu besetzen, und
da der Schulrat keinen Lehrer zur Verfügung hatte, mußte
unser
Otto Sommer auf Anordnung des Schulamtes nach den großen Ferien
seine
Koffer packen und nach Margarethenhof bei Bad Segeberg
übersiedeln,
trotzdem sich Gemeindevertreter für sein Bleiben eingesetzt
hatten.
Nun war unsere Schule wieder einklassig, wie sie es früher immer
gewesen
war. Damit kam auch wieder ein ganz normaler Schulbetrieb zustande,
d.h.,
die Kinder haben ihre volle Stundenzahl, brauchen jedoch nur vormittags
zur Schule. Das ist natürlich für Schüler und Lehrer ein
großer Vorteil, an dem auch das Elternhaus einen gewissen Anteil
hat, denn in unserem rein bäuerlichen Bereich werden die
größeren
Kinder schon nötig im Hause gebraucht, sei es zum Einhüten
oder
als wertvolle Hilfe bei den Erntearbeiten. - In diesem Jahr (1953) sank
die Schülerzahl auf 42, und es ist zu erwarten, daß sie auch
noch weiterhin sinkt, so daß die Schule Föhrden Barl bald
wieder
das gleiche Bild zeigt wie vor dem Kriege.
[272] Die Schule bekommt eine Wasserleitung
Auf unserem Schulhof befand sich eine Pumpe, die den
Schulkindern zum
Händewaschen und Trinken zur Verfügung stand. Doch das
Gesundheitsamt
beanstandete die Anlage, weil kein ordnungsgemäßer
Abfluß
des ablaufenden Wassers vorhanden war. Außerdem war die Pumpe
während
des Winters oft lange Zeit nicht zu gebrauchen, da sie eingefroren war.
Also mußte Abhilfe geschaffen werden. Ein provisorisches
Abstellen
der Mängel schien nicht ratsam. Auch wollte der
Bürgermeister,
es war der Bauer Johannes Lohse, wenn doch schon Geld ausgegeben werden
mußte, gleich etwas Ordentliches schaffen. So kam das Projekt,
eine
Wasserleitung mit elektrischer Pumpanlage zu bauen, zustande. Im
Frühjahr
1953 wurden durch die Gemeinde von verschiedenen Unternehmern
Kostenanschläge
für eine solche Anlage angefordert. Nach einer Gemeinderatssitzung
wurde dem Klempnermeister Voß aus Wrist der Auftrag erteilt, in
der
Schule eine Wasserleitung mit Pumpanlage zu legen. Vorgesehen war,
für
die Schulkinder Wasch- und Trinkanlagen zu schaffen und Wasserleitung
in
die Küche und Waschküche zu legen. Nun galt es, einen
geeigneten
Raum zu finden, wo die Waschgelegenheit für die Kinder und der
Druckkessel
aufgestellt werden sollten. Nach manchen Überlegungen fand man in
dem Lehrmittelraum, der sich hinter dem Klassenraum befand, den
geeigneten
Ort. Dort sollte sowohl die Wasch- und Trinkanlage, als auch der
Druckkessel
untergebracht werden. Nun mußte aber ein neuer Lehrmittelraum
gefunden
werden. [273] Dazu nahm man einen kleinen Raum der Lehrerwohnung, der
zu
diesem Zweck freigemacht wurde. Die kleine Unannehmlichkeit, einen
etwas
weiteren Weg machen zu müssen, wenn etwas aus dem Lehrmittelzimmer
geholt werden mußte, wurde gern in Kauf genommen. In den
Sommerferien
ging es an die Ausführung des Projektes. Der Maurermeister und
Bauunternehmer
Hermann Blöcker aus Föhrden Barl erschien mit seinem
Gesellen,
um die notwendigen Maurerarbeiten auszuführen. Zuerst wurde der
Waschraum
betoniert und gekachelt. Dann mußten noch zwei Senkgruben
für
den Wasserabfluß gebaut werden. Jetzt konnte mit dem Bau der
Wasseranlage
begonnen werden. Gräben wurden gezogen und Rohre verlegt. Das
Wasser
holte man aus der Pumpe auf dem Schulhof, weil diese das beste Wasser
gab.
Nach drei Wochen lief das erste Wasser aus den Wasserhähnen. Das
war
ein schönes Ereignis für unser Schulhaus, brauchte man doch
nun
nicht mehr zu pumpen, sondern brauchte nur den Wasserhahn aufzudrehen,
wenn man Wasser wollte.
[234] Unsere Dorfstraße wird Kreisstraße
Föhrden Barl hat verkehrstechnisch eine sehr gute Lage.
Durch seine
Lage an der Fernverkehrsstraße 206 ist die Ost-West-Verbindung
nach
Bad Bramstedt (Hitzhusen) mit Anschluß an die
Fernverkehrsstraße
4 und nach Itzehoe über Wrist mit Anschluß an die
Fernverkehrsstraße
5 sehr günstig. Doch nach den Nachbargemeinden im Norden
(Quarnstedt)
und im Süden (Weddelbrook) besteht keine ordentliche
Verbindungsstraße.
Nur auf schlechten Feldwegen kann man die Nachbargemeinden erreichen.
Nach
dem Norden bestehen jedoch nur schwache Bindungen, da Quarnstedt schon
zu einem anderen Kreis gehört und dadurch schon keine
Kommunalbeziehungen
bestehen. Ganz anders liegt der Fall bei Weddelbrook. Dieses
gehört
schon kommunalpolitisch zu Föhrden Barl, da beide Gemeinden zu
einem
Amtsbezirk gehören. Auch familiäre Bindungen bestehen zu
dieser
Nachbargemeinde.
Nun tauchte im Frühjahr 1951 der Plan auf, die
Verbindung von Föhrden
Barl nach Weddelbrook durch eine ausgebaute Straße herzustellen.
Der Anstoß dazu kam von Weddelbrook, das großes Interesse
an
einer guten Verbindungsstraße zur Hauptstraße 206 und
weiter
zum Bahnhof Wrist und damit zur Bundesbahnhauptstrecke Kiel - Hamburg
hatte.
So kam es zu Verhandlungen über den Ausbau des Feldweges über
Krücken nach Weddelbrook zu einer festen Straße. Weddelbrook
verpflichtete sich, den größten Teil der Kosten für den
Ausbau der Straße zu übernehmen. Was an Vorarbeiten zu
leisten
war, wurde in vielen, ja zum Teil erbitterten, Verhandlungen, die
zwischen
[235] den interessierten Gemeinden und dem Kreisbauamt geführt
wurden,
erledigt. Föhrden Barl brauchte nur den Teil der Straße zu
übernehmen,
der durch das Dorf führte. Nach dem Ausbau wollte der Kreis die
Straße
als Kreisstraße übernehmen und für eine Teerdecke
sorgen.
Nun konnte mit dem Straßenbau begonnen werden. Die
Arbeiten wurden
einer Baufirma übergeben, die im Rahmen von Notstandsarbeiten die
Arbeitslosen der Gemeinden beschäftigte. Viele Monate hindurch war
das Gespenst der Arbeitslosigkeit aus unserem Dorfe verbannt. Die
Bauern
waren durch Hand- und Spanndienste auch an dem Straßenbau
beteiligt.
Jeder Einwohner trug seinen Teil am Bau der neuen Straße bei. So
wurde der Gemeindesäckel nicht allzu stark beansprucht. - Allerlei
Arbeiten waren zu bewältigen. Der Weg mußte verbreitert
werden.
Neue Gräben waren anzulegen. Bei Krücken mußten
große
Erdmassen bewegt werden, um eine unnötige Steigung über die
Weddelbrooker
Lieth zu beseitigen. Aber dann war es doch so weit, die neue
Straße
konnte eingeweiht und dem Kreis übergeben werden. Es dauerte aber
noch ein Jahr, ehe die Straße geteert werden konnte. Aber auch
das
wurde dann gemacht und nun führt durch unser Dorf anstelle der
alten
schmutzigen Dorfstraße eine feine glatte Teerchaussee, die dem
Dorf
gleich ein ganz anderes Gesicht gibt. Föhrden Barl ist stolz auf
seine
schöne neue Dorfstraße.
[236] Begradigung der Kurve in der B 206 und Bau
eines neuen Kreisstraßenstückes
(28.11.1965)
Das Jahr 1965 brachte in verkehrstechnischer Hinsicht
bedeutende Veränderungen
in der Gemeinde Föhrden Barl. Schon seit etwa zehn Jahren war die
Begradigung der Kurve in der B 206 in Erwägung gezogen worden.
Doch
immer wieder war die Ausführung dieses Projektes verschoben
worden.
Als Folge der ungeheuren Zunahme der Verkehrsdichte bildete die Kurve
eine
immer größer werdende Gefahr für alle
Verkehrsteilnehmer.
Diese Gefahr wurde noch verstärkt durch die unübersichtliche
Einmündung der Dorfstraße in die Kurve. Auch die Schulkinder
waren auf ihrem Schulweg zunehmend gefährdet. So atmeten fast alle
Dorfbewohner erleichtert auf, als im Sommer 1965 die Begradigung der
Kurve
in Angriff genommen wurde. Die Arbeiten gingen zügig voran. Zur
Fundamentierung
der neuen Straße wurden Sand und Kies aus einer Grube [237] des
Bauern
Fritz Fölster angefahren. Raupen und Bagger sorgten für ein
rasches
Legen des Straßenfundamentes, so daß schon Ende September
das
neue Straßenstück befahren werden konnte.
Vermutlich im Zuge des Ausbaues von Zubringerstraßen
zum geplanten
Flugplatz in Heidmoor wurde auch in diesem Jahr ein neues
Kreisstraßenstück
gebaut. Es verläuft in gerader Linie von der Gastwirtschaft
Nittmann
(ehemals Blöcker) bis zur Gastwirtschaft Emcke (ehemals Steenbock)
und mündet dort in die Straße, die nach Weddelbrook
führt.
Der Bau der neuen Brücke über die Bramau wurde behindert
dadurch,
daß die Bramau in diesem Herbst mehrfach Hochwasser führte.
Dadurch wurden die Bauarbeiten unterbrochen. Zum Teil wurden auch
erhebliche
Bauholzmengen weggeschwemmt. Der sehr früh hereinbrechende Winter
(Mitte November: Schneeverwehungen und Temperaturen bis zu
-10°C)
verhinderte die Fertigstellung dieses Projektes.
[238] Die neue Kreisstraße gibt dann den schweren LKWs
den Weg
zur Nachbargemeinde Weddelbrook frei. Die alte Brücke ist wegen
Baufälligkeit
nur noch von Fahrzeugen mit beschränktem Gesamtgewicht zu
befahren.
Am 23.11.1965 wurde auf der Gemeindevertretersitzung unter
Vorsitz von
Bürgermeister Max Fölster beschlossen, daß unser Dorf
eine
Beleuchtung haben soll. Wenn dann noch die Tatsache in Betracht gezogen
wird, daß sich die Gemeinde finanziell am Ausbau eines
Bürgersteiges
an der neuen Kreisstraße und der Bundesstraße beteiligt,
verstärkt
sich der Eindruck, daß sehr viel für die Sicherheit der
Bewohner
getan wird.
[274] Lehrerwechsel Ostern 1962
Fritz Osterholz, apl. Lehrer
Zum 2.4.1962 wurde ich an die Volksschule Föhrden Barl
berufen.
Mein Vorgänger, Hauptlehrer W. Günther, hatte sich für
die
vakante Schulleiterstelle in Hitzhusen beworben. Dieser Schritt ist zu
verstehen, da Kollege Günthers neue Dienststelle wesentlich
bessere
Voraussetzungen für sein berufliches Wirken bietet. Wie ich es
beurteilen
kann, hat Herr Günther hier recht gute Unterrichtserfolge erzielt.
Daß das Ehepaar Günther bei Betrachtung der
Persönlichkeiten
nett, herzlich und hilfsbereit ist, konnte ich in dem halben Jahr, in
dem
wir die Dienstwohnung teilten, erfahren.
Da ich direkt von der pädagogischen Hochschule in Kiel
hierher
an die einklassige Schule berufen wurde, war der Anfang für mich
recht
schwer. Ich hatte zwar nicht mit Vorurteilen zu kämpfen wie mein
[275]
Vorgänger, denn ich bin selbst Bauernsohn und kannte daher das
Milieu
des Landes. Dadurch, daß ich mit den Bewohnern meist plattdeutsch
sprach, mangelte es auch nicht an Kontakt-möglichkeiten.
Andererseits
bereiteten die Vielschichtigkeit des Unterrichts an diesem Schulsystem
zunächst fast unüberwindbare Schwierigkeiten. Dazu kam noch
die
Verwaltung der Schule und das Gestalten von Dorfesten wie Kinderfest
und
Weihnachtsfeiern. Das alles war völliges "Neuland" für mich.
Da ich erst 21 Jahre alt war, fehlten mir auch jegliche Erfahrungen in
diesen Gebieten.
In den 3 ½ Jahren meines Wirkens an dieser
Dienststelle habe
ich mir zwar viele Erfahrungen aneignen können. Außer der
Mühe
gab es auch viele Augenblicke der Freude. Dennoch wich in
pädagogischer
Hinsicht ein gewisses Unbehagen und die Unzufriedenheit über die
Unzulänglichkeit
dieses Systems nicht von mir.
[276] Abstimmung über den Anschluß an eine
Dörfergemeinschaftsschule
Am Anfang des Jahres 1963 wurde vom Gemeinderat die
Initiative für
den Anschluß an eine Dörfergemeinschaftsschule ergriffen.
Ins
Auge gefaßt wurde der Anschluß an Hitzhusen. Doch auch die
Gemeinden Wrist und Weddelbrook hatten Interesse daran, die
Föhrden
Barler Schulkinder zu übernehmen. Da jedoch der Gemeinderat eine
Entscheidung
über die Köpfe der Bürger hinweg nicht fällen
wollte,
wurde zu einer öffentlichen Gemeindeversammlung geladen, in der
alle
Wahlberechtigten Einwohner der Gemeinde durch Abstimmung Stellung zu
diesem
Problem nehmen konnten. Diese Stellungnahmen sollten als eine Art
Meinungsforschung
gedacht sein. Am 19.2.1963 erschienen 47 Bürger zu der Abstimmung.
Nach einer Aussprache zu dem Problem wurden Wahlscheine mit folgenden
Fragen
ausgegeben:
[277]
A. Für eine Dörfergemeinschaftsschule?
Gegen eine Dörfergemeinschaftsschule?
B. Anschluß an Hitzhusen?
Anschluß an Wrist?
Anschluß an Weddelbrook?
Nach der Abstimmung nahm Altbauer Heinrich Harbeck die
Auszählung
vor. Sie erbrachte folgendes Ergebnis:
Für eine Dörfergemeinschaftsschule: 17 Stimmen =
36%.
Gegen eine Dörfergemeinschaftsschule: 30 Stimmen = 64%.
Auf die drei Anschlußorte entfielen etwa gleich viele
Stimmen.
Der Gemeinderat entschloß sich daraufhin einstimmig gegen den
Anschluß
an eine Dörfergemeinschaftsschule. Somit war dieses Problem erst
einmal
wieder auf Eis gelegt. Wenn sich die Bürger der Gemeinde
länger
mit diesem Problem befaßt haben werden, hoffe ich, daß auch
hier die Einsicht allzu konservative Ressentiments verdrängen
wird.
[278] Anschaffung neuer Schulmöbel
Da die alten Bänke schon lange nicht mehr den modernen
Anforderungen
an das Schulmobiliar entsprachen und auch nach gesundheitlichen
Gesichtspunkten
nicht mehr zeitgemäß waren, trug ich dem Bürgermeister
Max Fölster den Wunsch nach Anschaffung neuer Schulmöbel vor.
Herr Fölster fand den Antrag gerechtfertigt und setzte ihn am
6.4.1964
zur Beratung und Beschlußfassung auf die Tagesordnung der
Gemeinderatssitzung.
Der Antrag wurde durch Abstimmung angenommen. Herr Kock als
Gemeindevertreter,
Frau Hargens als Mitglied des Schulausschusses und ich fuhren zur
Schulmöbelfabrik
Richter in Uetersen. Ausgesucht und bestellt wurden: 10
Schülertische,
20 Schülerstühle, 1 Lehrertisch, 1 Lehrerstuhl, eine
Wandtafel
(in der Höhe verstellbar, 6 qm Schreibfläche). Die
Stühle
haben Kufen und entsprechen den Gütebedingungen des
Kultusministeriums.
[279] Schon bei Schulbeginn nach den Sommerferien 1964
konnten die Schüler
in eine völlig neu anmutende Schulklasse einziehen. Auch mir
bringt
die Beweglichkeit des Schulgestühls wesentliche Erleichterung in
der
Gestaltung des Unterrichtes.
Die alten Bänke wurden von Bürgermeister
Fölster öffentlich
versteigert. Sie dienen jetzt größtenteils als
Gartenbänke
oder Sitzgelegenheiten in Kinderzimmern.
Weitere Bemühungen um Schulzusammenlegungen
Bestrebungen von Wrister Seite
Am 15. Dezember 1965 fand im Café Reher eine
Besprechung zum
Thema "Dörfergemeinschaftsschule" statt, zu der Gemeindevertreter
und Lehrer der Gemeinden Hingstheide, Föhrden Barl, Quarnstedt,
Siebenecksknöll,
Wulfsmoor und Wrist eingeladen waren. Ebenso erschienen Landrat
Matthiesen,
Schulrat Hiller und zwei Herren von der Verwaltung.
[280] Landrat Matthiesen wies in seiner Vorrede
zunächst auf die
veränderte Lage in der Planung und Erstellung von
Dörfergemeinschaftsschulen
hin. Die Behörden der Kreise seien gar nicht so genötigt, in
dem anfänglich starken Maße für die
Dörfergemeinschaftsschulen
zu werben. Viele Gemeinden seien schon von selbst zu der
Überzeugung
gelangt, daß eine solche Veränderung des Schulwesens
erforder-lich
sei. Wirklich seien Land und Kreise schon überfordert, finanziell
diesen Umwälzungen gerecht zu werden. Für neue Schulprojekte
seien daher erst in fünf oder sechs Jahren Mittel greifbar.
Dennoch
drängte der Landrat darauf, daß möglichst bald im Raume
Wrist ein Schulverband gegründet würde.
In der anschließenden Aussprache meldeten die meisten
angesprochenen
Gemeinden Bedenken an, ja einige verhielten sich ablehnend [281]
gegenüber
diesem Vorschlag. Als Gründe gaben diese Gemeindevertreter
folgende
an:
Quarnstedt: Die kleine Schule ist leistungsfähig
genug.
Die Gebäude sind relativ neu.
Wulfsmoor: Ein Anschluß an Kellinghusen ist
günstiger.
Mittelschüler könnten auch befördert werden.
Hingstheide: Die Finanzschwäche der Gemeinden
erlaube keine
solch großen Projekte.
Föhrden Barl: Der Gemeindevertreter Klaus Harbeck
erklärte,
daß Föhrden Barl auch ein Angebot aus Hitzhusen habe, sich
dieser
Schule anzuschließen.
Schulrat Hiller und Landrat Matthiesen zerstreuten die
meisten Bedenken,
doch in einigen Dingen konnte keine Übereinstimmung erreicht
werden.
Die Lehrerschaft äußerte sich durchweg positiv zu dieser
Planung
[282] und hob dabei die pädagogischen Aspekte hervor.
Diese Besprechung hat keine konkreten Ergebnisse
hervorgebracht. Sie
sollte mehr als Sondierung der Meinungen und Interessen angesehen
werden.
Bestrebungen von Hitzhusener Seite
Auf Anregung einiger Amtsausschußmitglieder hin wurde
in Erwägung
gezogen, ob nicht die Schulkinder aus den Dörfern Heidmoor,
Mönkloh,
Föhrden Barl, Hagen, Weddelbrook und Hitzhusen gemeinsam in den
Schulen
Weddelbrook und Hitzhusen unterrichtet werden könnten. Dadurch
wäre
ein intensiverer Unterricht gewährleistet, und außerdem
könnten
personelle Schwierigkeiten so überbrückt werden. Um zu einer
klärenden Besprechung zu kommen, arrangierte das Amt Bad
Bramstedt-Land
eine Versammlung der Bürgermeister, [283]
Elternbeiratsvorsitzenden
und Lehrer der beteiligten Gemeinden am 6. Mai 1966 um 20.00 Uhr in
Weddelbrook
bei Wolters, zu der auch Herr Schulrat Lutz und Herr Wieck erschienen.
Nach kurzer Vorrede trugen die Bürgermeister ihre
Meinungen vor.
Viele verschiedene Vorstellungen über organisatorische und
finanzielle
Regelungen wurden erörtert. Es kam zu keinem annähernd
übereinstimmenden
Lösungsweg zu diesem Projekt. Daraufhin machte Herr Wieck vom
Schulamt
den Vorschlag, einen Ausschuß zu gründen, der eine oder
mehrere
brauchbare Lösungswege erarbeiten sollte. Dieser oder diese
könnten
dann den Gemeinderäten zur Beschlußfassung vorgelegt werden.
Aus der Gemeinde Föhrden Barl gehörte Gemeindevertreter Max
H.
Krohn diesem Ausschuß an.
[284] Mit der großzügigen Unterstützung des
Amt Bad
Bramstedt-Land, besonders der des Amtshauptinspektors Steinhagen,
gelang
es dem Ausschuß, in kurzer Zeit einen Plan über den
Transport
der Kinder, über die Vermögensauseinandersetzung und die
laufenden
Kosten aufzustellen. Es war Verbindung mit der Firma Storjohann aus
Kellinghusen
aufgenommen worden, die ein recht brauchbares Angebot zur
Beförderung
der Kinder machte. Auf einer Versammlung am 29. Juni 1966 bei H. Voss
in
Hitzhusen wurde dieser Plan dem selben Personenkreis wie auf der ersten
Versammlung - diesmal jedoch ohne Herrn Schulrat Lutz und Herrn Wieck -
vorgelegt. Nach Begutachtung dieses Plans wurde beschlossen, alle
Gemeindevertreter
der betroffenen Gemeinden zu einer Versammlung [285] einzuladen. So
sollte
vermieden werden, daß durch Klatsch und Intrigen ein falsches
Bild
über diese Pläne entstehen könnte.
Diese Versammlung fand unter Beisein des Herrn Schulrates
Lutz und des
Herrn Wieck am 10. August 1966 um 20.00 Uhr bei Wolters in Weddelbrook
statt. Hier gingen Meinungen und Vorstellungen wieder weit auseinander,
und es hatte den Anschein, als ob eine Einigung nie zustande kommen
würde.
Mehrere Weddelbrooker sahen die Notwendigkeit einer Veränderung
des
Schulwesens nicht ein. Die Hagener wandten sich gegen das "Provisorium"
und forderten die Endlösung, d.h.: die
Dörfergemeinschaftsschule
in Hitzhusen.
Anfang Oktober berief Bürgermeister M. Fölster
eine Gemeindevertretersitzung
ein, in der beschlossen werden sollte, ob sich [286] die Gemeinde
Föhrden
Barl einer Dörfergemeinschaftsschule anschließen wolle. Nach
kurzer Diskussion wurde der Beschluß mit fünf gegen vier
Stimmen
positiv gefaßt, jedoch mit der Einschränkung, daß auch
die anderen Gemeinden sich anschließen würden.
Dadurch, daß die Gemeindevertretung in Hagen allein
einen Beschluß
ablehnte, war die Lage wieder völlig offen. Das Amt Bad
Bramstedt-Land
versuchte nun, durch eine Vereinbarung über ein
Gastschulverhältnis
wenigstens die übrigen Gemeinden zusammenzubringen. Die Kosten
für
das Gastschulgeld und den Transport wären in einem
vernünftigen
finanziellen Rahmen geblieben. Dieser Plan scheiterte jedoch daran,
daß
die Gemeindevertreter aus Föhrden Barl auf einer Sitzung, die
[287]
am 8. November 1966 um 20.00 Uhr bei Nittmann stattfand, den Vorschlag
des Amtes mit einer gegen sieben Stimmen und einer Stimmenthaltung
ablehnten.
Damit war die schulische Lage in Föhrden Barl erst
einmal wieder
auf Eis gelegt. Das ist meines Erachtens sehr bedauerlich, da der
Zustand
des Schulgebäudes und der sanitären Anlagen sehr schlecht ist
und die einigermaßen zeitgerechte Herrichtung große
Geldsummen
erforderlich machen würde.
[zusätzlich eingefügte Blätter:]
Lehrerwechsel
Am 23. November 1966 bot mir Herr Schulrat Lutz die
Schulstelle der
einklassigen Volksschule in Bockhorn, Kreis Segeberg, an. Nach
Ausschlagung
eines weiteren Angebotes aus Bilsen, Kreis Pinneberg, entschied ich
mich,
die Versetzung nach Bockhorn zu beantragen.
Da Weddelbrook wegen geringer Schülerzahlen nur noch
zwei statt
drei Lehrerplanstellen zugebilligt wurde, ordnete Herr Schulrat Lutz
den
Kollegen Niebuhr für ein Jahr nach Föhrden Barl ab. Mit Herrn
Niebuhr verbindet mich ein nettes kollegiales Verhältnis. Daher
glaube
ich, daß ein den Verhältnissen entsprechend reibungsloser
Lehrerwechsel
gewährleistet ist.
Unterschrift F. Osterholz
[zusätzlich eingefügte Blätter:]
Lehrerwechsel
Am 3. Dezember 1966 übernahm ich die Leitung der
Volksschule Föhrden
Barl. Meine bisherige Planstelle in Weddelbrook war wegen zu geringer
Schülerzahl
aufgehoben worden. Ich sollte die Volksschule in Föhrden Barl nur
für das zweite Kurzschuljahr 1966/67 leiten. Danach sollte ich an
die Schule Hitzhusen versetzt werden. Dort wird eine Planstelle wegen
Pensionierung
frei.
Während meiner Tätigkeit in Föhrden Barl
gingen die Verhandlungen
über einen Anschluß zu der Dörfergemeinschaftsschule in
Hitzhusen weiter. Mein Vorgänger, Kollege Osterholz, hat bereits
über
die bisherigen Verhandlungen berichtet. So wie mein Vorgänger
versuchte
auch ich, die Gemeindevertretung von der dringenden Notwendigkeit eines
Anschlusses an die Dörfergemeinschafts-schule zu überzeugen.
Große Unterstützung fand ich in dem Bürgermeister Max
Fölster.
Aber auch er konnte die Gemeindevertretung nicht überzeugen. Im
Laufe
weiter Verhandlungen und Gemeinderats-sitzungen kam es dann so weit,
daß
einige Gemeinderatsmitglieder hinter dem Rücken von
Bürger-meister
Fölster mit der Gemeinde Wrist wegen eines dortigen Anschlusses
Fühlung
nahmen. In den letzten Verhandlungen hatte sich die Mehrheit des
Gemeinderates
für Wrist entschlossen, obwohl die baulichen Voraussetzungen nicht
vorhanden waren. Der kürzere Schulweg wurde als Hauptargument
vorgebracht.
Als Bürgermeister Fölster von diesen heimlichen Verhandlungen
erfuhr, kam es innerhalb des Gemeinderates zu einer sehr erregten und
lautstarken
Auseinandersetzung. Bürgermeister Fölster forderte eine
erneute
Abstimmung über einen Anschluß an Hitzhusen. Sieben Stimmen
dagegen, zwei Stimmen dafür. Bürgermeister Fölster legte
daraufhin sein Bürgermeisteramt mit der Begründung nieder,
die
Verantwortung gegenüber der Elternschaft nicht mehr tragen zu
können.
Er überreichte dem stellvertretenden Bürgermeister Ernst Kock
das Amtssiegel. Herr Kock versuchte dann, mit aller Macht einen
Anschluß
an Wrist durchzudrücken. In einer weiteren Gemeinderatssitzung
wurde
dann für den Anschluß an Wrist mit großer Mehrheit
gestimmt.
Herr Fölster war der festen Überzeugung, daß ein
solcher
Anschluß finanzielle Belastungen zur Folge habe, die Föhrden
Barl nicht verkraften könne. Da er an einem "Ausverkauf der
Gemeinde
Föhrden Barl" nicht teilhaben wolle, legte er auch das Mandat als
Gemeinderatsmitglied nieder. Alle drei vorgesehenen Nachfolger lehnten
das Amt ab.
Außenstehende Personen, die bei diesen Verhandlungen
dabei waren,
spürten bald, daß hier nicht das Wohl der Schuljugend im
Vordergrund
stand, sondern daß es hier um rein persönliche Interessen
ging.
Zu dieser Zeit endete dann auch meine Tätigkeit in
Föhrden
Barl. Zu Beginn des neuen Schuljahres übergab ich die Leitung der
Schule an die Junglehrerin Fräulein Radge. Ich wurde an die
Volksschule
Hitzhusen versetzt.
Unterschrift Niebuhr
Lehrerwechsel
Am 30. August 1967 übernahm ich von Herrn Lehrer
Niebuhr die Leitung
der Volksschule. Da die Gemeindevertretung den Anschluß an Wrist
beschlossen hatte, hoffte man bald auf die Auflösung des
einklassigen
Systems. Das Schulamt gab aber nicht seine Zustimmung. Nach Aussage des
Herrn Schulrates Lutz war Föhrden Barl beim Bau der Schule
Hitzhusen
dorthin mit eingeplant worden.
Da die Gemeinde auf ihrem Beschluß - sich Wrist
anzugliedern -
beharrte, aber keine Genehmigung dazu erteilt bekam, verzögerte
sich
die Auflösung der Schule immer mehr. Deshalb beschloß die
Gemeindevertretung
am 14.2.1968 endlich, die Schüler des ersten bis vierten
Schuljahres
in Hitzhusen / Weddelbrook und die des fünften bis neunten
Schuljahres
in die Volksschule in Bad Bramstedt einschulen zu lassen. Diese
Regelung
entsprach der Planung des Schulamtes und wurde daher genehmigt.
Nach Verhandlungen mit den Schulträgern, der Firma
Storjohann und
der VHH wurde die Auflösung der Schule Föhrden Barl und die
Einschulung
in Hitzhusen bzw. Bad Bramstedt für den 1.8.1968 festgelegt.
Da in beiden Schulen keine zusätzliche Planstelle
eingerichtet
wurde, versetzte mich das Schulamt aus dienstlichen Gründen an die
zweiklassige Volksschule Hasenmoor.
Unterschrift Asmussen 16.7.1968
[Ende der zusätzlich eingefügten Blätter]
:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
[Statistischer Anhang S. 101 - 103]
Volkszählung innerhalb der Gemeinde
Datum
Ges.E.Z. männlich
weiblich Haush.
31.12.1938
192
99
93 38
17.05.1939
184
96
88
39
Viehzählungen in der Gemeinde Föhrden Barl
Datum Pferde
Rinder
Scha- Schwei- Geflügel
Zie-
Bienen- Betriebe
fe
ne
gen v.
1.12.1902 64
442
451
1.12.1903 66
562
646
33
1.12.1910 68
685
1229
1.12.1912 75
708
1557
1006
6
1.12.1913 76
725
1773
7
1.12.1914 71
791
1456
15.3.1915
852
1.4.1915
516
1.10.1915 70
743
450 889
1.12.1915 70
654
377
9
1.4.1916 74
781
156
886
6
1.6.1916 78
884
138
1.9.1920 98
592
47
218
8
3.12.1938 124
881
14 389
1087H,33G,41E
5 21
3.12.1940 112
860
9 382
1000,41,60
4 17 Milchk.
3.12.1941 118
818
14 195
796,51,14
3 18 281
Schülerzahl der Volksschule Föhrden Barl
Jahr
Schülerzahl
Knaben Mädchen
1.4.1903
34
18 16
1.4.1908
43
21 22
1.4.1910
39
19 20
1.4.1913
33
17 16
1.4.1919
40
14 26
1.4.1920
37
29 8
1.4.1925
26
13 13
1.4.1928
26
13 13
1.4.1930
27
13 14
1.4.1931
29
15 14
1.4.1932
28
14 14
1.4.1933
31
15 16
1.4.1934
30
15 15
1.4.1935
29
14 15
1.4.1936
26
13 13
1.4.1937
28
13 15
1.4.1938
26
12 14
1.4.1939
25
11 13
1.4.1940
26
12 14
1.4.1941
24
12 12
1.4.1942
22
11 11
1.4.1943
25
13 12
1.4.1945
52
24 28
1.4.1946
58
26 32
1.4.1947
68
31 37
1948
80
40 40
1949
77
39 38
1950
84
40 44
1951
67
31 36
1952
49
22 27
1953
42
22 20
1954
35
21 14
1955
26
12 14
1956
27
14 13
[110] Quellen, Urkunden etc.
1) Amtsrechnungen des Amtes Segeberg von 1537 - Staatsarchiv Kiel -.
Sie enthalten die Einnahmen des Amtes von 1537: die "Grundhür",
der
"jarlyk Schatth" aus den Kirchspielen Bramstedt, Kaltenkirchen, der
"Fofteinde
Pennink" aus dem ganzen Amtsbezirk und kleinere Einkünfte.
2) Segeberger Amtsrechnungen von 1606 - 1720. (Staatsarchiv Kiel.)
3) Hufner Verzeichnis der Kirchengemeinde Bramstedt von 1655 - 1740.
4) Rechnungsbuch für die Schule in Föhrden Barl, angefangen
1836.
5) Schulchronik der Schule Föhrden Barl, angefangen 1886.
6) Grundbriefe der Familie Reimers seit 1753 und viele mir zur
Verfügung
gestellte Schriftstücke - Grundbuchauszug 1781, Testamente,
Überlassungsverträge
und dergleichen.
7) Funde aus Stein- und Broncezeit, usw.
:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
[111] Schulchronik 1886 v. Lehrer Saggau.
(Abschrift!)
Über die Schulverhältnisse in Föhrden Barl
aus dem vorigen
Jahrhundert habe ich nichts erfahren können. Zu Anfang dieses
Jahrhunderts
war ein Lehrer namens Harder hier eingestellt, und ältere
Einwohner
sind der Meinung, daß auch schon dessen Vater seinerzeit die
Schule
verwaltet hat.
Der Lehrer Harder hat die Schulstelle bis zum Jahre 1857
innegehabt,
ist aber schon von 1842 an von Substituten vertreten, welche von dem
Lehrer
Kost und Logis und von der Gemeinde Gehalt erhielten. Nachdem Lehrer
Harder
im Jahre 1857 pensioniert - nach Ausweis der Schulrechnungsbücher
mit 80 Rhtlr. oder 180 M jährlich - wurde Lehrer Reimers von
Henstedt
bei Kaltenkirchen nach hierher versetzt. Derselbe verblieb hier bis zum
Jahre 1861, in welchem er die Schule in Brockstedt hiesigen Kirchspiels
übernahm. Ihm folgte Lehrer Sievers, der ebenfalls nur vier Jahre
hier gewirkt und 1865 nach Todendorf auf Fehmarn versetzt wurde.
Nachdem um diese Zeit den Schulgemeinden das Wahlrecht
bewilligt war,
wurden für die durch Abgang des Lehrers Sievers vakante
Schulstelle
präsentiert: Lehrer Essen, Lehrer Schröder und Lehrer Sachau.
In der am 28. Dezember 1865 im Schulhause hier abgehaltenen Wahl wurde
letzterer gewählt und vom 8. Januar 1866 von Pastor Krogmann in
Bramstedt
in sein Amt eingeführt.
Bis zum Bau des jetzigen Schulhauses (1857) hatte
Föhrden Barl
zwei Schulhäuser, eines in Barl, nördlich der Bramau, eines
in
Föhrden, südlich derselben. Der Lehrer hatte die
Verpflichtung,
alle vier Jahre mit der Wohnung, also auch mit dem Schullokal zu
wechseln.
Das nicht benutzte Schulhaus wurde während der restlichen Zeit
vermietet.
Den Grund zu dieser eigentümlichen Einrichtung bildeten die
häufigen
Überschwemmungen der Bramau, welche den Verkehr zwischen den
beiden
Dörfern Föhrden und Barl und insbesondere den Schulbesuch
sehr
erschwerten.
[112] Im Winter, bei Eisgang, konnten die jenseitigen Kinder
überhaupt
nicht kommen, bei offenem Wasser wurden sie per Wagen und später
mit
einem Boot übergefahren. Durch die Einrichtung zweier
Schulhäuser
suchte man diese Last möglichst zu verteilen.
In den Anfängen des Schulwesens soll in der Gemeinde
jedoch - wie
alte Leute wissen wollen - nur ein Schulhaus und zwar in Barl,
bestanden
haben; aber Streitigkeiten wegen des Überfahrens veranlaßten
den Bau eines Schulhauses auch in Föhrden.
Als diese beiden sehr primitiv eingerichteten
Schulhäuser den gesteigerten
Anforderungen nicht mehr genügten, haben beide Dörfer sich
geeinigt,
ein gemeinschaftliches Schulhaus herzustellen und hat an den
beiderseits
gestellten Bauplätzen das Los für den von Hufner Fock
gestellten
entschieden. Die beiden alten Schulhäuser wurden als Eigenkaten
verkauft
und der erzielte Erlös zum Bau des neuen verwendet. Die
Unannehmlichkeit
des Überfahrens suchte man zunächst durch Herstellung eines
Dammes
für Fußgänger abzuhelfen. Da dieser aber dem Wasser
nicht
widerstehen konnte, hat man, trotz Abratens älterer Leute, einen
vollständigen
Fahrdamm durch das Wiesental gemacht und hat sich die Prophezeihung der
Alten, daß auch dieser bei der nächsten Flut weggeschwemmt
werde,
nicht bestätigt.
Das neue Schulhaus ist für ca. 5.000 Rth. Courant
(6.000 M) hergestellt;
aber nur sehr mittelmäßig hergestellt, so daß
während
seines kaum 30-jährigen Bestehens schon manche Reparatur hat
ausgeführt
werden müssen. Im Jahre 1882 hat das Haus ein vollständig
neues
Dach erhalten. Im Jahre 1885 erhielt der Torfstall ein solches. Auch
wurde
in demselben Jahr der Eingang für die Kinder
verordnungsmäßig
hergestellt.
Bemerkung: Das Schulhaus in Föhrden erwarb der
Schuster
Stühmer und ist zur Zeit das Wirtschaftsgebäude des
Kätners
Plambeck.
Das Schulhaus in Barl kaufte Johann Mohr, ging später
an H. Zornig
über und wurde 1936 von H. Reimers erworben und abgebrochen. Mohr
1940
[113] Nach den Schulmatrikeln aus dem Jahre 1875
stehen dem Lehrer
an Ländereien zur Verfügung:
1) der Schulgarten in Größe von 840 qm,
2) Schuldienstland in Größe von ca. 8,5
ha in drei
ziemlich gleich großen Plätzen; zwei derselben liegen
nördlich
in ca. 0,4 km, der dritte südlich und ca. 0,5 km vom Hause
entfernt.
Letzterer dient auch zur Heugewinnung.
Das Schuldienstland wird vom Lehrer selbst benutzt und von der
Schulgemeinde
frei bearbeitet. Der Nutzungswert ist im Jahre 1864 unter
Berücksichtigung
der freien Bearbeitung abgeschätzt zu 184 Rth. 6 Sgr.
Diensteinkünfte der Lehrerstelle:
1) Dienstwohnung, deren Wert auf ortsüblichen
Mietpreisen zu veranschlagen ist
auf
16 Rth. 40 Sgr.
2) Gartennutzung, zu veranschlagen
auf
10 Rth.
3) Feurung von 32.000 Soden Starktorf und
9 Fuder Plaggentorf wovon 22.000 Soden und
6 Fuder im Wert
von
25 Rth.
für den Hausbedarf des Lehrers und 10.000
Soden und 3 Fuder für die Heizung des
Schul-
zimmers bestimmt sind.
4) Ertrag des
Dienstlandes
184 Rth. 6 Sgr.
5) Lieferung von 4,17 hl (330 kg) Roggen und
2,78 hl (200 kg) Buchweizen, geschätzt zum
Werte
von
22 Rth. 12 Sgr.
6) bares Gehalt des
Lehrers
113 Rth. 12 Sgr.
Summe 4 -
6
320 Rth.
============
Das Heizen und Reinigen der Schulstube, letzteres
unter Zuhilfenahme
der größeren Schulkinder, hat der Lehrer bis auf weiteres
übernommen.
Das Reinigungsmaterial ist von der Gemeinde frei anzuliefern.
Laut Vf. [Verfügung] der königlichen Regierung vom
30. Juli
1888 wird das pensionsfähige Diensteinkommen der Lehrerstelle
von Föhrden Barl auf 1.186,25 M festgesetzt.
Wie aus dem Protokoll vom 17. September 1889 ersichtlich
ist, zahlt
der Staat einen Jahresbeitrag zum Lehrergehalt in Höhe von
500 M z. Lehrergehalt .
[114] Diensteinkommen nach dem Gesetz vom 3. März 1897:
Grundgehalt
1.125,00 M
- darauf sind anzurechnen:
Wert für
Feurung
75,00 M
Wert des
Dienstlandes
552,60 M
Wert der
Naturallieferung
67,25 M
bare
Bezüge
430,20 M
Dienstwohnung und
Garten
150,00 M
das pensionsfähige
Einkommen:
1.275,00 M
der
Alterszulagesatz
120,00 M
Lehrer unter vier Dienstjahren erhalten keine Feurung
und 910,00
M in bar.
Am 1. Oktober 1902 wurde Lehrer Sachau, der seit dem Jahre
1865 den
hiesigen Schuldienst verwaltet hat, pensioniert und verzog nach
Hamburg-Eimsbüttel.
Zu seinem Nachfolger wurde der Schulamtskandidat M. Hamann von der
königlichen
Regierung bestimmt, der die Schulstelle bis zum Dienstantritt des von
der
Schulgemeinde gewählten Lehrers Pottharst kommissarisch
verwaltete.
Am 2. April 1903 fand die Einsetzung des Lehrers Pottharst
durch den
Ortsschulinspektor Pastor Hümpel statt. Lehrer Pottharst war in
der
Gemeinde recht beliebt und versuchte zwischen Schule und Elternhaus ein
gutes Verhältnis herbeizuführen. Er machte mit Eltern und
Kindern
Ausflüge nach Hamburg, führte für die kleinen
Schüler
das "Vogelschießen" ein und veranstaltete in jedem Jahre eine
Weihnachtsfeier.
Pottharst war der Gründer des Militärvereins von Wrist und
Umgebung
und war bis zu seinem Tode sein Vorsitzender.
Am 28. April 1905 starb infolge einer Magenblutung und
kurzer Krankheit
der Lehrer der hiesigen Schule, Eduard Pottharst, nach ungefähr
zweijähriger
Amtstätigkeit. Allzufrüh nahm auf Gottes unerforschlichen
Ratschluß
der Tod der tiefbetrübten Witwe den geliebten Gatten, den Vater,
Ernährer
und Versorger ihrer drei kleinen Kinder im Alter von 5, 4 und 2 Jahren,
den [115] hochbetagten Eltern, welche einige Tage vor Beginn der
Krankheit
ihres Sohnes zum Besuche hierselbst eingetroffen waren, den geliebten
Sohn.
Die allseitige herzliche Anteilnahme der Gemeinde Föhrden Barl bei
der Beerdigung des Verstorbenen legten Zeugnis ab, daß derselbe -
trotz seiner kurzen Wirksamkeit in dieser Schule - es verstanden hatte,
durch seine Tätigkeit sich das Vertrauen der Eltern der ihm
anvertrauten
Kinder zu erwerben. Zahlreich beteiligten sich auch an der Beerdigung
der
Wrister Männer-Gesangverein, dem der Verstorbene angehörte,
sowie
der erst vor kurzer Zeit von ihm mit ins Leben gerufene Wrister
Kriegerverein,
dessen Vorsitzender er war, und der den Verlust eines lieben
hochgeschätzten
Kameraden tief beklagte, usw.
Friede seiner
Asche!
gez. W. Benthien, Lehrer.
In der Zeit vom Tode des Herrn Pottharst bis zum 1. Oktober
1905 wurde
die Schule vertretungsweise von Herrn Benthien, Hitzhusen, verwaltet.
Am 5. Oktober 1905 wurde der Schulamtskandidat Bahr mit der
kommissarischen
Verwaltung der hiesigen Schule betraut. Er besuchte das Seminar in
Uetersen.
Zum 1. Oktober 1907 übernahm Bahr eine Lehrstelle in Dithmarschen.
Am 18. Oktober 1907 wurde Lehrer Mohr durch den
Ortsschulinspektor Hümpel
in sein Amt eingeführt. Er entstammt einer alten Bauernfamilie der
Nachbargemeinde Weddelbrook und besuchte das Seminar in Hadersleben.
Schon im Jahre 1908 regte Pastor Hümpel den Neubau
eines neuzeitlichen
Schulhauses an, doch konnte er sich nicht durchsetzen. Die damalige
Schulstube
war 5 m lang, 6 m breit und 2,75 m hoch. In diesem Stübchen
mußten
45 Kinder unterrichtet werden. Das Schulkollegium schloß sich der
Ansicht des damaligen Gemeindevorstehers Markus Studt an. Neue Aborte
wurden
errichtet und das baufällige Schulhaus gründlich
überholt.
Das Gehalt des einstweilig eingestellten Lehrers wurde auf
Veranlassung
des Ortsschulinspektors Pastor Hümpel im Jahre 1909 auf 1.200 M
festgesetzt.
[116] Nachdem die Behörde mehrfach auf die Unzulänglichkeit
der
Schulstube und der Dienstwohnung im alten Schulhause hingewiesen hatte,
wurde im Jahre 1910 der Neubau eines neuen Schulhauses durch das
Schulkollegium
beschlossen, und diesem Beschlusse wurde durch die Gemeindeversammlung
einstimmig zugestimmt. Von den drei zur Verfügung gestellten
Bauplätzen:
1) Johannes Studts Hauskoppel, 2) Markus Studts Hauskoppel und 3)
Wilhelm
Runges Garten - entschied sich die Mehrzahl der 33 stimmberechtigten
Gemeindemitglieder
für den Bauplatz auf M. Studts Hauskoppel, groß 2.530 qm,
der
alsdann für 2.500 RM gekauft wurde.
Nach einer Zeichnung und unter Aufsicht des Technikers
Theege aus Segeberg
wurde der Neubau im Laufe des Jahres 1911 durch den Zimmermeister
Bartels
und den Maurermeister Lindemann, beide wohnhaft in Wrist,
aufgeführt.
Die Arbeiten gingen flott vonstatten, so daß das Gebäude
bereits
am 13. [evtl. 18. - nicht lesbar] Oktober von dem am 12. Oktober neu
erwählten
Lehrer Mohr bezogen werden konnte. Nichts hatte die Gemeinde an der
neuzeitlichen
Ausstattung des Schulzimmers gespart.
Die Gesamtkosten des Schulhausneubaus beliefen sich
inklusive Bauplatz,
Einfriedigung und Schulzimmerausstattung auf 25.200 M. Das alte
Schulhaus
war unterdessen für 3.200 M an den Jagdaufseher Strohbeen verkauft
worden, so daß nach Zahlung eines staatlichen Bauzuschusses von
8.000
M von der Gemeinde noch rund 11.000 M aufzubringen waren.
Die Einweihung des neuen Schulhauses fand am 14. Oktober
1911 statt.
Sie gestaltete sich zu einer schönen Schulfeier, an der
sämtliche
Schulkinder mit dem Lehrer, Pastor Hümpel als Ortsschulinspek-tor
und das Schulkollegium teilnahmen und die allen Anwesenden in ewigem
Andenken
bleiben wird.
Nachdem im alten Schulzimmer von diesem für immer
Abschied genommen
war, bewegte sich der Festzug nach dem neuen Schulhause, vor dem mit
kurzen,
beherzigenden Worten vom Baumeister der Schlüssel übergeben
wurde.
Die Kinder sangen während dieses Aktes: "Danket dem Herrn -".
[117] Im geschmückten Schulzimmer hielt Pastor
Hümpel eine
Ansprache, in der er den Neubau als ein Geschenk Gottes,
ausgeführt
durch die Gemeinde, pries. Daraufhin unterhielten sich Lehrer und
Schüler
über den Spruch: "Wo der Herr nicht das Haus bauet etc.".
Schulaufsicht
Bis zum Jahre 1920 wurde die Schulaufsicht nebenamtlich
durch Geistliche
der ev.luth. Kirche ausgeübt, so daß es
selbstverständlich
war, daß dem konfessionellen Religionsunterricht der breiteste
Raum
im Unterricht eingeräumt werden mußte. Die
Kreisschulinspektoren
seit dem Jahre 1907 waren: Pastor Jansen aus Henstedt bei Kaltenkirchen
(bis 1912), Pastor Stocks aus Kaltenkirchen - bis 1920 -. Seit dieser
Zeit
besteht die staatliche Schulpflicht, die durch einen Kreisschulrat,
einen
Schulmann, durchgeführt wird. Auf Kreisschulrat Stendal folgte im
Jahre 1925 Kisbye und nach dessen Ableben im Jahre 1930 der
Kreisschulrat
Linderum.
Bis zum Jahre 1933 war der Ortsgeistliche in Bramstedt
gleichzeitig
Ortsschulinspektor sämtlicher Schulen seines Kirchspiels. Er war
berechtigt,
Revisionen vorzunehmen, Stundenpläne, Pausenerteilungen und
Lehrpläne
mußten ihm zur Genehmigung vorgelegt werden. Alljährlich
hielt
er in sämtlichen Schulen seines Bezirkes eine sogenannte
Schulprüfung
ab, die sich großer Beliebtheit erfreute. Manchmal war die kleine
Schulstube kaum groß genug, um den zahlreichen Besuch
aufzunehmen.
Nach beendeter Schulprüfung fand alsdann eine
Schulkollegiumssitzung
statt, in der der Geistliche den Vorsitz führte. Nach der
Machtübernahme
im Jahre 1933 ist es dem Ortsgeistlichen einzig noch gestattet, den
ev.luth.
Religionsunterricht in den Schulen zu überwachen.
Am 1. April 1939 lehnte Lehrer Mohr es ab, weiterhin den
jüdisch-christlichen
Religionsunterricht zu erteilen, trat aus der ev.luth.
Kirchengemeinschaft
aus und erteilt statt des Religionsunterrichtes "nationalsozialistische
Erziehung".
[118] Spiel und Sport
(W. Mohr, 1941)
Im vorigen Jahrhundert wurde dem Spiel und Sport, also der
körperlichen
Ertüchtigung der Jugend, keinerlei Unterstützung beigelegt.
Bis
zum Jahre 1892 stand ein Spiel- und Turnplatz der Schuljugend nicht zur
Verfügung. Zum Spielen in den Pausen benutzten die Schüler
unserer
Schule mit Vorliebe den Quarnstedter Weg sowie die zum Teil noch mit
Heidekraut
bewachsene neben dem Schulhause liegende Koppel des Vollhufners
Reimers.
Nach der alten Schulchronik aus dem Jahre 1886 wurde im Jahre 1892 ein
Spiel- und Turnplatz ausgelegt und Turngerüste - Reck und Barren -
darauf errichtet. Turnunterricht wurde aber trotzdem kaum erteilt, denn
im Sommer wurde die Mehrzahl der größeren Kinder vom
Unterricht
dispensiert und der alte Lehrer Sachau wird kaum in der Lage gewesen
sein,
einen ordnungsmäßigen Turnunterricht zu erteilen. Auch wird
er wegen seines Alters dem Sport wenig Interesse entgegengebracht
haben.
Im Jahre 1897 machte eine Verfügung der Regierung darauf
aufmerksam,
daß die Turnstunden voll gegeben und auch gehörig ausgenutzt
werden.
Nachdem die Schulstelle seit 1.4.1903 mit einer jungen
Lehrkraft besetzt
worden war, wurde der Turnunterricht planmäßig erteilt. Nach
der Machtübernahme wird der körperlichen Ertüchtigung
der
Jugend der breiteste Raum im Stundenplan zugebilligt - fünf
Stunden
-.
Seit dem Jahre 1920 soll - laut Regierungsverfügung -
allmonatlich
eine Schulwanderung unternommen werden. Daran haben sich alle
Schulkinder
vom 10. Lebensjahre ab zu beteiligen. Unsere erste Wanderung
führte
über Wrist zum Bokeler Mühlenteich und von dort zurück
über
Hasselbusch - Mönkloh. Ein Nachmittag der Woche wurde als
"Spielnachmittag"
bestimmt. Es fanden während des Sommers gelegentlich der
Wandertage
oft Freundschaftsspiele im Schlagball mit den Nachbarschulen Hagen,
Wrist
und Weddelbrook statt.
Um den Wetteifer der Schuljugend im Sport zu fördern,
wurden Bezirksspielfeste
eingeführt, und die Entscheidungskämpfe wurden alsdann auf
[119]
dem Kreisspielfeste ausgetragen. Im Jahre 1921 stiftete die Bramstedter
Lehrerkonferenz zwei Fahnen, die den Siegern unter den ein- und
zweiklassigen,
sowie den drei- und mehrklassigen Schulen zufielen. Auf dem Spielfeste
vom 3. Juli 1921 zu Bad Bramstedt auf dem Sportfeld im
Kaiser-Wilhelm-Wald,
auf dem gleichzeitig die Wettkämpfe zum Kreisspielfeste in Bad
Segeberg
ausgetragen wurden, gingen unsere Schüler als Sieger unter den
ein-
und zweiklassigen Schulen hervor. Nachdem die Föhrdener Mannschaft
beim Schlagball die Wiemersdorfer- und Weddelbrooker Schule erledigt
hatte,
siegte sie im Endspiel gegen die Hitzhusener Volksschule mit 71:6. Auch
im Staffellauf ging Föhrden als Sieger hervor, und zwar wurden 800
m in 2 Min. 10 Sek. zurückgelegt. Im Dreikampf der 13- und
14-jährigen
Knaben erzielte Max Fölster mit 320 Punkten den ersten Preis -
Weitsprung
4,11 m, Schlagballweitwurf 66,75 m, 100-m-Lauf 14 Sekunden -. Willi
Schnack
erhielt den 11. Preis. Von den 11- und 12-jährigen Knaben errang
Fritz
Fölster den 1. und Hans Kröger den 3. Preis. Mit zwei
großen
und vier kleinen Kränzen geschmückt, kehrten wir als Sieger
des
Turniers mit der Fahne stolz in unser Heimatdorf zurück. Auf dem
Kreisspielfest
in Segeberg errangen Max und Fritz Fölster, sowie Hans Kröger
- im Dreikampf - Preise.
Auch in den Wettkämpfen der nächsten Jahre stand
unsere Schule
noch oft den Schulen mit einer weit höheren Kinderzahl nicht nach,
und mancher nach hartem Kampfe errungene Ehrenkranz wurde heimgebracht.
Zum Beispiel nahmen am Spielfest, das am 23. Juni 1935 auf dem
Sportplatze
des Schützenvereins "Roland" in Bad Bramstedt ausgetragen wurde,
19
Kinder unserer Volksschule teil, von denen 15 über 180 Punkte
erzielten
und damit eine Siegesnadel errangen: Ernst Fölster - 15 Jahre -
235
Punkte, Hans Karstens - 14 Jahre - 246 Punkte, Kurt Plambeck - 12 Jahre
- 208 Punkte, Ernst Thies - 10 Jahre - 220 Punkte, Anne Fölster -
14 Jahre - 286 Punkte, Grete Seider - 14 Jahre - 243 Punkte, Irmgard
Plötzky
- 11 Jahre - 217 Punkte. Im Schlagball siegte eine aus Knaben und
Mädchen
zusammengestellte Riege zunächst über die Volksschule Hagen
(28:16)
und dann über Armstedt (13:12). Wegen Zeitmangel konnte [120] das
Entscheidungsspiel nicht ausgetragen werden. Glänzende Leistungen,
die allgemeine Bewunderung hervorriefen, wurden bei den
Staffelläufen
gezeigt.
Im Laufe der Jahre wurden nicht selten größere
Radtouren,
die zuweilen zu Unannehmlichkeiten mit den Eltern führten,
unternommen.
Diese führten uns nach Plön, Eutin, Bad Segeberg,
Lägerdorf,
Itzehoe, Barmstedt usw. So lernten die Kinder unsere schöne Heimat
kennen und lieben.
Da auf dem Spielplatz bei der Schule die Spiele nicht
ordnungsgemäß
durchgeführt werden können, stellte die Gemeinde im Jahre
1920
auf der Schulkoppel ein Sportfeld zur Verfügung, daß anfangs
stark in Anspruch genommen wurde. Seit dem Jahre 1937 konnten die
Spiele
wegen der kleinen Kinderzahl nicht mehr abgehalten werden. Der
Sportplatz
wurde daher zwecks Bewirtschaftung wieder verpachtet.
Im Jahre 1924 gründete der als eifriger Turner bekannte
Max Fölster
den Sportverein Föhrden Barl/Hagen, der in den ersten Jahren
seines
Bestehens erfolgreich wirkte. Fölster nahm sich auch der Kinder an
und stellte eine Kinderriege auf, die rund 25 Mitglieder zählte.
Zur
Beschaffung der Turngeräte stellte die Spar- und Darlehnskasse
Gelder
zur Verfügung. Die Turnabende wurden abwechselnd in Föhrden
und
Hagen abgehalten. In jedem Jahre fand ein Turnerball statt, auf dem die
Jugend ihre Leistungen zeigte. Dieses Fest erfreute recht bald jung und
alt. Nachdem Max Fölster im Jahre 1927 bei der Polizei eintrat,
übernahm
Körner in Hagen die Leitung. Die Zahl der Schüler ging von
Jahr
zu Jahr zurück - H.J. - wegen Mangel an Beteiligung löste
sich
der Verein schließlich im Jahre 1935 nach reichlich
10-jährigem
Bestehen auf.
Allgemein beliebt war in früheren Jahren der
Kegelsport. Beide
Gastwirtschaften unseres Dorfes verfügten über eine
Kegelbahn.
Der Gastwirt Blöcker riß eine offene Bahn im Jahre 1878 ab.
Mehrfach schlossen [121] sich Kegelfreunde zu einem Club zusammen, doch
nach kurzer Lebensdauer löste er sich recht bald wieder auf.
Nach der Machtübernahme widmet sich die Jugend eifrig
dem Reitsport.
Viele Bauernsöhne sind Mitglieder des S.A.-Reitersturmes in
Kellinghusen.
Otto Schnack, der leider im Jahre 1940 verunglückte, hat sich als
Reitlehrer der Jugend unserer Gemeinde Verdienste erworben. Vereinzelt
besuchen Bauernsöhne die Reit- und Fahrschule in Elmshorn.
[Ende Text Gegenwartschronik; es folgt die
Vergangenheitschronik]
::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
[137] Vergangenheitschronik:
V O R W O R T 1939. v. Lehrer Wilhelm Mohr,
Föhrden
Barl.
Seit dem 1. Oktober 1907 bin ich nunmehr Lehrer in der mir
lieb gewordenen
Gemeinde Föhrden Barl. Als Jäger durchstreifte ich die
heimatlichen
Felder und Wälder und so ist mir kein schöner Platz, keine
heilige
Stätte unbekannt geblieben. Die Kinder meiner ersten Schüler
sind bereits wieder durch mich aus der Schule entlassen worden. Jeder
Weg,
jedes Stückchen Erde der näheren Heimat ist mir, einem
Gebürtigen
der Nachbargemeinde Weddelbrook, hervorgegangen aus einem alten
Bauerngeschlecht,
bekannt. Es ist daher wohl verständlich, daß ich der
Heimatgeschichte
seit jeher ganz besonderes Interesse entgegengebracht habe. Ich habe
mir
daher die Lebensaufgabe gestellt, einen Baustein zur Heimatgeschichte
der
Gemeinde Föhrden Barl zu legen und möchte meine Nachfolger
bitten,
diese Arbeit mit allem Fleiß fortzusetzen.
Wie beschämend ist es, wenn ein Erbhofbauer über
seine eigene
Familie, die seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten auf dem Hofe
lebte,
kaum unterrichtet ist.
Daß unser Führer Adolf Hitler dem deutschen Volke
durch Schaffung
der Erbhöfe, durch Förderung des Siedlungswesens und den Bau
von gesunden Arbeiterwohnungen wieder eine Heimat gegeben hat, ferner
der
Heimatgeschichte einen ihr gebührenden Platz im Schulunterricht
eingeräumt
hat, ist eine Großtat, deren Beurteilung ich der späteren
Geschichte
überlassen möchte.
In den meisten Bauernfamilien unserer Gemeinde kennt das
Kind seine
Eltern und die Großeltern, die vielleicht etwas über die
[138]
Urgroßeltern erzählt haben. So trostlos sieht es in der
Familiengeschichte
alter Bauerngeschlechter aus; aber die Geschichte des Dorfes ist noch
erheblich
kümmerlicher. Keiner, nicht einmal der "Schulmeister" und
"Burvogt"
haben dafür Interesse gezeigt.
Alte wertvolle Urkunden und Aufzeichnungen wurden, weil
anscheinend
wertlos, dem Ofen überliefert, oder fanden als Butterbrotspapier
Verwendung.
Nicht einmal die allerwichtigsten Gemeindebeschlüsse, aus denen
die
Aufteilung der Ländereien (1781), Regelung der
Wasserverhältnisse
und dergleichen hervorgeht, sind der Nachwelt erhalten geblieben.
Verklungen und vergessen, das ist der Fluch der vergangenen
Zeit!
Im Jahre 1886 wurden die Lehrer durch ihre Behörde
aufgefordert,
eine Schulchronik zu schreiben, die meiner Ansicht nach die Geschichte
des Dorfes hätte mit aufnehmen sollen. Dem damaligen Lehrer, der
da
schreibt: "Aus dem vorigen Jahrhundert habe ich nichts in Erfahrung
bringen
können", bleibt der Vorwurf nicht erspart, etwas nie
Nachzuholendes
versäumt zu haben.
Viel Zeit und viel Mühe habe ich aufbringen
müssen, um das
Versäumte nachzuholen. So manches habe ich während meiner
Amtstätigkeit
alten Leuten ablauschen können. Diese sind meistens bei
Unbekannten
anfangs sehr zurückhaltend, nachdem man jedoch mit ihnen vertraut
geworden ist, erzählen sie so gern aus der guten alten Zeit.
Wenn ich die nun folgenden Vermutungen und
Wahrscheinlichkeiten als
Tatsachen, als Geschichte, darstelle, so hat dieses seinen Grund darin,
daß der Nachwelt an Hand von noch erhaltenen Namen (Fierth,
Hünengräber,
Schloßberg usw.) sowie auf Grund gemachter Funde, (Steinbeil,
Bronzeschwert
und Urnen und dergleichen), die Heimat so zu schildern, wie sie in
früheren
Zeiten wahrscheinlich ausgesehen hat.
[139] Wie unsere Heimat entstanden ist.
Unsere Heimat verdankt ihre Form und ihr Entstehen der Eiszeit.
In unserer Gemarkung finden wir nicht selten mächtige Findlinge,
die
meistens in Lehm- oder Mergellager eingebettet sind, große
Steinfelder
sowie Kies- und Sandlager. Diese sind, wenn wir von den großen
Kalk-
und den darunterliegenden Salzlagern absehen, die ersten Zeugen aus
grauer
Vorzeit. Wie mögen nun diese Lagerungen entstanden sein?
Bevor Nord- und Ostsee durch Senkung der Erdoberfläche
entstanden,
wurde unsere Heimat von der Eiszeit heimgesucht. Damals traten
mächtige
Gletscher und Eisfelder von den Gebirgen Skandinaviens ihre Reise nach
dem Süden an und bedeckten unsere Heimat. Alles erstarrte unter
den
Eis- und Schneemassen. Wenn man bedenkt, daß ein Gletscher sich
im
Laufe eines Jahres nur wenige Meter oder Dezimeter vorwärts
bewegte,
so müssen Jahrtausende vergangen sein, bis die Eismassen endlich
unsere
Heimat erreichten.
Mancher Felsblock, losgerissen im Gebirge, wurde auf dem
weiten Weg
zermalmt und in Kies, Sand und kleine Steine zermahlen.
Einer dieser Gletscher, der viele Quadratmeilen bedeckte,
ließ
sich auch in unserer Gegend nieder. Das Gletscherwasser bahnte sich
nach
und nach eine tiefe Rinne durch die Landschaft. Der Gletscherstrom, der
die jetzige "Weddelbrooker Lieth" und die "Quarnstedter Anhöhe"
als
Breite hatte, floß dann weiter in den Hauptstrom, der dem Ozean
sein
Wasser zuführte.
Je mehr die Eisfelder auftauten, desto geringer wurden die
Wassermassen,
und das Flußbett des Urstromes trat immer weiter zurück, der
Strom teilte sich in mehrere Arme, die noch heute zu erkennen sind. Die
damaligen Inseln sind unsere jetzigen "Kämpe", das sind sandige
Äcker.
Schließlich erreichte der Urstrom nur noch die Breite des
heutigen
Wiesentales und endlich, nachdem der Gletscher vollständig
geschmolzen
war, entstand die Bramau, die sich in unendlich vielen Krümmungen
durch das Wiesental schlängelte. [140] Während der
Gletscherzeit
hatten sich an vielen Stellen Niederungen und Mulden gebildet, in denen
sich das Wasser sammelte. So entstanden kleinere und größere
Seen, die nunmehr die Au speisten. Aus ihnen bildeten sich im Laufe von
Jahrhunderten unsere Moore, die uns mit Feurung versorgen und den
Wasserstand
der Au regulieren.
Um diese Zeit, also nach dem Ende der Eiszeit, mag unsere
Heimat besiedelt
worden sein.
Die Hünengräber aus der jüngeren
Steinzeit.
Funde: Steinbeile, Flintmesser, Urnen und
dergleichen. Fundort:
Firth.
Es mag um das Jahr 4.000 vor unserer Zeitrechnung, also vor
rund 6.000
Jahren gewesen sein! Schon damals war unsere Heimat von Bauern bewohnt.
Diese standen, wie Funde aus der damaligen Zeit bezeugen, auf einer
verhältnismäßig
hohen Kulturstufe, aus Flintsteinen verfertigten sie ihre Waffen und
Hausgeräte.
Wie sorgfältig sind diese behauen und geschliffen! Der sogenannte
"Flintmeister" muß schon damals ein wirklicher Künstler
gewesen
sein - standen ihm doch einzig Steinhandwerkszeug, Sand und Wasser (zum
Schleifen) zur Verfügung. Manch gute Steinbeile, Flintmesser usw.
wurden in unserer Gemarkung in der Nähe der Hünengräber
gefunden. Wie andere Funde bezeugen, zeigten unsere Vorfahren eine ganz
besondere Begabung in der Anfertigung von Tongefäßen, mit
denen
sie wahrscheinlich auch einen lebhaften Tauschhandel betrieben haben.
Zeugen aus der damaligen Zeit sind ebenfalls die
Hünengräber.
Nach dem "Hausbriefe der Familie Reimers" aus dem Jahre 1754 befanden
sich
einst auf dem Firth drei gut erhaltene altgermanische Grabstätten.
Das mittlere, kleinere Hünengrab ist im Laufe der Jahre
vollständig
verschwunden. Aber auch das gen Osten gelegene Grab ist bereits zur
Hälfte
abgefahren. Auf Veranlassung des Lehrers Mohr schritt im Jahre 1933 die
Behörde energisch ein, verbot die weitere Abfuhr von Sand und
stellte
die beiden noch verbliebenen [141] Grabstätten unter Naturschutz.
Die erhalten gebliebenen Hünengrä-ber sind leider in der
Mehrzahl
bereits geschändet, das heißt, von unberufener Hand
geöffnet,
und zwar erfolgte dies durch sogenannte Schatzgräber, die in ihnen
wertvolle Schätze vermuteten (1850 - 1890).
Die Hünengräber auf dem Firth sind
Einzelgräber, während
man in anderen Gegenden unserer Heimat auch Familiengräber findet.
Wie mögen nun diese Grabstätten entstanden sein?
In der jüngeren Steinzeit, etwa 3.000 - 4.000 Jahre vor
unserer
Zeitrechnung, pflegten unsere Vorfahren ihre Toten zu verbrennen. In
anderen
Gegenden legte man sie in einen ausgehöhlten Baumstamm oder in ein
Schiff (Fischer), das der Verstorbene in Ausübung seines Berufes
während
seines Lebens gesteuert hatte. Nach Einäscherung des Toten wurde
die
Asche in eine ca. 45 cm große kunstvolle Urne gefüllt und in
eine quadratförmige Steinkammer gesetzt. Die Urne und auch die
Grabkammer
wurden darauf mit einem glatten Stein verschlossen. Recht oft wurden
bei
Frauen Schmuckgegenstände, die den Verstorbenen lieb und teuer
gewesen
waren, bei Kriegern Lieblingswaffen, mit ins Grab gelegt. Man findet
daher
in den Grabkammern unserer Hünengräber nicht selten
Steinbeile,
Flintmesser, Gold- und Bronzeringe und dergleichen. Bewährten
Führern
und Kriegern (Hunen), die sich um ihre Sippe oder Stamm verdient
gemacht
hatten, errichtete man ein Denkmal, ein "Hünengrab". In einem
Kreis
von etwa 30 m Durchmesser wurde, wie noch heute ersichtlich ist, Soden
auf Soden gelegt, bis in mehrwöchiger Arbeit ein Hügel von
etwa
20 m Höhe entstanden war. Viele Jahre lang fand an dieser
Grabstätte
eine Totenehrung statt. Immer und immer wieder erzählte man sich
von
den Taten des Verstorbenen und an jeden erging die Aufforderung, diesem
nachzueifern, ihn als Vorbild zu nehmen.
So vergingen Jahrzehnte und Jahrhunderte, bis
schließlich der
Name des Toten vergessen wurde. Der Grabhügel, den mächtige
Findlinge
umrandeten, bewuchs mit Heidekraut.
[142] Abschrift: D I E H Ü N E N G R Ä B E R.
(v. W.
Mohr) 1932
Vom Firth, der heiligen Stätte, zwei Gräber winken
uns zu,
Dort fanden vor 6.000 Jahren zwei Führer die ewige Ruh'!
Ihre Namen, die sind vergessen, die Geschichte bericht uns nicht mehr
Von ihren gewaltigen Taten, von ihrer Tugend und Ehr'! -
Der Hun' versammelt die Recken auf dem Firth bei Vollmond manch Jahr,
Zu beraten das Wohl der Sippe, zu vermeiden Not, Krieg und Gefahr.
Er wies die Feinde aus dem Lande, bemeisterte Hungersnot,
Er zeigte sich stets als Führer, wenn winkte Gefahr und Tod -----.
Ein Bot' eilt von Hütte zu Hütte ---"Was bringst
du Neues
uns?
Ist's Gutes, ist's böse Nachricht? Was gibt's? - Tu schnell uns
kund!" --
"Heut' Nacht starb unser Führer, ein Vater und ein Held! --
Er hat den Wunsch geäußert, zu ruhen auf heiligem Feld ---!
Drum wollen wir versammeln uns alle, arm und reich,
Wir wollen ihm bereiten ein Grab, dem Helden gleich!" ----
Sie strömten aus den Wäldern in vollem
Waffenschmuck --,
Die Frauen und die Kinder in Demut und geduckt! --
Im Baumsarg eingebettet, auf'm Fell, so weich wie Dun,
Mit voller Waffenrüstung, so ruht der Sippe Hun. --
Und Klagelieder tönen so dumpf und feierlich,
Darin besingt man den Toten als Held beim Morgenlicht. ---
Am nächsten Tag die Krieger, die hatten große Qual -,
Sie richten auf dem Toten ein mächtiges Grabdenkmal ------ .
In jedem Jahr versammelt der Stamm sich auf dem "Firth",
Zu ehren seinen Toten als Bauer, Führer, Hirt! ------
Es kamen andre Zeiten, der Stamm zog in die Fern ---!
Des Führers Nam' entschwunden ---- Und hätten ihn so gern
----!
Mit Heide ward bewachsen des großen Führers Grab ----,
Den lieben Lerchen und Bienen lauscht früherer Zeiten man ab ---!
Wir wollen die Toten ehren, ihre Gräber schützen
fürwahr;
Denn diese berichten, erzählen uns Märchen --- immerdar!
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[143] Ein Hünengrab aus der Bronzezeit.
Daß auch in späteren Jahrhunderten unsere Heimat
besiedelt
war, beweist ein Hünengrab aus der Bronzezeit. Auch diese
altgermanische
Grabstätte, die auf Johannes Karstens Acker am Wege nach dem
Herrenholz
lag und kaum noch als Hünengrab zu erkennen war, wurde ums Jahr
1925
abgefahren. Den Sand benutzte man zur Ausbettung schlechter
Wegstrecken.
Die Grabkammer des Hünengrabes war zerstört oder eingefallen,
eine Urne ist jedenfalls nicht gefunden - man hat bei der Arbeit auch
nicht
darauf geachtet -, die Steine der Grabkammer lagen zerwühlt
durcheinander.
Schließlich machte man doch noch einen wertvollen Fund,
nämlich
ein sehr gut erhaltenes Bronzeschwert, wie es - nach Urteil von
Professor
Rothmann, in Kiel, - noch selten in unserer Heimat gefunden ist. Das
..(?)griff
fiel leider bei der ersten Berührung und Säuberung ab. Doch
die
Klinge zeigte eine Schärfe, wie die vom besten Stahl. Auch die
sogenannte
Blutrinne, wie überhaupt das ganze Schwert zeigt eine
Kunstfertigkeit,
als wenn es von dem modernsten Waffenschmied der Neuzeit angefertigt
wäre.
Wieder einmal ist damit der Beweis geliefert, daß unsere
Vorfahren
keine Barbaren waren, sondern Menschen von hoher Kultur und Kunst. In
der
Schmiedekunst, Weberei und Töpferei ist in der damaligen Zeit ohne
Frage schon etwas hervorragendes geleistet.
Bemerkung: Das gefundene Bronzeschwert wurde dem
Landesmuseum in Kiel
zur Verfügung gestellt.
Flurnamen und Benennungen, die auf altgermanische
Stätten
schließen lassen.
Einige Flurnamen unserer Gemarkung lassen, wie die
Hünengräber
und Funde aus der Steinzeit, auf altgermanische Feierstätten
schließen.
[144] Die Äcker bei den Hünengräbern werden
bis auf den
heutigen Tag "Firth" genannt. Das Wort "Firth" bedeutet "die
Stätte
der Feiern". Hier wurden vor Jahrhunderten die Feiern der
Hundertschaften
stattgefunden haben, hier wurde über Krieg und Frieden
entschieden,
hier wurden die Volksversammlungen abgehalten, die Toten verbrannt, die
Feiern und Wettkämpfe der Jugend abgehalten usw. Der "Firth" mag
auch
gleichzeitig die Gerichtsstätte gewesen sein.
* Die umliegenden Äcker "Osterfortkamp",
möglicherweise
benannt nach der altgermanischen Frühlingsgöttin "Ostara",
mögen
dem Priester als Ackerland zur Verfügung gestanden haben. Das auf
diesen Äckern angebaute Korn diente sodann als sogenannte
Brotkornreserve
in Kriegszeiten. Wenn diese meine Vermutungen zutreffen, dann
könnte
man das "Oster", den Wald südlich der Bramau, als Wald der
altgermanischen "Ostara" ansprechen, als Waldgebiet, in dem das Wild
geschont
wurde (Wildreserven), und nur in Kriegszeiten erlegt werden durfte.
* Bem. Kaum zutreffend! Es heißt nicht
Osterfortkamp sondern
"Osterfurtkamp". Bis zur Wiesenregulierung 1890 führte hier eine
Fuhrt
von Oster zum Kamp. Mohr 1.1.1943.
Weiter östlich an der jetzigen Chaussee in Richtung
Hitzhusen lag
einst ein großes Waldgebiet, "Hinkenholz", besser "Hunenholz"
genannt. Dieser Wald lieferte einst den zerstreut liegenden Siedlungen
und Bauerngehöften die Feurung und das Bauholz. Schließlich
ist dieser Wald in den Besitz des Hunen übergegangen, dessen
Besitz
somit auf dem "Langen Hof" am Rande des Hunenwaldes, hart an
der
Bramau gelegen, bestanden hat. Bestimmt eine herrliche Lage!
Nordöstlich des Hünengrabes lag einst eine
altgermanische
Grabstätte, der Urnenfriedhof. Nach der Einäscherung
der
Toten wurde die Urne an diese heilige Stätte gebracht. Der
Urnenfriedhof
lag in stiller Einsamkeit und wurde gehegt und gepflegt wie ein Garten.
Die Toten sollten im Schlafe nicht gestört werden. (Bemerkung: es
ist auch ja merkwürdig, daß diese Ländereien bis 1909
nicht
beackert wurden!)
Dann wurden ums Jahr 1.000 unsere Vorfahren gezwungen, zum
Christentum
überzutreten, eine Religion anzunehmen, die ihnen fremd war. [145]
Der Besuch und die Pflege der heiligen Stätten wurde von den
Eindringlingen
bei Todesstrafe verboten. Die Toten mußten nunmehr in heilige
Erde
in unmit-telbarer Nähe der Kirche in Bramstedt gebettet werden.
Man
erzählte vom Teufel, der auf dem Urnen-friedhofe einherginge, um
die
Toten zu peinigen, von Hexen und Gespenstern, die dort ihr Spiel
trieben.
So wurde damals gerade durch die "allein seligmachende" christliche
Kirche
der Aberglaube gefördert.
So verödete der Urnenfriedhof, geriet in Vergessenheit
und bewuchs
mit Heidekraut. Auch die Hünengräber wurden durch die
christliche
Kirche geschändet, indem man die Findlinge, die das Hünengrab
einst umrandeten, entfernte und Kirchen und "heilige" Klöster
daraus
baute.
In vielen Stücken mußte, um unsere Vorfahren
für sich
zu gewinnen, die christliche Kirche nachgeben. Man übernahm
altgermanische
Feste, wie zum Beispiel das Osterfest (das Fest der Göttin
Ostara),
gab den Wochentagen die Namen der Götter: Donnerstag, Freitag zum
Beispiel sind Tage des Gottes Donar und seiner Frau Frigga, stellte
Jesus
und seine Jünger - wenn es eben nicht anders ging - als
Kriegshelden
dar, und so gelang es den schlauen und listigen christlichen Priestern,
unsere Vorfahren nach und nach - gleich "Schafen" - gefügig zu
machen.
Urnenfund. 1927
Eine gut erhaltene Urne unseres Urnenfriedhofes, der sich
scheinbar
unter dem Weg auf Hans Studt's Hagener Kamp fortsetzt, wurde
schließlich
doch noch geborgen und konnte dem Landesmuseum in Kiel übergeben
werden.
Der Bauer Hans Studt stieß beim Tannenpflanzen auf seiner Koppel
in etwa 40 cm Tiefe auf einen glatten Stein, unter dem sich eine mit
Asche
und Knochenresten gefüllte Urne befand. Diese wurde alsdann von
Lehrer
Mohr und den größeren Knaben seiner Schule sorgfältig
freigelegt
und geborgen.
Mitten in unserem Dorfe liegt ein schöner Hain, der Schulenbrook.
Mächtige Eichen und Buchen beschatten einen unnatürlichen
Hügel.
Es ist [146] durchaus nicht ausgeschlossen, daß dieses kleine
Gehölz
eine Opferstätte unserer Vorfahren, ein heiliger Hain, aus
dem bei Einführung des Christentums die Opfersteine entfernt
wurden,
gewesen ist.
Hat dort, wo nunmehr Johannes Lohse, Wilhelm Runge's
Nachfolger, wohnt,
ein altgermanischer Priester seinen Hain gehabt? Bei Ausschachtungen
1933
stieß der Maurermeister Hermann Blöcker auf einen gewaltigen
zugeschütteten Keller. Mehrere Buchendielen, unter denen
Pferdeköpfe
und ganze Skelette gefunden wurden, lagen übereinander. Daran kann
man ersehen, daß an demselben Ort bereits mehrfach Bauten
aufgeführt
sind. Das Pferd war bekanntlich bei unseren Vorfahren ein heiliges Tier
und wurde mit Vorliebe den Göttern geopfert.
Der Schloßberg.
Eben jenseits der Grenze unserer Gemarkung, direkt an der
Chaussee,
also schon auf Hitzhusener Gebiet liegt der sagenhafte
"Schloßberg".
Während der Nacht wollen Fußgänger hier ein Wehgeschrei
gehört und die "weiße Schloßfrau" gesehen haben. Das
alles
ist selbstverständlich eine Sage.
Nach dieser Sage soll einst auf dem Schloßberg eine
starke Burg
gestanden haben, die von einem hartherzigen Ritter bewohnt wurde. An
diesen
mußten vorüberziehende Kaufleute hohe Abgaben zahlen. Die
auf
der damals schiffbaren Au fahrenden Handelsschiffe wurden nicht selten
überfallen und ausgeplündert.
Wenn diese Erzählung den Tatsachen entsprechen
würde, müßte
man noch heute an dieser Stelle Felsen oder Balkenreste und dergleichen
gefunden haben. Das ist aber nicht der Fall.
Ein alter Arbeiter, der den Acker an diesem geschichtlichen
Ort gepflügt
hat, will vor Jahren auf schwarze Stellen mit Kohleresten, sogenannte
Feuerstellen,
gestoßen sein und alte Topfscherben [147] gefunden haben. Diese
Funde
lassen vermuten, daß der Schloßberg etwa 200 - 500 Jahre n.
Chr. eine altgermanische Fluchtburg gewesen ist. Diese lag, von Sumpf
und
Wasser geschützt, inmitten des hohen Waldes wohlgeborgen.
Nahte, was besonders nach der Völkerwanderung sehr oft
vorkam,
aus dem Osten ein wendischer Volksstamm oder dessen Krieger auf ihren
Pferden,
so zogen die Frauen, Greise und Kinder mit ihrem Vieh auf schwer zu
erkennenden
Waldwegen in die Fluchtburg. Diese hatte nur einen Eingang, war durch
einen
mit Dornenbüschen bewachsenen Erdwall und einen tiefen Graben
geschützt.
Der Feind wagte es nicht, bis dorthin vorzudringen.
Wenn die Gefahr vorüber war, kehrten die
Flüchtlinge zu den
Gehöften zurück. Doch meistens hatte der Feind das Haus
zerstört,
die Ernte vernichtet und die Arbeit begann von neuem.
Wie der Ort "Föhrden Barl" entstanden ist.
Über die Entstehung unseres Dorfes berichtet keine
Geschichte,
Sage oder irgend eine Urkunde, sondern einzig der Name selbst.
"Föhrden"
bedeutet Fuhrt, das ist eine seichte Stelle in einem fließenden
Gewässer,
die bequem mit Pferd und Wagen zu durchqueren ist, und "Barl" hat die
Bedeutung
von "Bauerndorf". "Föhrden Barl" heißt demnach das
Bauerndorf
an der Fuhrt. Die geschlossene Ortschaft wird meines Erachtens nach
Einwanderung
des Volksstammes der Holsten (Sachsen), also zu Beginn unserer
Zeitrechnung,
entstanden sein. Wie nachgewiesen ist, hat sich der Volksstamm der
"Holsten"
in unserer engeren Heimat am reinsten erhalten.
Woraus kann man nun schließen, daß unser
geschlossenes Dorf
um genannte Zeit entstand? - Bei manchen Bauernhäusern standen
noch
vor nicht [148] allzu langer Zeit mächtige, uralte Eichen, die
nach
und nach wegen ihres Alters gefällt werden mußten. Der
letzte
dieser geschichtlichen Zeugen wurde im Jahre 1933 abgeschlagen. Diese
Eiche
hatte in Mannshöhe noch einen Umfang von 4,20 m. Es liegt doch die
Vermutung nahe, daß diese Eiche durch den ersten Siedler, der
sich
direkt bei der Brücke niederließ, zum Schutze seiner
Hütte
angepflanzt wurde. Auf Landwirtschaft mag dieser Siedler wenig Wert
gelegt
haben; denn seine Landstelle war - und blieb - nur eine Viertelhufe und
als Folge kaum in der Lage, eine Familie zu ernähren. Der
Hauptberuf
dieses Siedlers ist aller Wahrscheinlichkeit nach der des Fährmannes
gewesen, der die Wanderer nach Bedarf über die Au setzte und dazu
Fischfang
betrieb. Dieser wird zu damaligen Zeiten recht lohnend gewesen sein;
denn
die Au hatte damals undenkbar viele Krümmungen und war sehr
wasserreich.
Es ist anzunehmen, daß schon damals in Föhrden Barl acht
Vollhufen bestanden. Eine Vollhufe war zu damaligen Zeiten ein Hof,
der von vier Pferden bearbeitet werden konnte (etwa 90 - 100 ha). Grund
und Boden blieb Gemeinbesitz, war unveräußerlich und wurde
nach
der "Dreifelderwirtschaft" bearbeitet. Wenn man bedenkt, daß
weite
Flächen mit Heide, Wald und Busch - ( Flurnamen:"Bagholz",
"Rugenbusch", "Im Busch", "Hinkenholz", "Oster",
"Rethorn"
usw.) - bewachsen war und viele Sumpf- und Moorgebiete
vorhanden
waren, ist anzunehmen, daß die Bauern zu damaligen Zeiten ein
kümmerliches
Dasein geführt haben.
Weite Gebiete, das "Herrenholz" waren ferner im
Besitze der Herren
in Bramstedt oder Segeberg. Die ehedem freien Bauern hatten sich nach
und
nach "Grafen" unterstellt, denen die Landesverteidigung und das
Gerichtswesen
übertragen wurde.
Da eine Vollhufe nur eine Familie ernähren konnte,
zogen tatkräftige
Jünglinge in die Umgegend und gründeten die ersten
Siedlungen.
[149] Neue Siedlungen entstehen.
Junge, tatkräftige Bauernsöhne zogen aus, machten
Heide und
Moore urbar, entwässerten Sümpfe und rodeten Wälder. Die
Ritter der damaligen Zeit gebrauchten gutes Pferdematerial und so wurde
auf dem Herrensitz in Bramstedt ein Pferdegestüt gehalten. Auf dem
"Herrenholz"
(einer unserer Flurnamen), das an das Breitenburger Moor grenzte,
wurden
zu damaligen Zeiten viele Pferde des Landesgestüts gegräst.
Die
Weiden der Hengste lagen wegen der Wolfsplage direkt am Rande des
Moores
und der Heide. Die näher liegenden, ungefährlicheren Weiden
waren
für die Stuten und ihre Fohlen bestimmt. Am Rande des Moores
entstand
damals die Siedlung Wulfsmoor, am Rande der Heide - Hingstheide.
Außerdem entstand damals die Einzelsiedlung
"Bargholz" (Menge
Holz). An der Krück, das heißt Krümmung, des jetzigen
Stapelkampsbaches
ließ sich ein in der ganzen Gegend bekannter Viehzüchter
nieder,
den man "Viehmann" nannte und die Siedlung hieß "Krücken".
An der Bramau baute der Bauer "Hitz" sein Haus, daher entstand die
geschlossene
Siedlung "Hitzhusen". Die Ortschaft "Hagen" ist eine
Rodesiedlung
(Hagen = Wald). Man hatte gelernt, Geräte und Handwerkszeug aus
Eisen
herzustellen, so daß man nunmehr den schweren Lehmboden
bearbeiten
und die mächtigen Eichen fällen konnte. (Familiennamen wie Rühmann
= Rodemann, Bauer, Schult oder Schulz = Schulze
(Gemeindevorsteher),
Meier,
das ist der Verwalter, Harbeck, Studt, Hingst,
Schäfer
entstanden.)
Um die Zeit, als unsere Vorfahren Christen wurden, entstand
in der Heide
die Mönchssiedlung "Mönkloh" (Mönchs-Heide), die
auf dem halben Wege Hamburg - Neumünster lag. Die Mönche
betrieben
Schaf- und Bienenzucht, förderten den Obstbau und führten den
Buchweizen ein. Die Schafswolle wurde in Neumünster verarbeitet.
In die damalige Zeit fällt auch das Entstehen und
baldige Aufblühen
des Handwerkes. Handwerker, Jäger und Fischer galten [150] als
besonders tüchtige Menschen und wurden im Volke geehrt und
geachtet.
Familiennamen, die dem Handwerk entstammen: Rademann, Rademacher,
Schneider,
Weber, Kielmann, Poth (Brunnen), Zimmermann. - ; ferner stammen von
damals die Namen Fischer, Jäger, Fuchs, Wulf, Rabe, Hase
u.a.
Geschichtliches:
Seit dem Jahre 1460 ist unsere Heimat Schleswig-Holstein
durch Personalunion
mit dem Königreich Dänemark verbunden und daher eng mit
dessen
Geschichte verknüpft. Unsere Vorfahren werden sich unter dem
Schutze
dieser Großmacht recht wohl gefühlt haben, und die
Landwirtschaft
blühte auf.
Der Schrecken des 30-jährigen Krieges ging
nicht spurlos
an unserer Heimat vorüber. Auch unser Dorf, an einer
Hauptverkehrsstraße
gelegen, hat sicher unter den Kriegsnöten oft schwer zu leiden
gehabt.
Als der Dänenkönig Christian IV gegen die
Kaiserlichen in
den Kampf zog, lernte er (1628) auf seinem Durchzuge durch Bramstedt
die
dort im "Holsteinischen Haus" im Dienst stehende Föhrden Barlner
Bauerntochter
Wiebke
Kruse kennen. Der König nahm nach seiner Niederlage, verfolgt
von den Truppen Wallensteins, die einfache Bauerntochter als Erzieherin
seiner Kinder mit nach Kopenhagen. Später wurde sie dem König
"zur Linken" getraut. Da Wiebke jedoch nicht ebenbürtig war,
siedelte
sie nach Bramstedt über und wohnte nunmehr in dem Schlosse, das -
von einem Burggraben umgeben -, hinter der Hudau lag. Der Herrensitz
ging
in den Besitz der Wiebke Kruse über. Sie soll für Bramstedt
viel
Gutes getan haben. Ihre Tochter - der einzige Sohn starb als hoher
dänischer
Offizier infolge einer Verwundung - heiratete den Grafen Kielmanssegge,
der die Bramstedter Bauern als Leibeigene arg drangsalierte. Die Bauern
unter ihrem Fleckensführer J. Fuhlendorf opferten zwei Drittel
ihres
Besitzes und erlangten so ihre Freiheit.
Messtorf, eine Bramstedter Schriftstellerin, gibt uns in
ihrer Novelle
"Wiebke Kruse" einen Einblick in die Verhältnisse des Dorfes
Föhrden
Barl in den Jahren 1600 - 1625, [151] nennt die Namen einiger damals
lebender
Vollhufner, schildert die Harmonie, die unter den Bewohnern herrscht,
dabei
aber auch den Aberglauben, der sich unter der Bevölkerung
breitgemacht
hatte. Ob die Tatsachen und Namen historische Grundlagen haben, konnte
ich nicht feststellen. Doch das eine steht fest: bis zum Jahre 1827
lebten
die Nachkommen des Bauern Kruse auf der Vollhufe, die dann durch
Einheiratung
(Paul Rühmann, geb. 1797, Sohn eines Bauern aus Lockstedt,
heiratete
am 2. November 1827 die Tochter Elsabe, geb. 15.8.1799 in Barl, des
Vollhufners
Hinrich Kruse, verheiratet mit Anna Margaretha, geb. Möller.) an
die
Familie Rühmann übergeht. So hat sich die Vollhufe Kruse -
Rühmann
immer im Besitz derselben Familie seit mindestens 400 Jahren erhalten.
Während des 30-jährigen Krieges kam
Wallenstein (1625
- 1629) auf seinem Marsche von Bramstedt nach Breitenburg, das von 300
Schotten unter Major Dunbar verteidigt wurde und viele geflüchtete
Bauern mit Weib und Kind in seinen Mauern barg, durch unsere Gegend,
plünderte
und brandschatzte. "Die Stände sollten (später) Geld zur
Abdankung
der geworbenen Soldaten und zur weiteren Verteidigung des Landes
bewilligen,
lehnten es aber ab wegen der großen Not, Seuchen und Teuerung."
Da Dänemark der Machterweiterung Schwedens entgegen
arbeitete,
fielen 1643 die Schweden abermals in Holstein ein "wie ein Platzregen
aus
hellem Wetter". Die Kaiserlichen unter General Haller, die nichts
anderes
getan haben "als ganz Holstein aufgefressen", kamen den Dänen zu
Hilfe.
Damals wurde eine Münze geprägt mit der Aufschrift "Was
Haller
in Holstein ausgerichtet, ist auf der anderen Seite zu sehen!" Die
andere
Seite war aber leer. Der Friede kam 1645 zustande.
In den Jahren 1657 - 1660 durchzog die Kriegsfackel abermals
unsere
Heimat. In der sogenannten "Polackenzeit" lagen die
Kaiserlichen,
Brandenburger und Polen ein ganzes Jahr in Schleswig-Holstein.
"Michaelis
übernachteten die Polen unvermutet in Bramstedt und Umgebung und
raubten
den Leuten, die sie überraschten, die Pferde." Als unser Land die
Einquartierung nicht mehr ertragen konnte, [152] zog der große
Kurfürst
mit der "kurbrandenburgischen Armada" durch Bramstedt und wurde im
Flecken
einquartiert. Der Kurfürst selbst übernachtete im
Schloß.
"Alles kostete den Flecken und das Kirchspiel viel Geld und
Lebensmittel."
"Die Polen ritten weit und breit, und weil es gefroren war,
blieb ihnen
in Büschen und Morästen an diesen und benachbarten Orten
nichts
verborgen." "Als der Friede dann 1660 geschlossen war und um die Zeit
der
Nachmahd die acht Regimenter der Verbündeten abzogen, wurden
"dänische
Völker" in Flecken und Kirchspiel gelagert."
Nordischer Krieg 1700 - 1721.
1713 verwüstete der schwedische General Steenbock
unsere Heimat.
Dynastische Streitigkeiten des 17. und 18. Jahrhunderts wurden auf dem
Rücken und zum wirtschaftlichen und leiblichen Schaden des Bauern
ausgetragen.
Nach dieser Zeit begann unsere Landwirtschaft wieder
aufzuatmen und
allmählich gelangten die Bauern wieder zu Wohlstand (Trachten).
Doch
mancher hatte die ungeheuren Lasten und Kontributionen nicht aufbringen
können und mußte daher mit "dem weißen Stab" sodann
ziehen
und seinen Besitz für den Lasten überlassen. Auch die im
Jahre
1781 erfolgte "Einkoppelung", wodurch die Aufteilung der
Flurgemeinschaften
erfolgte, hat wesentlich zum Aufblühen der Landwirtschaft
beigetragen.
Die landwirtschaftlichen Produkte wie Vieh, Korn, Butter, Eier und
Wolle
fanden nach dem Süden und ganz besonders über Hamburg und
England
guten Absatz. In jedem Herbst bewegten sich auf dem sogenannten
"Ochsenweg",
von dem eine Nebenstrecke von Bramstedt über Föhrden Barl
nach
Itzehoe führte, große Viehherden nach dem Süden.
Die Befreiungskriege 1813 - 1815 bringen aufs Neue
schwere Rückschläge.
Franzosen, Russen und das Lützow'sche Freikorps durchziehen unser
Land, requirierten Lebens- und Futtermittel, ganz besonders aber
Pferde.
In Föhrden Barl lagen 1814 Russen einquartiert. In diesem Jahren
wurde
der Hufner Joh. Fock geboren. Als die Mutter noch im Wochenbett lag,
wurde
sie von den Russen arg belästigt.
[153] Durch die sogenannte "Kontinentalsperre" wurde der
Handel mit
England vollständig lahmgelegt. Die Bauern erstickten in ihren
Waren,
und die Steuern wurden wegen der Kriegslasten immer drückender.
Einige
Bauern unserer Gemeinde mußten ihre Vollhufe spottbillig (1.000 -
2.000 Thaler) verkaufen. Die Unzufriedenheit im Lande wuchs und
erreichte
ihren Höhepunkt durch den Staatsbankrott im Jahre 1844,
wodurch
das Geld vollständig wertlos wurde. Bei manchem national denkenden
Bauern erwachte der großdeutsche Gedanke. Überall
ertönte
der Ruf: "Los von Dänemark!". An dem Befreiungskrieg 1848 -
1850
nahm aus unserem Dorfe der Bauernsohn Hans Rühmann teil. Er war
Bursche
bei dem in unserer Heimat bekannten Leutnant Schmidt und nahm an
verschiedenen
Schlachten teil.
In der nachfolgenden Zeit nahm die Unterjochung durch die
Dänen
noch stärkere Formen an. Wer begütert war, konnte sich vom
Militärdienst
loskaufen, doch der "gewöhnliche Mann" mußte im
dänischen
Heer dienen. So wurden z.B. Anton Fischer und Casten Blöcker -
Dachdecker
und Weber von Beruf - bei der schweren Artillerie in Kopenhagen drei
Jahre
eingezogen.
Da erfolgte endlich im Jahre 1864 die Stunde der
Erlösung.
In unserem Dorfe waren damals wochenlang Hannoveraner,
Österreicher
und Braunschweigische Soldaten, die sich gut gegen die Bewohner
benommen
haben, einquartiert. Der "Deutsche Krieg" ging spurlos an unserer
Gemeinde
vorüber.
An dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 nahmen
bereits einige
Soldaten unseres Dorfes teil: Peter Schnack, der die Kämpfe bei
Metz
und Orleans mitmachte, Peter Steenbock und Stühmer.
Erst nach dem Jahre 1871 machte sich ein Aufblühen der
Landwirtschaft
in unserem Volke bemerkbar.
[154] Von der Landwirtschaft in früheren Zeiten.
Nach dem Hausbriefe der Familie Reimers aus dem Jahre 1785,
den mir
Joachim Kelting, Setzwirt der Reimerschen Vollhufe, zur Verfügung
stellte, war der Grund und Boden der Gemarkung Föhrden Barl bis
zum
Jahre 1781 Gemeinbesitz sämtlicher Bauern.
Während in Ostholstein, überhaupt in Gegenden mit
schwerem
Lehmboden, der Großgrundbesitz und die Leibeigenschaft
vorherrschten,
lebte in unserer Heimat mit ihrem leichten Sandboden ein
fleißiger
und genügsamer Bauernstand. Der Grund und Boden war
unverkäuflich.
War ein Bauer verschuldet, so ging der Gesamtbesitz für 2.000 -
3.000
Taler in andere Hände über.
Die vier Vollhufner des Ortsteiles "Barel" waren nach einem
Hausbriefe
der Familie Reimers aus dem Jahre 1753: Henny Kruse (jetzt
Rühmann),
Böge (jetzt Studt), Peter Harder (später Fock, Schnack) und
Timm
Fischer (jetzt Reimers). Die vier Vollhufen in Föhrden sind im
Laufe
der Jahre alle durch Verkauf in fremden Besitz gelangt
Alle vier Jahre wechselten die Bauern ihre Kämpe,
das waren
nämlich ihre Äcker. Saat und Ernte erfolgte bei
allen
Ländereien gleichzeitig; denn nach der Ernte bildete der "Kamp"
die
Weide für das Vieh, das bis dahin im Kratt, insbesondere im
"Oster"
gehütet worden war. Der Bachholz lieferte zu damaligen Zeiten das
Heu, denn die Wiesen an der Bramau waren damals vollständig
wertlos.
Die Bramau schlängelte in unendlich vielen Krümmungen durch
das
Wiesental und trat bei Regenfällen regelmäßig über
ihre Ufer. Die Wiesen waren zur Hauptsache mit Binsen und
Wassergräsern
bewachsenen und bestanden aus Sumpflöchern und zusammengetriebenen
Sandhügeln. Der Bauer Hans Rühmann ebnete als erster seine
Wiesen
ein, warf Dämme auf und erprobte ums Jahr 1850 eine
künstliche
Berieselung, indem er durch ein Wasserschöpfrad, das durch eine
Windmühle
betrieben wurde, das Wasser der Au in einen höher gelegenen Graben
leitete. Da diese Wiesen recht bald einen höheren Heuertrag
lieferten,
[155] folgten andere Bauern recht bald seinem Beispiel. Erst im Jahre
1888
schlossen sich dann die Gemeinden Föhrden Barl, Hitzhusen und
Hagen
zusammen und gründeten die "Bramau-Berieselungsgenossenschaft".
Bereits im Jahre 1891 war die Au reguliert und eingedeicht, die Wiesen
eingeebnet und die Schleusen gebaut. Dann wurden die Wiesen unter die
Bauern
verteilt. Einzig der Bauer Hans Rühmann blieb im Besitze seiner
früheren
Wiesen, denn dies hatte er bei Gründung der Genossenschaft zur
Bedingung
gemacht. Auf seine Vorstellung ließ man auch den großen
Bogen
der Au bei der Schleuse bestehen. So liegen die Auwiesen der
Rühmannschen
Hufe noch heute direkt beim Hause und werden nicht, wie dies bei den
anderen
Wiesen der Fall ist, durch die Au zerstückelt. Die Heuerträge
der Wiesen waren in den ersten Jahren nach ihrer Fertigstellung - trotz
der hohen Kosten und Lasten - sehr gering, und mancher Bauer wäre
seine Wiesen gerne wieder los gewesen. Doch recht bald steigerten sich
die Erträge.
Die Wiesen im Bachholz konnten nunmehr als Weide benutzt
werden. Die
Landwirtschaft, ganz besonders die Viehzucht, blühte auf.
In früheren Zeiten wurde das Vieh der Gemeinde durch
den Kuhhirten
gehütet und zwar Kühe und Jungvieh getrennt. Außerdem
bestand
in jedem Ortsteil eine Dorfschäferei. Die Schafweiden wurden nach
Auflösung der Schäfereien als letzte
Flurgemeinschaften
ums Jahr 1850/60 aufgeteilt. Der Schafstall in Barl stand auf der
Koppel
des Bauern Reimers und ist im Jahr 1860 niedergebrannt (jetziger
Besitzer
der Koppel: Hahn - Schwarzkopff). Bei diesem Feuer verbrannten viele
Schafe.
Der Schäfer, der den Brand durch seine Fahrlässigkeit mit
seiner
"Funsel" verursacht haben soll, wurde wahnsinnig. Der Schafstall des
Ortsteiles
Föhrden stand auf dem "Scheeberkamp", hinter Steffens - Krohns
Garten
am Staugraben. Als man die Wolle spottbillig aus dem Ausland,
insbesondere
aus Australien, beziehen konnte und die Schafzucht nicht mehr lohnend
war,
wurde auch diese Schäferei stillgelegt, der Schafstall
abgebrochen,
die Ländereien verteilt.
[156] Der Schäfer war ein Angestellter der Bauern, der
Lohn bestand
in freier Wohnung, etwas Ackerland ("Scheeberkamp"), freie Weide
für
etliche Schafe und einem festen Gehalt. Außerdem strickte der
Schäfer
Handschuhe und Strümpfe, die mit Vorliebe gekauft wurden. Der
Schäfer
war der Tierarzt des Dorfes. Wenn ein Pferd oder eine Kuh erkrankten,
wurde
der Schäfer geholt, der die Krankheit feststellte und dann von
seiner
aus selbstgepflückten einheimischen Heilkräutern
hergestellten
Arznei verordnete. Der Schäfer galt als "kluger Mann" und wurde
daher
von jedermann geehrt und geachtet. Über die Geschichte der Heimat,
von Märchen und Sagen konnte der Schäfer im vertrauten Kreise
stundenlang erzählen.
Am 10. November jeden Jahres, am sogenannten "Martini",
kamen die Bauern
zusammen, rechneten ab und teilten den Gewinn. Der "Schulmeister" nahm
an dem Feste als Rechnungsführer teil. Dieses Fest wird noch heute
gefeiert.
Der Viehbestand einer Vollhufe war in früheren Zeiten
nur gering:
vier Arbeitspferde, zwei Fohlen, bis 25 Stück Hornvieh -
Kälber
und Jungvieh eingerechnet -, fünf bis acht Schweine, 25
Hühner
und 20 bis 60 Gänse bildeten das ganze lebende Inventar einer 100
Hektar großen Vollhufe.
Wie bereits eingangs erwähnt, erfolgte im Jahre 1781
die Aufteilung
der Flurgemeinschaften (Äcker und Wiesen) nach der Anzahl der
Vollhufen
durch das Los. Bei der Verteilung bekam somit jeder Bauer guten und
schlechten
Boden. Daher liegen die Koppeln der Bauern in der ganzen Gemarkung
zerstreut,
jedoch immer in derselben Reihenfolge - so z.B. ist in Barl immer die
Reihenfolge:
Kruse, Böge, Harder, Reimers. Die einzelnen Koppeln wurden
eingewallt,
und der Wall wurde mit einem Knick bepflanzt. Der Knick gen Westen
gehört
in der Regel zum Grundstück. Durch Gräben wurde die Koppel in
Stücke eingeteilt. Das Wasser leitete man durch künstliche
Entwässerungsgräben
in die Au. Der Stapelkamps-beeck und der Mühlenbeek sowie der
Grenzgraben
zwischen den Gemarkungen Föhrden Barl und Weddelbrook im
"Bargholz"
sind solche damals angelegten Entwässerungsgräben. Vorher
wälzten
[157] sich die Wassermassen über "Herrenholz" und "Bargholz" und
flossen
dann über Hingstheide / Wulfs-moor in die Bramau. Nach der
Aufteilung
der Flurgemeinschaften konnte die Landwirtschaft aufblühen; denn
nunmehr
hatte jeder Bauer Interesse an der Verbesserung seines eigenen Grund
und
Bodens.
Während sich im Ortsteil "Barel" die Vollhufen bis zum
Jahre 1900
in ihrer vollen Größe erhielten, haben die Vollhufen in
Föhrden
nicht nur häufig ihren Besitzer verändert, sondern es wurden
Ländereien ver- und gekauft, ja sogar ganze Vollhufen zerschlagen.
Die Hauskoppel des Bauern J. Karstens und der Besitz des Bauern
Johannes
Rühmann gehörten ursprünglich zur Vollhufe Steffens.
Kock
- Johannsens Besitz und die Landstelle der Witwe Thies entstammen der
Krohnschen
(jetzt A. Feil) Vollhufe. 1896 wurde die Vollhufe J. Runge (jetzt
Kröger)
parzelliert. Abbauten: H. Keltings (ursprünglich als
Gärtnerei
gedacht) und Johannes Behnkes Besitz. Vollhufe Runge zerteilt in zwei
Halbhufen.
Besitzer W. Runge - J. Lohse und Heinrich Runge, Ernst Runge - B.
Feil.
Das Wirtschaftsgebäude der Witwe Thies war einst die Scheune der
Krohnschen
Vollhufe, Karstens Haus die Tagelöhnerkate der Vollhufe Koopmann -
J. Runge (Kröger).
Föhrden und Barl werden seit jeher eine politische
Einheit gewesen
sein und daher auch nur einen "Burvogt" gehabt haben; denn es gibt
innerhalb
der Gemarkung nur eine "Burvogtskoppel" die 1910 als Unland an H. Kock,
Heidekaten, verkauft wurde, jetziger Besitzer ist H. Harbeck.
Da "Rethorn" und "Bargholz", die Wiesen und die Wälder
im "Oster"
und in "Richtung Stellau" gemeinsamer Besitz der Bauern beider
Ortsteile
gewesen waren, wurden die Wiesen im "Oster", "Bargholz" und "Rethorn"
an
alle Vollhufner verteilt. Die Wälder im "Oster" teilten sich die
drei
Barlner Vollhufner - der vierte - Hans Rühmann - erhielt das
"Hinkenholz"
- und der Wald "Richtung Stellau" wurde unter die vier Hufner des
Ortsteils
"Föhrden" verteilt (1850). (Das Lentföhrdener Moor wurde
(laut
Moorbuch Johannes Fock) im Jahre 1812 von der Gemeinde Lentföhrden
gekauft.)
[158] "Das Moor" Richtung Hagen war früher Eigentum der
dänischen
Krone und wurde dann 1866 durch die preußische Regierung
parzellenweise
verkauft. Heinrich Hase kaufte viele kleine Parzellen zusammen und
schuf
so 1908 einen größeren Besitz.
Viele Geräte, mit denen unsere Vorfahren zu
damaligen Zeiten
ihre Arbeit verrichteten, sind uns zum großen Teil völlig
fremd
geworden. Wir finden solche, wenn wir der sogenannten "Rumpelkammer"
eines
alten Bauernhauses einen Besuch abstatten.
An der Wand hängt der Flegel, mit dem
früher das Korn
gedroschen wurde. Die gedroschenen Garben und das lose Stroh wurden mit
der "Gaffel", einer Art Holzforke, ausgeschüttet. Das Korn
reinigte man mit einer selbstgefertigten Holzschaufel, indem
man
das gedroschene Korn damit gegen den Wind warf. Erst seit dem Jahre
1870
findet man bei uns im Dorfe die ersten Kornreinigungsmaschinen, "Stövmöhl"
genannt, die der damalige Lehrer Saggau nach eigenem Entwurf
herstellte.
Das Korn wurde nicht gewogen, sondern mit dem "Spint" und "Hümpen"
gemessen. 4 Hümpen = 1 Spint, 4 Spint = 2 Zentner oder 1 Tonne.
Noch
früher benutzten die alten Bauern sehr oft den Ausdruck "Tonne",
meinen jedoch Doppelzentner. Erst ums Jahr 1880/90 kamen die ersten Dreschmaschinen
auf, die anfangs mit Handbetrieb versehen waren, später durch
einen
"Göpel"
getrieben wurden. Die erste Dampf-Dreschmaschine trat auf dem Besitze
meines
Vaters ums Jahr 1897 in Tätigkeit. Diese ums Jahr 1900 modernsten
Maschinen sind um das Jahr 1934 - als dies geschrieben wurde - schon
wieder
Altertümer.
Auf dem Spinnrad spann meine Großmutter noch
vor 40 Jahren
Wolle und Flachs. Die Fäden sammelte eine Spule. Durch
eine
Haspel
wurden sodann die Fäden abgewickelt und geordnet. Der sogenannte Kratzer
- das ist ein Brett mit etwa 200 - 300 fingerlangen Stahlnadeln -
diente
zum Auskämmen der gewaschenen Wolle.
[159] Als Beleuchtung benutzte man bis zum Jahre
1860/70 in den
Wohnstätten Talglichter und in den Ställen die sogenannte
Funsel.
Die Talglichter wurden an langen Winterabenden aus geschmolzenem Talg
gegossen.
Dabei benutzte man eine Metallform, in die der Baumwolldocht gespannt
wurde.
Die "Funsel" ist eine Blechkanne mit einem Seitenrohr, die durch
Rüböl
gespeist wurde. Als Docht verwendete man meistens getrocknete Binsen.
Aus
dieser Zeit stammen auch die verstellbaren Leuchter und die
Lichtscheren,
die heutzutage geputzt das Gesimse der Stube schmücken.
Die Petroleumlampe, die viele Male verbessert wurde, galt
noch vor 60
Jahren für eine moderne Erfindung, aber nunmehr gehört sie
schon
wieder zu den Altertümern und hat dem elektrischen Licht -
angelegt
in unserem Ort im Jahre 1912/13 - Platz machen müssen.
Zwei Weber hatten in unserem Dorfe noch vor 70 - 80
Jahren vollauf
zu tun, um auf den mechanischen, äußerst primitiven
Webstühlen
mit Handbetrieb die Leinwand zu weben. Auch das beiderwandsche Zeug
wurde
durch die Weber hergestellt. Das Linnen wurde mit der Elle gemessen. Im
Frühling ließ man das Linnen an der Sonne bleichen. Man
bediente
sich des "Linngeeters" und entnahm das Wasser dem "Bleekgraben" vor der
Bleekkuhle.
So ließen sich noch viele andere Altertümer
aufzählen.
In dieser oder jener alten Bauernfamilie unseres Dorfes findet man
nicht
selten diese oder jene Altertümer, auf deren Wert nicht genug
hingewiesen
werden kann, und ganz besonders dann, wenn es sich um uralte
Familienandenken
handelt.
Sie erzählen uns aus der Geschichte unserer Vorfahren
und wie diese
vor etwa 1.000 Jahren lebten.
[160] Wege und Verkehrsverhältnisse in
früheren Zeiten.
Die Wege- und Verkehrsverhältnisse in der "guten alten
Zeit" waren
die denkbar schlechtesten. Da die Flüsse vielfach
unüberwindbare
Schwierigkeiten bereiteten, führten die Hauptverkehrswege
über
den Mittelrücken. So führte z.B. eine wichtige
"Landstraße"
von Bramstedt über das Herrenholz Richtung Stellau nach Itzehoe,
eine
andere über die Lutzhorner Heide, Weddelbrook, durch die "Fuhrt"
unseres
Dorfes, über "Heidekaten" nach Kellinghusen und dann weiter nach
Rendsburg.
Überall in der Heide u.a. auch in der Heide am Quarnstedter Weg,
sah
man noch um das Jahr 1800 eine ausgefahrene Wagenspur neben der
anderen.
Auch führte schon in früheren Jahrhunderten eine Straße
(jetzt Chaussee) durch das "Hinkenholz" nach Bramstedt, doch war diese
meistens für Wagen unpassierbar, wurde durch Bäche
überrieselt
und die Fußgänger mußten, wie mir alte Leute
erzählten,
von einem Stein zum anderen springen. Auf diesen Wegen fuhren die
Kaufleute
mit ihren Planwagen von Dorf zu Dorf, kauften Eier, Butter, Wolle usw.
oder tauschten diese Waren gegen Kolonialwaren ein. Diese sogenannten
"Butterhändler"
beförderten meistens auch die Briefe. Ums Jahr 1850 wohnten in
unserem
Dorfe noch zwei solcher Händler, die wöchentlich mit "Pferd
und
Wagen" nach Hamburg fuhren, nämlich Jochim Krohn und Kröger
(jetziger
Besitz A. Feil, Fr. Fölster).
Nachdem die erste Kunststraße gebaut (1830 - 1833) und
die Eisenbahnlinie
Kiel / Altona 1844 eröffnet wurde, schritt man im Jahre 1850 zum
Ausbau
der Chaussee Bramstedt - Wrist. Die Bauern von Föhrden Barl
mußten
zum Ausbau dieser Straße innerhalb der Gemarkung das Land und
Material
zur Verfügung stellen und 200 M in bar zahlen. Der damalige
Burvogt
Jochim Krohn, der als Butterhändler sicher großes Interesse
an dem Ausbau gehabt hat, ließ Kies und Sand (Kies) auf dem
Studt'schen
Grundstück - Wrister Kamp - und der Hauskoppel von G. Steffens
sieben.
Viele Bauern und Arbeiter fanden beim Straßenbau eine lohnende
Beschäftigung.
Nach Fertigstellung der Chaussee blühte der Verkehr
auf, sogar
die [161] Bauern aus dem Kirchspiel Kaltenkirchen verfrachteten ihre
landwirtschaftlichen
Produkte in Wrist und brachten alsdann vielfach Kunstdünger oder
Futtermittel
wieder mit zurück. Im Jahre 1879 eröffnete der Weber Casten
Blöcker
an der Chaussee eine Gastwirtschaft, in der sehr bald reger Betrieb
herrschte.
Von Bramstedt nach Wrist verkehrten damals täglich
mehrmals zwei
Omnibuslinien, die Personen und Post beförderten. Hans
Kröger,
seit 1854 Omnibuskutscher, heiratete 1868 die Tochter des Bauern Mus
von
Heidekaten und ließ sich in unserem Dorfe als Bauer nieder. Die
mit
Pferden bespannten Omnibusse stellten im Jahre 1913 den Verkehr ein,
der
seit dieser Zeit durch Verkehrsautobusse aufrecht erhalten wird.
Die Chaussee nach Hagen wurde im Jahre 1913 ausgebaut.
Da der Kreis Segeberg wenig erschlossen war, plante man 1913
den Bau
einer Bahn von Lübeck nach Wrist. Die Gemeinde beschloß
damals,
den Bau der Eisenbahnlinie zu unterstützen und für 20.000 M
Aktien
zu übernehmen, wenn die Gemeinde eine Bahnstation in unmittelbarer
Nähe des Dorfes erhalten würde. Wegen Ausbruch des
Weltkrieges
1914 und anderer unüberwindbarer Schwierigkeiten, gelangte das
Projekt
nicht zur Ausführung.
Um das Jahr 1856 wurde der "Damm", der bereits als
Fußsteig durch
das Wiesental führte, erhöht und verbreitert, so daß er
auch mit Pferd und Wagen befahren werden konnte. Bis dahin stand bei
dem
Bauern Böy (jetzt H. Harbeck) stets ein Pferd bereit, auf dem die
Fußgänger gegen Bezahlung durch die Au ritten. Das treue
Tier
kehrte alsdann führerlos wieder in seinen Stall zurück. Im
Jahre
1856 wurde, nach Fertigstellung des Dammes, die erste hölzerne
Brücke
gebaut, die allerdings bereits 1871 erneuert werden mußte -
Bauherr
Zimmermeister Lohse, Weddelbrook. Wegen Überlastung, die Bau und
Unterhaltung
der Brücke brachten, wurde der Gemeinde erlaubt, Brückengeld
zu heben. Noch im Jahre 1909 stand auf jeder Seite der Brücke eine
Tafel mit der Aufschrift: "Brückengeld! Je Pferd 10 Pf., je Kuh 5
Pf, je Schaf 2 Pf.". Das Brückengeld wurde von dem jeweiligen
Besitzer
an der Brücke erhoben und [162] an die Gemeinde abgeliefert. Im
Jahre
1909 wurde die unpassierbar gewordene, morsche hölzerne
Brücke
abgebrochen und die jetzige massive Brücke für 8.400 M durch
die Bauunternehmer Bartels und Lindemann in Wrist gebaut. Der im Jahre
1910 beschlossene chausseemäßige Ausbau der Landstraße
Föhrden Barl - Weddelbrook wurde bisher nicht erledigt.
Dagegen wurde der Ausbau der Dorfstraße nach
Überwindung
großer Schwierigkeiten endlich im Jahre 1920 zunächst bis
Thies
und H. Runge - jetzt B. Feil - und wenige Jahre später bis
Johannsen,
Steffens und H. Rühmann durchgeführt, so daß im Jahre
1934
sämtliche Dorfstraßen chausseemäßig ausgebaut
waren.
Im Jahre 1920 wurde auf dem Dreiangel vor dem "Schulenbrook" das
Kriegerdenkmal
für die Gefallenen des Weltkrieges 1914/18 errichtet.
Nachdem im Jahre 1929 die Strecke Bramstedt - Itzehoe als
Teerchaussee
ausgebaut wurde, hat der Autoverkehr rapide zugenommen. Bereits im
Jahre
1930 verkehrten auf dieser Strecke bei gutem Wetter stündlich 40 -
60 Autos. Schon mehrfach wurde mit der Gemeinde und dem Gastwirt
Blöcker
sowie dem Bauern Reimers wegen Beseitigung der Kurve verhandelt, leider
bisher ergebnislos.
Bereits im Jahre 1939 wurden diverse Linien für die
geplante Autobahn
in unserer Gemarkung aus"gebakt". Ob die Linienführung
endgültig
ist, soll noch entschieden werden. Vorläufig sind wegen des
ausgebrochenen
Krieges die Arbeiten eingestellt.
Noch vor reichlich 50 Jahren führten durch unsere
Gemarkung undenklich
viele "Rechtsteige", die die Bestellung der Felder erschwerten und
für
die ganze Wirtschaft große Nachteile darstellten. So führte
z.B. ein Steig von Fölsters Kate durch die Wiesen nach
Weddelbrook,
den ich als Junge oft passierte. Andere Rechtsteige gingen nach der
Hagener
Grenze, nach dem Bargholz, nach Hitzhusen, nach der Schule usw. Im
Laufe
der Jahre sind diese Steige nach und nach eingegangen und nur noch ganz
vereinzelt vorzufinden.
[163] Das alte Föhrdener Bauernhaus.
Die alten, mit Stroh gedeckten Bauernhäuser werden seit
dem Jahre
1900 immer seltener. Eines der schönsten derselben wird im Jahre
1927
- Besitzer Wilhelm Runge - Johannes Lohse - abgebrochen und muß
einem
Neubau weichen.
Das alte Föhrdener Bauernhaus mit seinen
getäfelten Wänden
hat die Form eines Rechtecks. Durch die "große Tür" betreten
wir die große Diele, die den größten Teil des Hauses
einnimmt
und hauptsächlich zum Dreschen benutzt wird. Hier hört man im
Winter von morgens früh bis abends spät das Geklapper der
Dreschflegel.
Auf der einen Seite der großen Diele, die aus Lehm hergestellt
ist,
befindet sich der Kuhstall. Das Vieh wird von der Diele aus
gefüttert
und nach beendeter Fütterung werden die mächtigen
"Kuhklappen"
geschlossen. Auf der anderen Seite der Diele liegen die beiden
Pferdeställe,
zwischen denen sich meistens eine sogenannte Häckselkammer
befindet.
In Verlängerung der Ställe finden wir die Kammern für
die
Knechte und Mägde. Über den Kammern und Ställen befinden
sich die "Hilgen". Der mächtige Boden mit mehreren Luken dient zur
Lagerung des Korns und des Rauhfutters. Unter der Decke der
großen
Diele hängen Wurst, Speck und Schinken, die von der Küche aus
geräuchert werden. Bauernhäuser mit Schornsteinen treffen wir
erst seit dem Jahre 1860/70 an.
Von der Großen Diele aus gelangen wir in die Wohnung
der Bauernfamilie.
Zwischen den beiden Stuben liegt die mit Feld- oder Ziegelsteinen
gepflasterte
Küche mit dem "deutschen Herd", über dem sich der mit
Ruß
geschwärzte "Schwiebogen" wölbt. An einer langen
verstellbaren
Kette hängt ein großer "Schmorgrapen". Über der
Feuerstelle
steht der Dreifuß, auf dem die Pfanne steht, in der
Bratkartoffeln,
Klöße usw. gebraten werden. Von der Küche aus wird auch
der große Beilegeofen der Stube geheizt. Der Rauch zieht durch
die
Diele hin ab. Auf den Wandborden der Küche stehen Grapen und
Töpfe
sowie Teller und Küchengeräte.
[164] Betreten wir nunmehr von der großen Diele aus
die Wohnstube.
Die saubere Lehmdiele derselben ist mit hellem weißen Sand
bestreut.
Die Ruten der einzelnen Fenster sind mit Blei eingefaßt. Die
Wände
der Stube sind getäfelt und recht oft mit Schnitzereien oder
Malereien
versehen und enthalten meistens mehrere Wandschränke, die Kleidung
und Wäsche der Familie bergen. Die Wandbekleidung birgt eine von
Künstlerhand
angefertigte Wanduhr, die durch zwei Bleigewichte getrieben wird. In
die
Wandbekleidung sind meistens die Schlafstätten, sogenannte
"Kupbetten",
die durch Schiebetüren verschlossen werden können, eingebaut.
In der Stubentür befindet sich ein ovales "Kiekfenster", durch das
der Bauer jederzeit seine Arbeiter auf der großen Diele
unauffällig
beobachten kann. In der Ecke der Stube stehen zwei Spinnräder und
eine Haspel, an denen noch nach beendeter Tagesarbeit bis 9.00 Uhr
abends
die Hausfrau und die Töchter und Mägde Flachs oder Wolle
spinnen.
Um den mächtigen Eichentisch versammeln sich zu den
Mahlzeiten
und am Abend nach beendeter Arbeit die Hausgenossen, die eine
Volksgemeinschaft
im wahren Sinne des Wortes bilden. Eine Zierde der Stube ist eine
mächtige
eichene Truhe mit kunstvoller Schnitzerei und den Buchstaben AK 1747;
eine
Mitgift der Bauerntochter Anna Karstens, die in diesem Jahre heiratete.
Unsere Aufmerksamkeit erweckt außerdem noch der große
Beilegeofen,
auf dessen gußeisernen Platten wir folgende biblische Bilder
erblicken:
1) "Salomo als Richter" und 2) "Moses errichtet die eherne Schlange".
Die
Vorderplatte zeigt das Bild eines Mannes mit einer Waage in der Hand -
das Zeichen von Recht und Gerechtigkeit. Auf der Vordiele, die ums Jahr
1880 durch eine Quermauer von der "großen Diele" abgetrennt
wurde,
stehen zwei große mit Eisenverzierungen beschlagene Koffer, die
das
selbstgefertigte Linnen, die Mitgift der beiden Töchter, bergen.
Wir verlassen das Bauernhaus aus der "Blangdör"
(Seitentür),
über der in einem Balken folgende Inschrift zu lesen ist: Johann
Karstens
- Magdalena Karstens - 15. Maives, Anno 1802, also die Namen der
Erbauer
dieses stattlichen Bauernhauses.
Unter dieser Inschrift steht der Spruch: "Wer ein- und
ausgeht durch
die Tür - der soll bedenken für und für - daß
unser
Heiland Jesus Christ - die rechte Tür zum Leben ist." [165] Vor
dem
Bauernhaus liegt ein gepflegter Zier- und Gemüsegarten und daneben
eine mit Stroh gedeckte mächtige Scheune, die Futtervorräte
für
das Vieh und Ackergeräte sowie Wagen birgt. Außerdem stehen
unweit des Bauernhofes die Altenteiler- und eine Tagelöhnerkate.
Das Bauerngehöft wird von uralten Eichen umgeben.
Die massiven, meistens mit Pappe gedeckten neuzeitlichen
Bauernhäuser
sind ohne Frage bedeutend praktischer eingerichtet, doch verunzieren
sie
nicht selten das Landschaftsbild und zeugen von geringem
Schönheitsgefühl
ihres Erbauers. Die Wohnräume, die recht oft von den
Wirtschaftsgebäuden
getrennt liegen, zeigen die modernsten Einrichtungen. Das ums Jahr 1850
moderne, kunstvolle "Vertiko" und die "Kommode" haben dem Buffet und
dem
"Kredenz" Platz machen müssen. Auf dem lackierten Fußboden
liegen
schwere Teppiche und vor den Fenstern hängen wertvolle Gardinen.
Die
"beste Stube" mit ihrem scheinbar wertvollen Mobiliar darf hier und da
fast während des ganzen Jahres kaum betreten werden! - Welch ein
Unsinn!
Der Beilegeofen hat einem Kachelofen und dieser wiederum einer
Dampfheizung
Platz machen müssen. Die Petroleumlampe wird durch das elektrische
Licht ersetzt, die Hausfrau plättet und kocht elektrisch! In der
Wirtschaft
hat der Motor den Sieg davongetragen. Moderne praktisch einge-richtete
Wirtschaftsgebäude und Viehställe verdrängen die "alten
schönen Baulichkeiten" immer mehr.
So ändern sich in wenigen Jahrzehnten die Zeiten!
(1940. Mohr.)
[166] Führende Männer unserer Gemeinde
während
der letzten 100 Jahre.
Anhand des alten "Rechnungsbuches für die Schule in
Föhrden
Barl, angefangen 1836", ist es mir möglich geworden, die
führenden
Männer unserer Gemeinde während der letzten 100 Jahre
festzulegen.
Wie mir der Bürgermeister mitteilt, sind ihm bei seinem
Amtsantritt
im Jahre 1934 weder Bücher mit der jährlichen
Gemeinderechnung
noch Gemeindebeschlüsse der früheren Jahre übergeben
worden.
Der Leiter der Gemeinde Föhrden Barl wird bis zum Jahre
1870 "Burvogt",
von 1870 - 1898 "Ortsvorsteher", von 1899 - 1934 "Gemeindevorsteher"
und
seit 1934 "Bürgermeister" genannt. Als folgende werden
aufgeführt:
1836 - 1845 Paul Rühmann, Vollhufner in Barl,
1846 - 1849 Hinrich Steffens, Vollhufner in Föhrden, (starb 1850),
1850 - 1858 Jochim Krohn, Vollhufner in Föhrden, (Hof A. Feil)
Im Jahre 1854 wurde die Straße Bramstedt -
Wrist, die
vollständig durch unsere Gemarkung führt,
chausseemäßig
ausgebaut. Die Gemeinde stellte Grund und Boden zur Verfügung,
zahlte
200 Mark in bar und lieferte das erforderliche Material. (S. 160). Der
"Damm" durch das Bramautal wurde aufgeschüttet und über die
Au
wird die erste hölzerne Brücke erbaut (1856). 1857 wurde das
neue Schulhaus in Barl durch den Zimmermeister Burmeister aus Bramstedt
für 2.405 Reichstaler gebaut, worauf die beiden alten
Schulhäuser
im Jahre 1858 für 1.098 Reichstaler und 64 Groschen an den
Schuster
Hartmann Stühmer - jetzt Plambeck - und den Arbeiter Hartmann -
Nachfolger
Hans Theegen, Johann Mohr, Heinrich Zornig, Abbruch 1937 durch H.
Reimers
- verkauft wurden. Bemerkung 1 Reichstaler = 3 Silbermark oder 36
Groschen
und 1 Groschen = 4 Schilling. Den Bauplatz für das neue Schulhaus
stellte der Vollhufner Johann Fock von seinem Garten kostenlos zur
Verfügung.
Aus dem langjährigen Wirken als Leiter der
Gemeinde und
seiner fortschrittlichen Tätigkeit ist zu erkennen, daß
dieser
"Burvogt" innerhalb der Gemeinde am rechten Platze stand.
[167]
1859 - 1861 Hans Rühmann, Vollhufner in Barl,
1862 - 1864 Johann Fock, Vollhufner in Barl, (Hof H. Schnack),
1865 - 1869 Jacob Koopmann, Vollhufner in Föhrden, (Hof J.
Kröger),
1870 - 1874 Hans Rühmann, Vollhufner in Barl.
Neubau der Holzbrücke über die Bramau
durch Zimmermeister
Lohse, Weddelbrook. Das "Moor" wurde parzellenweise verkauft. Die vier
Vollhufner hatten die Absicht, sich das Ödland, welches zum Teil
bereits
durch "kleine Leute" urbar gemacht worden war, zu teilen. Durch die
Regierung,
bei der Beschwerde erhoben war, wurde nun festgestellt, daß der
dänische
König rechtmäßiger Besitzer und das Land somit an den
preußischen
Staat gefallen sei - wurde nunmehr eine Parzellierung verfügt.
Einige
"kleine Leute" mußten ihren bereits urbar gemachten Grund und
Boden
nochmals bezahlen.
1875 - 1881 Hinrich Steffens, Vollhufner in Föhrden, (starb
...., Hof Krohn),
1882 - 1887 Markus Runge, Vollhufner in Föhrden,
1888 - 1895 Johannes Runge, Vollhufner in Föhrden.
Errichtung einer Zwangsfeuerwehr. Spritze und
Uniformen zahlte
der Junggeselle J. Runge aus seiner Tasche. Runge soll nur selten
Steuern
erhoben haben.
1896 - 1897 Hinrich Steffens, Vollhufner in Föhrden.
Er war beliebt bei jung und alt, und seine derben
Aussprüche
haben sich im Volksmund bis auf den heutigen Tag erhalten. Steffens war
von 1889 bis 1902 Amtsvorsteher des Amtsbezirkes Weddelbrook.
1898 - 1911 Markus Studt, Halbhufner in Barl - jetziger Besitzer
Johs. Harbeck.
1909 Bau der massiven Brücke über die
Bramau (S.
160).
1910 chausseemäßiger Ausbau der Landstraße
Föhrden
- Weddelbrook beschlossen - nicht ausgeführt.
1911 - 1919 Jochim Kelting, Setzwirt der Reimerschen Vollhufe.
1911 Neubau des Schulhauses (S. ...)
1913 Ausbau des elektrischen Lichtnetzes
1919 - 1921 Karl Feil, Halbhufner in Föhrden.
Chausseemäßiger Ausbau des "Dammes"
bis Thies und
H. Runge. Bau des Kriegerdenkmals (Kolbe, Itzehoe.)
[168]
1921 - 1922 Markus Studt, Rentner in Föhrden Barl, (gestorben
im Frühjahr 1922).
1922 - 1934 Wilhelm Runge, Halbhufner, später Rentner in
Föhrden
Barl.
Der chausseemäßige Ausbau der
Dorfstraße bis
Johannsen, Steffens und Hr. Rühmann wird fortgesetzt. Ausbau des
elektrischen
Ortsnetzes bis Johannsen und Seider.
1934 - 1943 Albert Feil, Halbhufner Föhrden Barl,
der nicht gewählt, sondern auf Vorschlag der
Ortsgruppe
der N.S.D.A.P. zum Bürgermeister der Gemeinde ernannt wurde.
1943 - 1945
Nachdem der Bürgermeister Feil zur Wehrmacht
(Wachmann
in Hasenmoor und Föhrden Barl) eingezogen ist, wird der
Ortsgruppenleiter
der N.S.D.A.P. zum kommissarischen Bürgermeister der Gemeinde
ernannt
und vereinigt damit alle Gewalt in seiner Hand. Er regiert und herrscht
wie ein allmächtiger König und erwirbt sich dadurch die
Feindschaft
vieler Ortsbewohner, Flüchtlinge und Evakuierter. Verhaftung durch
Militärregierung. Internierungslager Gadeland.
1945 - ....
Heinrich Harbeck wird von der
Militärregierung als Bürgermeister
eingesetzt. Hoffentlich wird es ihm gelingen, das sinkende Schiff in
den
sicheren Hafen zu bringen. Gemeinderat wird ernannt: 12 Mitglieder,
davon
4 Frauen. Z.Zt. sind ca. 150 - 160 Flüchtlinge in der Gemeinde
untergebracht.
[169] Wie die Gemeinde den Weltkrieg miterlebte,
berichtet
von Lehrer W. Mohr.
Schon seit Jahren wird die Spannung unter den
europäischen Staaten,
verursacht durch die Einkrei-sungspolitik Englands, immer
größer.
Eine schwüle Gewitterstimmung ruht über ganz Europa. Mit
ban-ger
Vorahnung auf eine ernste, schwere Zeit, vernehmen wir die Ermordung
des
österreichisch-ungari-schen Thronfolgers, des Erzherzogs Franz
Ferdinand
am 28. Juni 1914 in Sarajewo. Mit Spannung werden die Verhandlungen
zwischen
den Großmächten verfolgt, bis Deutschland, herausgefordert
durch
die russischen Heeresansammlungen an der deutschen Ostgrenze, am 1.
August
die "allgemeine Mobilmachung des deutschen Heeres" anordnet, der 2.
August
ist der erste Mobilmachungstag.
Ich verlebe meine Ferien in Bad Bramstedt. Die ganze
Bevölkerung
ist in Erregung! In Gruppen stehen die Volksgenossen auf den
Straßen,
und an ihren ernsten Gesichtern und bangen Fragen ersieht man den Ernst
der Lage. Extrablätter der Bramstedter Nachrichten bringen die
wichtigsten
Meldungen, und wie ein Lauffeuer geht es noch in später
Abendstunde
von Mund zu Mund: Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt.
Auf dem Bleek erschallen die ersten "Böllerschüsse". Um
durchfahrende
Automobile kontrollieren zu können, wird auf der Brücke eine
"Kettensperre" angebracht. Auf dem Marktplatz sammeln sich hunderte von
Menschen und singen Vaterlandslieder. Pastor Hümpel besteigt den
Roland
und hält eine zu Herzen gehende patriotische Ansprache, die mit
dem
Deutschlandliede und einem Hoch auf Kaiser und Reich endet. In der
Kirche
werden die ins Feld ziehenden jungen Krieger einsegnet. Bis spät
in
die Nacht sind sämtliche Gaststätten bis auf den letzten
Platz
gefüllt. Freunde nehmen Abschied, Kinder reichen dem Vater -
vielleicht
zum letzten Male - die Hand; denn schon am nächsten Morgen in
aller
Frühe fahren die ersten Krieger fort, um sich in Neumünster,
Segeberg oder Altona ihrem Truppenteil zur Verfügung zu stellen.
Bei meiner Ankunft in Föhrden Barl, wohin ich am
nächsten
Tage zurückeile, haben die ersten Soldaten unseren Ort bereits
verlassen.
In Bramstedt findet im "Buten Dor" die erste Pferdemusterung statt. Das
verbleibende Pferdematerial ist so minderwertig, daß es schwer
halten
wird, die vor der Tür stehende Ernte zu bergen.
[170] Der Eisenbahnverkehr ist für Zivilpersonen
gesperrt, und
nicht weniger als etwa 120 Eisenbahnzüge, beladen mit
Geschützen,
Soldaten usw. rollen täglich durch Wrist nach der Front. Wir eilen
täglich mit Erfrischungen und Butterbroten an die Züge, um
unseren
Soldaten eine Freude zu bereiten. Die Eisenbahnwagen sind mit
Zeichnungen
und Aufschriften bemalt, die zeigen, mit welcher Begeisterung unsere
Krieger
für die heilige Sache kämpfen werden. Am 3. August zieht der
erste größere Pferdetransport an der Schule vorbei. Als
einer
der Reiter begrüßt mich der Bauer Johannes Karstens von
hier.
Von Vaterlandsliebe beseelt, bitte ich die Regierung, meine
Unabkömmlichkeit
aufzuheben, damit ich meine Pflicht an der Front erfülle. Die
Behörde
lehnt meine Bitte mit der Begründung ab, daß ich meine
Pflicht
in der Heimat zu tun hätte.
Groß ist die Begeisterung und der Opfersinn der
Schuljugend. Sie
gibt am liebsten alles her, um das Los unserer Krieger zu erleichtern,
um dem Vaterlande durch Opfer zu dienen. Die Reisekasse wird zur
Verfügung
gestellt, um Wolle zu kaufen, und in den Handarbeitsstunden und in der
Freizeit werden Strümpfe gestrickt oder anderweitige Wollsachen
angefertigt.
217,60 RM werden für das Rote Kreuz gespendet und über 100 RM
den vertriebenen Ostpreußen überreicht. Zu Weihnachten
werden
den 15 eingezogenen Kriegern unserer Gemeinde Pakete mit Wollsachen,
Pfeifen,
Tabak usw. und von Kinderhand geschriebene Weihnachtsbriefe
übersandt.
15 Paar Strümpfe wurden außerdem noch der kirchlichen
Frauenhilfe
- dem Roten Kreuz - zur Verfügung gestellt. Wie gern geben die
Kinder!
Der eine bringt eine Kiste Zigarren, der andere zehn Schachteln
Zigaretten,
ein dritter Kautabak oder mehrere Pfeifen. Es ist eine Freude, diese
Zeit
als
Leiter einer kleinen Landschule verleben zu dürfen. Bald laufen
die
ersten Dankschreiben ein, und an jeden Morgen werden Briefe und Karten,
die die Kinder erhalten, vorgezeigt und verlesen.
Wie leuchten die Augen der Kinder, wenn Kriegsmeldungen
eintreffen und
wenn nach kurzen Schulfeiern die Kinder die Schule wieder verlassen
können.
[171] 1915. Trotz Mangel an Arbeitskräften wird das
Land in gewohnter
Weise bestellt. Größere Kinder, bejahrte Männer und
insbesondere
unsere Frauen verrichten Arbeiten, zu denen sie in anderen Zeiten kaum
fähig gewesen wären. Leider richtet die anhaltende Dürre
im Frühjahr und Sommer 1915 großen Schaden an. Während
der Ernte setzt alsdann ein langanhaltender Landregen ein, so daß
das Korn zum großen Teil schlecht geborgen wird. So wird die
Ernte
des Jahres 1915 eine völlige Mißernte. Weihnachten 1915 sind
- bei einer Einwohnerzahl von 200 - 34 Militärpflichtige zum
Heeresdienst
einberufen. Auf Veranlassung des Lehrers wird innerhalb der Gemeinde
eine
Geldsammlung durchgeführt, die 101 RM erbringt, und jedem Soldaten
kann ein schönes Weihnachtspaket u.a. 19 Paar Strümpfe, ins
Feld
geschickt werden.
1916. Gelegentlich der Schlacht am Skagerak am 31. Mai 1916,
in der
es der deutschen Flotte gelingt, über die weit überlegene
englische
Flotte einen Sieg davonzutragen, wird seitens der Behörde eine
Schulfeier
angeordnet.
Im Herbst 1915 und Frühjahr 1916 macht sich eine
allgemeine Teuerung
bemerkbar, von der jedoch unsere Landbevölkerung, die von den
Erzeugnissen
der Landwirtschaft lebt - und Kleidung gegen diese eintauscht - wenig
und
gar nicht betroffen wird. Zu Beginn bzw. vor Ausbruch des Krieges
kosteten
die Waren s. Tabelle, stiegen dann: s. Tabelle
Ein Zentner Schweine Lebendgewicht 45 RM - 150 Mark. Die
Regierung setzt
Höchstpreise fest: 60 - 114 Mark je Zentner.
Rinder je Zentner 40 Mark - 120-130 Mark, Ei 5 Pfennig - 24
Pfennig,
ein Pfund Wolle 3-4 Mark - 11 Mark, ein Pfund Kaffee 1,20 Mark - 4
Mark,
ein Pfund Seife 23 Pfennig - 2 Mark, 1,5 Zentner Gerstenschrot 10 Mark
- 75 Mark, Ochsenfleisch 60 Pfennig - 2,50 Mark, ein Pfund Butter 1,20
Mark - 8 Mark. Die Regierung ist, um die Unzufriedenheit der
Verbraucher
zu beseitigen, genötigt, Höchstpreise (Kartensystem)
festzusetzen:
Kartoffeln Zentner 7 Mark, Butter je Pfund 2,50 Mark, Roggen je Zentner
11 Mark, Hafer 18 Mark, Buchweizen 30 Mark, Hasen je Stück 3,50
Mark,
Rehfleisch ½ kg 0,70 Mark usw. Um die Hühner mit Futter
zu versorgen, wird seitens der Schule eine Ährenlese
durchgeführt.
Gesammelte Mehlbeeren, aus denen Kaffeeersatz hergestellt werden soll,
werden der Reichsstelle übersandt (Zentner 10 Mark).
1917. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten werden immer
größer.
Im Winter 1916/17 [172] werden die Kartoffeln äußerst knapp,
so daß Steckrüben in ungeheuren Mengen als menschliche
Nahrung
Verwendung finden. Die sogenannten "Hamsterfahrten" der
Großstädter
auf das platte Land nehmen immer mehr zu.
Um den Schleichhandel zu unterbinden, muß die Gemeinde
im Frühjahr
1918 11.500 Stück Eier (je 25 Pfennig) abliefern, im
Schleichhandel
zahlt man 0,70 Mark.
Mai - Juni 1918. Immer größer wird die Not im
Lande. In Scharen
kommen die Großstädter zu uns aufs platte Land, um Brot und
andere Lebensmittel zu kaufen oder zu erbetteln. Aus den bleichen und
hohlen
Gesichtern ersieht man die Not und das Elend der Großstadt. Die
Unzufriedenheit
der Landbevölkerung, hervorgerufen durch Wucher und Knappheit der
Lebensmittel, durch Falschmeldungen der Presse, wächst
überall
im Lande, und daher schimpft jeder auf den Krieg und auf die Regierung,
der zum großen Teil dieses Elend zuzuschreiben ist.
Juli - Oktober 1918. In der Heimat wütet die sogenannte
"spanische
Grippe" (Unterernährung) und fordert unter Greisen, Kindern und
jugendlichen
Frauen manches Opfer. Um die Verordnungen kümmern sich nur noch
wenige,
der Wucher blüht: ein Hühnerei 1 Mark, ein Pfund Butter
kostet
im Schleichhandel 30 Mark. Schämen sollten sich diese Blutsauger,
von denen es auch in unserer Gemeinde genug gibt und die daher
mitschuldig
sind, den Zusammenbruch unseres einst so starken Vaterlandes
herbeigeführt
zu haben. Der Herbst zieht ins Land, der Friede ist damit nicht
gekommen!
Den Zusammenbruch sieht man mit Riesenschritten nahen!
Die Kinder nahmen an den Zeichnungen der Kriegsanleihen
[teil], z.B.
vierte Anleihe 325 Mark: Bernhard Feil 20 Mark, Paul Rühmann 20
Mark,
Martin Kelting 30 Mark, Albert Feil 20 Mark, Heinrich Rühmann 20
Mark,
Geschwister Kröger 60 Mark, Geschwister Johs. Studt 30 Mark, Emma
Steffens 25 Mark, Geschwister W. Rühmann 60 Mark, Willi Schnack 10
Mark. Zeichnungen auf die fünfte Anleihe 440 Mark, siebente
Anleihe
350 Mark, achte Anleihe 580 Mark.
Als erster Frontkämpfer wird am 22.4.1915 der Arbeiter
Rudolf Fölster
mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse wegen Tapferkeit vor dem Feind
ausgezeichnet
(Schlacht bei Moulin). Wenig später erhält dieselbe
Auszeichnung
der Gefreite Gustav Blunck, Sohn des Arbeiters Wilhelm Blunck, als
Führer
eines Stoßtrupps.
[173] Das Jahr 1918 fordert furchtbare Opfer. Der
Jagdaufseher Wilhelm
Strohbeen verliert in der Frühlings-Offensive seine beiden
Söhne
Walter und Robert (18 und 19 Jahre), die noch vor kurzem meine
Schüler
waren. Beim Rückzuge im Herbst geraten Wilhelm Wolters, Willi
Zornig
und Herrmann Blöcker in französische Gefangenschaft. Der
Bauer
Johannes Schnack ruht, hingerafft durch eine heimtückische
Krankheit
(Blinddarmentzündung), für immer in Frankreichs
blutgetränkter
Erde. Johannes Karstens wird auf dem Rückzuge schwer verwundet, so
daß ihm sein rechtes Bein amputiert werden muß.
Am Morgen des 2. November bricht unter der Marine in Kiel
die Revolution
aus, die sich sehr schnell über ganz Deutschland verbreitet. Am
Morgen
des 2. November ziehen etwa 30 Marineangehörige durch unseren Ort;
Marschrichtung Hamburg. Auf Befragen erklären sie mir, daß
sie
sich von ihrem Truppenteil unerlaubt entfernt hätten, weil ihnen
der
Urlaub verweigert wurde.
Der Eisenbahnverkehr in Wrist stockt. Der Bahnhof wird von
der Marine
besetzt, und auf den Bahnsteigen sind mehrere Maschinengewehre
aufgestellt.
Die Wache, etwa 20 Mann, liegt im Wartesaal 3. Klasse. Ich habe
dringend
in Neumünster zu tun. Auf Bescheinigung der Gemeindebehörde
wird
mir vom Soldatenrat die Benutzung der Eisenbahn erlaubt. Der Zug ist
völlig
überfüllt. Die Mitfahrenden, fast alles heimkehrende
Soldaten,
nehmen auf der Plattform, auf Trittbrettern, ja sogar auf den
Dächern
der Eisenbahnwagen Platz. Der Bahnbeamte macht den Soldatenrat darauf
aufmerksam,
daß der Zug doch vollständig überfüllt sei, doch
die
"Roten" kümmern sich nicht darum und lassen den Zug abfahren. Es
hat
auch alles gutgegangen. - - Die Ereignisse überstürzen sich!
Auch an unserer Gemeinde geht die Revolution nicht spurlos
vorüber.
Nach Vorschrift muß ein sogenannter Arbeiter- und Bauernrat
gebildet
werden. Karl Feil, Heinrich Hahn und Wilhelm Runge werden in den
Bauernrat,
Wilhelm Blunck, H. Zornig und Lehrer Mohr (Schriftführer) in den
Arbeiterrat
gewählt. Aus Bramstedt erscheinen die Bevollmächtigten:
Schatz,
Sovilowski und Borre und ordnen eine Schulfeier an und befehlen die
Hissung
der roten Fahne. Ich lehne dieses Ansinnen mit der Begründung ab,
daß ich nur der Anordnung meiner vorgesetzten Behörde Folge
leiste. Auch der Gemeindevorsteher Kelting, lehnt die Hissung der roten
Fahne ab.
[174] Die Mitglieder des sogenannten Arbeiter- und
Soldatenrates nehmen
die Posten nicht etwa an, weil sie revolutionär eingestellt sind,
sondern einzig, um roten Parteibonzen einen Eingriff in unsere
Gemeindeverwaltung
unmöglich zu machen. Auf Veranlassung des nunmehr eingesetzten
"Rates",
der über große Rechte verfügt, wird zunächst die
Lebensmittelversorgung
innerhalb der Gemeinde geregelt. Getreide- und Kartoffelvorräte
werden
beschlagnahmt und der Großstadt waggonweise zugeführt.
Im Januar 1919 sind die meisten Soldaten von ihren
Truppenteilen entlassen
und in ihre Heimat zurückgekehrt. Der Ort ist festlich
geschmückt.
Am Eingang des Dorfes ist eine Ehrenpforte errichtet. Am 11. Januar
1919
werden die heimgekehrten Krieger in der Gastwirtschaft von Peter
Steenbock
festlich begrüßt. An der gemeinsamen Kaffeetafel nehmen etwa
80 Personen, darunter 34 heimgekehrte Soldaten teil. Lehrer Mohr dankt
in einer Ansprache den heimgekehrten Kriegern im Namen der Gemeinde
für
die großen Opfer, die sie der Heimat gebracht haben. Durch
Vorträge,
Konzert und Gesang wird hinreichend für Unterhaltung gesorgt. Ein
Tanzkränzchen beendet ein schönes Fest, das schönste
Fest
seit langen Jahren.
In treuer Pflichterfüllung starben den Heldentod:
Heinrich Fischer
verm.September
1916 a.d. Somme
Brüder,
Vater
Herrmann Fischer gef.
14.7.1916
Thiepval
Anton Fischer, Kätner
Willi
Fölster
gef. 11.6.1918 Roze
sur
Matz Markus F. Vater
Ernst
Kaack
gef. 12.2.1916 St.
Etiene
Verlobter v.A.Harbeck
Johannes Schnack
gest.31.7.1918
Feldlazarett Stenay V.Peter Schnack,Bauer
Ernst
Seider
gef. 26.9.1915 aux
Boeux
V. Hans Seider, Bauer
Hans
Reimers
gef. 2.10.1915 Kriegslazarett Chauny V. Reimers, Bauer
Wilh.
Steffens
gest.19.6.1915
Champagne
V. H. Steffens, Bauer
Karl
Kock
gef. 25.9.1915 Dolgimar Russland V.
A. Kock, Bauer
Wilh.
Kock
gef. 17.6.1916 Ville de Chammont
"
" "
[175]
Robert Strohbeen gef.
25.3.1918
Favreuil
V. W. Strohbeen,
Walter Strohbeen gef.
16.7.1918
Chery a.d. Marne Jagdaufseher
-----------------------------
Wie unsere Gemeinde die Geldentwertung und den
Ruhrkampf miterlebte.von
W. Mohr. 1923/24.
Nach Beendigung des Weltkrieges sind die Preise der zum
Lebensunterhalt
erforderlichen Produkte sprungweise gestiegen, die Steuern in einem
Maße
emporgeschnellt, die Staatsschulden (Kriegsanleihen) haben eine solche
Höhe erreicht, daß jeder vernünftig denkende Mensch
sich
fragen muß: "Was soll nun werden?" Man spricht von "Teurung", von
"hohen Löhnen", von "Kriegsgewinnen", die Millionen erreichen.
Daß
diese Erscheinungen der Anfang von der größten
Geldentwertung
aller Zeiten werden soll, daran denkt keiner. Im April 1919 verdient
ein
Arbeiter monatlich 300 - 400 Mark, ein Knecht 200 Mark und die Kost.
Manche
Bauern unserer Gegend verkaufen den von ihren Vätern
übernommenen
Hof für Hunderttausende Mark, und schon nach wenigen Monaten
kommen
sie zu der Erkenntnis, daß eine nicht endende Geldentwertung
eingesetzt
hat. Die Preise steigen von Tag zu Tag.
In den Jahren 1919/21 wird die Dorfstraße bis zum
Denkmal chausseemäßig
ausgebaut, wodurch die Gemeinde in eine ungeheure Schuldenlast geriet.
Zwecks Erledigung der Arbeiten hatte die Gemeinde zwei Schubkarren
herstellen
lassen. Aus dem Erlös einer einzigen Karre, die nach Beendigung
des
Straßenbaues verkauft wurde, konnten die Kosten des gesamten
Straßenbaues
begleichen werden.
Den scheinbar hohen Holzpreisen fällt der Rest des
sogenannten
"Hunenholzes" zum Opfer. Der Besitzer Clahsen, Westerhorn, verkauft im
Herbst 1920 den ca. 7 ha großen Waldbestand für 200.000 Mark
an die Stadt Altona. Im Frühjahr 1922 ist das Geld bereits so
entwertet,
daß der Besitzer kaum in der Lage ist, mit dem Erlös einen
kleinen
Teil des Waldbestandes, rechts von der Chaussee an den Auwiesen
belegen,
wieder aufzuforsten.
Im Frühjahr kosten Schweine je Zentner 2.200 Mark, Mais
400 Mark,
ein Pfund Reis 8,50 Mark, Kaffee 70 Mark, Butter 50 Mark, ein ha
Ackerland
bewertet man mit 30.000 Mark. Kartoffeln je Zentner 200 Mark.
[176] Während die Preise für Produkte um das
30-fache gestiegen
sind, folgen Löhne und Gehälter bedeutend langsamer
(10-fach).
Die Not der arbeitenden Bevölkerung, insbesondere jedoch die der
Rentner,
wächst von Tag zu Tag. Viele Rentner überlassen ihr
Grundvermögen
- Haus und Garten - einem Bauern, der ihnen dafür ein Altenteil
auf
Lebenszeit gewährt.
Frühjahr 1923.
Nachdem das deutsche Volk die übernommenen untragbaren Lasten
des Versailler Friedensdiktates nicht mehr aufbringen kann, besetzen
die
Franzosen das Ruhrgebiet. Die Arbeiter leisten passiven Widerstand usw.
Viele Ruhrkinder finden in unserer Provinz Schleswig-Holstein Aufnahme,
davon alleine im Kreis Segeberg 1.200. In unserer Gemeinde nehmen
Heinrich
Hahn zwei, Lehrer W. Mohr und Gustav Blunk je ein Kind aus dem
Ruhrgebiet
auf. Die allermeisten Bauern haben die Schwere der Zeit scheinbar noch
nicht erfaßt! Alle vier Kinder entstammen Bergarbeiterfamilien.
Die
"Ruhrspende" in unserer Gemeinde erbringt: 40 Zentner Roggen und
350.000
Mark in bar. Viele Gemeindemitglieder geben gern und mit Freuden, um
den
Notleidenden im Ruhrgebiet zu helfen, und um sie im Kampf zu
stärken.
Leider sind auch diese Opfer umsonst gewesen.
Sommer 1923.
Die Armut im Volke steigt mit der zunehmenden Geldentwertung. Die
Geschäftsanteile
der Spar- und Darlehnskasse e.G.m.u.H. werden für je Mitglied auf
zwei Milliarden Mark erhöht. Für Geld wird pro Tag 5 - 10 %
Zinsen
berechnet. Die Löhne können bei weitem der schnellen
Geldentwertung
nicht folgen, und viele sozial eingestellte Bauern zahlen den Lohn in
Form
von Sachwerten. Ein Knecht bekommt z.B. monatlich zwei Zentner Roggen
als
Lohn. Die Bauern gehen dazu über, ihre Schweine und Ochsen gegen
Korn
(ein Zentner Lebendgewicht - sechs Zentner Getreide) zu verkaufen.
Papiergeld
bis zum Werte von hunderttausend Mark wird kistenweise als Altpapier an
Produktenhändler verkauft. Für eine Million Mark erhält
man eine Schachtel Streichhölzer. Als damaliger
Geschäftsführer
der Spar- und Darlehnskasse gehen mir Unsummen durch die Hände,
meine
Frau und ich zählen und rechnen oft bis morgens vier Uhr, ohne die
ungeheure Tagesarbeit erledigt zu haben. In jeder Woche fährt
einer
von uns mehrfach zur Landesgenossenschaftsbank in Altona, um die vielen
Milliarden Mark möglichst schnell wieder einzuzahlen. Diese
ungeheure
Arbeit wäre [177] nicht mit Geld zu bezahlen gewesen! Doch am
Monatsschluß
reicht die Entschädigung nicht, um die Lichtrechnung zu
begleichen.
Oktober 1923.
Schon zahlt man in Hamburg und auch in vielen hiesigen Geschäften
mit der "Hamburger Goldmark", einem wertbeständigen
Zahlungsmittel.
Jeden Mittag gibt die Reichsbank den Kurs des Papiergeldes bekannt und
recht oft ist der Wert desselben in einem Tage um 100 % gefallen.
Mancher
geht dazu über, sein Geld bald möglichst in Sachwerten:
Baumaterialien,
Futtermittel, Kleidung und Genußmittel anzulegen. Fast jeder
Bauer
unserer Gemeinde hat einige hundert Zentner Futtergetreide gelagert, so
daß hier und da die Kornböden die Vorräte kaum zu
fassen
vermögen. Mit Vorliebe wird mit kurzfristigen Wechseln, die auf
Milliarden
und Billionen Mark lauten, bezahlt, obgleich für diese Unsummen
täglich
bis 15 % an Zinsen verlangt werden.
November 1923.
Durch Einführung der sogenannten Rentenmark wird endlich ein
wertbeständiges
Zahlungsmittel geschaffen. Eine Billion Papiermark = eine RM. Anfangs
bringt
mancher diesem neuen Zahlungsmittel das größte
Mißtrauen
entgegen, und so zahlt man noch Anfang November für einen Zentner
Schweine 80 RM oder 160 Billionen Papiermark. Der Bauer Johannes
Kröger
liefert zwölf Schweine ab und erzielt für 30 Zentner
Lebendgewicht
4.800 Billionen Papiermark, also rund 5.000 RM. Dieses Glück ist
allerdings
nur einzelnen zuteil geworden.
Aber schlecht geht es Spekulanten, die Futtermittel auf
Wechsel gekauft
haben. Ich erinnere einen Fall, wo ein Bauer 100 Zentner Gerste zu 18
Billionen
Mark je Zentner gekauft hatte. Die Laufzeit des Wechsels dauerte 30
Tage.
Das Konto wurde bei Fälligkeit des Wechsels - 15 % Tageszins -
zuzüglich
Zinsen in Höhe von 8.100 Billionen Mark mit 9.900 Billionen Mark
belastet.
Da der Bauer diesen Betrag nicht sofort abdecken konnte und trotz der
Stetigkeit
der Währung Banken noch immer Tageszinsen von 2 - 3 % in Rechnung
stellten, hatte der Bauer, verursacht durch 100 Zentner Gerste, in
kurzer
Zeit eine Schuldenlast von 20.000 RM. In den nächsten Monaten sank
dann der Zinsfuß von 48 auf 24 und schließlich auf 12 und 8
% p.a.. Viele Bauernhöfe überschuldeten (Ursache Wucherzins
der
Banken) und gelangten zur Zwangsversteigerung. Die Erbitterung vieler
Bauern
steigt von Tag zu Tag!
[178] Die Bauern unserer Gemeinde haben ihr Geld in
Sachwerten angelegt,
sich jedoch von gefährlichen Spekulationen ferngehalten. Ohne
Frage
hat die im Jahre 1921 auf Veranlassung des Lehrers Mohr gegründete
Spar- und Darlehnskasse e.G.m.u.H. in diesen Jahren etwas
Hervorragendes
geleistet und manchen Bauern vor unüberlegten Schritten bewahrt.
1924.
Die Wucherpreise sinken infolge des Überangebotes und der
mangelnden
Kaufkraft der breiten Masse. Die Schweinepreise gehen von 80 RM je
Zentner
rapide auf 60, 50, 40, 35 RM zurück, die Rindviehpreise sinken von
80 auf 32 RM. Im Sommer richtet die Maul- und Klauenseuche großen
Schaden unter den Viehbeständen an, so daß viele, vor
wenigen
Monaten noch so reiche Bauern Verluste über Verluste erleiden, die
sie schwer überwinden werden!
Die Hauptgenossenschaft Kiel stellt der Spar- und
Darlehnkasse hohe
Gräser- und Schweinemastkredite zur Verfügung, wodurch es
unseren
Bauern ermöglicht wird, den Viehverkauf bis zum Eintritt
steigender
Preise hinauszuschieben. Große Verluste, die überall in der
Landwirtschaft wahrzunehmen sind, treten bei den Bauern unserer
Gemeinde
nicht ein.
Von der Jagd.
Wie schon an anderer Stelle erwähnt, befanden sich in
unserer Gemarkung
ausgedehnte Wälder und zwar besonders im "Oster", wo die nunmehr
gerodeten
Weiden noch mit Wald und Kratt bewachsen waren, im sogenannten
"Herrenholz",
im "Hinkenholz" und "Ohlen Wiesch". Trotz dieser großen
Waldbestände
waren Rehe und Hirsche bei uns nicht beheimatet. Erst nachdem die
Segeberger-
und Lutzhorner Heide aufgeforstet worden waren, also in der letzten
Hälfte
des 19. Jahrhunderts, wechselten Rehe, die insbesondere im
Frühjahr
und Sommer in den Bramauwiesen gute Äsung fanden nach unseren
Wäldern
hinüber, um sich schließlich bei uns als Standwild
niederzulassen.
Der alte Johannes Blöcker erzählte mir, daß er als
12jähriger
Knabe im Jahre 1872 zwei Rehe in unserer Gemarkung erstmalig gesehen
hat.
Reichlich waren zu damaligen Zeiten die Bestände an Hasen,
Rebhühnern,
Schnepfen und Enten. Weite Flächen waren noch Unland, die [179]
Bramauniederung
war noch nicht reguliert und der Kunstdünger in der Landwirtschaft
noch unbekannt. Dem einheimischen Wild war hinreichend Nistgelegenheit,
Schutz und Ruhe gegeben. An der Au mit den vielen Rethscharten und
Schilfbeständen
nisteten alljährlich viele Enten und andere Wasservögel.
Fasanen
wurden zum ersten Male durch Hamburger Jagdgesellschaften in unserer
Gemeinde
um die Jahrhundertwende ausgesetzt, vermehrten sich alsdann jedoch sehr
schnell, so daß sie bereits nach wenigen Jahren als Standwild
angesprochen
werden können. Mein Vater, der Landmann Claus Mohr in Weddelbrook,
Pächter der benachbarten Gemeindejagd, erlegte ums Jahr 1895
seinen
ersten Fasanenhahn, den er ausstopfen ließ. Wir Kinder wunderten
uns über den hübschen Vogel. Auch Birkwild kam in unserer
Gegend
vereinzelt vor, insbesondere im "Neuen Moor", wo es mir vergönnt
war,
drei dieser schönen Vögel zu erlegen (1919). Ob in
früheren
Zeiten die Füchse bereits schon so zahlreich aufgetreten sind,
habe
ich leider nicht erfahren können.
Bis zum Jahre 1866, also in der Zeit vor der Vereinigung
unserer Heimat
mit Preußen, hatte jeder Grundbesitzer das Recht, auf seinem
Grund
und Boden zu jagen. Daß unter solchen Umständen die Jagd
schwer
zu leiden hatte, ist allzu verständlich. Nachdem auch das
preußische
Jagdgesetz bei uns Geltung erlangte, wurde es besser. Die Gemeindejagd
war viele Jahre an einen gewissen Kröger aus dem benachbarten
Bramstedt
verpachtet. Die fürs Jahr zu zahlende Pacht betrug 20 Thaler.
Geschossen
wurde zu damaligen Zeiten mit dem einläufigen Vorderlader.
Pulverhorn,
Zündhütchen, Schrot und Ladestock gehörten zur
Ausrüstung
des Jägers. Erst ums Jahr 1890 bürgerte sich die Vogelflinte
(Hinterlader) in Jägerkreisen immer mehr ein. Im Jahre 1877
schlossen
sich mehrere Bauern unserer Gemeinde zusammen (Hans Rühmann,
Hinrich
Steffens, Cl. Reimers), um die Jagd selbst auszuüben. Der
Pachtzins
betrug 200 Mark p.a.. Der Wildbestand hatte sich bedeutend gehoben, so
daß in jedem Jahre durchschnittlich erlegt wurden: 150 Hasen, 300
Rebhühner, 50 Enten und in späterer Zeit bis 15 Stück
Rehwild.
Wildkaninchen waren hier nicht heimisch und wurden ums Jahr 1890 durch
Graf Luckner in Bimöhlen erstmalig in unserer Heimatprovinz
ausgesetzt
und haben sich von hier aus schnell verbreitet. Wohl wurden auf Anstand
oder auf Treibjagden gelegentlich Füchse erlegt, doch im [180]
allgemeinen
kümmerte sich niemand um die Niederhaltung des Raubwildes und um
die
Hege des Wildes. Alles Wild, welches vor den Lauf kam, wurde mit der
Schrotflinte
erbarmungslos zur Strecke gebracht. Als eifrige Nimrode sind der Hufner
Peter Schnack und der Gastwirt Peter Steenbock zu erwähnen. Beide
Jäger verfügten bereits damals über erstklassige
Jagdhunde.
Der Jagdschein kostete zu damaligen Zeiten drei Mark.
Infolge von Neid und Abgunst der Bauern unter sich, wurde
die Gemeindejagd
im Jahre 1903 an einem hamburger Kaufmann namens Thode für 2.100
Mark
p.a. verpachtet und P. Steenbock mit der Beaufsichtigung derselben
betraut.
Im Jahre 1905 überließ Thode die Pachtung dem
Brauereibesitzer
Ludwig Dorn aus Kellinghusen. Dieser war äußerst
entgegenkommend
und erlaubte es den ansässigen Jägern - auch mir - die Jagd
auszuüben.
Manche frohe Stunde haben wir in diesen Jahren im Kreise der
Kellinghusener
Jäger verlebt.
Als im Jahre 1911 die Pachtperiode abgelaufen war, wurde die
Jagd meistbietend
auf sechs Jahre für 2.050 Mark p.a. an den hamburger Jagdverein
"Hubertus"
verpachtet. Die hamburger Jäger haben sich in unserer Gemeinde
keiner
besonderen Beliebtheit erfreut und behandelten die Bauern von "oben
herab".
Ihr Jagdaufseher Strohbeen - von Beruf Musiker -, der bereits einige
Jahre
vorher von der Gemeinde die "alte Schulkate" käuflich erworben
hatte,
galt als vorbildlicher Jäger und Heger. Mit großem Eifer und
Erfolg fing er das Raubwild, errichtete Futterplätze und hegte das
Wild. Im Jahre 1912 fing er in der Gemarkung ca. 40 Füchse,
über
100 Wiesel, etwa 15 Iltisse, mehrere Marder und 2 Fischotter. Daß
sich unter dieser vorbildlichen Hege der Wildbestand schnell hob, ist
selbstredend.
Die Jahresstrecken erreichten bei 200 Hasen, 3 gute Rehböcke, 200
- 300 Fasanen und vieles mehr. Im Jahre 1913 mußte die Treibjagd
wegen Munitionsmangel vorzeitig abgebrochen werden, waren doch allein
in
einem Waldtreiben rund 350 Fasanen geschossen worden. Die
Kaninchenplage
nahm von Jahr zu Jahr zu. Ich schätze die Zahl der vom
Jagdaufseher
im Laufe eines Jahres erlegten Kaninchen auf ca. 700 Stück. Unter
diesem Wildreichtum hatte die Landwirtschaft schwer zu leiden, und so
kann
man es wohl verstehen, wenn der Wunsch laut wurde, die Gemeindejagd
wieder
an Ortsansässige zu verpachten. So kam es, daß die Jagd ab
1.4.1918
für 700 Mark an den ins Leben gerufenen "Jagdverein Föhrden
Barl"
verpachtet wurde. Allzu viele Jäger und wenig Heger traten dann
dem
jungen Verein bei, wodurch die Jagd [181] zu leiden hatte. Die
Jahresstrecke
betrug etwa: 10 Rehböcke, 100 - 120 Hasen, 150 Rebhühner, 40
Fasanen, 30 Enten. Die Raubtiervernichtung wurde ganz besonders von
Heinrich
Hahn und Wilhelm Mohr ausgeübt. Durch die vielen Jäger konnte
die herrschende Kaninchenplage schnell behoben werden.
Um die darniederliegenden Jagden zu heben, wurde auf
Veranlassung des
Lehrers Mohr wurde im Jahre 1924 der "Hegering Mittelholstein" ins
Leben
gerufen. Durch diese Neugründung wurden sämtliche Jagden des
westlichen Teiles unseres Kreises zusammengeschlossen. Der Hegering
erstrebte
eine waidmännische Ausübung der Jagd, eine allseitige
Wildhege
und -fütterung, einen geregelten Lockabschuß, eine
allseitige
Raubwild-, sowie Krähen- und Elsternvertilgung, Züchtung
hochwertiger
Jagdhunde, die Blutauffrischung des Hasen- und Fasanenbestandes usw. In
jedem Jahre fand eine Trophäenschau statt, die
regelmäßig
sehr gut besucht wurde.
Was der Hegering anstrebte, brachte uns dann das neue
Jagdgesetz der
nationalsozialistischen Regierung. Wir Jäger können unserem
Reichsjägermeister
Hermann Göring nur aus vollem Herzen dankbar sein!
Bei der Neuverpachtung der Föhrdener Gemeindejagd im
Jahre 1928
mußte der Pachtpreis auf 1.200 Mark erhöht werden. Da der
Wildmangel
jedoch von Jahr zu Jahr spürbarer wurde, erfolgte durch das
Pachteinigungsamt
beim Amtsgericht in Bad Bramstedt eine Herabsetzung des Pachtzinses auf
840 Mark. Trotz größter Hege war es leider nicht
möglich,
den Wildbestand wesentlich zu heben. Die Jahresstrecke erbrachte ca.:
80
Hasen, 70 Rebhühner, 20 Fasanen, 30 Enten und 200 Kaninchen, sowie
6 Stück Rehwild.
Nach Ablauf der Pachtperiode erfolgte Weiterverpachtung der
Jagd an
den Jagdverein, der sechs Mitglieder zählte, für 700 RM p.a..
Wegen Unstimmigkeit innerhalb der Mitgliederschaft löste sich im
Jahre
1936 der Jagdverein auf, und die Verpflichtungen des Vereins wurden von
Gustav Blunck und Wilhelm Mohr übernommen. Diese üben
gemeinsam
mit J. F. Krohn, Hamburg, die Jagd aus. Auch weiterhin nimmt der
Wildbestand
- ausgenommen Rehwild - Bestand 60 - 70 Stück - von Jahr zu Jahr
ab,
so daß sich die Pächter genötigt sahen, in den Jahren
1939/40
und 1940/41 keine Treibjagden abzuhalten.
Jahresstrecke 1940/41: 25 Hasen, 3/7 Rehwild, 20
Rebhühner, 10
Fasanen, 5 Enten, 13 Füchse.
eingetragen im Dorfbuch 21.1.1941.
[182] Feuersbrünste während der letzten 100
Jahre.
In den letzten 100 Jahren wurde unser Dorf mehrfach von
Feuersbrünsten
heimgesucht. Ums Jahr 1850 brannte, nach Berichten alter Leute, der
Schafstall
der Bauernschäferei in Barl - der auf der Hauskoppel des
Erbhofbauern
Hahn / Schwartzkopff (damaliger Besitzer war Reimers) stand,
vollständig
nieder. Der Brand soll durch unvorsichtiges Umgehen des
Schäfers
mit
einer Stallaterne gewesen sein. Viele Schafe fanden den Tod in den
Flammen. Der Schäfer, der nur das nackte Leben rettete, wurde
wahnsinnig
und starb in der Irrenanstalt.
23.3.1883
fiel das Haus des Webers und Gastwirtes Peter Steenbock dem Feuer zum
Opfer.
Der
Neubau wurde nach dem Grundriß des alten Gebäudes errichtet.
Ursache des Brandes:
fahrlässiges Hantieren mit der Lampe.
Im Juni
1875
wurde das Gehöft des Vollhufners Reimers durch Blitzschlag
eingeäschert. Das Gebäude
wurde damals in seiner jetzigen Form neu errichtet.
Im März
1892
durch Brandstiftung des Eigentümers wurde das Gewese des
Kätners
Röth vernichtet und
nicht wieder aufgebaut (Heidekate III). Um einen Torfdiebstahl zu
verheimlichen,
hatte Röth
das Feuer gelegt. Er wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.
Im Dezember 1897 brannte das Gewese des
Vollhufners Johannes
Runge, der die Ländereien parzelliert hatte
und nach Neumünster verzogen war, vollständig nieder.
Mutmaßliche
Ursache:
Brandstiftung durch den Mieter, der einen
Versicherungsbetrug
zu begehen gedachte.
28. August 1933 Am 28.
August 1933
wurde unsere Gemeinde durch eine furchtbare Feuersbrunst
heimgesucht. Der Kornschuppen, der vollständig mit Getreide
ge-füllt
war und das mit Stroh
gedeckte Wohnhaus des Bauern Heinrich Schnack brannten nieder. Durch
Eingreifen
der
Wrister und Kellinghusener Feuerwehren mit ihren Motorspritzen war es
nach
schwerer
Arbeit möglich, das Wirtschaftsgebäude und das Viehhaus mit
harter
Bedachung, gefüllt mit
Futter- und Getreidevorräten, zu retten. Als die Decke bereits
zusammenzubrechen
drohte,
sprang ich noch schnell in die Stube und rettete so die alte wertvolle
Wanduhr.
Brandursache: vermutlich Selbstentzündung oder Kurzschluß.
Deckung des Brandschadens
- ca. 20.000 RM - durch die Neuendorfer Brandgilde.
[183]
Am 31.8.1934
nachmittags vier Uhr ertönte das Feuerhorn. Als ich - Mohr - auf
die
Straße trat, bemerkte
ich in südlicher Richtung mächtige Rauchwolken, die ein
Großfeuer
vermuten ließen. Das
Gehöft des Erbhofbauern Heinrich Rühmann stand bald darauf in
hellen Flammen. Ich
schwang mich schnell aufs Rad und war einer der ersten an der
Brandstätte,
so daß ich
eifrig an den Rettungsarbeiten teilnehmen konnte. Das gesamte lebende
und
tote Inventar
wurde gerettet, dagegen fielen die gesamten Erntevorräte dem Feuer
zum Opfer. Sämtliche
Feuerwehren, die erst kürzlich zur "Freiwilligen Feuerwehr des
Amtsbezirkes
Weddelbrook" zusammengeschlossen waren, waren bald zur Stelle und
ebenso hatte sich
auch die Wrister Feuerwehr mit ihrer Motorspritze eingefunden. Wegen
Wassermangel
mußte die Bekämpfung des Feuers eingestellt werden, und man
beschränkte sich auf den
Schutz des Nachbargebäudes. Wäre rechtzeitig genügend
Wasser
zur Stelle gewesen, so
wäre meines Erachtens der Wohnflügel mit Leichtigkeit zu
retten
gewesen. Den Schaden,
den ich auf ca. 15.000 RM schätze, hatte die Landesbrandkasse zu
tragen.
Brandursache: vermutlich Selbstentzündung durch allzu
frisch
eingefahrenen Hafer.
ins Dorfbuch eingetragen: 23.1.1941. Mohr.
Denkmäler der Gemeinde.
Die ältesten Denkmäler unserer Gemeinde sind die
Hünengräber
auf dem "Fierth", die ums Jahr 1935 von der Schuljugend mit Birke
bepflanzt
und auf Antrag des Lehrers Mohr unter Naturschutz gestellt wurden.
Der Krieg 1870/71 brachte für unsere Gemeinde keine
Opfer. Nach
Heimkehr der Krieger pflanzte man zwei Friedenseichen und zwar auf den
Dreiangeln bei Gastwirt Peter Steenbock und vor der Hofstelle des
Bauern
Schnack.
Auf Anregung verschiedener Gemeindeangehöriger
beschloß man
in einer Versammlung, durch freiwillige Spenden die Mittel zum Bau
eines
Gefallenenehrenmales, das für ewige Zeiten an die großen
Blutopfer
des Weltkrieges 1914/18 erinnern sollte, zu beschaffen. Die bald darauf
durchgeführte Sammlung erbrachte 3.500 Mark, der Jagdverein
stiftete
650 Mark. Den Rest der Baukosten, die auf 5.000 Mark veranschlagt
wurden,
wollte die Gemeinde übernehmen. Nach vielem Hin- und Herreden
wurde
man sich schließlich darüber einig, das Denkmal nach
Fertigstellung
der Chaussee auf dem [184] Dreiangel vor Wilhelm Runges "Schulenbrook"
zu errichten. Leider war der Bauer Heinrich Reimers, der doch von
seinem
im Weltkrieg gefallenen Bruder Hans Reimers die Vollhufe geerbt hatte,
nicht bereit, einen günstigeren Platz zur Verfügung zu
stellen
und auch andere Grundbesitzer, die doch auch unseren Toten Dank
abzustatten
hatten, lehnten ebenfalls ab. Das Denkmal wurde von der Firma Kolbe,
Itzehoe,
hergestellt. Die Baukosten erhöhten sich infolge der
Geldentwertung
auf 9.000 Mark.
Am Sonntag, den 3. Oktober 1920 wurde das neu errichtete
Denkmal feierlich
enthüllt. Die ganze Gemeinde und viele Auswärtige nahmen an
dieser
Feier teil. Ein Festzug, wie ihn die Gemeinde bisher wohl nie gesehen
hat,
bewegte sich unter den Klängen einer Musikkapelle zum Denkmal:
voran
die Eltern der Gefallen, dann folgten: die Gemeindevertretung, der
Kriegerverein
Wrist mit ihrer Fahne, Gemeindemitglieder und Festteilnehmer und zum
Schluß
marschierte die Schule.
Nachdem der damalige Gemeindevorsteher Karl Feil mit kurzen
Worten das
Denkmal enthüllt hatte, hielt Pastor Paulsen, Bad Bramstedt, die
Festrede.
In rührenden Worten gedachte er der Toten des Weltkrieges und
richtete
an alle die Mahnung, nicht zu verzagen, sondern am Aufbau unseres armen
und von aller Welt verachteten Vaterlandes mitzuwirken. Tierarzt Dr.
Hein,
Kellinghusen, brachte als zweiter Redner ein Hoch auf unsere engere
Heimat
aus. Seine Rede gipfelte in dem Spruch Schillers: "Ans Vaterland, ans
teure
schließ dich an!".
Schöne, passende Lieder wurden von den Schülern
und einem
Chor junger Mädchen gesungen und zu Herzen gehende Worte in
Gedichtform
von Kindern deklamiert. U.a. "für uns!" und "Den Gefallenen".
Es war eine stille aber schöne Feier, und allen
Anwesenden wird
dieser Tag zeitlebens in Erinnerung bleiben.
Von der "Imkerei" vor 100 Jahren.
Wie ich zu Beginn meiner Amtstätigkeit (1907) von alten
Leuten
unserer Gemeinde erfahren habe, betrieb man in unserem Dorfe in
früheren
Zeiten von Haus zu Haus "Imkerei". Die Flora unserer Gemarkung lieferte
den Bienen zu jeder Jahreszeit eine unerschöpfliche Bienenweide.
Im
Frühjahr boten die Weiden, die überall im Sumpfe wuchsen
[185]
und das Wiesental umsäumten, reichliche Nahrung. Viele Felder
waren
damals noch mit Buchweizen bestellt und weite Flächen mit Heide
bewachsen.
Großimker brachten ihre Bienenvölker im Frühjahr per
Fuhrwerk
zur Rapsblüte in die Marsch, um sie Ende Mai - bei Beginn der
Schwarmzeit
- nach beendeter "Tracht" wieder heimzuholen. Nach der Schwarmzeit
begann
die Buchweizentracht, und im Herbst wurden die Völker, die sich
nunmehr
um das drei- bis vierfache vermehrt hatten, in die Weddelbrooker -
Lutzhorner
Heide, die besonders gut honigte, befördert. Die Imker
mußten
allerdings alljährlich damit rechnen, daß ihnen die
schwersten
Stöcke gestohlen wurden. Als Bienenwohnung benutzte man den
selbstgeflochtenen
Strohkorb, der gegen die Kälte des Winters Schutz gewährte.
Um
den Waben Halt zu geben, wurde der Korb "gespeilt". Jedes Bienenvolk
lieferte
einen Vor- und mehrere Nachschwärme, so daß nach
Zusammenschüttung
von mehreren Nachschwärmen die Völker um mindestens das
dreifache
vermehrt wurden. Der Bienenstand, der sogenannte "Bienenhaagen" befand
sich meistens im Garten oder auf der Hauskoppel, hatte den
Grundriß
eines Rechtecks, war also nach allen Seiten geschlossen und
schützte
so gegen Wind und Wetter. Um den Honig zu ernten, mußten die
Bienen
getötet, "abgeschwefelt" werden. Als Delikatesse galt der Beck-
und
Scheibenhonig. Die mit Honig gefüllten Waben stampfte man in einer
großen Tonne und preßte sie in der Honigpresse aus. Aus den
alsdann verbleibenden Überresten wurde mit Vorliebe "Meth"
gewonnen.
Das Wachs wurde mit kochendem Wasser ausgepreßt, in Formen
gegossen
und für 1,20 Mark das Pfund verkauft. Für den Honig erzielte
man einen Preis von 40 - 50 Pfennig das halbe Kilogramm. Wenn man
bedenkt,
daß ein tüchtiger Imker nicht selten 20 - 30 Zentner Honig
erntete,
so bedeutete der Erlös aus Honig immerhin eine bedeutende
Einnahme.
Die heutigen Kästen mit beweglichen Waben,
Honigschleuder usw.
waren zu damaligen Zeiten noch völlig unbekannt.
Noch heute sieht man in der Heide und am Rand der
Wälder von Imkern
aufgeworfene Erdwälle, die man in früheren Zeiten als
Bienenstock
benützte.
Ums Jahr 1860 betrieben in unserem Dorfe Bienenzucht:
Anzahl der Bienenvölker im Herbst also
Der Bauer Mus,
Heidekaten,
ca. 25 Stück ca.
75
Völker
" " Koopmann in
Föhrden
" 22
"
" 66 "
" Weber Steenbock "
"
" 24
"
" 72 "
" Händler Kahn,
Barl
" 50
"
" 150 "
Rühmann, Soth, Köhnke, Blöcker
und
andere
" 40
"
" 150 ".
Im Jahre 1940 wurden in unserem Dorfe noch 17 Völker
gezählt,
Herb. Schnack 14, H. Rühmann 3 Völker.
[186] Moore vergehen, neue Moore entstehen
(W. Mohr, 1943.)
Am Rande der Segeberger Heide (seit 1880 Forst) liegen
bekanntlich viele
kleine und größere Moore, die unsere Heimat mit Torf
versorgen,
den Wasserstand unserer Auen und Bäche regulieren und einen
vorteilhaften
Einfluß auf das Klima unseres Landes ausüben. In den letzten
Jahren bezog die Gemeinde die Feurung für die Schule vom "Torfwerk
Weide" und vom Lentföhrdener Moor. Einst war die Torfgewinnung
eine
lohnende Nebenbeschäftigung der armen Torfbauern. Noch ums Jahr
1900
fuhren fast täglich mehrere Torfbauern aus Hartenholm durch unser
Dorf, um ihre Ware in Kellinghusen abzusetzen.
Die Moore entstanden nach der Eiszeit im Laufe von rund
20.000 Jahren.
Viele dieser Moore wachsen noch heute, und so entstanden mächtige
Hochmoore.
Auch in unserer Gemarkung, am Wege nach Stellau in der
sogenannten "Salekuhle"
entsteht ein neues, wenn auch kleines Moor. Der
Tümpel
ist bereits zum großen Teil mit Weiden, Reth, Binsen und anderen
Wasserpflanzen zugewachsen. Von Jahr zu Jahr bewächst diese Kuhle
weiter mit Moos und Wasserpest, und nur in der Mitte befindet sich noch
eine kleine freie Wasserfläche. Noch brüten hier in jedem
Frühjahr
Enten und Wasserhühner. Doch wie lange noch? Die "Salekuhle", die
einst eine Krümmung der Au gewesen sein mag, ist in der Mitte noch
ein bis zwei Meter tief, doch unergründlich. Wenn die Moorschicht
in der Kuhle in jedem Jahre nur zwei Zentimeter zunimmt, wird hier nach
50 - 60 Jahren ein neues Moor entstanden sein. Welcher Bauer wird
hier
zum ersten Male Torf backen? Noch vor etwa 60 Jahren lag von
"Wieten
Moos" an rechts und links der jetzigen Hagener Chaussee, ein bereits
damals
abgegrabenes "Moor", daß sich aus vielen einzelnen
Parzellen
zusammensetzte. Durch Moordammkultur und Tieflockerung mittels
Dampf-Pflug
(1910) hat man diese Flächen kultiviert. Auch auf dem jetzigen "Schwatten
Moor" wurde noch ums Jahr 1880 Torf, besonders "Plaggentorf"
gestochen.
Auch dieses Moor wurde durch Moordammkultur und anschließende
Bemergelung
urbar gemacht. Jetzt befindet sich hier eine der besten Jungviehweiden
unserer Gemarkung.
Das Lentföhrdener Moor wurde laut Torfbuch des
Vollhufners
Fock (Schnack) von der Gemeinde Lentföhrden gekauft und
parzellenweise
an die Vollhufner der Gemeinde verteilt (1812).
[187] III. Volkskundliches
A. Sitte und Brauch, Glaube und Aberglaube, Zaubersprüche,
Volkstrachten]
Vor 200 - 300 Jahren lebten die Bauern unseres Dorfes in
jeder Beziehung
einfach. Im Hausstande wurde zur Hauptsache nur das verbraucht, was man
selbst erzeugte. Um sechs Uhr morgens wurde, nachdem man bereits zwei
Stunden
der Arbeit nachgegangen war, die erste Mahlzeit eingenommen. Am
Tisch versammelten sich der Bauer mit seiner Familie und das Gesinde.
Den
ersten Platz am Tische nahm der Großknecht ein, dann folgten dem
Range nach: Kleinknecht, Kuh- und Gänsehirte usw. Bei Tisch
herrschte
peinliche Ordnung. Nach einem vom Großknecht gesprochenen
Tischgebet
begann das Essen. Die gebratenen Buchweizenklöße oder
Bratkartoffeln
wurden direkt aus der Pfanne, die mitten auf dem Tische stand,
gegessen.
Außerdem bestand die Morgenkost noch aus einer kräftigen
Milchsuppe.
Alle aßen auch diese aus einer großen "Kumme". Gegessen
wurde
mit Hornlöffeln, die jeder selbst zu reinigen hatte. Auch das
Mittagessen
war sehr einfach. Das Rauchfleisch oder der geräucherte Speck
wurden
auf dem Tisch oder einem Holzteller zerschnitten. Man aß wieder
aus
gemeinsamen Schüsseln. Die beliebteste Mahlzeit war "Klüten
und
Stipp". Am Abend gab es dieselbe Mahlzeit wie am Morgen. Nur am Sonntag
gab es etwas besonderes, nämlich meistens "Großen Hans", den
berühmten Mehlbeutel.
Zu Hochzeiten und Totenfeiern wurden die Verwandten
und die ganze
"Naverschupp" eingeladen. Dann waren die Tische auf der großen
Diele
mit weißen, selbst angefertigten Linnentischtüchern belegt.
Das
Festessen bestand stets aus Wiensupp mit Korinthen und dem
"Weizenstuten".
Zu Ehren des Tages wurde mit silbernen Löffeln, die sich alle
Gäste
mitbrachten, gegessen. An dem Leichenbegängnis nehmen alle Bauern
des Dorfes und der Umgebung teil und nicht selten bestand das Gefolge
aus
40 - 50 Wagen. Getränk: selbstgebrautes Braunbier.
Auch die Kleidung unserer Vorfahren war
äußerst einfach.
Die alltägliche Kleidung bestand bei den Männern aus einem
Linnenkittel,
die Frauen kleideten sich in selbstverfertigten beiderwandschen
Kleidern.
Ganz anders war die Festkleidung. Diese bestand aus schwarzen
Halbschuhen
mit silbernen Spangen, [188] dunkelblauen Strümpfen, kurzen
hirschledernen
Hosen mit silbernen Knöpfen, einer roten Weste aus Beiderwand,
einem
seidenen rotbunten Halstuch und einer bis zur Hüfte reichenden
beiderwandschen
dunklen Jacke mit silbernen Knöpfen, dem sogenannten "Kamisol".
Als
Kopfbekleidung trugen die Männer am Alltag meistens eine
Zipfelmütze,
den sogenannten "Ackermann", am Sonntag dagegen einen dreieckigen
Filzhut,
den "Dreehot", der ums Jahr 1840 dem fußhohen "Zylinder" Platz
machen
mußte. Bei Festlichkeiten rauchten die Männer eine mit
Silberbeschlag
verzierte Meerschaumpfeife. Der Tabak befand sich in einem gestickten
Tabaksbeutel.
In den Wirtschaften stand stets ein gefüllter Tabakskasten auf dem
Tisch.
Die Kopfbedeckung der Frauen war eine kleine mit Blumen
bestickte und
mit Silber durchwebte "Bauernmütz", die durch zwei breite seidene
Bänder unter dem Kinn zusammengebunden wurde. Ferner trugen die
Frauen
schwarze beiderwandsche oder seidene Jacken und bunte Halstücher.
Den ebenfalls schwarzen oder braunen beiderwandschen Rock zierten
mehrere
Samtstreifen; denn dem Range nach trug die Frau des Vollhufners vier,
die
Frau des Insten drei, das Großmädchen zwei und das
Kleinmädchen
einen Samtstreifen am Rocke. Die Halbschuhe waren, wie bei den
Männern,
mit silbernen Schnallen geziert.
Diese Trachten trugen die Bauern unserer Gemeinde
ungefähr
bis zum Jahre 1835. Der Bauer Timm Studt, geb. 1806, und Paul
Rühmann,
verheiratet 1825, trugen auf ihren Hochzeiten diese Trachten, und ihre
Nachkommen zeigten mir dieselben noch im Jahre 1908. Die silbernen
Knöpfe
und Spangen hat man leider später zu Broschen und
Schmuckstücken
für die Töchter umarbeiten lassen.
[S. 229. Zwei Zeichnungen Bauenrhaus
(Ansicht/Grundriß) Vollhufe
Fock/Schnack]